…and than there were two. Das große Trio des osteuropäischen Progrocks
(Skrzek/Antymos/Piotrowski) liefert in Duobesetzung (Skrzek/Antymos) ein beeindruckendes Vermächtnisalbum ab.
Kurz vor dem Erreichen des Rentenalters ziehen hier zwei absolute Autoritäten Bilanz über eine erfüllte Karriere von der unbekannten „Schlesischen Blues-Band“ zu künstlerischer Eigenständigkeit einer suchenden - abreißenden -(Musik ständig neu)bauenden Supergroup „Search-Break-Built“. Ihr Weg führte sie über die Stationen Czeslaw Niemen, Westtourneen u.a. Roskilde, das Schweigen in der Jaruzelski-Zeit hinweg in die Jahre der 3. Karriere 1993 bis 2012.
Hätte Papst Johannes Paul II. das eine oder andere Jahr länger leben können, hätte er vermutlich Niemen selig gesprochen. Der Vater der musikalischen Zivilcourage genießt heute in Polen auch ohne dies gottgleiche Verehrung. Und eben der holte sich 1971 drei Nobodies als Band ins Boot, weil er vor allem die musikalische Begabung Josef Skrzeks erkannt hatte, der ebenso genial Bass wie Orgel spielen konnte. Skrzek kannte seinen Wert und hatte seinen Stolz – deshalb kam es schon nach anderthalb erfolgreichen Jahren wieder zum Bruch. Zu sehr stand der berühmte Band-Chef im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, zuwenig viel für die Sidemen ab.
Wenn man eine Weltkarriere im Schatten eines Superstars ausschlägt, kann das bedeuten, dass man schlecht und recht bei Null anfängt und diesen zweiten Start nicht hinbekommt.
Es kamen tatsächlich 3 Jahre des „kleinen Brötchen backens“ und der Stilsuche – aber der zweite Start gelang dennoch ab LP Nr.3 „Pamiec“: mit extravagantem Fusionrock a la Emerson Lake and Schulze(Klaus) meets Kraan. Sie vollbringen allen ernstes das Kunststück, wirre Krautrockdudelei zu optimieren und dutzendweise spannende, melodiöse 10-und 20minüter zu erschaffen. Und somit bestiegen sie 1975 unangefochten den verwaisten Ostrock-Thron, da Niemen sich in den Freejazz verabschiedet hatte. Weder Omega oder Lokomotv GT (Ungarn) noch Stern Combo oder Lift (DDR) konnten dagegen anstinken, denn niemand hatte das Kunststück zu bieten, im Ausland eine „Freedom-Suite“ (= „Going away“ auf der LP Follow my dream) veröffentlicht zu haben. Noch beachtlicher war, dass SBB es 1978 fertig gebracht hatte, einem sozialistischen Bruderland einen Politrocktrojaner unterzujubeln, als sie in Prag eine LP einspielten mit überdeutlichem Bezug zur Vertreibung kritischer Geister. (LP Wolanie o brzek Szkla)
SBB erreichen ihre Wirkung dabei nahezu wortlos. Ihre langen Werke sind entweder Instrumentals oder beschränken sich auf 2-3 Zeilen Text, sowie auf überdeutlich sprechende Songtitel: „Hilferuf aus geborstenen Scheiben“, „Was Worte nicht sagen können(dürfen)“, „Denk mal“…
Aber LP Nr. 1 in Polen war zunächst ein erbettelter Gnadenakt der staatlichen Plattenfirma.
Das Vinyl beinhaltet den Torso eines Live-Konzerts, an dem wild herumgekürzt und ausgeblendet wurde, sodass der eigentliche Flow, den SBB Konzerte immer haben, gar nicht nachvollzogen werden kann. Erst in den 90ern, im CD Zeitalter konnte dieses erste Kapitel in berichtigter Form und mit doppelter Länge erscheinen, wodurch der Gesamteindruck seeeeehr gewann.
Nach LP Nr. 5 (in Polen) war jedoch fast ein Jahrzehnt lang Schluss.
Es war die Zeit des Ausnahmezustandes unter Jaruzelski. SBB tourten nicht, veröffentlichten nichts, blieben aber auch nicht untätig. Sie wollten lediglich nicht in den Ruf von „Staatsrockern“ geraten. Jeder der 3 förderte junge Talente als Sessionmusiker oder Produzent. Alle 3 organisierten Undergroundsessions in der heimatlichen Kattowitzer Region für Solidarnosc-Bands. Und ab 1993 wagten sie sich (zunächst nur mit alten Stücken) wieder auf die Bühnen Polens.
Die neueren Stücke, die ab den späten 90ern entstanden, reichen nur mit Mühe an das Niveau der 70er heran. In dieser Hinsicht geht es den alt gewordenen Superstars weltweit ähnlich. Umso beachtlicher fällt nun das namenlose Werk von 2012 aus:
Skrzek mag in seiner Musikantenscheune gesessen - und auf seinen Keyboards vor sich hinphantasiert haben, als sein alter Kampfgefährte Antymos vorbei schaute, sich auf einen freien Hocker setzte, die Gitarre einstöpselte und sich wie gewohnt in die musikalischen Ideen seines Chefs hineinfand. Tags darauf fanden beide gut, was sich da gestern abgespeichert hatte. Nur die Drums fehlten eben, weil ihr 3. Mann seit den 90ern lieber in Gods own country lebte. Also griff am Tag Nr.2 Antymos zu den Sticks und siehe – der Geist des verschollenen Drummers fuhr in ihn und er trommelte just so, wie er es ein gutes Jahrzehnt lang immer hinter sich hatte wummern hören: Piotrowski-Style.
Musik zu einem (bisher) nicht existierenden Film: Von den nebelhaften unklaren Anfängen der Nachwuchsband (1969) hangeln sich die beiden zu den krummen Takten der Niemenzeit(1971/72) und danach durch die Krise des Neuanfangs (73); dann wird der Sound spürbar straighter im Track “74“: Die neue Richtung ist gefunden! Das SBB-Schiff hebt ab zum Höhenflug; zunächst sakral, dann space-rockig; Roskilde-Festival-Teilnahme 1978, Jahre der Entwicklung; Sturz in die 80er: Jaruzelski-Years; wieder Nebelstocherei und einmal mehr Aufbruch in den 90ern - diesmal in filigraner Abgeklärtheit.
Zum Schluss ein sehr melancholischer Longtrack namens „Requiem“ –
Auf sich selbst? Auf vermisste Weggefährten? Auf eine Zeit, in der Musik noch wichtig war?
Welch ein Schlussakkord nach so vielen Jahren auf Messers Schneide!
(Hoffentlich widerstehen sie der Versuchung, in der ihnen noch verbleibenden Zeit, wieder schwächere Nachfolgealben zu erzeugen.)
SBB (2012) (Metal mind production)
Piwnica
Niemen
Bunkry wiedenskie
74
Zwatpienie lakisa
Aries
Urodziny W roskilde
Rozstanie
Ameryka
Nowy wiek
Lot nad Chicago
Seged
Muzy
Memento
Zaufanie
Requiem
das Sakramentale/schön - wer es hört und sieht/ doch Hunde und Schakale/ die haben auch ihr Lied
das Krächzen der Raben/ist auch ein Stück/dumm sein und Arbeit haben - das ist das Glück. (Gottfried Benn)
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