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Thema: Nina Hagen - der Nachwende-Überblick

  1. #1
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    Standard Nina Hagen - der Nachwende-Überblick

    Westfernsehen anno 78:

    „Wie redet man eigentlich jetzt über Sie im Osten? Jetzt, wo sie hier sind?“
    Nina zuckt die Schultern. Leerer Blick in die Kamera: „Neulich hammse mir erzählt, da drüben sagen se, dett ick am Ku’damm offn Strich jehn soll.“
    „Und? Was sagen Sie zu so was?“
    Wieder leerer Blick in die Kamera – plötzliches Grinsen: „Ick grüße alle, die det glaubm.“


    Nina war ne Wucht! DIESE 1. Platte! DIESE NINA HAGEN BAND! NIEMAND hatte DAS erwartet!

    Jeder Song, der im Radio lief ein Bringer! „Heiß“ und „Superboy“ liefen da nicht – und so merkte meinereiner erst 1983, als er die Platte endlich mal komplett aufnehmen konnte, dass auch sie eben diese beiden Graupen enthielt, aber all die anderen Songs machten das mehr als wett.

    Dann aber setzten Wirren ein. Die Karriere trudelte durch diverse Skandälchen und der künstlerische Output wurde ähnlich kunterbunt richtungslos, wie sich bereits im Osten angedeutet hatte.

    Ich hörte immer wiedermal ein provokantes Interview zwischen all dem UFO-Müll und manch brauchbarer Song geriet mir noch aufs Band „Tötet die Tiere nicht! Do you want come back as a laboratory rat?“ – aber als ich mich nach der Wende durch die LPs lauschte – da ließ mich das ratlos zurück:

    „Wattetis Wattetis - Ja watt issn dis? Watt et is watt et is, es is wunderbar. Watt et is watt et is, et is einfach wahhhhhr!“ ---???---???

    Ihr Zarah Leander Cover – großartig, das übrige Morodergeklimper und Zufallsgereime… Nä!

    Ostdeutsche Musicjunkies ließen ein Heidengeld in den Plattenläden der frühen 90er im Nachholkaufrausch der 70er und 80er Jahre. Bei mir war das nicht anders. Aber von Nina schaffte es nix durch die Gütekontrolle meiner Lauscher.
    Und sie machte ja noch weiterhin Platten. Aber oje: Sie pries nun plötzlich auch noch De la Soul als Einflussgeber! Ächz. Das war’s dann mit der Großmutter des Punk!

    Ich hörte nicht mehr hin. Lächerliche Yellowpressberichte über Beziehungswirrwarr, Religionsklamauk, heute jüdisch, morgen indisch-buddhistisch erleuchtet, übermorgen erzkatholisch…
    Das las ich dann irgendwann auch nicht mehr…

    Neulich aber. Es müssen inzwischen so 6 oder 8 Wochen her sein, da empfahl mir mal wieder der Steuern- und Tariflohn-vermeidende Monopolanbieter: Kunden, die sich dafür interessieren, gefiel auch:

    NINA HAGEN “In my world” (Best of Nachwendeyears; 2012)


    Tja, und da war die Zeit scheinbar wieder einmal reif. Ich verliebte mich schon in die Hörproben. Und als die CDs dann kamen, erzeugte ihre Rotation SUCHT!

    „Ave Mari-hi-aaaa!“

    Soviel Gutes hat es auf den Sammelsurien ihrer Veröffentlichungen gegeben? Ich kam aus dem Anfangsstaunen nicht mehr raus.

    Plötzlich ist das in meinen Ohren nicht mehr Orientierungslosigkeit, sondern abwechslungsreiche, sich ergänzende Stylvielfalt. Die Kompilatoren haben ganze Arbeit geleistet und auch diverse Tributbeiträge von schnell vergessenen Projekten miteinbezogen. Hier trifft Rammstein auf Rosenstolz, Zarah Leander auf Lindenberg, und alles passt trotzdem.

