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Thema: # 20 Nantucket Sleighride - Mountain (1970)

  1. #1
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    Standard # 20 Nantucket Sleighride - Mountain (1970)

    Heute präsentiere ich den geschätzten Artisten einen meiner Lieblingssongs, der textuell als Skizze (ital. schizzo) angelegt ist. Das an sich ist nichts besonderes, denn ein Haufen Texte, die mir in den letzten mehr als vierzig Jahren in die Ohren gekommen sind, hat in seinen bruchstückhaften Satzfetzen ganz andere Zuschreibungen als dieses künstlerische Attribut ehrlich verdient.
    Nein, dieses wunderschöne Stück von Mountain – als die Gruppe im musikalischen Sinne wirklich noch ein Gebirge war – ist eine einzigartige kunstvolle Verschränkung von Text und Musik. In vier Strophen werden zwei Handlungsstränge ineinander zu einer dramatischen Geschichte verwoben, die von der janusartigen Musik - hier ganz sanft und anderseits kantig, hart und abweisend wunderbar verflochten wird.
    Im Aufbau eine klassische Ballade, gereimt, im Strophenschema eins, zwei, Refrain, drei, vier, Refrain. Die beiden Refrainstrophen sind ungereimt.
    Dazwischen erklingen feine Interludien, die den flüchtigen Wechsel einzelner Szenen ebenso skizzenhaft präsentieren und selbst einzelne Gitarrentöne unterstreichen noch die Stimmung und tragen dadurch zu einer atmosphärischen Verdichtung bei. Der langsam ruhige Anfang wird durch zwei gezogene Gitarrentöne fast zerschnitten: der erste vielleicht ein Seufzer der Geliebten und gleich darauf folgend der zweite wie der Ruf eines Wals. In den Zwischenspielen mit einem feinem Solo von Leslie West tönt harter kraftvoller Rock der ursprünglichen Art, also kein Krawall um der Lautstärke willen, sondern unverfälschter Ausdruck der Kraft – welcher Kraft? Kraft des Schicksals, der Arbeit, des Lebens?

    Nantucket? – das ist diese kleine zum US-Bundesstaat Massachusetts gehörende Insel, deren Name den Liebhaber besserer us-amerikanischer Literatur aufhorchen lässt – Edgar Allen Poe natürlich, dessen wahnsinnsverrückte Geschichte von Arthur Gordon Pym in jenen abweisenden Gegenden angesiedelt ist. Das ist – nebenbei gesagt – eine Leseempfehlung für diejenigen, die interessiert daran sind, von wem sich die Hollywoodschen Drehbuchschreiber immer wieder gerne inspirieren lassen, wenn die eigene Phantasie aussetzt.

    Nantucket ist seit etlichen Jahrhunderten die Heimat von Walfängern, seit dort im 17. Jahrhundert einmal ein Wal strandete und man dabei eher beiläufig entdeckte, was der Wal an Rohstoffen so alles an brauch- und verwertbarem hergab.

    Natucket Sleighride also?? Eine Schlittenfahrt zum Walfang? mitnichten, denn es handelt sich um eine Periphrase; als „Nantucket Sleighride“ bezeichneten die Walfänger, das, was passierte, wenn der Wal treffsicher harpuniert worden war. Dann versuchte er nämlich, die Harpune loszuwerden und zog auf seiner Flucht und im Kampf ein Schiff mit hohen Geschwindigkeiten bis zu über 20 Knoten hinter sich her. Der Wal schwamm sicher seinem Tod entgegen, für die Walfänger hingegen stand die Chance immerhin fifty-fifty.

