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Thema: Songpoeten und Mauerzeit (Maurenbrecher, Mey & Co)

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    Standard Songpoeten und Mauerzeit (Maurenbrecher, Mey & Co)

    Spätsommerliche Lichtverhältnisse auf der Autobahn im September 2013; seit langer, langer Zeit hat es mal wieder die Best of Volker Lechtenbrink in den Playerschlitz geschafft. Ab und an brauch ich einfach so Sachen wie „Volker und das Kind“ und „dahinten die Dame“. Andererseits stellt sich bei „Ich mag“ oder „Oma auf der Wolke“ wie immer sofort der Fremdschämeffekt ein. Aber irgendwie gehört er eben doch dazu. Und so kam es, dass ich mental bald auf einer ganz anderen Reise war, als der, die da vor meiner Windschutzscheibe gerade ablief:

    Da war mal eine Zeit „aus erster Qualität“, wie einst André Heller sang, in der man jung, naiv und ungeduldig war, weil man sich festgetackert wähnte in der heilen Welt des Sozialismus, in der man komischerweise immer mehr Gängelei-Erfahrung mitbekam. Die Gier nach subversivem Liedgut wuchs deshalb. Die Richtung war egal. Hauptsache es warf einen provokanten Spruch ab, der intelligent genug klang, um Diskussionen auszulösen statt plump abgewürgt zu werden: „Wo hamsen das her, Juchendfreund? Wohl Klassenfeind-TV jeguckt, wa!“ Oder der bestätigte, was man selber dachte, obwohl die eigene Meinung eher in den eigenen 4 Wänden bleiben musste: Denk’s dir, aber sag’s nicht!

    Reinhard Mey war da äußerst hilfreich: „Rechnet nicht mit mir beim Fahnen schwenken. Ganz gleich welcher Farbe sie auch sein/ ich bin noch im Stand allein zu denken/ und verkneif mir das Parolen schrein…“ oder „Ich will hier raus/ich hab genug/ ich bin schon viel zu lange hier“ vor allem wegen der Schlussstrophe dieses Liedes „war heut am Bahnhof um zu seh’n, ob es schon für die Karte reicht, dann blieb ich an der Sperre steh’n, mein Mut hat weiter nicht gereicht.“ Man male sich mal aus, wie solche Verse einschlugen in einem Land mit Pflichtteilnahme an 1.Mai-Demo und OdF-Gedenk-Appellen, mit FDJ-Pfingsttreffen inclusive Aufmarsch, Republiksgeburtstags-Demos, SED-Parteitags-Tamtam… und ganz ganz viel Verboten. Aus heutiger Sicht alles Nordkorea-Style.

    Auch „bevor ich mit den Wölfen heule“, „über den Wolken“, „die Zeit des Gauklers ist vorbei“, das mystische „Caspar“ und-und-und… gingen sofort unter die Haut.

    „Reinhard Mey 20 Uhr“ hieß das Live-Album, das anno 1975 weihevoll schweigend noch per Mikrophonaufnahme von Platte auf Kassette aufgenommen werden musste, da die Musiktruhe des LP-Besitzers keinen Diodenkabelausgang hatte. Dieses Album kennen zu lernen verabreichte zugleich die Erkenntnis, dass Mey KEIN reiner Blödelbarde war, wie so viele andere zu der Zeit.

    Zeitchen später kamen die großen Österreicher in Mode. Danzer, Ambros, Heller und ein kleinwenig auch Hirsch und Cornelius. Packend. Emotional und intellektuell im Gleichgewicht normaler Vernunft. Weitgehend ohne Zeigefingerei und Fanatismus für irgendwelche Erlöserutopien. Weeeeit weg von Süverkrüp & Co.

