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Thema: Charlie - Kitchens Of Distinction (2009)

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    Standard Charlie - Kitchens Of Distinction (2009)

    Die britische Band Charlie wurde zu Beginn der 70er gegründet und veröffentlichte zwischen 1976 und 1985 acht LPs.
    2009 wurde Kitchens Of Distinctions veröffentlicht, ich habe dieses Release erst vor wenigen Tagen entdeckt.
    Ich mag nicht verhehlen, dass mein (musikalisches) Herz einen freudigen Hüpfer machte und ich gespannt auf die neue Mucke war.

    ~


    Die Optik erinnert mich an frühere LPs der Band, gleichzeitig strahlt das Cover eine gänzlich andere Atmosphäre aus.
    Die 'sexy babes', die früher oft die Hüllen zierten und fast zu einem Markenzeichen wurden, sind einem Strauß Rosen inmitten einer kalt-modernen Küche gewichen.
    Verwelkte Rosen.

    Fünf Sterne für dieses, für mich, symbolträchtige Cover.

    ~

    Kitchens Of Distinctions wurde als Charlie-Album veröffentlicht, ist jedoch bei näherem Hingucken ein Solo-Album von Charlie-Mastermind Terry Thomas.
    Martin Smith, für einige Jahre zweiter Gitarrero neben Thomas und auf dem Debütalbum zu hören, gastiert auf einem Track.
    Julian Colbeck, langjähriger Tastenspieler, gastiert auf zwei Tracks.
    Jeff Alexander (a good friend of Thomas) hinter der Schießbude.
    Zwei aushelfende Bassisten auf vier Tracks.
    Andy Bloom greift auf drei Tracks ergänzend zu Terry Thomas in die Saiten. Bloom's spezifischen Anteil an der Musik kann ich nicht orten.

    Gesang, Gitarren, Bass, Keys, Produktion, Songwriting: Terry Thomas.


    Ich mag keine Schiffe unter falscher Flagge. In diesem Fall mache ich eine Ausnahme.
    Ein Charlie-Album läßt sich sicherlich besser verkaufen als eine CD von Terry Thomas, ich gönne es ihm.
    (Wer liest schon die Album-Credits ? )

    ~

    Der erste Track klingt nicht nach Thomas/Charlie, im Gegenteil.
    Stürmisch, aggressiv, rauh-bratzige Gitarren, es geht in Richtung Hoobastank oder ähnliche Bands.
    Nach knapp zwei Minuten wird durch den Gesang der nostalgisch-geprägte, womöglich ob der Eröffnung verwirrte Hörer bestätigt, dass auf dieser CD tatsächlich Terry Thomas gewerkelt hat.



    Thomas ist immer noch fähig, einprägsame Chorusse zu erschaffen, erinnerungswürde Songs. Die waren in der Vergangenheit nie revolutionär, aber immer auf hohem Niveau.
    Neben all den gut ins Ohr gehenden Songs, den einprägsamen Melodien, haben mich immer auch die Gesangsarrangements von Thomas & Co. fasziniert, bis heute.



    Der zweite Song, Titeltrack... balladesk und ein wenig melancholisch, auch wenn der Chorus wieder ähnlich kraftvoll klingt wie der Opener.
    Während der Einleitung (erinnert mich verschwommen an "It's Your Life" vom Debüt) überkommt mich das erste Mal Gänsehaut.
    Thomas mischt gekonnt altvertraute und (für Charlie) neue Klänge.



    Kitchens Of Distinctions ist imho das lebhafteste, aggressivste Album, dass je unter dem Namen Charlie veröffentlicht wurde.
    Bei aller klngliche Härte auf etwa der Hälfte der Songs (Ansätze von Hard Rock und Metal sind spürbar).... die Melodien sind immer noch da, ebenso das mich begeisternde Gitarrenspiel und die Harmoniegesänge.
    Das funkelt und glänzt immer noch.
    Ich habe ne Menge Mainstream-Rock in den späten 70s/frühen 80s gehört. Keine Band konnte in meiner Gunst Charlie den Rang ablaufen, wenn es um Gesangs-/Gitarrenkunst/Melodienvielfalt ging.
    REO Speedwaggon, Foreigner oder Journey waren immer nur zweite Sieger.



    Track 3, "Popstar", steht in der Tradition von früheren LPs wie Lines oder No Second Chance, klingt gleichzeitig einen erheblichen Zacken lebendiger als die damaligen Songs.
    Worum mag es in dem Lied gehen ?
    Track 4, "Shit TV", beginnt wuchtig, strahlt wieder viel Agressivität aus - wen wundert's bei dem Text ?
    Eine bitterböse, scharfe Abrechnung mit dem seit Jahren weit verbreiteten, volksverdummenden Kommerz-Müll-Fernsehen.
    Fast noch erstaunlicher als die 'neue Härte' im Charlie-Sound sind für mich die Texte, in denen Thomas kein Blatt vor den Mund nimmt.
    Sarkastisch, teils zynisch.
    Thomas hat auch früher schon Songs mit kritischem Ansatz verfasst. So explizit wie auf der neuen CD war er nie.

