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Thema: #15 Ballad of the Beacon - Wishbone Ash

  1. #1
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    Standard #15 Ballad of the Beacon - Wishbone Ash

    Es gibt natürlich Komponisten, bei denen der Text offensichtlich eine geradezu untergeordnete Rolle spielt (ich habe hier mal ein klassisches Beispiel von Led Zeppelin angeführt) und daneben jene Artisten, die den Text über alles stellen, da kann es dann passieren, dass einem die Musik am Ende sogar den Text verleidet.

    Es gibt aber auch schöne Beispiele von Liedschreibern, die ihre Texte geradezu mit der Musik verweben (textus, lat. Gewebe), sodass eine gegenseitige Verstärkung der Stimmung entsteht.

    Da ich mich derzeit etwas intensiver mit Lyrik beschäftige, kam mir eines meiner Lieblingslieder von Wishbone Ash unter, dass auf eine schöne Weise demonstriert, wie ein scheinbar harmloses und einfaches Textlein doch eine Menge an Schönheit enthält, die sich dem enthüllt, der sich die Mühe oder die Freude (je nachdem) macht, genauer hinzuhören (oder zu lesen).

    Zuerst einige formale Gedanken zu Ballad of the Beacon :

    Der Titel, der ja mit dem Inhalt des Textes in keinem direkten Zusammenhang steht, hat offenbar eine metaphorische Funktion.
    Formal handelt es sich nicht nur im Titel sondern auch der lyrischen Form nach um eine Ballade.
    Die ballada ist spätestens seit dem 12. Jahrhundert als literarische (weltliche) Form belegt in Folge der troubadours, im deutschen Sprachraum hatte sie während der Weimarer Klassik (ca. 1800) ihren Höhepunkt (zB Der Erlkönig, Der König von Thule, Die Kraniche des Ibykus etc) bevor sie im Laufe des 19. Jahrhunderts langsam wieder an Bedeutung verlor (zB Herr von Ribbeck, Die Füsse im Feuer…).

    Die Ballade hat eine offene Form, d.h. die Vers- und Strophenzahl sind nicht festgelegt, über Reim oder Nichtreim entscheidet der Dichter frei. Gemeinsam ist den Balladen jedoch, dass sie eine „Geschichte erzählen“, die sie stimmungsmässig gleich bleibend behandeln, also durchgängig entweder fröhlich, traurig oder z.B. spannungssteigernd etc. sind In der Unterhaltungsmusik des 20. Jahrhnderts werden Balladen meist mit melancholischen Motiven in Verbindung gebracht. In der Ballade vom Leuchtfeuer von Wishbone Ash ist sie in drei vierversige Strophen gegliedert, die einem wechselnden Reimschema folgen.

    Inhaltlich interessant ist, dass im ersten und zweiten Vers der ersten Strophe von „wir“, in der dritten von „ich“ und im letzten Vers von „sie“ gesprochen wird. Die zweite Strophe beginnt mit der Frage an „eine sie“, die beiden letzten Verse sprechen von dem, was der Sänger jetzt gerade denkt / wünscht. Diese nicht näher erwähnte zweite Person scheint jedenfalls die Geschichte überhaupt erst in Gang gebracht zu haben. Und in der dritten Strophe sehen wir mit dem Sänger in seine vor ihm liegende Zukunft, die aber offen bleibt.

    Von der Bewegung her passt der Text gut zur Musik (und umgekehrt), die Offenheit der Frage bzw der anstehenden Entscheidungen passen zur ruhigeren Melodie, die eine ganz sanfte Wellenbewegung beschreibt. Befreiung einerseits und Innehalten andererseits werden durch eine beschwingt klingende Melodie repräsentiert, die durch die Instrumentierung noch unterstrichen wird. Gesungen werden die drei Strophen in Wiederholungen, wobei es keine Refrainstrophe im engen Sinn gibt. Das Strophenschema folgte einem traditionellen Strophenschema der Ballade: 1 – 2 – 3 – 2 – 1 – 2

    # 15 Ballade vom Leuchtfeuer – Wishbone Ash (1973)


    Wir werden im Morgengrauen diese Stadt verlassen
    Morgen werden wir imstand sein klar zu sehen
    Ich hatte genug von dieser Stadt
    Und sie hatte genug von mir

    Sag mal, wenn ich auf den Berg klettern würde
    Würdest du mir noch nachfolgen –
    Ich schleiche mich in einem Echo davon
    Die Berge werden immer da sein . .

