Geboren in Florida, aufgewachsen in Cleveland. Das musste erst mal bringen! Keine Ahnung, was in meine Erzeuger gefahren ist: Geradeaus vom Paradies in die Scheiße.
Aber auch irgendwie typisch für viele von uns.
Die Kindheit – das waren die 50er, da waren in Cleveland wenigstens noch die Autos schön. Vorausgesetzt, du konntest sie sehen im Dauersmog.
Cleveland ist das wahre Amerika. Nix New York Groove, nix never rains in southern California! It ever stinks in Midwest-City! Und nicht nur dort! Meine Jugend fiel zusammen mit dem Krieg in "Nam". Unsere älteren Brüder waren da. Manche kamen nicht zurück. Manche doch, bzw. das, was der Dschungel da von ihnen übrig gelassen hatte. Altersmäßig hätte es mich kurz vor Schluss auch noch erwischen können, aber da war schon keine Wehrpflicht mehr und zum freiwillig melden war ich nicht doof genug. Es saßen genügend Drogenwracks und Traumatisierte herum in unserm „schönen“ Creepyland.
Mein Leben sollte mehr sein, als 1 Jahr im Busch und 20 im Rollstuhl oder so!
Wenn in der Schule die Lehrer einen auf Pathos machten, dann passte das überhaupt nicht zum wirklichen Umgang mit all den Vets in ihren Rollstühlen und an der Nadel, wie wir ihn nach der Schule zu Hause erlebten.

Eines Tages kurz vor Ende der Schulzeit, so 69 oder 70, als sich alle über Woodstock aufregten, zeigten sie uns einen Film in der Schule. Der hieß „30 Sekunden über Tokio“. Sie meinten, DAS wäre die richtige Einstellung! Der war von 1944, als wir unsere Kriege noch gewannen und sollte uns heute wohl sagen: Werdet bloß keine Hippies und so was! Defend our freedoms!
Aber bei mir ging das nach hinten los. Der Film war wirklich gut, weil überwiegend ehrlich dargestellt! Wie naiv die Typen drauf waren, die da los flogen! Wie groß die Ängste nach der Bruchlandung waren! Wie verzweifelt der Hauptheld Jimmy-Johnny-irgendwas über seine Amputation war: Was soll nun noch kommen für einen einbeinigen 22jährigen? Im Film kommt dann der General, der Spezialisten braucht und dir die Nachkriegs-Karriere zurechtbasteln will und die brave Gemahlin, 20jährig, schwanger und unbeirrbar treu --- diese letzten 10 Minuten rissen den Film ein. Wir wussten: Zu Hause sitzen Bruce und Martin, verlassen von ihren Ischen, verschimpft von ihren Eltern, in ihren verdreckten Kinderzimmern und rauchen Pot.

In die Kneipe trauten sie sich nicht mehr. Die älteren Thekenfliegen hatten sie belöffelt, was zum Teufel sie da eigentlich in Vietnam machen würden, warum versohlen sie die Schlitzaugen nicht einfach! Mit den Japsen hat’s doch auch geklappt --- „Aber wir waren ja auch vom anderen Schlag!“ Ja, ja; soweit der alte Kevin McKewn und Saufkumpan Aaron Zybilsky, wandelnde Leberzirrhosen alle beide, die kaum ihr Budweiser halten konnten, geschweige denn die Steuerknüppel einer B-52!

Als mir Martin davon erzählt hatte, beschloss ich, ihn zu rächen.
Ich ging mit meinem Kumpel Billy in die Kneipe. Ich schnitt dort laut das Thema „30 Sekunden….“ an und prompt gröhlte es von der Theke zu uns herüber: „ Yo, Man! Starker Film! Das waren noch Zeiten! So waren wir drauf, damals! Nicht so wie heute! Hey Billy! Macht’n dein Bruder jetze? Sucht er nach Arbeit oder sitzt er noch zu Hause und flennt?“ Gelächter der Alk-Wracks im Laden. Billy wollte hochgehen, wie ne Pershing. Aber jetzt kam mein Auftritt:
„Hey Kev! Alter Hero! Wieso hast’n noch beide Beine? Du warst damals gar nicht draußen, stimmt’s! Etappenschwein! Zeig mal dein Purple Heart!“ McKewn lief knall rot an und sackte zusammen. Billy strahlte mich verdutzt an und entkrampfte sich. Ich hatte die Spötter nun auf meiner Seite.
Aber ein würdevoller Abgang ist das „A“ und „O“. Wir knallten Geld auf den Tisch und gingen nach draußen, vorbei am ebenso rot angelaufenen Aaron Zybilsky. „30 Sekunden über Tokyo, Aaron! Und ja nicht Zickzack fliegen!“ Das Gelächter in unserm Rücken begleitete uns raus.

Wow! Victory! Wir schwebten heim! Denen hatten wir’s gegeben! Wir waren 17 und die erwachsen. Die Episode hatte Nachwirkungen. Paar Tage danach sah ich Aaron nach Hause torkeln und ein paar Kids von meiner Schule brüllten ihm „Tokyo“ nach und „30 Seconds over Barleycorn“ und solche Sachen.

Als ich 22 oder 23 war, sprachen mich diese Youngsters an, ob ich in ihre Band einsteigen würde. Sie wollten sich die Zombies nennen, weil das angeblich schocken würde.
Bullshit. Die Zombies gab es schon. Ich schlug “Rocket from the tombs” vor. Sie reagierten begeistert. Also war ich dabei. Aber Songs schreiben konnten sie auch nicht.
Mit „Sauf, fick, sauf“ ließ sich doch kein Staat machen. Also fing ich an, Gedankenfetzen aufzuschreiben. Als erstes fiel mir prompt wieder „30 seconds over Tokyo“ ein. Yeah Man, das war’s. Bürste dieses vaterländische Monument gegen den Strich!
Es wurde keine Patrioten-Oper, sondern ein Song über verdrängte Angst. All die Selbstzweifel, die dich plagen, wenn dir deine Madame gerade den Nachwuchs angekündigt hat, als man dich auf Himmelfahrtskommando schickt, machst du tot mit Konzentration auf die Sache. Denk wie die Ratte im Rad immer nur an die nächste Sprosse, sonst fällst du auf’s Maul! Eigentlich eine krass zutreffende Metapher für’s Dasein. Papa fährt Klinken putzend durchs Land „tryin’ to make a Dollar“ und zu Hause lernt’s Kindlein laufen, raufen, saufen, aber er ist immer weg. Da pulsiert irgendwo das Leben, aber du hast Befehl, die Sushi-Islands zu bombardier’n. Fuck that Wallstreet-Services!
Neeeeeee! Ich will da sein, wo die Party tobt! Mein Leben soll mehr abwerfen als 30 Jahre Trott von Lohntüte zu Lohntüte oder eben lausige 30 Sekunden über Teheran oder von mir aus Taschkent!

Die „Gruftgranaten“ liefen nicht lange. Wir waren mit unserem Punk 1975 zu früh dran. Und die andern waren auch einfach zu talentfrei. Ich ging nach gut einem Jahr und machte meinen eigenen Laden auf: Pere Ubu. Das läuft bis heute ganz gut …


(Denkt David Thomas wirklich so? Hat er das erlebt? Der Mastermind von Pere Ubu gab zu Protokoll, dass die Hörer sich gefälligst ihren eigenen Reim auf seine Texte machen sollten; diese seien schließlich nur Angebote, Aufforderungen zum selber denken. Ich hab’s versucht.)