Von Black Dog im Forum von schallplatte.info am 10.06.2004 geschrieben.
1. )
Ich war wohl 11 oder 12 Jahre alt, als unser Musiklehrer auf die Idee kam, zum Abschluss jeder Musikstunde sich 10 Minuten lang der populären Musik zu widmen, .... neben Volksliedern und anderem Notengedöns, dass mich nur peripher interessierte.
Meine Favoriten waren Sweet, Slade, T.Rex, Mud und ähnliche Bands.
Deep Purple fand ich geradezu revolutionär. Fireball und so.....
Unser Lehrer kramte Hendrix raus (den Namen hatte ich schon gehört und "Hey Joe" fand ich sogar gut), aber auch Namen wie Yardbirds oder Cream begegneten mir in der Musikunterrichtsstunde, samt musikalischen Beispielen.
Damit konnte ich nun überhaupt nichts anfangen.
"Sö Krimmm" , wie er immer sagte.... diese Band schien es ihm besonders angetan zu haben. Meine Ohren waren jedoch überhaupt nicht begeistert. Eines Tages nervte er mich und wohl alle Klassenkameraden mit einem Lied, das ganz harmonisch begann, dann jedoch in wüstes Geklimpere abdriftete, wie ich damals befand.
Es war "I'm So Glad"...... wie ich Jahre später herausfand.
Atonales Krachgedudel.... das war mein spontanes, vernichtendes Urteil über dieses Stück.
Mein Musiklehrer hatte sogar die "Frechheit", TOAD aufzulegen und uns nach Rhythmen zu fragen, die wir während des Drum-Solos von Ginger zu erkennen glaubten.
Ich empfand dieses Getrommel einfach nur als nervtötend.
Das war meine erste Begegnung mit Cream.
Als ich wenige Jahre später begann, das Rockmusikuniversum zu entdecken, zählte auch Cream zu den unbekannten Sternen, die ich erforschen wollte.
Irgendwie hatte mich der Titel aus der Musikstunde (I'm So Glad) so dermaßen genervt, dass ich mehr über diese Gruppe herausfinden wollte.
Ich konnte und wollte mir nicht vorstellen, dass eine Gruppe so dermaßen "disharmonische" Klänge fabrizierte - meine Ohren waren bis dato eben nur an recht simple Klangmuster gewöhnt.
2.)
Es kam der Tag, da gab es im Schaufenster des örtlichen Musikhaus eine neue Scheibe......
(Dieses Musikhaus war kein Schallplattenladen im herkömmlichen Sinne, sondern eine Musikalienhandlung mit Instrumenten etc. Außerdem gabe es einen Bestand von ca. 300 Scheiben inklusive Klassik und Schlager ! )
Zur Erinnerung: große Elektromärkte waren anno 1975 unbekannt.
Die Schallplattenabteilung bei Karstadt (30 Km Anreise !) mit den 10 kleinen Regalen kam mir vor wie das Schallplattenhimmelreich !
..... diese Scheibe war von Cream und hatte den Titel "Greatest Rock Sensation" - ein Sampler.
Die Scheibe sollte mir gehören..... hatte ich beschlossen, obwohl sie den stolzen Preis von DM 20.-- kostete.
Was mich so gierig machte: Die Scheibe hatte eine Laufzeit von 30 Minuten, und zwar je LP-Seite ! Soviel Musik musste ich einfach haben.
Cream gefielen mir nach wiederholtem Hören und ich beschloss in meinem jugendlichen Jagdinstinkt, alles zu sammeln, was mit Cream zu tun hatte. So führte mich die Spur zu Clapton, zu Bruce, zu den Yardbirds, damit auch zu Beck, Page, Led Zeppelin usw. usf., inklusiver aller möglichen Nebenprojekte.
3.)
Im Zuge der jahrelangen Entdeckungsreise stieß ich irgendwann auch auf den Namen Baker-Gurvitz-Army. Natürlich wurde diese Band in die Liste meiner Jagdobjekte aufgenommen. Das Problem war nur - es war inzwischen 1976 oder 77 - diese Gruppe war unauffindbar in den Schallplattenläden der mir bekannten Welt.
(Dass es Plattenbörsen gab, sollte ich erst 1980 erfahren)
Eines Tages stöberte ich bei Kaufhof in Essen.. und fand auf einem Sonderpostentisch:
BAKER-GURVITZ-ARMY - ELYSIAN ENCOUNTER. Für DM 6 !!!!!! Dieser Tag war wie Weihnachten, obwohl es Sommer war !
Ich fand die Schiebe gut und wollte weitere Scheiben der Band haben.