    Ich mag ja die Leander oder den Max Raabe, aber bitte immer in homöopathisch kleinen Dosen. Ganze Platten nerven dann doch nach dem 3.Song. Ninotschka hatte solche Anflüge auch und auch ihre Platten dieser Art ließ ich stehen. Hier nun gibt es „Der Wind hat mir ein Lied erzählt“ und es trifft auf Lindemanns Rammsteinballade vom„Seemann“, die wiederum Lili Marleens „Laterrrrrne“ (ohne großes Tor) berücksichtigt. Hach, grandios!

    Lindenberg muss irgendwann schon mal einen runden Geburtstag gefeiert haben, weshalb Nina den „Rock&Roller“ VEREDELTE! Lindenbergs einstiger LP-Opener kam wie alle seine „Rocker“ so eigenartig gebremst, verklemmt daher, dass es bei mir eben nie zum sehr Klischee gewordenen Ossifantum reichte. Es war so ein schöner Text – aber die Musiker trauten sich nicht, den Song von der Leine zu lassen. Heraus kam Dorfbums.
    Bei Nina kracht die Nummer, wie sie schon Anno 76 auf Udos „Galaxo-Gang“ hätte krachen sollen!
    Man beachte das Sexpistolszitat im Intro und die gekonnt intonierte Hamburger Mundart.

    In „Ährfuord und Gäroa“ gibt’s dann ebenso perfekt Thüringisch zum Mitschmettern.
    Noch so’n Hammer! Alles seinerzeit übersehen, nicht wahr genommen. Jetzt wirkts erst recht!

    „Pollution Pirates! Sailing over 7 Seas! We are the Rainbow warrior!” Jawoll!

    Ach was schreib ich.
    Drei CDs Ernte aus rund 20 Jahren. Keine Graupen.

    Reinhören!

    Grand Dame du Roque!


    1. Ave Maria - Hagen, Nina
    2. Die Schwarze Witwe (Remastered Version) – mit Rosenstolz,
    3. Berlin - Hagen, Nina
    4. Erfurt & Gera - Hagen, Nina
    5. Pollution Pirates - Hagen, Nina
    6. Rock'n'roller - Hagen, Nina
    7. So Bad - Hagen, Nina
    8. Love Heart Attack - Hagen, Nina
    9. "Go Ahead" (Radio Edit) - Hagen, Nina
    10. In My World - Hagen, Nina

    Disk: 2
    1. Yes, Sir - Hagen, Nina, Capital Dance Orchestra,
    2. Blumen Für Die Damen (Flower Power Mix) - Hagen, Nina
    3. Irgendwo Auf Der Welt - Hagen, Nina, Capital Dance Orchestra,
    4. An Einem Tag Im Frühling - Hagen, Nina, Capital Dance Orchestra,
    5. Happiness - Hagen, Nina, Capital Dance Orchestra,
    6. Summertime - Hagen, Nina, Capital Dance Orchestra,
    7. Let The Sunshine In - mit Lindenberg und Ochsenknecht,
    8. Flat Foot Floogie - Hagen, Nina, Capital Dance Orchestra,
    9. Somewhere Over The Rainbow - Hagen, Nina, Capital Dance Orchestra,
    10. Deep In A Dream - Hagen, Nina, Capital Dance Orchestra,
    11. Romeo & Juliaaah - mit Lindenberg

    Disk: 3
    1. Für Mich Soll's Rote Rosen Regnen - Hagen, Nina, Capital Dance Orchestra,
    2. Personal Jesus - Hagen, Nina
    3. Seemann (Album Version) – mit Apocalyptica
    4. Gretchen - Hagen, Nina
    5. Hold Me - Hagen, Nina
    6. Roter Mohn - Hagen, Nina, Capital Dance Orchestra,
    7. La Veuve Noir (Remastered Version) - mit Rosenstolz
    8. But Not For Me - Hagen, Nina, Capital Dance Orchestra,
    9. Der Wind Hat Mir Ein Lied Erzählt - Hagen, Nina, Capital Dance Orchestra,
    10. Wer Bistn Du? – mit den Beginners
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    das Sakramentale/schön - wer es hört und sieht/ doch Hunde und Schakale/ die haben auch ihr Lied
    das Krächzen der Raben/ist auch ein Stück/dumm sein und Arbeit haben - das ist das Glück. (Gottfried Benn)

