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Thema: Ostrock für Westhörer

  1. #1
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    Standard Ostrock für Westhörer

    Das musste ja kommen! Kaum fragt mal jemand nach Freygang, schon kackt uns der Ossi das Forum mit diesem Kremlrockzeugs zu! Soweit das eventuell mögliche Vorurteil.

    Ich dachte mir jedoch im 20.Jahr nach dem Mauerfall – es ist an der Zeit, den immer noch unbekannten (ganz) Nahen Osten mal vorzustellen.
    Bisher lehrt die Erfahrung: Bei Bekannten(West) findet sich eher uruguayanischer Punk als ostdeutscher Blues in der Sammlung. Gibt’s da wirklich nichts zu holen? Urteilt selbst:

    Ostrock-Leitfaden für West-Hörer

    Es müssen ja nicht immer die Puhdys sein…;
    Es muss auch gar nicht so verquastes Zeug gesungen werden, wie immer gern behauptet wird…;
    „Die Sprache ist die Duellwaffe im Kampf mit der Zensur.“ (Ernst Jünger) War der ein Ostrocker?

    5 Namen, die durchaus Weltbilder erschütterten:

    1. Cäsar „Zeitlos“(2005) – der bemerkenswerte Schlusspunkt des Lebenswerkes eines Gitarristen/Komponisten, der im Wortsinn zeitlos wirkende Songs hinterlässt, die fast immer auch einen Volksliedtouch offenbaren.

    Cäsar (Peter Gläser) war der musikalisch führende Kopf von Renft und Karussell(erste und bessere Hälfte ihrer Karriere), legte auch nach der Wende noch 4 CDs mit neuen Songs vor. Die hier ist die letzte vor dem Krebstod(2008):
    Eine Zusammensetzung aus neuen Songs, Neueinspielungen alter Vermächtnisse und dreier Coverversionen, die trotzdem wie aus einem Guss zusammenpassen. Lediglich der Bonustrack fällt aus dem Rahmen: Warum wird einer CD, die eine durchaus eigenständige Handschrift verrät, ein scheinbar überflüssiges Cover der alten Stonesnummer „Lady Jane“ angehängt? Wer braucht so was?
    Antwort: Alle Renft- bzw. Cäsar-Verehrer der ersten Stunde; denn dies war die Nummer, die er in Konzerten immer dann Solo gab, wenn die übrige Band eine Saufpause nahm, meist folgte der „Lady“ dann die Französin der Unaussprechlichen „Michelle“, und andere internationale folkige Nummern nach Tagesform. Stonestitel waren jedoch schon deshalb etwas besonderes, da sie bis 1983 im offiziellen Osten totgeschwiegen werden sollten. So konnte das unauffällige Liedchen Markenzeichen und Couragebeweis werden und fehlte doch auf bisherigen Cäsarplatten.

    Als Alternative für Ostrocknovizen bietet sich auch die dieser Tage angekündigte CD „Wer die Rose ehrt“(2009) an, die einige Highlights der Renft-/Karussell-/Cäsar & die Spieler Phasen versammelt. Billigpreissegment. Zum Angewöhnen empfohlen.

    2. Engerling: früher auch Engerling-Blues-Band um Wolfgang Bodag, die erfolgreichste
    Blues-Rock-Band mit perfektem Sound zwischen Stones und Doors und beachtlichen deutschen Texten.
    Seit einiger Zeit sind sie auf „dem 2. Gleis“ sozusagen die Mitch Ryder Begleitband, wenn der gerademal wieder nach Deutschland kommt zum Geldbeschaffen.

    Von Engerling kann man unbedenklich alle Werke empfehlen, die das eigene Material enthalten:"Engerling/Debut", „Tagtraum“, „So oder so“ (die ist und bleibt mein Favorit), „Egoland“ ….
    Warnen muss man lediglich vor „Engerling spielt Stones“ – die entstand Mitte der 90er Jahre aus Frust über den Ticketpreiswucher der Jagger-Mafia, so dass sich die Band entschloss, allen Kuttenträgern, die sich ebenfalls nicht mit diesen Preisen arrangieren können oder wollen, eine Alternative zu geben, wie weiland zu Mauerzeiten. Es könnte also das Missverständnis entstehen, es handle sich um eine Stones-Coverband. An dem Abend - ja, sonst völlig abwegig!