    Ich wende meinen Blick in die Landschaft
    Was ich hatte habe ich alles verkauft
    Ich ändere den Kurs weg von den strahlenden Lichtern
    Auf der Suche nach dahin wo der Wind bläst

    _________________________________________________

    Original erschienen auf: Wishbone Ash - Wishbone Four (1973)

    http://www.youtube.com/watch?v=VFGCW...eature=related
    Geändert von roberto (11.08.2010 um 15:04 Uhr)

  2. #2
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    Gut gemacht! AW: #15 Ballad of the Beacon - Wishbone Ash

    # 15 Ballade vom Leuchtfeuer – Wishbone Ash (1973)

    Das ist mal ein toller Beitrag! Wir Rocker im Geiste schludern ja gern die Texte nach dem Motto "zu allererst kommt die Luftgitarre" und ich selbst tue mich mit dem Verstehen von gesungenen englischen Texte sowieso schwer. Ich bin meist dringend auf's Booklet angewiesen, dann kann ich mich besser auf die Übersetzung konzentrieren.

    Jedenfalls haben mich deine Definitionen weiter gebracht als Wikipedia (Zitat: ...Lyrik ist stark sinnbildlich und rhythmisch, oft gereimt und mit Musik verbunden...).

    Schön, auch so etwas hier zu lesen.
    Die klimatischen Bedingungen in der Hölle sind sicher unerfreulich, aber die Gesellschaft dort wäre von Interesse. Oscar Wilde

  3. #3
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    Standard AW: #15 Ballad of the Beacon - Wishbone Ash

    Kabinettstückchen - das Lied genauso wie deine Analyse!

    Trotzdem, zwei kritische Bemerkungen müssen raus:

    Ich hatte genug von dieser Stadt
    Und sie hatte genug von mir
    Eine böse Fußangel! Erst nachdem ich das Original angehört hatte,
    konnte ich den Text tatsächlich kapieren.


    Der Titel, der ja mit dem Inhalt des Textes in keinem direkten
    Zusammenhang steht [...]
    Hmm... das Bild des Leuchtfeuers kommt im Text doch sogar vor:
    "Heading away from the bright lights"

    Trotzdem: DANKE! Was du mit uns hier veranstaltest, das ist echt
    schon ein Literaturseminar.

  4. #4
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    Standard AW: #15 Ballad of the Beacon - Wishbone Ash

    Zitat Zitat von Demon Beitrag anzeigen
    Kabinettstückchen - das Lied genauso wie deine Analyse!

    Trotzdem, zwei kritische Bemerkungen müssen raus:
    "...Ich hatte genug von dieser Stadt
    Und sie hatte genug von mir ..."


    Eine böse Fußangel! Wenn ich jetzt nicht das Original angehört hätte (*),
    hätte ich den Text komplett missverstanden.

    (*) dem Internet sei Dank


    Hmm... das Bild der Leuchtfeuer kommt im Text doch sogar vor:
    "Heading away from the bright lights".
    In der Tat eine Fussangel . . wenn der Text von xyz gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich auch zweimal "Stadt" vermutet, aber dieser Text ist wirklich fein "konstruiert", deshalb liegt die Erklärung eigentlich im ganzen Text.

    "...Heading away from the bright lights.." bedeutet ja soviel wie, sich von den strahlenden (hellen) Lichtern abzuwenden. "Bright Lights" ist im englischen eine rhetorische Figur, in diesem Fall eine Metapher für "Grossstadt", die in diesem Fall eigentlich das Gegenbild zum Leuchtfeuer ist. Diese Metapher kommt häufig in Blues Texten vor. Mir fällt da spontan z.B. Eric Burdon & The Animals ein: Bright Lights - Big City . . .
    Geändert von roberto (11.08.2010 um 17:22 Uhr)

  5. #5
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    Standard AW: #15 Ballad of the Beacon - Wishbone Ash

    Zitat Zitat von roberto Beitrag anzeigen
    "Bright Lights" ist eine rhetorische Figur, in diesem Fall eine Metapher für "Grossstadt", [...]
    Diese Metapher kommt häufig in Blues Texten vor.
    Is schon klar; aber mit der Assoziation zum Thema "Navigation" wird m.E.
    auch gespielt. Du hast ja auch nicht umsonst "Kurs" geschrieben, statt z.B.
    "Richtung" oder "Ziel"!