    Auch Mario Hené aus Westberlin war eine beachtliche Hausnummer. Der NDR stellte 1978 seine LP „Unter der gleichen Sonne“ vor und eben dieser Titelsong ging mir mitschneidetechnisch damals durch die Lappen. Extrem ärgerlich, weil in der 2. Strophe von „Inhaftierten in einem anderen Land“ gesungen wird, die nur deshalb einsitzen, weil sie „Fragen stellten“ die unbequem waren! Die Skandale um Renft, Bahro und Biermann waren noch taufrisch und unbewältigt!
    In der gleichen Sendung wurden aber noch die „Kinder der Nacht“ gespielt und diese Aufnahme gelang! Es war zudem die letzte nennenswerte deutschsprachige Liedgutbeute der Schulzeit. Alle Zeichen standen 1979 auf Veränderung. Zunächst Einberufung --- in eine Kaserne am anderen Ende der Täterätätä im hohen Norden Vorpommerns: doppelter Kulturschock.
    Nord-Süd-Mentalitätskluft plus EK-Schikane und NVA-Jargon.
    Da freut man sich dann, auf Wache ziehen zu können: Rumstehen - aber in Ruhe gelassen werden! Sich an Mutmacherzeilen erinnern wie die von Mario Hené „…wir herrschen nicht und wir sind keine Sklaven, weil wir das Saatkorn der Freiheit im Herzen tragen (…) wir sind das Gespenst, das den Bürger erschreckt, weil unser Anblick etwas in ihm zum Leben erweckt, das ihn manchmal quält, wenn er schlaflos die Sterne zählt (…) (Menschlichkeit) wird besteh’n, wenn wir lernen zusammen zu gehen…“ Solche Zeilen im Kopf machen immun gegen ganztägiges Politunterrichtsritual mit Feindbildpflege mehrmals pro Diensthalbjahr.
    Hené gelang kein Durchbruch. Leider.

    Wecker, Wader, Degenhardt konnte ich während des Studiums, meiner Kommilitonen wegen, nicht entgehen – von jedem dieser 3 Barden könnte ich ein paar Texte nennen, die auch mir gefallen. Ins Herz geschlossen hab ich die Herren nicht. Zu DDR-Konform, zeitweilig anbiedernd sangen sie Singeklub kompatibles Zeug. Bei Degenhardt kommt wie bei Biermann dieses aufdringlich missionierende Getue dazu, dieses besserwisserische Dauergrinsen beim Deklamieren der selbstverfassten Dogmen des Andersseins – brrrr – das kannte man schon vom eigenen Stabülehrer, da sucht sich das Radio schon fast von selbst einen anderen Sender, wenn derartiges mal erklang.

    Herwig Mitteregger, Ulla Meinecke und Manfred Maurenbrecher – deutlich besser. Bis heute anhörbar. Mittereggers „Hör ma Rudi“, Meineckes ganze „Wenn schon nicht für immer…“LP und Maurenbrechers „Viel zu schön“(Meisterwerk) sind Sternstunden gelungener Rockpoesie: … Schieß die Lichter aus! ….50 Wege deinen Liebsten zu verlassen (schönste deutschsprachige Coverversion, die mir gerade einfällt)… Avignon Sonntag morgen… leih mir deine Zigarette, ich zünd meine daran an…
    Mutmacher, Frusttröster, Stimmungsbildarchivare für die Ewigkeit.

    Dagegen Hermann van Veen… der Langzeithype, von dem fast nichts übrig blieb:
    „Kleiner Fratz auf dem Kinderrad“, die Mode der hyperintellektuellen Kinderlieder damals (Kinder an die Macht, sind so kleine Hände, Menschenjunges) erdacht, ersehnt von zumeist kinderlosen Künstlerseelen, beklatscht und bejubelt von ebenso jungfräulichem Publikum. Dann gingen die Jahre ins Land: mit etwas mehr Lebenserfahrung (und einer eventuellen beruflich bedingten Überdosis „Kind“ intus) stellst du dann bestenfalls noch fest: „aller guten Dinge sind drei“ (R. Mey). Auch der Rest der van Veen Kunst kommt mir heute wie aus der Zeit gefallen vor. Die Ehemalige erlaubte den Erbauern des Sozialismus einst zwei Lizenz-LPs. Ich habe beide noch. „Eine Geschichte von Gott“ und den gelungenen Elvis-Nachruf „das einfach gefühlvolle Liebeslied“ sucht man dort vergebens. Was stattdessen zu finden ist, stammt vermutlich zusammengesiebt von zig Original LPs und konnte deshalb nie recht wirken. Aber man hörte es sich eben schön in der Zeit der mangelhaften Zufuhr.
    Wo isse hin, die Wirkung von einst? Verkopft, verkrampft, metaphernarm und irgendwie langweilig finde ich das heute.