    3. Jürgen Kerth: „Blues-Anthologie“; der vielseitige Blueskönig aus Thüringen.
    Mayall, Clapton, Benson, Winter in einer Person und dank seines Organisten klingt’s obendrein manchmal angenehm nach Jimmy Smith. Sein fast schüchterner Sprechgesang ist am Anfang gewöhnungsbedürftig, zumal er auf die üblichen Einheitstexter verzichtete und selber schrieb: Poet ist er nun nicht unbedingt – aber das Meiste ist eh instrumental, deshalb geht diese Kompilation mit 50% vorher unveröffentlichten Stücken in Ordnung.
    Seine Glanzleistung übrigens war, in der kirchenfeindlichen DDR auf seiner 3.LP 1983 eine 20minütige Ode an die „Gloriosa“, die große Glocke des Erfurter Doms unterzubringen.
    Der Amiga-Boss war hinterher so sauer, dass Kerths Dritte seine letzte war und er auch beim Projekt Amiga-Blues-Band schnöde übergangen wurde. Die „Blues-Anthologie“ enthält zum Teil Stücke, die in dieser Phase des unauffälligen Studio-Verbotes entstanden, sowie eine gekürzte Live-Version der „Gloriosa“.
    Übrigens tourte er in den 90er Jahren jeden Winter im Süden der USA in kleinen Clubs und hatte dort unter anderem eine recht amüsante Begegnung mit B.B.King. Ich wüsste zu gern, wie die Amis diesen Namen verunstalten. Hju’gän Körff?

    4. Stern Combo Meißen: Die Speerspitze des Prog im Trabbiland, diese Band hatte zu Mauerzeiten zwei Leben:
    Die erste Phase bis 1980 als Stern Combo Meißen ist rundherum sehr gut, die Zeit ab 1980 als Stern Meißen – ohne Combo – bedeutete nach radikaler Verjüngung einen totalen Stilbruch:
    Vorher ein interessanter Stilmix aus Emerson Lake & Palmer und den Temptations (sic!), waren sie danach so was wie Depeche-Simple-Duran …
    SCM: „Live 1976“ und „der weite Weg“(1979) sind besonders empfehlenswert;
    SM: Hände weg von „Taufrisch“ und „Nächte“, es sei denn man mag die Simple Minds und Ultravox

    5. Keimzeit: eine Band deren Karriere erst kurz vor der Wende medial bemerkbar wurde, musikalisch auf den ersten 4 CDs in etwa deutsche Dire Straits oder J.J.Cale. Bedächtig, relaxt und klug.
    „Lass es laufen den Berg hinunter, lass es laufen ins Tal/Gott hat dem Bach sein Bett gegeben/ sicher tut er’s nicht noch mal…“
    Ab der CD „Im elektromagnetischen Feld“ wagte man sich in neue musikalische Experimente mit etwas mehr Elektronik, was viele der Alt-Fans seltsam schlecht aufnahmen, so als würde da plötzlich Techno probiert, jedoch ausgerechnet diese CD möchte ich hiermit empfehlen, denn der Unterschied zwischen den CDs „Kling Klang“ und „Im elektromagnetischen Feld“ in etwa so groß wie zwischen „Dire Straits/Debut“ und „Love over Gold“!
    Zu empfehlen außerdem: „Irrenhaus“(1990), „Kapitel 11“(1992), „Primeln und Elephanten“(1996)
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  2. #2
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    Standard AW: Ostrock für Westhörer

    Ein ganz großer Einstieg, wenn auch noch längst nicht alle "Zonenbands" die mir wichtig erscheinen, aufgeführt sind!