    "Alcohol" beschreibt Drogenmissbrauch.
    Erneut ein sehr temperamentvoller Song, mit teils bratzigen Gitarren. Einflüsse von Nu Metal. Nix Wohlfühlsounds a la Westcoast.
    Aber immer noch Mainstream... oder ist Nu Metal schon wieder out ?


    Auch die Autonarren, scheinheiligen Umweltschutzaktivisten und Fitness-/Schönheitswahnsinnigen bekommen ihr Fett ab.
    Die Songs pendeln zwischen vertrautem Charliesound und 'neuer' Härte. Beim Chorus von "Cars" werde ich einfach schwach.
    "Cars", "Blue Sky Bullshit", "West Coast Thing".

    She thinks she's looking cool
    Her friends all think she's looking really ill
    She tried the diets she tried cocaine
    She got much thinner so did her brain
    The La Mantra no food no gain they are all insane
    ...
    Nicole Richie The Size Zero
    Keira Knightly All skin And bone
    Lindsay Loohan An embryo way to go


    (Die Namen werden vielen Artisten vermutlich wenig sagen - angesagte It-Girls)

    "West Coast Thing" klingt groovy, mit einem mich immer noch faszinierenden E-Piano Sound... Julian Colbeck.


    "The Art Of Cool" -- Spötterei über Zeitgeistiges.
    Rauhes Klangbild, auf der Basis eines dezenten Reggaerhythmus. Martin Smith slidet.


    Der letzte Track... ein lyrisch-verträumtes Pianointro (Flügel !). Etwas, das ich noch auf keinem Charlie-Album gehört habe.
    Der musikalische Bruch/Wechsel, der danach folgt, dürfte ebenfalls einmalig in der Bandgeschichte sein ...
    "It's Not Enough" thematisiert die konsumorientierte Jagd nach den neuesten technischen Spielereien.

    Ein Rhythmusfundament, dass mich klanglich an die ruhigen Songs von Massive Attack (Blue Lines) erinnert, trägt "Don't Let Go".
    Ein Liebeslied. Das einzige auf der CD. Mit Gänsehautfaktor für mich.

    ~

    Mein Fazit:
    ein abwechslungsreiches Album, sehr unterhaltsames Album. Nieten kann ich nicht erkennen.
    Kein eindeutiges Album im alten Stil, die neuen musikalischen Akzente sind mir sehr willkommen.
    Sowohl für manchen alt eingeschworenen Charlie-Liebhaber als auch vermutlich für viele Neulinge im Charlie-Universum mag die CD unausgewogen, stilistisch uneinheitlich klingen.
    Ich höre eine Modernisierung, ohne dass die Wurzeln vollständig gekappt werden.
    Mir gefällt's sehr gut !

    Mein einziger, leiser Kritikpunkt:
    Ich hätte eine andere Reihenfolge der Songs gewählt, denn bei fast jedem Titel wechselt die musikalische Stimmung/Ausrichtung zwischen 'bekannt' und 'neu'.
    Womöglich steckt dahinter auch Konzept ?
    Ist das Leben heutzutage nicht wesentlich stärker von ups und downs, Kontrasten und Veränderung geprägt als noch vor 30 Jahren ?
    Aber... ist doch alles kein Thema im CD-Zeitalter, denn wir können uns die persönlich angenehme Reihenfolge der Titel selbst basteln.

    Die Songs/Sounds klingen für mich auch zu keiner Zeit bemüht.
    Terry Thomas schafft es, mittsiebziger und frühachtziger musikalische Artefakte sehr geschickt ins neue Jahrhundert zu transferieren, ohne dass bei mir der Eindruck entsteht, es werde eine alte Suppe nur aufgewärmt und umgerührt.
    Prima Gitarrenriffs und - linien, prima Melodien, Songs mit Inhalt, toller Gesang...

    Ich bemühe gerne die altbekannte Redewendung: Terry Thomas ist auf dieser CD für mich wie guter Wein - je älter, je besser.





    Get A Life 4:46
    Kitchens Of Distinction 5:06
    Popstar 5:00
    Shit TV 4:59
    Don't Let Go 6:29
    Alcohol 4:58
    Cars 6:22
    Blue Sky Bullshit 4:44
    The Art Of Cool 4:32
    West Coast Thing 7:05
    Never Be The Same 3:29
    It's Not Enough 4:49



    Entschuldigt die ausufernde Schilderung meiner Eindrücke.
    Wenn ich Blut geleckt habe, kenne ich kein Erbarmen.
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    music was my first love and it will be my last (John Miles)

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