+ Auf Thema antworten
Zeige Ergebnis 1 bis 2 von 2

Thema: Gwen McCrea sings TK (2007)

  1. #1
    Registriert seit
    14.06.2008
    Beiträge
    1,702

    Standard Gwen McCrae sings TK (2007)

    ... oder: Was im Phillysound begann, kann durchaus im Jazz enden

    Mellow hat seinen Narren gefressen an den Ventures. Und was er da zu Tage fördert an Entwicklungsbeweisen einer doch eher randständischen Band beeindruckt.
    Ventures, Sputniks, Shadows – alles eine Dudelsuppe würde man denken, wenn es die Mellow-Beiträge nicht gäbe.

    Die dunklen Nischen der Rockgeschichte entpuppen sich als Bewahrer „letzter Geheimnisse“; lange übersehen, plötzlich drauf gestoßen, um verblüfft festzustellen: Wow!


    Mir geht es dieser Tage ähnlich mit dem Philly-Sound. Als ich 13 war, war er „in“. Als ich 15 war und endlich einen Rekorder bekam, tummelten sich seine Vertreter zwischen Slade und BTO auf meinen ersten Kassetten, bald verdrängt von Hendrix und Pink Floyd…

    Aber die Prägemarke „Rock your Baby“ hielt vor und das Booklet von George McCrae’s Debut brachte mich auf Gwen McCrea. Ihr Album „Gwen McCrae sings TK“ läuft nun gute 4 Wochen in heavy rotation und ich ertappe mich dabei, dass es mir ergeht, wie Mellow mit den Ventures.


    Was unterscheidet den früh70er Phillysound vom Disco-Boom ab etwa’77? – Eigentlich nicht sehr viel, vor allem aber die wärmere Abmischung der aufwendigeren Arrangements, bis der Rationalisierungswahn zuschlug.
    Was lässt sich herausfinden über die Entstehungsgeschichte dieser Platte? – Nichts.
    Aber eine Menge interessantes über das TK Studio, seinen Gründer, die Talentepalette, die es dort 1970-75 gab … und-und-und….
    Welchen Umständen verdanken wir nun aber „Gwen McCrae sings TK“?

    Es könnte so gewesen sein:

    Wir schreiben 2007. Mysteriöse Einladungen gehen an eine Handvoll alte Herren aus der Miami Area und eine Dame; deren Gemeinsamkeiten sind: Alle sind über 60 und Musiker, die den großen Durchbruch und somit die große Anerkennung knapp verpassten. Auf einen mehr oder weniger großen Underground-Soul-Hit hat es für jeden von ihnen gereicht, aber die Anschlusstreffer waren ausgeblieben.
    Sie alle waren der Talenteschuppen des TK Studios Miami wayback in den 70ern bevor dieses 1981 schloss, weil der Disco-Boom abgewirtschaftet zu haben schien.

    Lange hatte man sich nicht gesehen und nun rief eben jene Einladung von „Mr. I.N. Cognito jr.“ sich zu treffen, in genau jenem 2nd Floor des Gebäudes, dass 30 Jahre zuvor „TK“ beheimatete. Der ganze Block steht z. Zt. leer, aber man solle keine Angst haben, die Polizei wisse Bescheid. Die Etage sei für eine Woche gemietet. Mr. Incognito wollte dort in würdiger Form „30 Jahre TK“ begehen. 1977 sei nun mal geschäftlich TKs bestes Jahr gewesen.
    Das Datum stieß den Geladenen zwar säuerlich auf, denn IHRE bescheidenen Erfolge hatten bereits vor ’77 stattgefunden. 1975-79 drehte sich ja alles lediglich noch um KC & The Sunshine Band, aber was soll’s – Lust auf diese Art „Klassentreffen“ hatten sie doch irgendwie, zumal auf der Gästeliste Richard Finch & Harry Wayne Casey fehlten, eben jene Macher der Sunshine Band. Protz- und Neiddebatten waren somit ausgeschlossen.

    Zwei alte Studiotechniker von damals waren auch noch aufgetrieben worden und die hatten als Vorbereitungskommando die Räumlichkeiten inspiziert. In einer Art Abstellkammer fanden sie, man glaubt es kaum, das große alte 72er Mischpult. Sie selbst hatten es dorthin entsorgt, als das größere 75er angeschafft worden war. Die Kammer war nie wieder geöffnet worden.
    Nun räumten sie das Unikum wieder ins ehemalige Studio, säuberten es und schlossen es an und siehe da: it works!
    Auf dem Ding wurde einst „Why can’t we live together“ recordet. Timmy Thomas' 15 Minuten Weltruhm. Und auch der wirkliche Welthit Nr.1 des Studios „Rock your Baby“ erblickte hier das Licht der Welt. George McCrea’s Lebensgrundlage.