    Aber ENGERLING und JÜRGEN KERTH sind zumindest´was den Blues-Rock betrifft allererste Adresse und wahrlich auch Einsteiger für alle Interessierten hier im weiten Rund.

    Beide hab ich mehrmals "Live" gesehen, es war immer toll. Tolle Musikanten ,tolle Texte und vor allem die Symbiose aus Text und Musik haut bei beiden angeführten Bands hin!
    "Die Erinnerung ist das einzige Paradies,aus dem wir nicht vertrieben werden können"

  3. #3
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    Standard AW: Ostrock für Westhörer

    Zitat Zitat von Jersch Beitrag anzeigen
    Aber ENGERLING und JÜRGEN KERTH sind zumindest´was den Blues-Rock betrifft allererste Adresse und wahrlich auch Einsteiger für alle Interessierten hier im weiten Rund.
    Engerling wurde bei mir durch eine CD mit Mitch Ryder bekannt. Technisch und musikalisch wirklich auf der Höhe, trotzdem gefällt mir die CD überhaupt nicht und das liegt an der Band. Mit der Meinung stehe ich ziemlich alleine da, aber damit muss ich wohl leben. Zu nüchtern, zu geschliffen, zu ..., erst wollte ich langweilig schreiben, aber das ist es eigentlich nicht.

  4. #4
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    Standard AW: Ostrock für Westhörer

    Nee-nee Remo, du hast schon recht: die Live-CD mit Mitch ist tatsächlich reichlich steif. Da war das Verhältnis zueinander noch neu und die Band hatte nur die Sorge, sich ja-nicht zu blamieren. Ein tragisch falscher Einstieg in den Engerling-Kosmos.

    Tipp 1: Probiers noch mal mit einer der Studio-CDs von Mitch und Engerling, die klingen wesentlich dynamischer, vor allem die "aquitted idiot" und die "Kaukasian dingsbums"(oder so ähnlich);

    Tipp 2: Probiers mit Engerling "live", ohne Mitch, da spielen sie einen rauen Repertoire-Querschnitt aus eigenem und Coverversionen;

    Tipp 3: Leider gibt es zur Zeit die "so oder so" nicht, deshalb: Probiers mit "Tagtraum" oder "Komm vor".

    Da geht was!

  5. #5
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    Standard AW: Ostrock für Westhörer

    Ich sah MITCH RYDER&ENGERLING 2002 in KIel Live und auch ich darf bestätigen, das richtig "gelbe" war es nicht. Erst als MITCH RYDER pausierte (er hatte gerade eine Hüft-Op hinter sich und stand mit Gehhilfe auf der Bühne) gab ENGERLING Gas und spielte "Mama Wilson", "Der Rote Hahn" und den "Narkose-Blues".

    "BODDIE" BODAG hatte sein obligatorisches Rotweinglas auf seinem "Klimperkasten" und fast alle im Saal sagten sich:

    Ne feine Band!!!

    Remo4 bitte auch die "Blues" probieren, die gibt es als Twoofer mit der "Tagtraum"!
    "Die Erinnerung ist das einzige Paradies,aus dem wir nicht vertrieben werden können"

  6. #6
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    Standard AW: Ostrock für Westhörer

    Gleich nach dem Wegfall der Mauer gab es alles auf Amiga,dem DDR Label, hier auf dem Flohmarkt zu kaufen.
    Wohne nur ca. 25 KM von Sachsen - Anhalt entfernt. Dazu noch auf dem alten Plum Label gepresst und nicht die mit dem hellblauen aus neuer Zeit,auch brauchte man nicht sofort zuschlagen denn es gab vieles im fast Mint Zustand bei einigen Verkäufern.
    Da konnte man sich sehr gut mit den Blues LP's eindecken
    Legends may sleep - but they never die !!

