bludgeon
25.01.2009, 00:03
Das musste ja kommen! :roley: Kaum fragt mal jemand nach Freygang, schon kackt uns der Ossi das Forum mit diesem Kremlrockzeugs zu! Soweit das eventuell mögliche Vorurteil.
Ich dachte mir jedoch im 20.Jahr nach dem Mauerfall – es ist an der Zeit, den immer noch unbekannten (ganz) Nahen Osten mal vorzustellen.
Bisher lehrt die Erfahrung: Bei Bekannten(West) findet sich eher uruguayanischer Punk als ostdeutscher Blues in der Sammlung. Gibt’s da wirklich nichts zu holen? :häh: Urteilt selbst:
Ostrock-Leitfaden für West-Hörer
Es müssen ja nicht immer die Puhdys sein…;
Es muss auch gar nicht so verquastes Zeug gesungen werden, wie immer gern behauptet wird…;
„Die Sprache ist die Duellwaffe im Kampf mit der Zensur.“ (Ernst Jünger) War der ein Ostrocker?:bo:
5 Namen, die durchaus Weltbilder erschütterten:
1. Cäsar „Zeitlos“(2005) – der bemerkenswerte Schlusspunkt des Lebenswerkes eines Gitarristen/Komponisten, der im Wortsinn zeitlos wirkende Songs hinterlässt, die fast immer auch einen Volksliedtouch offenbaren.
Cäsar (Peter Gläser) war der musikalisch führende Kopf von Renft und Karussell(erste und bessere Hälfte ihrer Karriere), legte auch nach der Wende noch 4 CDs mit neuen Songs vor. Die hier ist die letzte vor dem Krebstod(2008):
Eine Zusammensetzung aus neuen Songs, Neueinspielungen alter Vermächtnisse und dreier Coverversionen, die trotzdem wie aus einem Guss zusammenpassen. Lediglich der Bonustrack fällt aus dem Rahmen: Warum wird einer CD, die eine durchaus eigenständige Handschrift verrät, ein scheinbar überflüssiges Cover der alten Stonesnummer „Lady Jane“ angehängt? Wer braucht so was?
Antwort: Alle Renft- bzw. Cäsar-Verehrer der ersten Stunde; denn dies war die Nummer, die er in Konzerten immer dann Solo gab, wenn die übrige Band eine Saufpause nahm, meist folgte der „Lady“ dann die Französin der Unaussprechlichen „Michelle“, und andere internationale folkige Nummern nach Tagesform. Stonestitel waren jedoch schon deshalb etwas besonderes, da sie bis 1983 im offiziellen Osten totgeschwiegen werden sollten. So konnte das unauffällige Liedchen Markenzeichen und Couragebeweis werden und fehlte doch auf bisherigen Cäsarplatten.
Als Alternative für Ostrocknovizen bietet sich auch die dieser Tage angekündigte CD „Wer die Rose ehrt“(2009) an, die einige Highlights der Renft-/Karussell-/Cäsar & die Spieler Phasen versammelt. Billigpreissegment. Zum Angewöhnen empfohlen.
2. Engerling: früher auch Engerling-Blues-Band um Wolfgang Bodag, die erfolgreichste
Blues-Rock-Band mit perfektem Sound zwischen Stones und Doors und beachtlichen deutschen Texten.
Seit einiger Zeit sind sie auf „dem 2. Gleis“ sozusagen die Mitch Ryder Begleitband, wenn der gerademal wieder nach Deutschland kommt zum Geldbeschaffen.
Von Engerling kann man unbedenklich alle Werke empfehlen, die das eigene Material enthalten:"Engerling/Debut", „Tagtraum“, „So oder so“ (die ist und bleibt mein Favorit), „Egoland“ ….
Warnen muss man lediglich vor „Engerling spielt Stones“ – die entstand Mitte der 90er Jahre aus Frust über den Ticketpreiswucher der Jagger-Mafia, so dass sich die Band entschloss, allen Kuttenträgern, die sich ebenfalls nicht mit diesen Preisen arrangieren können oder wollen, eine Alternative zu geben, wie weiland zu Mauerzeiten. Es könnte also das Missverständnis entstehen, es handle sich um eine Stones-Coverband. An dem Abend - ja, sonst völlig abwegig!
3. Jürgen Kerth: „Blues-Anthologie“; der vielseitige Blueskönig aus Thüringen.
Mayall, Clapton, Benson, Winter in einer Person und dank seines Organisten klingt’s obendrein manchmal angenehm nach Jimmy Smith. Sein fast schüchterner Sprechgesang ist am Anfang gewöhnungsbedürftig, zumal er auf die üblichen Einheitstexter verzichtete und selber schrieb: Poet ist er nun nicht unbedingt – aber das Meiste ist eh instrumental, deshalb geht diese Kompilation mit 50% vorher unveröffentlichten Stücken in Ordnung.