Nix da. BGA waren unauffindbar.
Irgendwann hatte ich mein erstes Rocklexikon und wusste, dass es noch 2 weitere Objekte der Begierde gab.
In den frühen 80ern erfolgte der 2. Glücksgriff.
Münster, Schallplattenflohmarkt - wo sonst ?
Günstig erworben, die Scheibe gut erhalten, ich war glücklich. - BGA-First Album
4.)
Des Dramas erster Teil geschah irgendwann Ende der 80er.
Ich hatte das FIRST ALBUM an meinen Bruder verliehen, mit der eindringlichen Bemerkung, dass mir diese Scheibe heilig sei.
Als ich 14 Tage später die Scheibe abholte, bekam ich Wellpappe zurück. Er hatte die Scheibe auf der Heckablage seines Wagens liegen lassen, im Hochsommer.<----- dieser Smiley mag ansatzweise erklären, was ich damals fühlte.
Der 2. Teil des Dramas war, dass es mir nicht gelang, weder FIRST ALBUM nachzukaufen noch die dritte Scheibe der Army zu erwerben - HEARTS ON FIRE
Irgendwann begrub ich meine Suche und erfreute mich nur noch an Elysian Encounter- auch, weil mit den Jahren immer absurdere Preise auf Plattenbörsen verlangt wurden. Selten genug fand ich ich ein Exemplar von BGA.
5.)
Als die Zeit begann, da Vinylschätzchen auf CD wiederveröffentlicht wurden, hoffte ich inständig auch auf BGA.
Lange Jahre nur Frust.
Dann entdeckte ich bei einem Mail-Order die HEARTS ON FIRE.
Doch ich hielt mich zurück. Erstens, weil es wenig positive Kritiken zu der Scheibe gab... zweitens, weil sie damals unverschämt teuer war. Von ELYSIAN ENCOUNTER und FIRST ALBUM weiterhin keine Spur.
Immer wieder begegnete ich HEARTS ON FIRE - und hielt mich zurück - von den beiden anderen Scheiben keine Spur.
Irgendwann begrub ich BGA im Reich meiner unerfüllten Wünsche und suchte nicht weiter.
Viele Jahre später.....
Time to kill.... ein großer Elektromarkt in Reichweite.... Zeit zum Totschlagen... also Stöbern.
To cut a long story short:
Ich sah ein Foto von Ginger Baker auf einem CD-Cover, es war eine DoCD names FLYING IN & OUT OF STARDOM, die sich bei näherem Hingucken als Sampler der BGA entpuppte.
(Wenige Tage vorher hatte ich durch Zufall erfahren, dass es eine Compilation von BGA gäbe.... mein Jagdinstinkt war wieder erwacht)
Bei genauerer Prüfung waren zumindest alle wichtigen Tracks von Album 1 +2 der BGA enthalten, plus ein paar Livetracks.
Gekauft.
Zuhause stellte ich fest, dass diese DoCD alle (!!) 3 Studioalben komplett enthält..... plus - wie gesagt - 4 bis dato unveröffentliche Livetracks, davon 2, die nie auf Studioalben erschienen.
Das alles zu einem attraktiven Preis..... Herz, was willst du mehr !
Damit endet eine Reise, die über 25 Jahre dauerte.
Nachtrag zum neuen Silberling:
Guter Sound, von Meister Paul G. höchstpersönlich remastert.
Die Reihenfolge der Titel ist nicht chronologisch.
Das macht die Sache spannend, weil es Abweichungen gibt von der Reihenfolge der Tracks (der ersten beiden Scheiben), wie sie bisher in meinem Hirn gespeichert war.
Die Songs des dritten - angeblich schwachen - Albums finde ich nicht schwach im Vergleich zu den mir bis dato bekannten Songs.
Vielleicht ist es auch nur der Neu-Effekt, der mein Urteil ein wenig trübt.
Ausschuss sind sie jedenfalls nicht.
Im Booklet zur DoCD gibt es eine Story zur Entstehung und Geschichte der BGA, verfasst von Paul Gurvitz persönlich.
