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Thema: SCOTT WALKER - Tilt

  1. #1
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    Standard SCOTT WALKER - Tilt

    Übertrag aus altem Forum:

    Verfasst am: Di Sep 27, 2005 8:27 pm Titel: SCOTT WALKER - Tilt

    Bevor dieses Jahr sein neues Album erscheint, das bisher letzte noch einmal zur Erinnerung:

    Über diese Veröffentlichung ist schon einiges geschrieben worden und hat zu so mancher Kontroverse geführt.
    Es ist nicht einfach, sich hiervon zu lösen, denn zwischen Erhebung zum Kultobjekt, Verriß und Versuchen, die Musik und ihre Aussage zu deuten, gab es wohl schon alles.
    Darum will ich mich bei und für diese Rezension einfach einmal von persönlichen Gefühlen leiten lassen.
    In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an ein Gespräch, das ich einmal bei einem Konzert eines Free-Jazz-Musikers belauscht hatte. Ich bemerkte, dass einige Zuhörer in der Pause fragten, welche konkrete Aussage er denn mit dem, was er da auf der Bühne bot, treffen wolle.
    Erstaunt darüber antwortete dieser, er habe gar keine Absicht gehabt, hier konkrete Aussagen, seien es politische oder anderweitig gesellschaftliche, auszudrücken, sondern sein Spiel sei einfach spontan von den Gedanken und Empfindungen geprägt, die er im Augenblick des Spieles habe.
    Und wenn der Zuhörer dann die Möglichkeit und „den Draht“ habe, diesen zu folgen, dann könne er auch verstehen, was er ausdrücken wolle.
    Diese Aussage habe ich zum Anlaß genommen, diese Scott Walker-Musik auf mich einwirken zu lassen, und unter diesem Hintergrund soll diese Betrachtung dann auch erfolgen.
    Walker selbst sprach in einem Interview von einem Vergleich der Betrachtungsweise seiner Musik zu Gil Evans, dem großartigen Jazzarrangeur, und bemerkte, dass er, ähnlich wie Evans, möchte, dass das Orchester atmet und den freien Raum nutzt.

    Grundsätzlich ist zu dieser Musik anzumerken, dass sie sehr schwer zugänglich ist, da sie von vertrauten Klangmustern abweicht, sich keinen allgemein gängigen Strukturen unterwirft und verstörend wirkt. Zunächst wirkt alles erst einmal sehr düster, sehr morbide, Angst einflößend.

    Die Texte wirken auf den Leser dann auch sehr rätselhaft, sehr tiefgründig und lassen viel Raum für individuelle Interpretation. Meines Erachtens greift Walker hier eindeutig Themen des literarischen Dramas und des Chansons auf. Hier verarbeitet er verschiedene Themen, z.B. über Bombenkriege oder den Tod von Pasolini, dem italienischen Filmemacher.
    Ich habe den Eindruck, dass er seine Texte als „Vehikel“ benutzt, um darauf die Musik spontan aufzubauen, denn nach eigenen Aussagen wurde versucht, das ganze so live wie möglich einzuspielen. Dieses würde auch einen Teil der entstandenen Musik gut erklären.

    Doch bevor man sich den Texten zuwendet, wird man von der Musik ergriffen und ich werde einmal „auf diesen Zug aufspringen“ und einige Runden mitfahren.

    Zu den Stücken im einzelnen:

    Farmer in the city:
    "Do I hear 21", unterlegt mit einem dronenhaften Ton, läßt uns schon sogleich stutzen.
    Streicher setzen ein, ich erinnere mich an Sibelius, an Grieg...
    SW als Opernsänger? Im Gegensatz zu früher singt er hier jedoch schon eher verhalten, zurückgenommen, bisweilen scheint er einen "Klops im Hals" zu haben.
    Hohe Dramatik bestimmt das Stück mit einer doch sehr betonten Ruhe, da die Streicher für mich romantisch verklärt die Stimmung tragen. Das Stück bohrt sich in die Seele, aber angenehm. Es ist plötzlich viel zu kurz, nach 6'37'' beendet.