    Als der besagte Abend kam, war das „Studio“ behelfsmäßig möbliert. Im Aufnahmeraum stand ein genau abgezähltes Halbrund billiger Gartenstühle. Wachskerzen all überall sorgten für Stimmung; an ein kaltes Buffet war gedacht; die Techniker warteten auf die VIPs der Gästeliste. Nach und nach trafen diese ein, erkannten sich teilweise oder gaben sich zu erkennen – Benny Latimore, George Perry, David Hudson, Timmy Thomas, Little Beaver, schließlich blieben 3 Stühle leer:
    „Unsere Lady fehlt.“
    „Und Mr. Incognito oder war das einer von euch?“
    Latimore räusperte sich und verkündete:
    „Gwen wird gleich noch kommen, wir hatten uns gedacht, ich bereite euch erst drauf vor: Sie ist meine Frau. Gratulationen sind nicht mehr nötig. Die Silberhochzeit steht bald ins Haus.“
    „Wow!“
    „Was wohl George dazu sagt? Weiß er das überhaupt?“
    „Lebt der überhaupt noch?“
    „Irgendwo in Germany, hab ich gelesen.“
    „In Hitlers Country? Da gehört er auch hin.“
    Latimore mischte sich hier ein zweites Mal in die Unterhaltung:
    „Unser Gastgeber wollte ihn auf die Liste setzen, hat aber gottlob vorher Gwen angerufen und gefragt und ihre Antwort war klar: Er oder ich.“
    „Schade eigentlich. Ich hätte auch Old Georgie gern mal wiedergesehen.“
    „ Incognito hat bei euch angerufen? Wisst ihr, wer es ist?“
    „Habt ihr seine Stimme erkannt?“
    Latimore grinst verschmitzt und krault sich den Skalp: „Er wird ja auch bald erscheinen. Wartet es halt ab.“

    Wie auf’s Stichwort Schritte auf dem Flur. Stimmen. Die Tür fliegt auf: Flurlicht beleuchtet 3 Personen von hinten:
    Auftritt Diva: Gwen McCrae! Glitzerfummel-Maxi-Kleid, Federboa und der unvermeidliche Schlachtruf geht in Gesang über: „Hallo, good evening from Mrs. „Rocking Chair“! Damn right! I better knock on wood!” Applaus der Umstehenden und entgeisterte Blicke auf die 2 männlichen weißen Begleiter: Finch und Casey. Letzterer gibt sich zu erkennen: „Ich bin’s wirklich, hätte ich euch unter meinem Namen eingeladen, wärt ihr nicht gekommen, stimmt’s?“

    Ein bisschen Gemurre; Räuspern; aber letztlich doch der Griff zum Glas und „gute Miene“ zur insgeheim befürchteten und nun eingetretenen Situation. „Der da hat sein Schäfchen längst und für alle Zeit im Trockenen und wir hier haben nothing to lose but the blues…“

    Im Laufe des Abends wird gesungen, gejammt und Finch und Casey gehen noch mal zum Auto und schleppen vergilbte Pappschachteln an, deren Format alle Anwesenden nur allzu gut kennen: Tonbandspulen! Die Masterbänder von einst!

    „Wenn ich jetzt - thats the way- singen soll, gehe ich!“, grummelt Timmy Thomas.
    „Wie wär’s mit DEINEM Hit im Duett mit Gwen?“, kontert Finch.
    „Im Ernst? Aber nach den alten Nummern kräht kein Hahn mehr.“
    „Kommt auf die Verpackung an. Ein, zwei Nummern werden wir maßvoll rappen müssen, da hilft alles nichts, aber wir haben hier eine Handvoll Leute, die einige der besten früh70er Soulklassiker eingesungen haben – und so was verlernt sich nicht. Ich kenne euer Spätwerk, ihr seit alle noch in a good shape!"

    Gesagt getan:

    Man nehme „Rocking Chair“, „Why can’t we live together“, „Let’s straighten it out“, dazu noch den ein oder anderen zu unrecht vergessenen Songdiamant von Gwens 70er Alben, z.B. „90% of me“ und „Party down“ und verpasse diesen Nummern eine wohldosierte Bluttransfusion: Drums and Bass als Grundlage kräftiger als zu Phillyzeiten, Slap-Bass-Tupfer hie und da, aber alles nicht so krass wie in den 80ern, Streicher nicht so dominant und eh nur in Keyboardsparversion, statt dessen filigrane Klaviereinlagen (Latimore), Gitarrensprengsel(Perry) und vor allem diese ausgeprägten Stimmen: Timmy Thomas so warm und jung wie eh und je, Hudson markiert den Rapper, als hätte er eben noch an der brennenden Mülltonne gestanden, der Clou aber ist Gwens Gesangsleistung, die im Unterschied zu den 70ern eine gefühlte Oktave tiefer singt und deutlich jazziger phrasiert. Und so klingt die Platte dann, als habe Sade Adu eine ältere Schwester.

    „I’m a Jaaaaaazz Freak! Nothing but a Jaaazz Freak…” – Track 4 – wird zum frühen Highlight der Platte. Finger-snip-slow-Swing in der Machart des ganz alten Frank Sinatra mit einer Endlosaufzählung von Idolen einer anderen Zeit: Ella Fitzgerald, Count Basie, George Benson… sowie einer umfangreichen Danksagung von „Mrs. Rocking Chair“ an Helfer und Begleiter ihres Werdegangs. Namedropping en Masse. Eine sehr feine Nummer.

