Vorbemerkung: Sollte es hier schon eine qualifiziertere Besprechung von
"City" geben, dann sorry. Die Suchfunktion hat jedenfalls nichts dergleichen
gefunden.
Sleepers Enthusiasmus hat mich animiert, dieses Lied anzuhören. Und
nicht nur das eine Lied, sondern das ganze Album. FYI: Ich kannte es
bisher nicht. 1977 habe ich es jedenfalls nicht wahrgenommen.
Was ich nun gehört habe, das hat mich extrem dazu animiert, ein paar
(sehr subjektive!) Worte darüber zu verlieren.
City - City (1978)
1. Es ist unheimlich heiß 04:31
2. Der King vom Prenzlauer Berg 04:55
3. Nachts um halb eins 03:54
4. Traudl 03:16
5. Meister aller Klassen 05:34
6. Am Fenster 17:24
Leider darf man die Texte hier nicht wiedergeben, daher verweise ich
zum Verständnis des Folgenden auf die Lektüre der Seite
http://www.ostmusik.de/cityplatten.htm , wo alle Texte verlinkt sind.
Ich gestatte mir, mit der Tür ins Haus zu fallen: "Nachts um halb eins"
bekommt von mir 5 von 5 möglichen Punkten, und "Am Fenster" -- naja,
darüber hat die Geschichte sowieso schon entschieden: 6 von 5 Punkten,
zum besten deutschen Rocksong des 20. Jahrhunderts gewählt...
Allen übrigen Songs gebe ich nur einen Punkt. Und dieser eine Punkt ist
auch nur dadurch verdient, dass die Musik professionell und routiniert
dargeboten wird. Besonders originell oder innovativ ist sie allerdings nicht.
Doch, halt, eine Ausnahme gibt es! Das auf der Gitarre (?) gespielte
Zweitakt-Moped in Track 2. Der Song darf meinetwegen dafür ein paar
Joker-Punkte einsammeln
Was bei den Tracks 1, 2, 4 und 5 eine bessere Bewertung verhindert, das
sind für mich die Texte. Niveau: Schüleraufsatz. Beispiele:
He Jungs, wer kennt Traudl,
ein kleiner Zahn mit langem blonden Haar.
oder
Es ist unheimlich heiß,
der Saal ist voll.
Die Stimmung ist toll,
da spielt 'ne dufte Band.
Arrgh.... das ist doch zum davonlaufen! Hat die Jugend in der DDR im
Jahr 1977 so gesprochen? Das kann ich mir beim besten Willen nicht
vorstellen.
Keiner der 4 Texte geht in seiner Bedeutung über das unmittelbar Gesagte
hinaus. Und dann der penetrant erhobene Zeigefinger, egal ob gegen die
Jugendlichen (in Tr. 2 und 5) oder (in Tr. 1) gegen den Vater! Diese
4 Titel anzuhören erfordert eiserne Nerven. Ohne die amateurhaften und
peinlichen Texte hingegen wäre die Musik einfach durchschnittlicher
70er-Jahre-Rock.
Zwei Lieder jedoch fallen für mich aus der Reihe.
Zunächst Track 3: "Nachts um halb eins". Die Musik ist unterhaltsam,
wenn auch sicher nicht genial. Aber der Text hat's in sich: Da wird mit
wenigen, einfachen, kurzen Worten eine ganze Welt aufgebaut, nämlich
die Welt eine Mädchens, mit noch weniger Worten wird angedeutet, wie
diese Welt sich bald revolutionieren wird. Der Text ist inhaltlich völlig
schlicht, fast banal (aber nie peinlich!), und doch lässt er im Kopf des
Zuhörers einen ganzen Film ablaufen. Das ist Poesie! Dieses Lied hat
für mich ein Niveau wie z.B. "She's leaving home".
Und die zweite Perle ist - natürlich - "Am Fenster". Ich bremse meine
Begeisterung und beginne mit den Fakten:
Von dem Lied gibt's urspünglich zwei Versionen: Diejenige auf dem
Album mit einer Länge von 17:24 (sic), und die nur etwa halb so lange
Single-Version. (Später wurden weitere eingespielt.)
Interesanterweise war die Single schon im Jahr zuvor veröffentlicht
worden, stellt also keine nachträglich zusammengestrichene Fassung dar.
Nicht nur durch seine Länge ist diese Titel auffällig, auch durch seinen
Text, ein Gedicht der Schriftstellerin Hildegard Maria Rauchfuß.
(Die übrigen Texte stammen vom Sänger Toni Krahl bzw. Track 4 von
Harry Gölitzer.)
Auch musikalisch steht "Am Fenster" auf dem Album einzigartig da:
Tragendes Melodieinstrument ist hier nämlich eine Violine. gespielt von
Georgi Gogow (ansonsten Bassist).
Die Langfassung von "Am Fenster" zerfällt in drei Teile:
Der erste ist eine Art Vorspiel, rein instrumental, von ca. 5 Minuten
Länge, das aprupt und mitten in der Melodie endet.
Darauf folgt eine akustische "Szene": Geräusche vom Öffnen eines
Fensters, ein Vorhang wird zurückgeschoben, eine Uhr schlägt... Klingt
nicht spektakulär, ist aber klasse gemacht: die Wirklichkeit ist fast zu
greifen und zu riechen.
Teil III ist schließlich in etwa identisch mit der Single-Fassung, allerdings
etwas länger: 10 statt knapp 8 Minuten; in diesem Teil wird gesungen.
Die Musik von "Am Fenster" ist weniger rockig als der Rest des Albums,
stattdesesen eher melodisch-fließend. Teil III ist von einem durchgehenden,
treibenden Rhythmus geprägt, und seine Melodie ist eingängig, fast ein
Ohrwurm; angeblich wurde das Stück sogar in Discos gespielt... ich könnte
mir das gut vorstellen.
Warum fällt dieser Titel so sehr aus der Reihe? Eine mögliche Erklärung:
Er wurde (laut allmusic) im Wesentlichen von Emil Bogdanow "erdacht",
der die Band aber schon 1975 verließ. Auf der LP wird allerding schlicht
und ergreifend "City" als Komponist genannt; nun ja...
Warum der Song erst 1977 veröffentlicht wurde, ist egal, aber der Rest
des Albums wurde eben nicht mehr von Bogdanow geprägt; da sind auf
dem Cover dann auch explizit andere Komponisten individuell genannt.
Ganz ehrlich: Ich habe mehrere Anläufe gebraucht, um "Am Fenster"
genießen zu können. Teil II ist originell, aber vor allem den Text in
Teil III empfand ich zunächst als etwas sperrig.
Schließlich habe ich aber gespürt, wie Rhythmus, Melodie und Text eine
Einheit bilden, auf der ich mich regelrecht hinwegtragen lassen konnte.
Danach lief "Am Fenster" fast einen Abend lang in heavy rotation![]()





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