Seine Glanzleistung übrigens war, in der kirchenfeindlichen DDR auf seiner 3.LP 1983 eine 20minütige Ode an die „Gloriosa“, die große Glocke des Erfurter Doms unterzubringen.
Der Amiga-Boss war hinterher so sauer, dass Kerths Dritte seine letzte war und er auch beim Projekt Amiga-Blues-Band schnöde übergangen wurde. Die „Blues-Anthologie“ enthält zum Teil Stücke, die in dieser Phase des unauffälligen Studio-Verbotes entstanden, sowie eine gekürzte Live-Version der „Gloriosa“.
Übrigens tourte er in den 90er Jahren jeden Winter im Süden der USA in kleinen Clubs und hatte dort unter anderem eine recht amüsante Begegnung mit B.B.King. Ich wüsste zu gern, wie die Amis diesen Namen verunstalten. Hju’gän Körff?
4. Stern Combo Meißen: Die Speerspitze des Prog im Trabbiland, diese Band hatte zu Mauerzeiten zwei Leben:
Die erste Phase bis 1980 als Stern Combo Meißen ist rundherum sehr gut, die Zeit ab 1980 als Stern Meißen – ohne Combo – bedeutete nach radikaler Verjüngung einen totalen Stilbruch:
Vorher ein interessanter Stilmix aus Emerson Lake & Palmer und den Temptations (sic!), waren sie danach so was wie Depeche-Simple-Duran …
SCM: „Live 1976“ und „der weite Weg“(1979) sind besonders empfehlenswert;
SM: Hände weg von „Taufrisch“ und „Nächte“, es sei denn man mag die Simple Minds und Ultravox
5. Keimzeit: eine Band deren Karriere erst kurz vor der Wende medial bemerkbar wurde, musikalisch auf den ersten 4 CDs in etwa deutsche Dire Straits oder J.J.Cale. Bedächtig, relaxt und klug.
„Lass es laufen den Berg hinunter, lass es laufen ins Tal/Gott hat dem Bach sein Bett gegeben/ sicher tut er’s nicht noch mal…“
Ab der CD „Im elektromagnetischen Feld“ wagte man sich in neue musikalische Experimente mit etwas mehr Elektronik, was viele der Alt-Fans seltsam schlecht aufnahmen, so als würde da plötzlich Techno probiert, jedoch ausgerechnet diese CD möchte ich hiermit empfehlen, denn der Unterschied zwischen den CDs „Kling Klang“ und „Im elektromagnetischen Feld“ in etwa so groß wie zwischen „Dire Straits/Debut“ und „Love over Gold“!
Zu empfehlen außerdem: „Irrenhaus“(1990), „Kapitel 11“(1992), „Primeln und Elephanten“(1996)
:vc:
Ich dachte mir jedoch im 20.Jahr nach dem Mauerfall – es ist an der Zeit, den immer noch unbekannten (ganz) Nahen Osten mal vorzustellen.
Bisher lehrt die Erfahrung: Bei Bekannten(West) findet sich eher uruguayanischer Punk als ostdeutscher Blues in der Sammlung. Gibt’s da wirklich nichts zu holen? :häh: Urteilt selbst:
Ostrock-Leitfaden für West-Hörer
Es müssen ja nicht immer die Puhdys sein…;
Es muss auch gar nicht so verquastes Zeug gesungen werden, wie immer gern behauptet wird…;
„Die Sprache ist die Duellwaffe im Kampf mit der Zensur.“ (Ernst Jünger) War der ein Ostrocker?:bo:
5 Namen, die durchaus Weltbilder erschütterten:
1. Cäsar „Zeitlos“(2005) – der bemerkenswerte Schlusspunkt des Lebenswerkes eines Gitarristen/Komponisten, der im Wortsinn zeitlos wirkende Songs hinterlässt, die fast immer auch einen Volksliedtouch offenbaren.
Cäsar (Peter Gläser) war der musikalisch führende Kopf von Renft und Karussell(erste und bessere Hälfte ihrer Karriere), legte auch nach der Wende noch 4 CDs mit neuen Songs vor. Die hier ist die letzte vor dem Krebstod(2008):
Eine Zusammensetzung aus neuen Songs, Neueinspielungen alter Vermächtnisse und dreier Coverversionen, die trotzdem wie aus einem Guss zusammenpassen. Lediglich der Bonustrack fällt aus dem Rahmen: Warum wird einer CD, die eine durchaus eigenständige Handschrift verrät, ein scheinbar überflüssiges Cover der alten Stonesnummer „Lady Jane“ angehängt? Wer braucht so was?
Antwort: Alle Renft- bzw. Cäsar-Verehrer der ersten Stunde; denn dies war die Nummer, die er in Konzerten immer dann Solo gab, wenn die übrige Band eine Saufpause nahm, meist folgte der „Lady“ dann die Französin der Unaussprechlichen „Michelle“, und andere internationale folkige Nummern nach Tagesform. Stonestitel waren jedoch schon deshalb etwas besonderes, da sie bis 1983 im offiziellen Osten totgeschwiegen werden sollten. So konnte das unauffällige Liedchen Markenzeichen und Couragebeweis werden und fehlte doch auf bisherigen Cäsarplatten.