  2. #2
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    Standard AW: Nina Hagen - der Nachwende-Überblick

    Alter Geizkragen... Is doch genug Raum hier ....
    Die Tracklists hätten ruhig etwas größer sein dürfen.
    Herrlicher Beitrag! Einfach übersehen.


    Nina Hagen ist ein Unikum, einmalig. Ich mag sie.
    Weil sie so flippig und speziell ist, braucht sie musikalisch eine ordnende Hand. Die gab es nicht immer.

    Ein Glücksfall der Musikgeschichte, dass sie nach ihrem Rübermachen ehemalige Musiker von Lokomotive Kreuzberg traf. Es entstand die Band SPLIFF. Zwei Alben, die ich heute noch gerne höre. NINA HAGEN BAND und UNBEHAGEN. Der Titel der zweiten LP zeigt an, dass es Spannungen zwischen den Musikern und dem Star der Band gab. Aufgenommen in getrennten Sessions, kam kurz darauf das Aus. SPLIFF machte ohne Nina Hagen weiter.

    Namensvetter, du magst "Heiß" nicht? Das ist doch ein geiler Song, eindeutig zweideutig und mit sexy-dezentem Reggaerhythmus.

    1980, nach der Trennung von SPLIFF, hatte Nina Hagen ein neues Projekt auf die Beine gestellt und tourte durch die Lande. Es war das grauenvollste Konzert meines Lebens.

    80 Minuten, Eintrittspreis im (damals) oberen Preissegment. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, sie spielte im CCH in Hamburg. Ca. 5000-7000 Zuschauer. Grauenhafte Songs und das Beste .... es war eine Halbplaybackshow. Nur Nina´s Gesang war live... die Figuren, die die Musiker spielten, waren zum Vergessen.

    Von da an war Nina für mich, als Musikerin, gestorben. Ich habe sie nicht mehr verfolgt, auch wenn mir hier und da der ein oder andere Song zu Ohren kam und ich dann die jeweilige LP antestete. Es gab keinen weiteren Abschluss, die Ergebnisse waren für mich nicht erfreulich.

    Sie ist sicherlich eine außergewöhnliche Sängerin, auch wegen ihrer Exaltiertheit.

    Dein Beitrag, lieber bludgeon, wird Anlass sein, ihr noch eine Chance zu geben. Ich werde Bestofnachwendeyears testen ....
    music was my first love and it will be my last (John Miles)

  3. #3
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    Standard AW: Nina Hagen - der Nachwende-Überblick

    Zitat Zitat von bludgeon Beitrag anzeigen
    Grand Dame du Roque!


    Ich mag dein ostdeutsches Idiom, dass du in deinen Beiträgen bringst.

    Ich glaube auch, du kannst französich. Mit der Sprache hapert es ...
    music was my first love and it will be my last (John Miles)

  4. #4
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    Standard AW: Nina Hagen - der Nachwende-Überblick

    Zitat Zitat von Black Dog Beitrag anzeigen

    Ich glaube auch, du kannst französich. Mit der Sprache hapert es ...
    Nö. Französisch kann ich nicht. Aber trotzdem kommt ab und an der Kerkeling in mir durch und ich fantasiere in Denglisch / frankophonesisch/ slawokratisch usw.

    Issn falsch an der Formulierung? Fehlen da Stricheleien über irgendwelchen Buchstaben oder ganze Silben?
    das Sakramentale/schön - wer es hört und sieht/ doch Hunde und Schakale/ die haben auch ihr Lied
    das Krächzen der Raben/ist auch ein Stück/dumm sein und Arbeit haben - das ist das Glück. (Gottfried Benn)

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