Hier mal ein paar Tipps und Tricks zur erfolgreichen Grabbelboxausbeute, anwendbar in 2nd-Hand-Buden, bei Kaufhaus-Ramschtischen und auf Rausschmeisserware die bei den gängigen Grossverteilern gerne in Form von aufgestapelten CD-Türmen in die Verkaufsräume gestellt werden. Ein paar Fragen die man sich immer wieder stellen sollte:
1.
Bin ich eher mutig, interessiere mich für unbekannte Artisten oder falle ich auf Kommerz-Ramsch herein?
Die Befriedigung bei Erwerb einer feinen Indie-Band ist sicher grösser als wenn man sich ein sattsam bekanntes Remaster von ........ (selber einsetzen) oder von ....... (selber einsetzen) grabscht.
2.
Kann ich mit dem Frust eines Fehlkaufes umgehen?
Oder machen sich danach, bei einem Reinrassler, Zweifel am eigenen Geisteszustand breit?
3.
Bin ich überhaupt genügend sattelfest um bei der G-Box-Tonträgerprüfung zu bestehen?
Erkenne ich anhand der Verpackung die Stilrichtung? Meistens zupft man sich das Zeug anhand von Gefühlen und Ahnungen aus dem Regal - zumindest sollte man auf den ersten Blick Metal von HipHop, Folk, Indierock oder Chartspop unterscheiden können...
4.
Reicht der Platz im Archiv noch aus?
Oder müsste man dann die Ecke mit den gebunkerten und ewig nicht mehr angehörten Claptons, Jacksons & Co. ausdünnen?
5.
Hände weg von klassischen den Billig-Best-Of-Compilations, seien sie auch noch so günstig!
Oft sind das lausige und unterbelichtete frühe (Live-) Aufnahmen bekannter Künstler. Die Tonqualität ist normalerweise grauenhaft, der Informationsgehalt der Verpackung gleich 0, Frustfaktor daher 1000. Ausgenommen von dieser Regel natürlich Produkte von Rhino und dergleichen, Profilabels eben...
Dieser letzte Punkt scheint mir besonders spannend zu sein, bildet eine ewige Falle für alle, ausser man schafft sich sowas ganz bewusst und aus plausiblen Gründen an. Nachfolgend Beispiele aus den Seventies, CD's die ich kürzlich bei meinem bevorzugten 2nd-Hand-Händler aus dem Regal gefischt hab'...
HELLO – Best Of & Rarities (2005)
Okay, eigentlich hätte ich hier nicht zugreifen dürfen. Allerdings ist diese Zusammenstellung von REPERTOIRE und die machen selten etwas falsch (siehe Best-Of-Ausnahme unter Punkt 5). Na gut, der deutsche Wiederveröffentlichungsspezialist ist mittlerweile längst von innovativeren Labels (beispielsweise Cherry Red und seine diversen Sublabels) überholt worden, aber der Name steht noch immer für Qualität.
Anyway, HELLO die Band um den elfenhaft wirkenden Sänger/Gitarristen Bob Bradbury die bereits 1969 unter dem Namen THE AGE aktiv war, landete 1975 mit „New York Groove“ einen Hit. Entdeckt wurden sie 1972 von Russ Ballard, der Erfolg hielt sich aber in Grenzen, danach landeten sie dann bei SWEET-Produzent Phil Wainman. HELLO gehörten zwar zum sogenannten Glamrock, musikalisch wurden aber oft die Sixties (und die damals aktuelle Szene) geplündert, und das ein und andere Riff (oft von Bluesharp unterstützt) beschaffte man sich ungeniert bei Bluesklassikern. Negativ wirken sich die bei den frühen SLADE abgekupferten Groove-Stampfeinlagen aus, bei HELLO gerieten die allzu offensichtlich zur ordinären Diskotheken-Mitklatscherei. Im Gegensatz dazu macht aber ein mit gephastem Gesang ausgestatteter Song wie „Teenage Revolution“ oder das witzige Boogie/Rock'n'Roll-Ding „Where's The Party“ wirklich Spass. HELLO verpassten es einen unverkennbaren Stil zu entwickeln, trotz guter Ansätze waren die vielen musikalischen (von Produzenten verursachten?) Richtungswechsel nicht gerade förderlich bei der Selbstfindung.
Wie viele andere Glammer wurden HELLO ein Opfer von Disco und Punk, 1978 löste sich die Truppe auf. Bob Bradbury ist seit ein paar Jahren mit einer neuen HELLO-Formation unterwegs an Oldie-Festivals...
www.helloband.co.uk
HOT CHOCOLATE – A's, B's & Rarities (2004)
In diesem Fall keine klassisch-herkömmliche „Best Of“, wer eine Greatest-Hits-Zusammenstellung dieses Dancefloor-Acts hier haben will, der müsste jedoch nach dem Durchlesen von Punkt 5 die Pfoten davon lassen, denn leider gibt es auch bei den späteren Discostars HOT CHOCOLATE schrecklich lieblos zusammengeschusterte Low-Budget-CD's.
Die EMI-Reihe „A's, B's & Rarities“ richtet sich hingegen eher an Spezialisten wie mich, die sich von gewissen Bands auch noch die letzte Alternativ-Version einer Single-B-Seite ins Regal stellen müssen. Der Forscherdrang wird denn auch gleich zu Beginn der Scheibe mit „Give Peace A Chance“ / „Living Without Tomorrow“ belohnt, die ersten, karibisch beeinflussten Aufnahmen die John Lennon dermassen gut gefielen, dass sie bei Apple als Single veröffentlicht wurden. 1972 folgte dann schon „You Could Have Been A Lady“ (Singleversion, da waren sie bereits im Stall von Mickie Most zuhause), ein umwerfendes, elektrisierendes Crossover-Beispiel von 1971, ein wilder Stilmix aus Pop und Rock den die Truppe um den glatzköpfigen Sänger Errol Brown später noch veredelte und zu einer noch viel gefährlicheren Bombe schärfte. Da waren sie eh Meister in diesem Fach, wenn ein Song nicht auf Anhieb funktionierte wie sie wollten, oder wenn er sich live veränderte, dann musste er im Studio oft nochmals auf den Seziertisch, da wurden dann die Riffs und Beats überarbeitet, geschärft und prägnater herausgeschält.
Fazit: Wie gesagt, das ist eine Compilation die sich an Fans richtet, an Freaks die in die Tiefe gehen wollen, Liebhaber die sich auch die remasterten Original-Alben von HOT CHOCOLATE kaufen und diese Zusammenstellung wegen der "B's & Rarities“ zur Ergänzung ebenfalls haben sollten. Wer eine saubere (langweilige) Hintergrundberieslung sucht, der liegt hier total falsch, sollte unbedingt nochmals die eingehenden Erläuterungen, insbesondere Punkt 5 studieren...
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