    The Cockfighter:
    sehr verstörend, unheimlich, die kämpfenden Hähne scheinen sich voller Unruhe auf ihren Kampf vorzubereiten, bis plötzlich unvermittelt nach 1'25'' schockmäßig programmierte "industrial sounds" auf den Hörer lospeitschen. Es folgt eine ruhige Struktur mit dem Rhythmus echter drums, bis es dann wieder losprescht, aber wieder anders, mit Bläsern, die teils dissonant einsetzen. Wieder Ruhe, wieder Unruhe, Stimmen aus dem Jenseits, Sprache, die rückwärts zu laufen scheint. Dann ein Gitarrensolo aus dem Nichts, unerwartete Harmonie einleitend. Aber nicht lange. Eine sehr intelligente Komposition, sehr mitreißend...

    Bouncer See Bouncer:
    noch "entfernter" von der "Normalität" wird es jetzt. Als Hintergrund eine nervende Pauke, die das Gefühl von Angst und Bedrohung erzeugt.Darüber seltsame Geräusche, von einem "hurdy gurdy" erzeugt. Heuschrecken sollen hier wohl simuliert werden.
    Das vielleicht bedrohlichste Stück, zu dem ich am schwierigsten einen Zugang finde.
    Eiskalt wirkt das alles, bis sich nach 4'40'' eine Tür zu öffnen scheint und einen paradisischen Augenblick erklingen läßt, bis die böse Pauke wieder kommt und alles zunichte macht.
    Angsteinflößend!

    Manhattan:
    Die mächtige Orgel erinnnert an "Archangel" von den Walker Brothers. Dieses Stück scheint sich ständig in Auflösung zu finden, es passiert einiges, afrikanische Rhythmen unterbrechen, das Thema wird wieder aufgenommen, viel Unruhe und Hoffnung scheinen sich hier abzulösen. Ängste, Hoffnungen, die sich dem Einwanderer in Manhattan vielleicht gezeigt haben.(?)

    Face on breast:
    So könnte auch ein Stück von Peter Gabriel beginnen. Langsam entwickelt sich über Gitarrentönen und dumpfen Trommeln eine Struktur, eine melancholische Stimmung baut sich auf.
    Mit diesem Stück kann man sich durchaus "anfreunden" und ich halte es für das zugänglichste der CD.

    Bolivia ‘95:
    Leicht südamerikanische Klänge zu Beginn, die dann aber wieder einem strikt unflexibel geschlagenen Rhythmus weichen, bis leichte Perkussionsgeräusche das Stück wieder in Schwingung versetzen. Man spürt eine Leichtigkeit, aber auch große Ernsthaftigkeit.
    Musikalisch geht das für mich auch wieder in Richtung Peter Gabriel. Relativ zugänglich und weitaus weniger kompliziert als die ersten Stücke der CD.
    Es ist auch weniger "verstörend", wenngleich auch ein plötzlicher Wechsel der Stimmung mit "sägender" Gitarre einen die Harmonie sprengenden Wechsel bringt.

    Patriot:
    Scott's Stimme "schwebt" hier über Streichern. Das kommt wie ein Chanson vom Feinsten.
    Ein Stück, daß sich auch abhebt von den übrigen. Hier erlebt die alte "Dramatik" der Walker Brothers für mich eine kleine Renaissance. Zumindest hält dieser Zustand für etwa 2'30'' an, denn dann wird die Harmonie sanftt unterbrochen. Aber insgesamt das für mich schönste der CD.

    Tilt:
    Ein schon fast "normales" Stück. Vielleicht der "Hit" der CD?
    Normale Harmonien bestimmen den Ablauf. Ein herrlich verdrehtes Gitarrensolo ist das "Sahnehäubchen". Hier dürfte der Hörer nicht allzusehr verschreckt werden, wenngleich sicher das übliche Hörverhalten nicht als Maßstab gesetzt werden sollte.

    Rosary:
    Scott spielt Gitarre, d.h. irgendwie scheint er im Hintergrund "zu klimpern".
    Hier wieder der leichte Hauch des Unheimlichen, Düsteren, das Lied treibt.
    Zum Ausklang verabschiedet sich Scott mit "...and I gotta quit"....


    Ich denke, daß viele, die sich der Platte genähert haben und den Zugang nicht fanden, die Stücke besser in umkehrter Reihenfolge hätten spielen sollen, denn die vielleicht anfänglich verstörende Atmosphäre baut sich nach und nach ab. Man ist hinterher nicht mehr so angestrengt, sondern hat das Gefühl, hier etwas wirklich Außergewöhnliches und Einzigartiges gehört zu haben, daß nach mehr verlangt.
    Keine so sperrige Musik, wie hier so oft behauptet wird. Sperrig nur für jene, die sich sperren!