    Nantucket – eine kleine schmierige Hütte. Der Walfänger in abgerissener Kleidung hat seinem Kram zusammengepackt neben sich liegen. Sein etwas brackig riechendes Ölzeug und den kleinen Seesack mit den paar Habseligkeiten, die er für seine schwere und gefährliche Arbeit benötigt. Einerseits ist froh, dass er überhaupt eine Heuer gefunden hat in dieser Jagdsaison, aber da steht seine Liebste im Halbdunkel der armseligen Hütte und macht sich Sorgen, jammert und klagt und will ihn nicht ziehen lassen. Das Licht aus der trüben Tranfunsel vermag ihr aufgelöstes Haar kaum zu erleuchten. Klar, sie kennt wie alle hier in der Gegend die Geschichte von Owen Coffin. Coffin war auch als Walfänger gefahren. Sein Schiff war die Essex. Damals war er mit der Mannschaft Richtung Norden hinter den Pottwalen her. Noch gar nicht lange war das her im 1820er Jahr als die Essex beim Versuch einen Pottwal zu harpunieren von diesem gerammt und auf seiner Flucht in die Tiefen der See versenkt worden war. Der Kahn ist zwar auf Grund gefahren aber einige Seeleute konnten sich retten, darunter der junge Owen Coffin. Er hatte anschliessend allerdings das Pech, von seinen Kameraden erschossen und aufgegessen zu werden – da warens nur noch acht Seeleute.
    Einer von diesen Überlebenden, Owen Chase, hat dann ja im vorletzten Jahr (1821) ein Buch darüber geschrieben: „Narrative of the Most Extraordinary and Distressing Shipwreck of the Whale-Ship Essex.“ Robin-Marie hatte dieses Buch nicht gelesen, für ein Buch hatten sie gar kein Geld übrig, sie waren ja schon froh, wenn sie überhaupt genug zum überleben hatten und dann im Winter noch was zum heizen, wenn ihre beiden Herzen in der nördlichen Kälte und Dunkelheit manchmal fast erstarrten.
    Und jetzt stehen sie da und müssen Abschied voneinander nehmen.
    Starbuck steht draussen vor der Tür und wartet schon. Starbuck, das ist einer von den alten erfahrenen Walfängern auf Nantucket, der versteht sein Handwerk als Harpunier. Macht hin ihr Männer, der Käptn wartet nicht ewig. Macht hin, dass ihr an Bord seid, bevor die nächste Flut kommt.

    Mountain haben das Lied Owen Coffin gewidmet.


    #20 Nantucket Sleighride – Mountain (1971)

    Machs gut, kleine Robin-Marie,
    versuch einfach, mir nicht zu folgen -
    wein´ doch nicht, kleine Robin-Marie,
    du weisst doch, dass ich bald wieder nach Hause komme.

    Mein Schiff geht auf eine Drei-Jahres-Tour.
    Die nächste Flut wird uns von der Küste wegbringen,
    windgeschnürt, Segel hissen und Gischt schlucken:
    auf der Suche nach dem mächtigen Pottwal.

    Lass deine Weidenzweige wehen,
    hülle deinen Körper um meine Seele,
    leg deinen Reet und Fässer auf meine feinen Laken.
    Jahre liegen hinter uns, die reichen
    bis zu dem Platz, an dem Herzen schlagen.
    Und ich weiss, du bist die letzte wahre Liebe, der ich je begegne
    Und ich weiss, du bist die letzte wahre Liebe, die ich je begegne.

    Starbuck schärft seine Harpune.
    Der schwarze Mann spielt seine Weise,
    spinnt altes Seemannsgarn und verpennt seine Wache
    und wird wieder dicht vorm Mittag sein.

    Drei Jahre segeln mit gebeugten Knien.
    Wir fanden keinen Wal in der See.
    Weine nicht, kleine Robin-Marie,
    weil, bald kommt Land in Sicht - - -

    Lass deine Weidenzweige wehen,
    hülle deinen Körper um meine Seele
    leg deinen Schilf und Fässer auf meine feinen Laken,
    Jahre liegen hinter uns, die reichen
    bis zu dem Platz, an dem Herzen schlagen
    Und ich weiss, du bist die letzte wahre Liebe, der ich je begegne.
    Und ich weiss, du bist die letzte wahre Liebe, der ich je begegne.

    Original erschienen: Mountain – Nantucket Sleighride (1971)
    Geändert von roberto (15.09.2010 um 09:02 Uhr)

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  3. #2
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    Standard AW: # 20 Nantucket Sleighride - Mountain (1970)

    Großes, ganz großes Kino, was du mit diesem Beitrag lieferst.

    Ich glaube, deine neue Haupt-Beschäftigung tut dir richtig gut.
    Ich hatte bisher nur eine Vermutung betreffs 'Owen Coffin'. Du hast die Bestätigung geliefert.

    "Nantucket Sleighride" zählt für mich zum Besten von Mountain.

    ~

    So sehr der Verlust eines geliebten Menschen schmerzlich ist, ganz egal ob Maurer, Hebamme, Zimmermann, Küchenhilfe oder Walfänger...
    ich werde keine einzige Träne für einen getöteten Walfänger opfern.
    Walfänger waren und sind Saboteure im Wunderwerk der Natur.
    Walfang gehört konsequent geahndet !

    Viel zu lange wird gefeilscht, wie desaströs sich die Menschheit bewegen darf, so lange nicht ALLES verloren ist.
    Alle bisherigen weltweiten, sogenannten Umweltschutzabkommen behandelten nur die Grenzen für zukünftige Sünden.
    Weltweite Reduktion ? Pustekuchen ! Das Ziel war: neue Höchstgrenzen zu fixieren.
    Immer mehr und noch mehr und noch noch mehr...