    Und im Osten?

    Barbara Thalheim galt in den 80ern als so eine Art Kunstlied-Chanteuse, ostdeutsche weibliche Variante von Hermann van Veen mit deutlicher Schlagseite zur „Frauenproblematik“. Ihre LPs waren mir immer eigenartig unanhörbar: Verzicht auf eingängige Melodien, Texte eher doziert als gesungen, manche Zeile wie zufällig eingestreut, bedeutungsschwangere Nichtigkeiten … dann so ca. 1988 musste ich mal mit in ein Konzert von ihr - und dort, wie so oft im altem Osten, passierten unverblümtere Botschaften in Form unvertont vorgelesener Texte und Tonbandcollagen über Scheindemokratie und Lehrplanmisere. Beeindruckend! Ihre LPs aber blieben mir trotzdem fremd.

    Gerhard Schöne Lieder lernte ich während der Armeezeit kennen, vor seiner ersten LP Veröffentlichung. Die Songs, die der Bassist der Regimentsband 1980 von Kirchenauftritten her kannte und abends „auf Bude“ interessierten Freunden subversiv zu Gehör brachte, waren durchzogen von kluger maßvoller Opposition, Sehnsucht nach kindlich wahrem Heldentum und dem Geist des „Verändere, was du verändern kannst … nimm hin, was du nicht verändern kannst… pflege die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Als die LP draußen war, hielt ich somit den Beweis in Händen: Seine besten Lieder waren da nicht drauf. Das Lektorat hatte wiedermal domestizierend eingegriffen. Gerademal „Highlife in the city“ hatte es auf Platte geschafft. Es ging um einen Aussteiger, der auf dem Lupinen-Anger wohnt: „und er las Sartre, Karl May und Sigmund Freud…“ (bis 1983 in der DDR verpönt und nicht verlegte Autoren, gerade eben aber doch erschienen) dagegen gibt es meines Wissens nach „Das macht die Wüste schön“ und „Itze-Atze-Drachenblut“ bis heute nicht auf CD. In beiden Songs ging es um das stille Aufbegehren durch kleine Gesten im großen Phrasenalltag. Abgesehen von seinen Kinderliedplatten gefiel mir seine zweite LP für Erwachsene deutlich besser. Sie enthielt meinen Schöne-Hit: "Als mein gelber Wellensittich aus dem Fenster flog".
    Die Brisanz seiner Botschaften steigerte sich in den 80ern bis hin zum Doppelalbum „Du hast es nur noch nicht probiert“; ein Zensurwunder 1989 zeitgleich mit Sillys „Februar“ LP. Inzwischen aber zeigt sich: Letztere trotzte den Zeitläufen erfolgreicher. Gerhard Schönes Tipps (z.B. den Regierungskonvoi aufzuhalten und dem Volksvertreter mal die Meinung zu sagen) wirken auf mich dagegen heute nicht mehr mutig-frech, sondern blauäugig-doof. Gorby-Mut hin oder her.

    Stefan Krawzcyk, Bettina Wegner, Hans-Eckhardt Wenzel, die Bierfiedler, Arno Schmidt & Band …
    Von jedem von ihnen bleiben richtige Knüller, aber auch viel Füllgedudel.
    Ich hab so meine Schwierigkeiten mit den Hardcore-Liedermachern: Sie schauen hin und können mich mit treffend einfachen Formulierungen zu Missständen aller Art packen:
    „Es ist das alte Lied“ und „Mensch Günther“ von Arno Schmidt & Band (Texte: Ed Stuhler) sind so Paradebeispiele. Natürlich kann auf einer zensierten LP Veröffentlichung nicht jeder Song eine Dissidentenhymne sein, aber Liebeslieder gelingen ihnen äußerst selten (positive Ausnahmen "sie ist mein zuhaus" (auch A.Schmidt/E.Stuhler) bzw. "ich will dich" und "Löhrstrasse"(Bierfiedler). Somit überwiegen gereimte Nichtigkeiten und per Quetschkommode zerdudelte Trädischinälls, die meine Fanwerdung verhinderten.
    (Hans-Eckardt Wenzels Begeisterung für Theodor Kramer Gedichte, die er immer mal wieder vertont, muss hier aber ausdrücklich noch Erwähnung finden. Wer würde sonst heute noch Theodor Kramer kennen? Kramer lesen lohnt sich.)

