2014 - zur Zeit gibt es einen sehr deutlichen Gegensatz zwischen Volksmeinung und Medienwelt im Hinblick auf die Ukraine-Krise. Das erinnerte mich an einen ähnlichen Gegensatz:

Als Johnny Cash seinen Song 1973 auf Platte brachte, ging für Amerika gerade Vietnam schief. Auf der einen Seite standen die Medien und die vaterländischen Rednecks, die bis über den Krieg hinaus an seiner Notwendigkeit festhielten und auf der anderen Seite die Hippies (also Studenten, also die kommende Landes-Elite), die nicht in einem Krieg verheizt werden wollten, den diejenigen, denen man zu Hilfe kam, gar nicht haben wollten.
Die Nation war also in sich gespalten. Cashs Song ist so etwas wie ein geschichtsträchtiger „Heile-heile-Gänschen, wird alles wieder gut“ Versuch, der durchaus funktioniert. Es handelt sich um ein pathetisches Rührstück der Extraklasse, indem patriotisch an zahlreiche alte Erfolge der amerikanischen Geschichte erinnert wird. Vaterländisch tröstend. (Und ganz anders als seine anklagende 64er „bitter tears“ LP, die den Untergang der Indianer zum Inhalt hat.) Der Song mag kitschig sein, aber er geht unter die Haut.
Mir gefällt er sehr. Aber als Deutscher steht man sofort wieder vor dem Problem der eigenen Geschichte: Würde man 1:1 eine deutsche Version dieses Songs versuchen und militärische Erfolge der deutschen Geschichte verwenden, käme Kriegshetze heraus.

Die Fahne mit den vielen Löchern kann ja nur bei Sedan(1870), Verdun(1915/16) und Stalingrad(1942/43) geweht haben – oder?

Aber es juckte mich dieser Tage in den Fingern; – und meine Version geht so:

Die schäbige alte Fahne


Als ich neulich wieder durch die Altstadt ging
Mein Blick sich in einem Fahnentuche verfing
Es war löchrig und fleckig, blass und angefressen
So als hätte man langzeit es ganz vergessen

Aber es wehte aus einem Fenster heraus
Darunter ein Greis, der ruhte sich aus
„Hallo Verzeihung“, sprach ich ihn an
Und bat um Erklärung, worauf er begann:

"Unter dieser Fahne wurde viel vollbracht
Und sie wurde bewahrt in langer Nacht.
Es war das 18null8ter Jahr
Das hier herum eine Idee gebar

Die Franzosen waren zur Plage geworden
Es endete nicht das ewige Morden
Doch Lützows wilde verwegene Jagd
Ehern aus all den Duckmäusern ragt,
Die bieder Franzosenwünsche erfüllen
Sich gar lassen gen Russland mustern und drillen.

Die Fahne war an der Katzbach dabei
Auf dem Schlachtfeld von Leipzig wehte sie frei
Dann aber wurde sie wieder versteckt
erst zum Fest auf der Wartburg wieder entdeckt.

In Hambach, Frankfurt und schließlich in Baden
Hat man unter ihr große Pläne beraten.
Wehen sollte sie längst über dem ganzen Land
Doch alles kam anders, das ist ja bekannt.

Karl Ludwig Sand, Robert Blum, Fritz Hecker sogar
Entschlossene Kerle, aber es waren nur paar
Heine und Herwegh auch unverdrossen
Doch die Fahne der Freiheit ward weggeschlossen.

Jahrzehnte in Kellern, auf Böden versteckt
Ist sie zwischen Kartoffeln und Kohlen verdreckt.
Schwarz-weiß-rot stürzte sich ins Kampfgetümmel
Statt dessen das „Volk - der große Lümmel“.

Als neunzehn-achtzehn gebrochen die „schimmernde Wehr“
Zerrte man schwarz-rot-gold wieder her
Doch kein Schill, kein Lützow, oder Blücher gar
Machten die Auferstehung wahr

Es kam nur der mit dem kurzen Bart
Da wurden die Zeiten wiederum hart
Die Fahne wandert’ einmal mehr ins Versteck
Zwischen Mausefallen und Rattendreck.

An nem hellen 45er Maienmorgen
Hab ich sie aus dem Schutt geborgen
Und drüben an die Ruine gehängt
Damit man nicht wieder parliert – sondern DENKT!

Doch wiederum ist nichts draus geworden
Man duckte sich weg und schwieg von den Morden.
Immerhin von nun an sich eines verbot
Die Verherrlichung von schwarz-weiß-rot.

Im Westen hatten sie schnell wieder zu fressen
Und die Brüder und Schwestern war’n bald schon vergessen.
Schwarz rot gold leuchteten die neuen Fahnen
Auf den Fabriken und Autobahnen.

Im Osten baute man ebenfalls auf
Ich glaubte an Zukunft und freute mich drauf
Bis der Juni 53 kam und mir die Illusionen nahm
So holt' ich die Fahne schnell wieder ein
Ich war ja kein Lützow. Ich war allein.

Als ’90 dann der Taumel begann
Da macht’ich die Fahne wieder an
Sie sollte eine Mahnung sein:
Fallt nicht wieder auf falsche Versprechungen rein!
Nehmen wir’s Schicksal in die eigene Hand!
Gestalten wir uns unser eigenes Land!

Wohl entstanden viele bunte Fassaden
Doch dahinter hört man die alten Tiraden
Drum fiel mir Bismarck ein beizeiten:
„Diese Volk kann einfach nicht reiten!“

Der alte Zyniker besiegte einst
Nicht nur die Franzosen, wie du ja weißt,
Sondern auch die eignen Heloten
Die sich demokratisches Denken verboten

In schwarzer Knechtschaft brach Lützow einst auf
Kämpfte, verlor und ging blutig-rot drauf
Eine goldene Zukunft sollte entsteh’n
Doch Gelb ist am blassesten – kannst du’s seh’n?"

Ich sah nach oben ins schäbige Tuch
und begriff mit eins den symbolischen Fluch
der in den verblichenen Farben steckt’
und zum gigantischen Mittelfinger sich reckt.