Parker / Rogers / Moholo – tebugo (CD)

Parker / Rogers / Moholo – tebugo (CD)

Das sind Evan Parker (Tenor und Soprano Saxophone), Paul Rogers (Bass) und Louis Moholo (Schlagzeug) mit einer Aufnahme „at the Vortex, Stoke Newington Church Street, London“, aufgenommen am 5. September 1992 und veröffentlicht auf Jazz in Britain im Jahr 2025. Dies ist ein weiterer „Zurück in die Zukunft“-Moment. Wenn Evan Parker nicht ein gänzlich anderer Saxofonist wäre als Mike Osborne, ich würde mich wieder im Totentanz in Basel finden Mitte der 70er und dem Mike Osborne Trio zuhören die damals die LP „Border Crossing“ veröffentlicht hatten und einen Gig hinlegten, von dem ich 50 Jahre später noch immer verfolgt werde und der für mich die Initialzündung an meinem Interesse an Jazz war.

Genauer, an Jazz aus Grossbritannien und da aus der Free Ecke. Natürlich lehne ich Jazz aus den USA nicht ab, aber den Freebereich hat Europa (und hier vor allem das U.K.) weitergebracht. Ohne die Briten (und die Deutschen) würden wir heute noch das „Great American Songbook“ rauf und runter zitieren und Frank Sinatra (stellvertretend für viele Andere) als Avantgarde des Jazz betrachten. Gerade die U.K. Szene lebte aber definitiv nicht von sich allein, der Einfluss aus Südafrika war gewaltig und viele der Musiker in RSA kamen nach Grossbritannien, da der Staat ihnen keine Möglichkeiten bot, als auch noch die andere Backe hinzuhalten. Viele dieser Musiker kamen von Chris McGregor’s Brotherhood Of Breath und sind (für mich) so etwas die Keimzelle des Britischen Jazz wie dieser ab den 70ern im U.K. präsentiert wurde.

Die Fluktuation innerhalb letzterer Band war enorm, aber man kann mit Fug und Recht behaupten, wer in dieser Nische einen Namen hatte oder ihn sich zuerst machte, der war mal Teil der Brotherhood Of Breath. Natürlich gab es auch Ausnahmen, so fehlt im Roll Call eindeutig Keith Tippett, aber die Interaktionen waren in der Szene so stark, dass man früher oder später Jeden mit Jedem spielen sah und hörte. Das darf man nicht als geschlossenen Kreis verstehen, auch wenn man die Idee bekommen könnte. Es war einfach ein Kommen und Gehen und man kannte sich (persönlich und musikalisch). Ein guter Startpunkt bei Interesse wäre z.B. das Label Ogun, welches von einem weiteren Südafrikaner (Harry Miller) gegründet wurde, der 1961 nach Grossbritannien kam. Ogun hatte (und hat) viele Veröffentlichungen dieser speziellen Musikszene damals veröffentlicht und ist heute noch tätig.

Die oben erwähnte LP „Border Crossing“ des Mike Osborne Trios bestand aus dem Line-up

Alto Saxophone – Mike Osborne
Double Bass – Harry Miller
Drums – Louis Moholo

Mit anderen Worten, ich habe damals Mitte der 70er unbeabsichtigt Jazzgeschichte aus erster Hand erlebt und kein Wunder war ich danach angefixt wie nur etwas. Aber eigentlich heisst ja der Titel dieses Beitrags “ Parker / Rogers / Moholo – tebugo (CD)“, aber ich muss noch einen kleinen Moment bei Chris McGregor’s Brotherhood Of Breath bleiben. Evan Parker und Louis Moholo haben beide ebenfalls mit letzterer Band gespielt, aber ich muss zu meiner Schande gestehen, von Paul Rogers habe ich noch nie etwas gehört. Dabei hätte mir der Bassist auffallen müssen, z.B. im Elton Dean Quartet, Elton Dean Quintet, Elton Dean’s Unlimited Saxophone Company, John Stevens Trio, Keith Tippett Septet etc. … vieles davon in meiner Sammlung.