  6. #6
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    Standard AW: #15 Ballad of the Beacon - Wishbone Ash

    Zitat Zitat von Demon Beitrag anzeigen
    Is schon klar; aber mit der Assoziation zum Thema "Navigation" wird m.E.
    auch gespielt. Du hast ja auch nicht umsonst "Kurs" geschrieben, statt z.B.
    "Richtung" oder "Ziel"!
    nee nee, du liegst da schon richtig am Wind . . . ich wollte das nur noch etwas exakter darstellen . .


  7. #7
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    Standard AW: #15 Ballad of the Beacon - Wishbone Ash

    Ich hätte nie gedacht, dass du dich jemals einem Text von Wishbone Ash widmen würdest.
    Schöne Aufarbeitung.

    Ich finde auch die Übertragung gelungen.
    Über die Interpretation von "heading away from " als 'den Kurs ändern' könnte man diskutieren, aber das ist Ansichtssache.
    Ich hätte diese Passage wohl nur ziemlich profan mit 'ich wende mich ab von..." übertragen.
    Gleichzeitig passt 'den Kurs ändern' hervorragend zum Titel des Stücks.




    Zitat Zitat von roberto Beitrag anzeigen
    Gesungen werden die drei Strophen in Wiederholungen, wobei es keine Refrainstrophe im engen Sinn gibt. Das Strophenschema folgte einem traditionellen Strophenschema der Ballade: 1 – 2 – 3 – 2 – 1 – 2
    Hier kann ich dir nicht ganz folgen.
    Wieso ist Strophe zwei für dich keine Refrainstrophe ?

    In der Pop- und Rockmusik ist es weitverbreitet, nach den beiden ersten Strophen die erste Strophe zu wiederholen. Jeweils durch eine Refrainstrophe getrennt.


    Wie sieht es denn bei den mittelalterlichen Balladen aus, musikalisch ?
    Bleibt die Melodie bei jeder Strophe gleich oder ändert sich die Melodie bei der zweiten Strophe ?



    Noch eine witzige Anmerkung:
    Ich kannte das Lied bereits kurz nach seiner Veröffentlichung, mein Englisch war noch nicht sehr ausgeprägt. Und so kam es, dass ich viele Jahre glaubte, es ginge um die Ballade vom Schinken (= bacon), was mich sehr verwunderte.
    music was my first love and it will be my last (John Miles)

  8. #8
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    Standard AW: #15 Ballad of the Beacon - Wishbone Ash

    Zitat Zitat von Black Dog Beitrag anzeigen
    Über die Interpretation von "heading away from " als 'den Kurs ändern' könnte man diskutieren, aber das ist Ansichtssache.
    Ich hätte diese Passage wohl nur ziemlich profan mit 'ich wende mich ab von..." übertragen.
    Der Textdichter hätte schreiben können "turning away", was ja sogar vom
    Rhythmus her gepasst hätte. Hat er aber nicht.
    Stattdessen benutzt er das Wort "heading", das (im Englischen) in der
    Fachsprache der Navigation benutzt wird, aber auch in der Alltagssprache
    verständlich ist. Insofern ist "Kurs" doch eine perfekte Übersetzung, die
    eine vergleichbare Doppeldeutigkeit enthält.

  9. #9
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    Standard AW: #15 Ballad of the Beacon - Wishbone Ash

    Zitat Zitat von Black Dog Beitrag anzeigen
    Noch eine witzige Anmerkung:
    Ich kannte das Lied bereits kurz nach seiner Veröffentlichung, mein Englisch war noch nicht sehr ausgeprägt. Und so kam es, dass ich viele Jahre glaubte, es ginge um die Ballade vom Schinken (= bacon), was mich sehr verwunderte.
    Oh, da hab ich auch schöne Beispiele aus meiner Jugend.
    Little Red Rooster war für mich lange Zeit Kleiner roter Roadster.


    und dann war da mein Freund Deti. Nachdem wir im Englisch-Unterricht schon ein halbes Jahr eine Lektüre mit dem Titek Alone in the desert gelesen hatten, fragte der Lehrer - als er von Detlef überhaupt nichts hörte - schließlich, was denn der Titel übersetzt bedeute. Detis Antwort wurde zum geflügelten Wort an unserer Schule: Alone in the desert? - Alleine im Nachtisch.




    Sorry, mal wieder off topic. Das Thema hatten wir schon mal an anderer Stelle.

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