Eine Platte für Freunde des Basses, und - zwei Bässe sind besser! (Oder?) Ja, der am 17. Januar 1953 in New York geborene E-Bassist Jeff Berlin bekommt hier Unterstützung vom Keyboarder Richard Drexler, der zusätzlich einen akustischen Bass spielt. Hilfe erhalten die beiden von einem guten alten Bekannten, dem Schlagzeuger Mike Clark, einigen vielleicht als Mitstreiter von Herbie Hancock zu dessen elektrischen Zeiten bekannt.

Es geht sofort flott zur Sache. Der Opener bringt sogleich Assoziationen ins Spiel, klingt Berlins Spiel doch klar in Richtung seines Kollegen Jaco Pastorius, der ihn einmal als besseren Solisten als sich selbst bezeichnet haben soll. Nun, die Spielweise ist in der Tat ähnlich, aber Berlin ist jedoch beileibe kein Imitator, noch war Jaco einer. Beide waren in etwa zur gleichen Zeit aktiv. Während Pastorius den bundlosen Bass bevorzugte, spielt sein Kollege Instrumente mit Bund.

Berlin kennen vielleicht einige noch von seiner Mitarbeit bei Bill Bruford und seit 1985 gibt es auch regelmäßige Soloveröffentlichungen, zuletzt 2010 mit dem Album "High Standards" - nun folgt "Low Standards". Das bedeutet keine Abwertung, sondern soll angeblich ausdrücken, dass der Künstler im Gegensatz zum Vorgänger weniger bekannte Stücke auswählte. Denn konträr zum Titel ist das Gebotene sicher kein Standard und schon gar kein niedriger. Musikalisch ist es allererste Sahne, die hier geboten wird. Dabei besticht Berlin mit seiner grandiosen Pizzicato-Technik und stellt sein Instrument als Soloinstrument klar in den Vordergrund. Das ergibt natürlich ein sehr ungewöhnliches Klangbild, fast marschiert der Bass in Richtung Gitarre.

Der Bassist scheint die Musik von Wayne Shorter zu lieben, dieses 'Saxers', der unter anderem mit Joe Zawinul und Jaco Pastorius zeitweilig den Kern von Weather Report bildete. Und somit ist der Kreis wieder geschlossen, auch insofern, als Jeff seinerzeit von Zawinul abgelehnt wurde, in jener Band mitzuspielen. Drei Shorter-Kompositionen also, die allesamt mit hervorragender Qualität und eigenem Ausdruck interpretiert werden.

Natürlich auch der Titel des Basskollegen Swallow, mit dem Berlin sicher ebenfalls Gemeinsamkeiten innehat. Sein "Falling Grace" wird mit großartig harmonischem Schönklang vorgestellt. Neben Elementen aus Fusion und Jazz Rock ist auch swingender Jazz stark vertreten. "Fee Fi Fo Fum" ist ein gutes Beispiel dafür, übrigens eines der beiden Stücke ohne Piano-Einsatz. Ansonsten wechselt Drexler bei den anderen Titeln zwischen beiden Instrumenten. Sehr schön auch sein Solo mit dem akustischen Bass auf dem soeben genannten Song.

Die Band ist wirklich hervorragend und ich staune, wie der mir aus Funk und Fusion bekannte Drummer Clark hier sehr vielseitig agiert und sich als hervorragender Musiker outet.
Über Jeff Berlin hat man gesagt, dass er alle Stilrichtungen beherrsche - von Jazz über Fusion hin zum Prog Rock und das stets auf höchstem musikalischen Niveau. Dem kann ich - diese Platte betreffend - nur zustimmen, und auch unser Hund, der die ganze Zeit aufmerksam mithörte, bellte nur: "Wow"!


Jeff Berlin (electric bass)
Richard Drexler (piano and acoustic bass)
Mike Clark (drums)



01:E.S.P. [Wayne Shorter] (4:52)
02:El Gaucho [Wayne Shorter (5:10)
03:Falling Grace [Steve Swallow] (5:32)
04:Fee Fi Fo Fum [Wayne Shorter] (6:14)
05:Vashkar [Carla Bley] (4:26)
06:Very Early [Bill Evans] (6:25)
07:Whisper Not [Benny Golson] (6:00)
08:James [Pat Metheny/Lyle Mays] (6:03)

Wolfgang