  7. #7
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    Standard AW: Ostrock für Westhörer

    Ich bin ehrlich gesagt etwas Ostrock-geschädigt. Früher waren es Puhdys und so Zeugs das mich gegruselt hat, heute wird mir von meinen Ossis im Radio bis zum abwinken Keimzeit, Pankow, Silly und Co reingedrückt. Ich finds teilweise nicht mal schlecht, aber ich bin da echt OD'd. Ich muss mir davon auch nichts kaufen, ich muss nur zu bestimmten Sendezeiten das Radio anmachen, das reicht dann für ne Weile. Nur Jürgen Kerth und Stern Combo sagt mir nichts.
    Engerling ist ein ganz anderer Schnack, aber da muss ich gestehen wusste ich bis zu diesem Thread nicht mal das die aus dem Osten kommen. Ich hab allerdings auch nur The Old Man Springs A Boner und Dark Caucasian Blue mit Mitch Ryder, zu den anderen kann ich nichts sagen.
    Wir stellen die Normalität unverzüglich wieder her, sobald wir wissen was eigentlich normal ist.
    BeebleBlox - das Blog

  8. #8
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    1

    Standard AW: Ostrock für Westhörer

    Zitat Zitat von Zaphod Beitrag anzeigen
    Ich bin ehrlich gesagt etwas Ostrock-geschädigt. Früher waren es Puhdys und so Zeugs das mich gegruselt hat, heute wird mir von meinen Ossis im Radio bis zum abwinken Keimzeit, Pankow, Silly und Co reingedrückt. Ich finds teilweise nicht mal schlecht, aber ich bin da echt OD'd. Ich muss mir davon auch nichts kaufen, ich muss nur zu bestimmten Sendezeiten das Radio anmachen, das reicht dann für ne Weile. Nur Jürgen Kerth und Stern Combo sagt mir nichts.
    Engerling ist ein ganz anderer Schnack, aber da muss ich gestehen wusste ich bis zu diesem Thread nicht mal das die aus dem Osten kommen. Ich hab allerdings auch nur The Old Man Springs A Boner und Dark Caucasian Blue mit Mitch Ryder, zu den anderen kann ich nichts sagen.
    ich habe gerade gelesen das die Jürgen Kerth nichts sagt. um ihn dir mal näher zu bringen besuch doch mal diese seite. http://profile.myspace.com/index.cfm...ndID=160643384

  9. #9
    Hallo Besucher

    Standard AW: Ostrock für Westhörer

    hallo,mein Tipp -Stefan Distelman-Hausmusik und die 2.LP Hofmusik!Top Texte miit wunderbarer Harp.
    Monokel (Lumpenblues); Stern Meißen kann man auch hören.

    zum Ostrockeinstieg empfehle ich mal die Bücher Beat in der Grauzone und Good By Lübben City zu lesen,Mfg

  10. #10
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    Standard AW: Ostrock für Westhörer

    Auf einen Artikel in der 100. Good Times antwortete bludgeon:

    Zitat Zitat von bludgeon Beitrag anzeigen
    So, ich hab se durch.

    Naja, der betreffende Artikel ist nicht übel im großen und ganzen, außer das Christian Kunert zum Renftgitarristen gemacht wird. John Lord der Gitarrengott von Deep Purple und Rick Wakeman der Hexer auf der Stratocaster gewissermaßen...

    Team 4 sind im Osten eher nicht DIE Kultband, zu der sie im Artikel gemacht werden: Sie sind eher die Band die einem Judaskuss zum Opfer fiel: Da Hartmut König FDJ-Bonze wurde und Thomas Natschinski der Sohn von Nationalpreisträger Gerd Natschinski (Musicalkomponist) war, bekamen sie eine LP erlaubt als alle anderen Bands gerade verboten waren - 1969. Team 4 diente den Propagandisten aller Art als Alibi-Band: "Wir sind doch gar nicht jugendfeindlich, niveauvolle Beatmusik darf auch erscheinen, siehe Team 4..." manchmal wagte dann jemand zu provozieren: "Können Sie mir noch eine zweite Band nennen? Wieso haben wir nur die eine?" Und Ruhe war. Neenee, die waren verpönt und wurden gemieden.

    Auch war die deutsche Sprache 1969 noch nicht als "Rocksprache" akzeptiert.

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