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Thema: Jefferson Starship: die frühen Jahre 1970-1974

  1. #1
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    833

    Standard Jefferson Starship: die frühen Jahre 1970-1974

    Nanu, was soll denn der Titel des Threads? JS existierte doch überhaupt
    erst ab 1975 (oder 74, s.u.)! Und die Vorgänger-Formation Jefferson
    Airplane zerfiel ab 1970 zusehends, mit dem Abgang von zuerst Spencer
    Dryden und dann (1971) Marty Bailin.

    Aber genau in dieser Zeit, zwischen dem Ende von JA und dem Anfang von JS,
    da entstanden mehrere Alben, die für mich zum allerbesten gehören, was die
    Rockmusik überhaupt zu bieten hat. (Nein, ich meine nicht die beiden letzten
    Platten, die noch unter dem Namen "Jefferson Airplane" erschienen sind.)
    Über jene Alben will ich nun ein paar Worte verlieren:


    1970 spielte Paul Kantner, zusammen mit (natürlich) Grace Slick und Jack
    Casady (beide aus der alten JA-Truppe) und mit der Crème de la crème der
    West-Coast-Rock-Szene (David Crosby, David Freiberg, Graham Nash u.a.)
    das Album

    Blows Against The Empire

    ein. Psychedelischer Rock vom Feinsten, für mich absolut maßstabsetzend!

    Als ich das Album ca. 1974 oder 75 hörte (im Alter von 15 Jahren!) war ich
    davon total begeistert! Aber braucht man zum Verständnis dieser Musik nicht
    eigentlich eine gewisse Reife? Und muss die Musik von meinem damaligen
    Kassettenrekorder(*) nicht grauenhaft geklungen haben? Anscheinend nicht...

    Heute weiß ich, dass dieses Album den Zeitgeist der frühen 70er perfekt
    transportiert hat, aber dass es stilistisch seiner Zeit einen Schritt voraus
    war (wie jede geniale Musik.)

    Verglichen mit den früheren Alben von JA ist die Musik technischer,
    spaciger, kraftvoller, moderner... und es dominiert die große Linie.
    Letzteres nicht zuletzt deshalb, weil es sich um ein Konzeptalbum handelt;
    den Hintergrund bildet eine (reichlich irre) SF-Geschichte, aber unabhängig
    von deren Inhalt tut das Konzept der Musik gut: Das Album wirkt wie aus
    einem Guss und nicht wie eine zusammenhanglose Aneinanderreihung von
    Songs. Aus der Reihe fällt nur der Titel "Baby Tree", der nur aus Gesang
    und einer reichlich psychedelisch gespielten Gitarre besteht. Aber man merkt,
    dass es ein bewusst eingestreuter Gag sein soll, und außerdem ist es ein
    echter Ohrwum(**).

    Auf dem Cover taucht übrigens zum ersten Mal die Bezeichnung "Jefferson
    Starship" auf, aber (noch) nicht als formeller Urheber des Albums, sondern
    als informelle Bezeichnung für die Musiker neben Paul Kantner.

    (*) Ich besaß nicht die Platte, sondern nur eine Kopie auf Kassette.
    Und bis zu einer anständigen Version auf CD hat es dann noch ewig gedauert:
    Das Album erschien erst 1997 (?) auf CD, und das in lausiger Qualität;
    erst 2005 gab's dann eine "Expanded Edition" (mit Bonustracks) in besserer
    Tonqualität.

    (**) Als Jugendlicher war ich so begeistert davon: Ich hab's für mich zum
    Nachspielen zu einer Nummer für Solo-Gitarre "umgebogen" ("arrangiert" zu
    sagen wäre übertrieben), denn meine Gesangskünste wollte ich nicht einmal
    mir selbst zumuten.


    Die nächsten Alben habe ich erst ab den 80ern kennengelernt. Da hatte
    ich eine eigene Stereoanlage, und vor allem die Mittel um LPs (bzw. später
    CDs) zu kaufen:


    Paul Kantner, Grace Slick & David Freiberg:
    Baron von Tollbooth & The Chrome Nun (1973)

    Vom Musikstil her ähnlich wie "Blows Against The Empire", wenn auch nicht
    ganz so experimentell und spacig. Zwei Songs des Albums möchte ich
    besonders herausstellen:
    Auf Track 6 (Across the Board) kommt in perfekter Weise die sexy Stimme
    von Grace Slick zur Geltung, auch noch mit einem dazu passenden Text.
    Beim Zuhören bekomme ich eine Gänsehaut (und nicht nur das...)
    Und Track 10 (Sketches of China), das ist "Kuschelrock-tauglich", ohne
    dass es den musikalischen Anspruch aufgibt, und ohne dass Kantner & Co
    ihren neu gefundenen Stil verleugnen müssten. Einfach schön!


    Nummer 3 ist

    Grace Slick: Manhole (1973/74)

    Nominell ein Solo-Album von Grace Slick; de facto das Werk des mehr oder
    weniger gleichen Personals wie die beiden bisher besprochenen Alben.
    Mehr Informationen und eine Bewertung, der ich mich weitgehend anschließe,
    bei allmusic.

    Besonders herausstellen möchte ich Track 3 (Come again, Toucan), der erst
    mal Aufmerksamkeit provoziert und dann doch wunderbar eingängig weitergeht.
    Ein "ear catcher" in jeder Playliste!