Tracklist:
CD1
1. Wotever It Is [live] (Baker/Gurvitz/Gurvitz) - 6:39
2. The Gambler (Gurvitz) - 4:21
3. Memory Lane (Baker/Gurvitz) - 4:48
4. Thirsty for the Blues (Gurvitz) - 5:16
5. Love Is (Gurvitz) - 2:51
6. Mystery (Snips) - 4:05
7. The Key (Baker/Gurvitz) - 6:22
8. Flying in and Out of Stardom (Gurvitz) - 2:21
9. Since Beginning (Gurvitz) - 7:57
10. Hearts on Fire (Baker) - 2:32
11. Mad Jack (Baker/Gurvitz) - 7:56
12. People (Baker/Gurvitz) - 4:16
13. Remember (Baker/Gurvitz) - 5:25
14. Smiling (Gurvitz) - 3:13
15. Freedom [live] (Baker/Gurvitz/Gurvitz) - 5:50
CD2
16. People [live] (Baker/Gurvitz) - 7:40
17. 4 Phil (Baker/Gurvitz) - 4:20
18. Neon Lights (Snips) - 4:38
19. Help Me (Gurvitz) - 4:34
20. Tracks of My Life (Gurvitz) - 4:30
21. The Dreamer (Gurvitz) - 3:41
22. I Wanna Live Again (Baker/Gurvitz) - 3:29
23. My Mind Is Healing (Gurvitz) - 3:53
24. The Hustler (Baker/Gurvitz/Gurvitz) - 6:40
25. Inside of Me (Gurvitz) - 5:32
26. Time (Gurvitz) - 4:06
27. Dancing the Night Away (Gurvitz) - 3:25
28. Night People (Gurvitz) - 3:21
29. The Artist (Gurvitz) - 5:11
30. Memory Lane [live] (Baker/Gurvitz) - 10:18
Nr. 1 ist brauchbar, Nr.15 ist gut,
(beide zuvor nicht auf Studioalben veröffentlicht)
Nr. 16 ist eine lebhafte, gute Variante des bekannten Studiotracks und auch Nr. 30 ist ein gelungener Abschluss, natürlich mit einem Drumsolo vom Master. ;)
Das Solo ist attraktiv-routiniert.
Zu den restlichen Tracks sage ich nix, die setzte ich gezz einfach mal als bekannt voraus. (?!)
Ok... noch ein paar kurze Anmerkungen.
Die Songs vom FIRST ALBUM sind ähnlich wie das erste Album der Graeme Edge Band, das nur 1 Jahr später erschien und damit parallel zur BGA.
(Ihr kennt die Grame Edge Band nicht ? Ich sage nur: Streicher ! )
Die Songs von ELYSAIN ENCOUNTER sind phasenweise recht gefällig, ansonsten melodiös, ohne Orchester, ein wenig Hardrock, ein wenig Funkrock, klitzekleines bissken poprockig, schöne Melodien, schöne Songs.
HEARTS ON FIRE ist eine Mischung aus den beiden ersten Scheiben, dadurch wirkte das Album - das ich nie in seiner Originalform hörte - vermutlich etwas inhomogen bzw. bot nix Neues.
"Dancing The Night Away" ist sogar ein (gelungener) Ausflug in die Soul-Discopop-Ära.... es war 1976 !
(Stretch hat sich in diesem Metier versucht, Jim Capaldi auch .... to name but a few.)
Die Baker-Gurvitz-Army.
Rock, in verschiedenen Spielarten.
Keine Experimente a la Ginger Baker auf desse Soloalben, sein Getrommel prägt dennoch den Sound.
Im Grunde war es ein Projekt der Gurvitz-Brüder, das - vermutlich - heutzutage nur noch erinnert wird, weil einer der sogenannten Rock-Heroes (G.Baker) mitspielte und mit seinem Namen den Sog des Vergessens stoppte.
Ginger Baker war zur richtigen Zeit am richtigen Platz, den Gurvitz-Brüdern war gerade mal wieder der Drummer abhanden gekommen.
Das war gut so !
Sonst hätte ich wahrscheinlich nie den Gesang und das Gitarrenspiel von Adrian G. kennengelernt. Ich mag es.
Adrian Gurvitz - git, voc
Paul Gurvitz - b, voc
Ginger Baker - dr
auf Album No.2+3 verstärkt durch:
Mr. Snips - Lead Voc
Peter Lemer - Keys
Den Gesang von Mr. Snips konnte ich nie zweifelsfrei identifizieren, er ist zu ähnlich dem Gesang von Adrian.
No.1
No2.
No3.
BGA.... ein kleiner Absatz innerhalb der großen Rockgeschichte.
Weiß der Fuchs....warum mir ausgerechnet dieser Absatz gefällt.
p.s.
Beim Schallplattendealer deines Vertrauens sollte es auch alle 3 Originalwerke als Einzelexemplare geben.
Notfalls hilft IIIIIIIIIIIbeiiiiiiiii weiter.



<----- dieser Smiley mag ansatzweise erklären, was ich damals fühlte. 


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