Heute präsentiere ich den geschätzten Artisten einen meiner Lieblingssongs, der textuell als Skizze (ital. schizzo) angelegt ist. Das an sich ist nichts besonderes, denn ein Haufen Texte, die mir in den letzten mehr als vierzig Jahren in die Ohren gekommen sind, hat in seinen bruchstückhaften Satzfetzen ganz andere Zuschreibungen als dieses künstlerische Attribut ehrlich verdient.
Nein, dieses wunderschöne Stück von Mountain – als die Gruppe im musikalischen Sinne wirklich noch ein Gebirge war – ist eine einzigartige kunstvolle Verschränkung von Text und Musik. In vier Strophen werden zwei Handlungsstränge ineinander zu einer dramatischen Geschichte verwoben, die von der janusartigen Musik - hier ganz sanft und anderseits kantig, hart und abweisend wunderbar verflochten wird.
Im Aufbau eine klassische Ballade, gereimt, im Strophenschema eins, zwei, Refrain, drei, vier, Refrain. Die beiden Refrainstrophen sind ungereimt.
Dazwischen erklingen feine Interludien, die den flüchtigen Wechsel einzelner Szenen ebenso skizzenhaft präsentieren und selbst einzelne Gitarrentöne unterstreichen noch die Stimmung und tragen dadurch zu einer atmosphärischen Verdichtung bei. Der langsam ruhige Anfang wird durch zwei gezogene Gitarrentöne fast zerschnitten: der erste vielleicht ein Seufzer der Geliebten und gleich darauf folgend der zweite wie der Ruf eines Wals. In den Zwischenspielen mit einem feinem Solo von Leslie West tönt harter kraftvoller Rock der ursprünglichen Art, also kein Krawall um der Lautstärke willen, sondern unverfälschter Ausdruck der Kraft – welcher Kraft? Kraft des Schicksals, der Arbeit, des Lebens?
Nantucket? – das ist diese kleine zum US-Bundesstaat Massachusetts gehörende Insel, deren Name den Liebhaber besserer us-amerikanischer Literatur aufhorchen lässt – Edgar Allen Poe natürlich, dessen wahnsinnsverrückte Geschichte von Arthur Gordon Pym in jenen abweisenden Gegenden angesiedelt ist. Das ist – nebenbei gesagt – eine Leseempfehlung für diejenigen, die interessiert daran sind, von wem sich die Hollywoodschen Drehbuchschreiber immer wieder gerne inspirieren lassen, wenn die eigene Phantasie aussetzt.
Nantucket ist seit etlichen Jahrhunderten die Heimat von Walfängern, seit dort im 17. Jahrhundert einmal ein Wal strandete und man dabei eher beiläufig entdeckte, was der Wal an Rohstoffen so alles an brauch- und verwertbarem hergab.
Natucket Sleighride also?? Eine Schlittenfahrt zum Walfang? mitnichten, denn es handelt sich um eine Periphrase; als „Nantucket Sleighride“ bezeichneten die Walfänger, das, was passierte, wenn der Wal treffsicher harpuniert worden war. Dann versuchte er nämlich, die Harpune loszuwerden und zog auf seiner Flucht und im Kampf ein Schiff mit hohen Geschwindigkeiten bis zu über 20 Knoten hinter sich her. Der Wal schwamm sicher seinem Tod entgegen, für die Walfänger hingegen stand die Chance immerhin fifty-fifty.
Nantucket – eine kleine schmierige Hütte. Der Walfänger in abgerissener Kleidung hat seinem Kram zusammengepackt neben sich liegen. Sein etwas brackig riechendes Ölzeug und den kleinen Seesack mit den paar Habseligkeiten, die er für seine schwere und gefährliche Arbeit benötigt. Einerseits ist froh, dass er überhaupt eine Heuer gefunden hat in dieser Jagdsaison, aber da steht seine Liebste im Halbdunkel der armseligen Hütte und macht sich Sorgen, jammert und klagt und will ihn nicht ziehen lassen. Das Licht aus der trüben Tranfunsel vermag ihr aufgelöstes Haar kaum zu erleuchten. Klar, sie kennt wie alle hier in der Gegend die Geschichte von Owen Coffin. Coffin war auch als Walfänger gefahren. Sein Schiff war die Essex. Damals war er mit der Mannschaft Richtung Norden hinter den Pottwalen her. Noch gar nicht lange war das her im 1820er Jahr als die Essex beim Versuch einen Pottwal zu harpunieren von diesem gerammt und auf seiner Flucht in die Tiefen der See versenkt worden war. Der Kahn ist zwar auf Grund gefahren aber einige Seeleute konnten sich retten, darunter der junge Owen Coffin. Er hatte anschliessend allerdings das Pech, von seinen Kameraden erschossen und aufgegessen zu werden – da warens nur noch acht Seeleute.
Einer von diesen Überlebenden, Owen Chase, hat dann ja im vorletzten Jahr (1821) ein Buch darüber geschrieben: „Narrative of the Most Extraordinary and Distressing Shipwreck of the Whale-Ship Essex.“ Robin-Marie hatte dieses Buch nicht gelesen, für ein Buch hatten sie gar kein Geld übrig, sie waren ja schon froh, wenn sie überhaupt genug zum überleben hatten und dann im Winter noch was zum heizen, wenn ihre beiden Herzen in der nördlichen Kälte und Dunkelheit manchmal fast erstarrten.
Und jetzt stehen sie da und müssen Abschied voneinander nehmen.
Starbuck steht draussen vor der Tür und wartet schon. Starbuck, das ist einer von den alten erfahrenen Walfängern auf Nantucket, der versteht sein Handwerk als Harpunier. Macht hin ihr Männer, der Käptn wartet nicht ewig. Macht hin, dass ihr an Bord seid, bevor die nächste Flut kommt.
Mountain haben das Lied Owen Coffin gewidmet.
#20 Nantucket Sleighride – Mountain (1971)
Machs gut, kleine Robin-Marie,
versuch einfach, mir nicht zu folgen -
wein´ doch nicht, kleine Robin-Marie,
du weisst doch, dass ich bald wieder nach Hause komme.
Mein Schiff geht auf eine Drei-Jahres-Tour.
Die nächste Flut wird uns von der Küste wegbringen,
windgeschnürt, Segel hissen und Gischt schlucken:
auf der Suche nach dem mächtigen Pottwal.
Lass deine Weidenzweige wehen,
hülle deinen Körper um meine Seele,
leg deinen Reet und Fässer auf meine feinen Laken.
Jahre liegen hinter uns, die reichen
bis zu dem Platz, an dem Herzen schlagen.
Und ich weiss, du bist die letzte wahre Liebe, der ich je begegne
Und ich weiss, du bist die letzte wahre Liebe, die ich je begegne.
Starbuck schärft seine Harpune.
Der schwarze Mann spielt seine Weise,
spinnt altes Seemannsgarn und verpennt seine Wache
und wird wieder dicht vorm Mittag sein.
Drei Jahre segeln mit gebeugten Knien.
Wir fanden keinen Wal in der See.
Weine nicht, kleine Robin-Marie,
weil, bald kommt Land in Sicht - - -
Lass deine Weidenzweige wehen,
hülle deinen Körper um meine Seele
leg deinen Schilf und Fässer auf meine feinen Laken,
Jahre liegen hinter uns, die reichen
bis zu dem Platz, an dem Herzen schlagen
Und ich weiss, du bist die letzte wahre Liebe, der ich je begegne.
Und ich weiss, du bist die letzte wahre Liebe, der ich je begegne.
Original erschienen: Mountain – Nantucket Sleighride (1971)


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