    Wolfgang

  2. The Following 2 Users Say Thank You to firebyrd For This Useful Post:

    Dr. Dunbar (05.07.2009), Zaphod (05.07.2009)

  3. #2
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    Standard AW: SCOTT WALKER - Tilt

    Zitat Zitat von firebyrd
    Sperrig nur für jene, die sich sperren!
    Da hat du wohl Recht.



    Ich habe mir die Soundschnipsel angehört, die zur Verfügung standen.
    Das klingt alle sehr anstrengend und angestrengt.

    Nun..... warum sollte ich mir die Scheibe reinziehen, nur um - irgendwann nach dem zehnten Durchlauf festzustellen - dass hier jemand L'art pur l'art betrieben hat ?

    Musik hat für mich ziemlich viel mit Gefühl zu tun, aber auch mit Genuss.
    Ich mag keine quälenden Sounds. Quälend im Sinne von: ich muss dauernd meinen Gehirnkasten angeschaltet haben und überlegen.

    Deine Rezension hat für mich ziemlich anschaulich geschildert, um was es auf diesem Album gehen könnte. Das ist kein Genuss, wie ich ihn verstehe, das ist tonale Quälerei. Nicht mein Ding.




    P.S:
    Zu welchen Gelegenheiten hörst du dir das Album an, wie oft (ca.) hast du dir diese Musik schon reingezogen ?
    music was my first love and it will be my last (John Miles)

  4. #3
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    Standard AW: SCOTT WALKER - Tilt

    Relativ oft(ich habe nicht mitgezählt), und für mich ist diese Musik entspannend....
    Ich liebe die Atmosphäre, die von ihr ausgeht.(weil ich mich nicht sperrte, entdeckte ich die Schönheit dieses Albums)

    Wolfscott

  5. #4
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    Standard AW: SCOTT WALKER - Tilt

    Ich kenne Tilt zwar noch nicht, aber was haben wir uns zu Zeiten nicht schon alles für sperriges Zeug reingepfiffen? Mein alter Musiklehrer behauptete immer, wenn man mit nichts anderem als Stockhausen (einer seiner Kommilitonen damals in Köln) groß würde, könne man sicher auch solche Musik lieben.

    Natürlich hat Black Dog auch Recht, wenn er keinen Bock hat sich zu quälen, aber ich glaube das entscheidet jeder von Fall zu Fall. Als Schüler hab ich mich durch "Anthem Of The Sun", "Ummagumma" und "Lorca" gequält, weil ich das Zeug verstehen und gut finden wollte! Manchmal sehne ich mich nach dieser offenen, unvoreingenommenen und irgendwie naiven Zeit zurück, sie hat mir die Ohren für Musik geöffnet und die Augen für Kunst und den Kopf für Literatur, die ich heute, ohne diese "Bildung" vielleicht schneller ablehnen würde.

    Heute muss ich manchmal lachen, wie ich mich bei der Liveversion von "A Saucerful Of Secrets" quälen konnte und die Geräuschcollagen in "The Other One" klingen wie gute alte Hits ;o)

    Vielleicht schaffe ich es mit "Tilt" nochmal zurück in diese Zeit? Und vielleicht singe ich Euch dann in ein paar Jahren die schrägsten Passagen vor wie eine Beatles Melodie?

    Danke, Firebyrd, für die eindrucksvolle Schilderung der Musik von Scott Walker - das könnte ein guter Start für mich werden ;o)
    "Wake up the dying, don't wake up the dead. Change what you're saying, don't change what you said." (Eels)

  6. #5
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    Standard AW: SCOTT WALKER - Tilt

    Ich finde es immer wieder faszinierend das es Leute gibt die damit scheinbar mühelos fertig werden

    Wenn mir das Ding noch mal über den Weg laufen sollte werd ich mir deine Rezi genau durchlesen vorher. Irgendwie werd ich das ja vielleicht nachvollziehen können hoff ich.
    Wir stellen die Normalität unverzüglich wieder her, sobald wir wissen was eigentlich normal ist.
    BeebleBlox - das Blog

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