Die CD „tebugo“ war und ist für mich eine komplette Ueberraschung. Schon nach den ersten vielleicht 5 Sekunden ist klar, was das Angebot des Tages ist. Und es ist kein Irrtum möglich während den nächsten knapp 80 Minuten. Ich bin fast versucht zu schreiben, ein klassisches Free Jazz Trio mit einem britischen Einschlag, wie er offensichtlicher nicht sein könnte. Das Aequivalent im U.S.-Jazz wäre wohl Piano/Saxofon/Schlagzeug. Und hier wird auch der grundlegende Unterschied zwischen Grossbritannien und den USA klar, man höre sich mal eine Aufnahme des Ornette Coleman Trios an und lege dann die CD hier in den Player. Die drei Stücke

1. Ego, but.. 28:41
2. U-begot 14:50
3. Tebugo 36:06

bringen den britischen Free Jazz der 70er zum Leben (und ist eine enorme Weiterentwicklung der Frühsechziger aus USA) und das, obwohl die Aufnahme aus den 90ern ist. Das war für mich eine weitere Ueberraschung, dass sich die 70er Jahre im U.K. in dieser Sparte so deckungsgleich bis in die 90er gehalten haben. Obwohl in den Liner Notes etwas von erster Reihe Aufnahmen mit einem Marantz Kassettenrecorder steht (es sind dies keine Bootlegaufnahmen, Evan Parker und Paul Rogers haben die Veröffentlichung abgesegnet und Louis Moholo ist letztes Jahr verstorben), ist der Sound enorm detailliert und quasi ausgeleuchtet. Da ist man zurück in einem kleinen Club im Keller und hat eine Klasse Live-Band vor sich. Die Tatsache, dass ich irgendwie durch einen Nebel immer wieder das Mike Osborne Trio vor mir sehe und höre, ist das Siegel zur Qualität der Musik. Man könnte fast sagen, man bekommt zwei für eins.

Die CD wurde veröffentlicht unter JIB-89-S-CD vom Label Jazz In Britain 2025. Ich empfehle hier bandcamp zu benutzen, gerade in diesem Teilbereich gibt es so einige Labels die sich auf dieser Plattform hervorgetan haben:

1. Ogun (natürlich, der Starter)
2. Jazz In Britain
3. Cadillac
4. British Progressive Jazz

Nur noch einen kurzen Abriss zu den Musikern:

Evan Parker (Evan Shaw Parker):
(5. April 1944 Bristol) britischer Saxophonist (Tenor- und Sopransaxophon)
Spielte u.a. mit Chris McGregors Brotherhood of Breath, Paul Bley, Peter Brötzmann, Derek Bailey, Thurston Moore, Barry Guy, Louis Moholo, Joe McPhee, Barre Phillips, Matthew Shipp und und und … Für weiterführende Information ist seine eigene Website „the place to go“. www.evanparker.com

Paul Rogers
(27. April 1956 Chester) britischer Bassist
Spielte u.a. mit Elton Dean, Keith Tippett, Howard Riley, Stan Tracey, Alan Skidmore, Evan Parker … – Interessant in diesem Zusammenhang, Paul Rogers lernte Mike Osborne in London kennen und wurde von ihm damals in die aktuelle Free Jazz-Szene eingeführt.
Ein Interview ist hier zu finden www.mindyourownmusic.co.uk/paul-rogers-interview.html

Louis Moholo (Louis Tebugo Moholo und manchmal Louis Moholo-Moholo)
(10. März 1940 Kapstadt / † 13. Juni 2025 Kapstadt] Schlagzeuger
Rückkehr aus dem „Exil“ nach Südafrika im Jahr 2005
Spielte u.a. mit Steve Lacy und Roswell Rudd, Mike Osborne Trio, Irène Schweizer und Rüdiger Carl, Peter Brötzmann, Harry Miller, Evan Parker, Derek Bailey, Keith Tippett,  Elton Dean, Misha Mengelberg, The Dedication Orchestra etc.
Mir ist keine Website des Musikers bekannt, die tatsächlich Substanzielles zu Louis Moholo zu vermelden hätte, das muss man sich zusammenkratzen. Hier schlage ich vor, sich mal bei Ogun (Label) direkt umzusehen (oder dann eben bandcamp).

Na gut, die Blue Notes (ebenfalls aus Südafrika und dann emigriert nach Grossbritannien) habe ich mal kurz vergessen zu erwähnen. Die Musiker kamen damals via Antibes Festival ins U.K. und bestanden mit Line-up Aenderungen aus Chris McGregor, Dennis Mpale, Dudu Pukwana, Early Mabuza, Johnny Dyani, Louis Moholo, Mongezi Feza, Mongezi Velelo, Nick Moyake, Tete Mbambisa. Die Blue Notes waren in exakt dem gleichen Umfeld im U.K. tätig wie Chris McGregor’s Brotherhood Of Breath (mit teilweise den gleichen Mitgliedern).

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