    EIN Name allerdings fehlt: George. DER kommt in ihrem Leben nicht mehr vor.
    Von 1963-1977 waren sie verheiratet. Die letzten 3 Jahre waren die Hölle. Nach seinem Erfolg mit „Rock your Baby“ war es mit ihm nicht mehr auszuhalten.
    Dabei wäre „Rock your Baby“ einmal fast IHR Song geworden. Casey hatte Ihr den Song angeboten und sie hatte ihn eingesungen. Dann kam er jedoch noch auf die Idee, den Song auch von George singen zu lassen und der hatte die Idee mit den langgezogenen Kopfstimmentönen… Welt-Hit für ihn … Tina-Turner-Schicksal für sie…
    Das Lied aber mag sie immer noch. Und so landet es auch hier wieder auf der Tracklist.

    1. Rocking chair (with Latimore)
    2. Rock your Baby
    3. What you wont do for love
    4. Jazz freak
    5. Please don’t go
    6. Let’s straighten it out (with Latimore)
    7. keep it comin’ love (with KC from the Sunshine Band)
    8. why can’t we live together (with Timmy Thomas)
    9. 90% of me is you
    10. clean up woman
    11. party down
    12. misty blue
    13. honey honey (with David Hudson)
    14. You gotta love me (like I love me) (with KC)
    15. Rocking chair (one more time)

    Gwen McCrae könnte man in ihren jungen Jahren als Phillysound-Aretha ansehen.
    Ihre Stimme hatte allzeit etwas warm anheimelndes, klang aber irgendwie „dazwischen“, so unweiblich. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass ihre Veröffentlichungen, sauber gesungen und gut bis sehr gut arrangiert, eben doch nicht durch die Decke gingen.

    Donna Summer keuchte sich zum Erfolg.
    Penny McLean schrie ihren herbei.
    Gloria Gaynor war die temperamentvollere Konkurrentin, die ein Quäntchen mehr Dampf in ihre Erfolgssongs packen konnte, was allerdings auch ihr keine Langzeitkarriere einbrachte.
    Ami Stewart? Shirley and Company? The 3 Degrees?
    Von der Bildfläche verschwunden sind die Damen heute alle.

    Gwen McCrae war nie „in“, konnte deshalb auch nie „out“ sein und legt nun hier ganz unaufgeregt eine Art jazzifizierte Lebensbilanz vor: Das Beste aus 5 Jahren gesungen mit der Inbrunst aus 6 ½ gelebten Jahrzehnten. Mahalia Jackson und Ella Fitzgerald würden sie umarmen.
    Miniaturansicht angehängter Grafiken Miniaturansicht angehängter Grafiken Klicke auf die Grafik für eine größere Ansicht

Name:	Gwen.jpg
Hits:	97
Größe:	31.2 KB
ID:	11771  
    das Sakramentale/schön - wer es hört und sieht/ doch Hunde und Schakale/ die haben auch ihr Lied
    das Krächzen der Raben/ist auch ein Stück/dumm sein und Arbeit haben - das ist das Glück. (Gottfried Benn)

  2. #2
    Registriert seit
    14.12.2005
    Beiträge
    4,150

    Standard AW: Gwen McCrea sings TK (2007)

    Zitat Zitat von bludgeon Beitrag anzeigen
    Die dunklen Nischen der Rockgeschichte entpuppen sich als Bewahrer „letzter Geheimnisse“; lange übersehen, plötzlich drauf gestoßen, um verblüfft festzustellen: Wow![/I]
    GENAU!
    That's it auf den Punkt gebracht - man braucht bloss die Fühler auszustrecken und Augen und Ohren weit genug aufzusperren.

    Der DANKE-Drücker geht leider nur einmal.
    Schade eigentlich bei so einem überwältigenden Beitrag...


+ Auf Thema antworten

Ähnliche Themen

  1. 2007
    Von remo4 im Forum Alben des Jahres...
    Antworten: 12
    Letzter Beitrag: 20.01.2011, 22:15
  2. Patty Waters – Sings
    Von firebyrd im Forum Die Jazz und Blues Ecke
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 27.10.2009, 19:27
  3. Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 19.05.2008, 22:59
  4. The Audience Sings
    Von Willi Winzig im Forum Let's talk about..
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 30.11.2007, 23:01
  5. BILLY COBHAM – A Funky Thide Of Sings
    Von firebyrd im Forum Die Jazz und Blues Ecke
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 25.07.2006, 09:10

Lesezeichen

Lesezeichen

Forumregeln

  • Es ist dir nicht erlaubt, neue Themen zu verfassen.
  • Es ist dir erlaubt, auf Beiträge zu antworten.
  • Es ist dir nicht erlaubt, Anhänge hochzuladen.
  • Es ist dir nicht erlaubt, deine Beiträge zu bearbeiten.
  •