Der folgende Text stammt vom März 2000. Tom Liwa hatte damals sein Album "St.Amour veröffentlicht. Das Interview fand in Köln statt in einem Café in der Nähe vom Hauptbahnhof. Veröffentlicht wurde der Artikel im ZILLO.
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Tom Liwa Die Macht der Metaphern
Der Ex-Kopf der Flowerpornoes hat sein erstes Soloalbum aufgenommen. Und wie man es von ihm erwartet, ist die Scheibe sehr wortgewaltig geworden. Musik zum Zuhören und zum Konzentrieren.
Musikalisch ist das Ganze eine Fortführung der Flowerpornoes mit reduzierteren Mitteln. Alles steht – natürlich - im Dienste des Wortes. Und bei „Wir haben die Musik“ wird sogar ganz auf die Musik verzichtet. „Die Texte haben einen sehr hohen Stellenwert“, erzählte Tom Liwa, „weil ich denke, dass ich bei Texten viel bewusster daran arbeiten kann, wie sie wirken und wie tief sie gehen. Während Musik eher eigentlich eine Eigendynamik hat. Das Textschreiben habe ich über die Jahre versucht zu perfektionieren. In meine Texte fliesst auch sehr viel mehr von meiner Person und meiner Haltung ein. Ich kann natürlich nicht sagen: Die Musik ist unwichtig, aber ich sehe schon meine Hauptleistung in den Texten. Ich habe auch immer mehr Schwierigkeiten, diese in eine Songform zu bekommen. Sie gehen meistens zurück auf drei – vier Manuskriptseiten, aus denen ich dann die wesentlichen Dinge heraushole.“ Auffallend bei Tom Liwa ist die Sprachgewalt, die mit vielen Metaphern spielt. „Ich schaffe die Metaphern nicht selbst, die Metaphern umgeben mich. Es ist eigentlich nur eine Frage der Aufmerksamkeit. Hier fuhr gerade z.B. ein müder Schornsteinfeger mit dem Fahrrad vorbei. Der ist eigentlich schon eine Metapher für sich.“ Kommen wir zur Musik. Denn dort fällt auf, das Liwa trotz seines Hauptaugenmerks auf die Texte darauf achtet, mit abwechslungsreichen Arrangements zu überraschen. Der Sound besticht durch eine glasklare, reduzierte Produktion.
In welcher musikalischen Tradition sieht er sich. „Im eigentlichen Sinne ist das, was ich mache, ja ein Entwurf von deutscher Folkmusik, wie es sie aber eigentlich nicht gibt. Da gibt es in Deutschland ein ganz spezifisches Problem, was natürlich auch mit dem dritten Reich zusammenhängt. Wir haben eigentlich keinen Zugang zu unserer Volksmusik oder zumindest kein unvorbelastetes. Anders als es bei den Amerikanern oder den Franzosen ist. Es hat irgendwann ein ganz klarer Schnitt stattgefunden und Volksmusik ist heute Hopsassa ohne Inhalte. Dagegen gibt es halt nur die Popkultur, zu der eben dann auch der Kunstbereich gehört. Natürlich sehe ich mich zwangsläufig in der Tradition all derer, die mich beeinflusst haben. Es wäre gelogen zu sagen, ich arbeite losgelöst aus dem Raum heraus. Andersherum gab es aber in Deutschland für mich auch zumindest in der Popkultur nie irgendwelche wirklichen Vorbilder. Es war nicht so, dass ich angefangen habe, Musik zu machen um z.B. Ton, Steine Scherben nachzueifern. Als ich angefangen habe, deutsche Texte zu schreiben, passierte das wirklich ohne Vorbilder. Das real existierende deutsche Songgut, was es damals gab, das waren eher Warnschilder, wie man es nicht machen sollte. Da waren Klischees vorgegeben und mir ging es darum, diese Klischees zu umgehen. Und es hat eben auch eine Zeit gedauert, diesen Trotz dann erst einmal zu überwinden, wirklich zu einem eigenen Ausdruck zu kommen. Du schaffst das ja nicht, in dem du nur versuchst, das, was du Scheisse findest, anders zu machen. Irgendwann geht es dann ja auch um wirkliche Anliegen.“
Tom Liwa hat eine CD abgeliefert, die sich nicht abnutzt. Man kann sie ohne weiteres mehrmals hintereinander hören und dennoch immer wieder Neues in der Musik und den Texten entdecken. Und mit dem Lied „Für die linke Spur zu langsam“ habe ich auch einen Favoriten für die Autobahn gefunden.
Norbert Sonderfeld


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