    Ich kann Zaphod nur beipflichten. Er hat sich neulich sehr pessimistisch geäußerst.

    Wir haben verschissen und verkackt, das Ende ist vorhersehbar.
    Wo stehen wir, wenn die Weltgemeinschaft seit Jahrzehnten nicht mal in der Lage ist, den singulären, verkackten Interessen von Japan, Norwegen und Island Einhalt zu gebieten ?
    Es wird verhandelt und gefeilscht (und hinter den Kulissen gemauschelt).
    Am Ende des Tages bleibt nur Wenig übrig, das Meiste ist Lug und Betrug.
    Opium für's Volk.
    Geh mir wech ...

    Island hat es im Rahmen der Finanzkrise derbe erwischt. Richtig richtig derbe.
    Die Isländer möchten nun so schnell wie möglich unter den Schutzschirm der EU flüchten.
    Beitragsverhandlungen wurden initiiert.
    Es böte sich die Chance, mit den Isländern ein absolutes Verbot in Sachen Walfang zu verhandeln.
    Wetten, dass Merkel & Co. nicht im Traum daran denken, diese Karte zu spielen ?
    Aber beim nächsten Regierungsbericht in Sachen Umweltschutz lauter geschönte Ereignisse verbreiten.... geh mir wech...
    Merkel ist ein wirkungsloser Lautsprecher und Heißlufterhitzer in Sachen Umwelt.

    Warum ich bisweilen so zynisch bin ? Oder ungerecht gegenüber denjenigen, die unschuldig sind ?
    Siehe oben !
    Geändert von Black Dog (15.09.2010 um 04:11 Uhr)
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  5. #3
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    Standard AW: # 20 Nantucket Sleighride - Mountain (1970)

    Wunderbar Roberto. Einfühlungsvermögen und Stilverständnis machen deine Texte und Übersetzungen immer wieder zu einem sprachlichen Erlebnis.
    Die klimatischen Bedingungen in der Hölle sind sicher unerfreulich, aber die Gesellschaft dort wäre von Interesse. Oscar Wilde

  6. #4
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    Standard AW: # 20 Nantucket Sleighride - Mountain (1970)

    kann mich bloß noch anschließen
    das Sakramentale/schön - wer es hört und sieht/ doch Hunde und Schakale/ die haben auch ihr Lied
    das Krächzen der Raben/ist auch ein Stück/dumm sein und Arbeit haben - das ist das Glück. (Gottfried Benn)

  7. #5
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    Standard AW: # 20 Nantucket Sleighride - Mountain (1970)

    Hut ab, Roberto.

    Ganz großartig


    Ich kenne keine besseren Übersetzungen und keine passenderen "Hinleitungen" als deine. Danke.

  8. #6
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    Standard AW: # 20 Nantucket Sleighride - Mountain (1970)

    @roberto: Wehe, Du hörst je damit auf!
    "Wake up the dying, don't wake up the dead. Change what you're saying, don't change what you said." (Eels)

  9. #7
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    Standard AW: # 20 Nantucket Sleighride - Mountain (1970)

    Klasse Song, klasse Übersetzung.

    Ich hab übrigens keine Probleme mit dem Walfang, sofern es die Interessen der indigenen Bevölkerung betrifft, es gibt noch Menschen die sich davon ernähren. Ich hab nur Probleme mit dem industriellen Walfang, der wie der industrielle Fischfang generell irgendwann zum Artensterben führt.
    Aber ich kenn auch Norweger, die auf Walsteak schwören, für die ist das so normal wie für uns der Hering oder das Industrieschwein.
    Wir sind nicht wirklich besser als die Isländer.
    Wir stellen die Normalität unverzüglich wieder her, sobald wir wissen was eigentlich normal ist.
    BeebleBlox - das Blog

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    Jersch (17.09.2010), roberto (17.09.2010)

  11. #8
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    Standard AW: # 20 Nantucket Sleighride - Mountain (1970)

    Ich hab diesen Song noch nie gehört! Muss ich das, nachdem ich diese wundervolle Rezi von Roberto gelesen habe?

    Du schreibst so wunderschön bildhaft, einfach nur genial! Ich beneide Dich!
    "Die Erinnerung ist das einzige Paradies,aus dem wir nicht vertrieben werden können"

  12. #9
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    Standard AW: # 20 Nantucket Sleighride - Mountain (1970)

    Bei jutup wirst du garantiert fündig.

    music was my first love and it will be my last (John Miles)

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