    Auf dem letzten Album dieser Serie

    Dragon Fly (1974)

    spielen Kantner & Friends dann zum ersten Mal in in derjenigen Besetzung,
    die danach für eine Weile Bestand haben sollte (auch wenn der neue/alte
    Sänger Marty Bailin erst mal nur mit einem einzigen Lied zu hören ist).
    Es wird i.d.R. als Beginn der eigenständigen Diskographie von Jefferson
    Starship gezählt, aber darüber lässt sich streiten: Auf dem Cover steht
    nicht "Jefferson Starship" drauf, sondern "Grace Slick - Jefferson
    Starship - Paul Kantner"! Auch stilistisch ähnelt es für mich mehr den
    drei vorangegangenen Alben als dem "Red Octopus": man höre sich z.B.
    den grandiosen Titel "Hyperdrive" an! Zum roten Tintenfisch werden
    m.E. deutlich kleinere Brötchen serviert.


    Für mich stellen diese 4 Alben den Höhepunkt im musikalischen Schaffen
    von Kantner & Co dar, und die Tatsache, dass ich "Blows Against The Empire"
    mehr oder weniger zufällig als Jugendlicher in die Finger bekam, hat meinen
    musikalischen Geschmack vermutlich entscheidend geprägt.


    Spezialisten, die aufmerksam mitgelesen haben, werden jetzt einwenden,
    dass zu dieser Serie von Alben noch ein fünftes gehört:

    Sunfighter (1971)

    Richtig! Nominelle Urheber sind "Paul Kantner und Grace Slick", aber
    tatsächlich finden wir im Personal wieder alle üblichen Verdächtigen. Ich
    besitze das Album nicht, kenne nur einen Song daraus, und deshalb habe ich
    es hier und heute erst mal übergangen. Es wäre ja schlimm, wenn es für
    mich nichts mehr zu entdecken gäbe!


    let it rock!
    Walter

    PS:
    Eigentlich wollte ich im Forum "Schallplatten und CDs" schreiben,
    aber mir scheint, dass dort immer nur 1 Album pro Thread üblich ist.
    Sollte ich mich damit irren, dann bitte ggfl. verschieben. Danke

  2. #2
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    4,150

    Standard AW: Jefferson Starship: die frühen Jahre 1970-1974

    Baron von Tollbooth & The Chrome Nun ist für mich noch immer gleichbedeutend mit akustischem Sandstrand, virtuellen Palmenhainen, aber auch mit finsteren Karpatenschlössern und blutigem Bastille-Gemetzel... für mich mit absoluter Sicherheit eine der mitreissendsten Songsammlungen aller Zeiten.

    Wenn's mir mal nicht so doll geht, dann wandert seit Jahrzehnten exakt diese Scheibe ins Abspielgerät und innert Sekunden hellt sich mein Gemüt auf, wird von kalifornischer Sonne durchflutet, die Welt erscheint in ganz anderem Blickwinkel. Eine unglaublich magisches Teil diese alte Platte, da wurden Grace und Co. von den Göttern geküsst...


  3. #3
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    4,817

    Standard AW: Jefferson Starship: die frühen Jahre 1970-1974

    Klasse geschrieben!

    Zitat Zitat von Demon Beitrag anzeigen
    PS:
    Eigentlich wollte ich im Forum "Schallplatten und CDs" schreiben,
    aber mir scheint, dass dort immer nur 1 Album pro Thread üblich ist.
    Sollte ich mich damit irren, dann bitte ggfl. verschieben. Danke
    Muss mal wieder eine Gebrauchsanweisung schreiben oder die Beschreibung der Foren überarbeiten. Dein Beitrag passt auf jeden Fall hier rein.

  4. #4
    Registriert seit
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    4,449

    Standard AW: Jefferson Starship: die frühen Jahre 1970-1974

    das "Empire", der "Sonnenkämpfer" und der "Baron und die Nonne" sind ein hervorragender Übergang zwischen dem Airplane und dem Starship.

    Klar, dass die bei mir auch "Pflicht" sind....

    Schön, dass Du sie vorgestellt hast.

    Hier ginge es dann weiter:

    http://www.rockzirkus.de/forum/showt...light=Starship

  5. #5
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    833

    Standard AW: Jefferson Starship: die frühen Jahre 1970-1974

    Zitat Zitat von Demon Beitrag anzeigen
    Ich besitze das Album nicht, [...] und deshalb habe ich es hier und
    heute erst mal übergangen.
    Endlich habe ich diese Lücke geschlossen:

    Paul Kantner & Grace Slick: Sunfighter (1971)

    Die Liste der Mitwirkenden ähnelt - wie bereits erwähnt - sehr der von
    "Blows Against The Empire"; anzumerken ist vielleicht, dass David
    Freiberg diesmal fehlt.

    Wie sein Vorgänger bietet dieses Album die für Paul Kantner typische
    Mischung aus West-Coast-Rock mit Einflüssen aus Folk und Psychedelia
    und visionären bis durchgeknallten Texten.

    Letztere werden hier für meinen Geschmack etwas übertrieben: Der
    Titel "Silver Spoon" handelt von Kannibalismus - das muss ich echt
    nicht haben! Ignoriere ich den Text, dann kann ich mich allerdings
    immer noch am Gesang von Grace Slick erfreuen, die hier wieder
    einmal zu fantastischer Form aufläuft.

    Eine Eigenheit mancher Kompositionen von Paul Kantner ist, dass
    Rhythmus und Phrasierung der Musik von etwas langatmigen, wenig
    poetischen und mit leicht missionarischem Eifer vorgetragenen
    Geangstexten beherrscht werden. Auf "Sunfighter" nimmt dieser Stil
    aber für meinen Geschmack ein wenig überhand. Zudem fehlen echte
    Highlights oder Überraschungen, auch wenn mit "Titanic" eine
    Klangcollage eingestreut wird.

    Wer - so wie ich - den speziellen Sound von Paul Kantner & Friends
    mag, für den ist das Album trotz allem unverzichtbar. Zum Einsteigen
    in das Genre empfehle ich aber eher "Blows Against The Empire" oder
    "Baron von Tollbooth".

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