    Bei Georg Danzer und Reinhard Mey ist die Trefferquote für meinen Geschmack deutlich höher. Vor allem bei Mey gibt es auch diese Songs der Selbstbespieglung – aber mit weniger Hang zum hyperimpressionistischen Elfenbeinturmsyndrom, sondern entweder humorig-selbstironisch oder mit Mut zum sentimentalen Kitsch.
    Mitte der 90er hatte er noch mal ein spätes Hoch: Die LPs „Alles geht“, „Leuchtfeuer“, "Flaschenpost" und „Immer weiter“ enthalten einige seeeehr gute Songs. Die „Würde des Schweins“, „Lilienthals Traum“, „Nein ich lass dich nicht allein“ und „gib mir Musik“ möchte ich nicht missen.
    Ganz zu schweigen vom „ Biker“ – DER späten Glanznummer überhaupt!

    Und immer noch sang der Lechtenbrink im Wagen:

    Musikalisch betrachtet war er so ein „Zwischending“. Zu gut für Schlager, zu schlecht für Rock, zu grausliche Arrangements für Liedermacher. Dabei war der Anspruch ein guter: Kristofferson bzw. W. Jennings auf Deutsch hätte es werden sollen. Hmm. Vieles, was auf Englisch gut und glaubwürdig klingt, wirkt eins zu eins übertragen schnell ungekonnt kitschig. Fehlt’s dann gar am knarzig-grummeligen Vortrag (der Spieler) oder tauchen plötzlich Original Oberkrainer Trompeten auf (meine Tür steht immer offen) behindert’s die Wirkung erheblich. Jammerschade, denn gerade diese beiden Nummern hätten fast funktioniert.
    „Leben so wie ich es mag“ alias „Tulsa time“ dagegen geht mit hach-was-bin-ich-unangepasst-Message, Pseudo-Wut-Intonation auf zahnlosen Gitarren im early-Maffay-Auto-Scooter-Sound gleich ganz und gar ins Beinkleid.

    Hörst du Jennings oder Kristofferson – siehst du den knarzigen einsamen Wolf vollbärtig hinterm Lenkrad, wie er seinen Pickup zwischen die Kakteen setzt und auf die nackte Hippie-Fee wartet, die gleich kommen muss (siehe vanishing point/Grenzpunkt Null).
    Hörst du Lechtenbrink – sitzt du statt dessen auf einer Silberhochzeit in der Kleingartensparte „Saaleblick“ zwischen deiner mehr oder weniger übergewichtigen Verwandtschaft, wayback in den 70s; und Oma Elfriede schiebt Onkel Erwin (Goldkettchen am Handgelenk, Westbesuch) übern Tanzboden; als Dankeschön für Tosca, Toblerone und die Heino-Kassetten; während draußen der Knudsen-Taunus zwischen Trabbis und Wartburgs parkt.

    „So töricht, wie die Zeiger der Uhren
    anzuhalten und zurückzudreh'n
    so töricht ist es auch, auf den Spuren
    lang vergang'ner Tage zu geh'n“ (R.Mey)

    Aber Spaß macht’s von Zeit zu Zeit doch.
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    das Sakramentale/schön - wer es hört und sieht/ doch Hunde und Schakale/ die haben auch ihr Lied
    das Krächzen der Raben/ist auch ein Stück/dumm sein und Arbeit haben - das ist das Glück. (Gottfried Benn)

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