Als Alternative für Ostrocknovizen bietet sich auch die dieser Tage angekündigte CD „Wer die Rose ehrt“(2009) an, die einige Highlights der Renft-/Karussell-/Cäsar & die Spieler Phasen versammelt. Billigpreissegment. Zum Angewöhnen empfohlen.
2. Engerling: früher auch Engerling-Blues-Band um Wolfgang Bodag, die erfolgreichste
Blues-Rock-Band mit perfektem Sound zwischen Stones und Doors und beachtlichen deutschen Texten.
Seit einiger Zeit sind sie auf „dem 2. Gleis“ sozusagen die Mitch Ryder Begleitband, wenn der gerademal wieder nach Deutschland kommt zum Geldbeschaffen.
Von Engerling kann man unbedenklich alle Werke empfehlen, die das eigene Material enthalten:"Engerling/Debut", „Tagtraum“, „So oder so“ (die ist und bleibt mein Favorit), „Egoland“ ….
Warnen muss man lediglich vor „Engerling spielt Stones“ – die entstand Mitte der 90er Jahre aus Frust über den Ticketpreiswucher der Jagger-Mafia, so dass sich die Band entschloss, allen Kuttenträgern, die sich ebenfalls nicht mit diesen Preisen arrangieren können oder wollen, eine Alternative zu geben, wie weiland zu Mauerzeiten. Es könnte also das Missverständnis entstehen, es handle sich um eine Stones-Coverband. An dem Abend - ja, sonst völlig abwegig!
3. Jürgen Kerth: „Blues-Anthologie“; der vielseitige Blueskönig aus Thüringen.
Mayall, Clapton, Benson, Winter in einer Person und dank seines Organisten klingt’s obendrein manchmal angenehm nach Jimmy Smith. Sein fast schüchterner Sprechgesang ist am Anfang gewöhnungsbedürftig, zumal er auf die üblichen Einheitstexter verzichtete und selber schrieb: Poet ist er nun nicht unbedingt – aber das Meiste ist eh instrumental, deshalb geht diese Kompilation mit 50% vorher unveröffentlichten Stücken in Ordnung.
Seine Glanzleistung übrigens war, in der kirchenfeindlichen DDR auf seiner 3.LP 1983 eine 20minütige Ode an die „Gloriosa“, die große Glocke des Erfurter Doms unterzubringen.
Der Amiga-Boss war hinterher so sauer, dass Kerths Dritte seine letzte war und er auch beim Projekt Amiga-Blues-Band schnöde übergangen wurde. Die „Blues-Anthologie“ enthält zum Teil Stücke, die in dieser Phase des unauffälligen Studio-Verbotes entstanden, sowie eine gekürzte Live-Version der „Gloriosa“.
Übrigens tourte er in den 90er Jahren jeden Winter im Süden der USA in kleinen Clubs und hatte dort unter anderem eine recht amüsante Begegnung mit B.B.King. Ich wüsste zu gern, wie die Amis diesen Namen verunstalten. Hju’gän Körff?
4. Stern Combo Meißen: Die Speerspitze des Prog im Trabbiland, diese Band hatte zu Mauerzeiten zwei Leben:
Die erste Phase bis 1980 als Stern Combo Meißen ist rundherum sehr gut, die Zeit ab 1980 als Stern Meißen – ohne Combo – bedeutete nach radikaler Verjüngung einen totalen Stilbruch:
Vorher ein interessanter Stilmix aus Emerson Lake & Palmer und den Temptations (sic!), waren sie danach so was wie Depeche-Simple-Duran …
SCM: „Live 1976“ und „der weite Weg“(1979) sind besonders empfehlenswert;
SM: Hände weg von „Taufrisch“ und „Nächte“, es sei denn man mag die Simple Minds und Ultravox
5. Keimzeit: eine Band deren Karriere erst kurz vor der Wende medial bemerkbar wurde, musikalisch auf den ersten 4 CDs in etwa deutsche Dire Straits oder J.J.Cale. Bedächtig, relaxt und klug.
„Lass es laufen den Berg hinunter, lass es laufen ins Tal/Gott hat dem Bach sein Bett gegeben/ sicher tut er’s nicht noch mal…“
Ab der CD „Im elektromagnetischen Feld“ wagte man sich in neue musikalische Experimente mit etwas mehr Elektronik, was viele der Alt-Fans seltsam schlecht aufnahmen, so als würde da plötzlich Techno probiert, jedoch ausgerechnet diese CD möchte ich hiermit empfehlen, denn der Unterschied zwischen den CDs „Kling Klang“ und „Im elektromagnetischen Feld“ in etwa so groß wie zwischen „Dire Straits/Debut“ und „Love over Gold“!
Zu empfehlen außerdem: „Irrenhaus“(1990), „Kapitel 11“(1992), „Primeln und Elephanten“(1996)
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