Coffee – Slippin’ And Dippin’ (1980)

Gleich am Anfang: Mein Dank geht an den Briefträger der am letzten Samstag der eiskalten Bise trotzte und mit seinem Elektrodreirad meinen Briefkasten ansteuerte um den braunen Versandkarton einzuwerfen, an den Versandhändler und schlussendlich an das Label BBRBig Break Records – eine Tochter der britischen Record Company Cherry Red.

Nun, das Leben geht weiter, andere horten derzeit infolge der Corona-Pandemie vielleicht Unmengen an Klopapier oder Dosenfutter, ich selber bunkere Musik, normalerweise in Form von CD’s oder Vinyl-Singles. Allerdings hat das nichts mit dem Virus zu tun, es ist eine unheilbare Sucht die mich schon vor Jahrzehnten befallen hat, im Laufe der Jahre lernt man damit umzugehen.

Das Ladies-Trio Coffee kennt vermutlich niemand und ich bin jetzt mal ganz ehrlich, bis vor ein Tagen sagte mir dieser Name auch nichts, obwohl, also ohne Kaffee geht bei mit im Alltag gar nichts. Über Coffee stolperte ich beim Studium des Backkataloges von De-Lite Records, dem Stammlabel von Kool & The Gang und Crown Heights Affair. Die Sängerinnen Betty Caldwell, Dee Dee Bryant, Elaine Sims und Gwen Hester waren unabhängig voneinander seit den Sixties in der Soulszene unterwegs, 1977 taten sie sich unter dem Namen Coffee zusammen. Nach einer ersten von Clarence Johnson (Ex Chi-Lites) produzierten Single sprang Caldwell 1978 zugunsten einer Solokarriere aber bereits wieder ab.

Unter den Fittichen von Johnson entstanden im Universal Recording Studio Chicago mit der zum Trio geschrumpften Vocal-Group die Aufnahmen zur LP Slippin‘ And Dippin‘ die schlussendlich 1979 bei De-Lite veröffentlicht wurde. Über die involvierten Musiker ist nichts bekannt, vermutlich waren es Studiocracks deren Brotjob es war im Dienste der in Chicago ansässigen Plattenfirmen Mercury, Vee-Jay und Chess deren Stars zu begleiten.

Musikalisch zielten Coffee mit ihrem ersten Album ganz klar auf’s Tanzparkett. Nur schon der Opener „Slip And Dip“ ist eine groovy Offenbarung, ein grandioser Ritt durch die Genres Funk, Soul und Disco mit Wawah-Gitarre, teilweise gehämmertem Bass, Gebläse und natürlich einem hypnotisch treibenden, mit zusätzlicher Percussion verfeinertem Off-Beat-Drumteppich dem man sich fast nicht verweigern kann. Da drüber die Stimmen der drei Ladies, rhythmisch und dynamisch arrangiert und serviert. Das folgende „Mom And Dad“ dann leicht gemächlicher, dafür mit herrlichen Spoken-Word-Passagen. Bei „I Wanna Be With You“ wurde aber das Tempo gleich wieder verschärft, der Track lieferte mit dem Einsatz einer Strings-Section den Beweis, dass in Chicago eben auch andere Instrumente als nur bluesig klingende Gitarren gespielt wurden. „Casanova“ – ein Cover des 67er-Hits der Chicagoer Soulsängerin Ruby Andrews – wurde auch mit dem moderneren, tempoverschärften Arrangement von Coffee wieder ein Hit. „A Promise“ war eher wieder auf der softeren Seite, das abschliessende „Can You Get To This“ hingegen drückte wieder das Gaspedal durch und beinhaltete einen südamerikanisch anmutenden Perkussions-Teil.

Slippin‘ And Dippin‘ – das Cover einer Kaffedose nachempfunden, deshalb auch die zusätzliche Gewichtsangabe NET WT. 16OZ (1LB) 453g – liegt auf zeitgenössischer Augenhöhe mit Produktionen aus den angesagten Disco-Zentralen Philadelphia, New York, Miami und München. Zudem ist die weltweite musikalische Entwicklung, respektive die Genre-Fusion Ende der Siebziger extrem spannend, gerade auch weil Synthesizer und Fairlight-Computer die Macht noch nicht an sich gerissen hatten, für die Sounds standen noch immer Musiker aus Fleisch und Blut im Studio und schwitzten stundenlang bis ein Backingtrack seine endgültige Form gefunden hatte. Vergleicht man die Dekaden im Nachhinein miteinander, dann kommt man ziemlich sicher zum Urteil, dass Musik aus den 80ern normalerweise durch viel zu viel Einsatz von Technik schrecklich klinisch klingt. Mal ehrlich, gibt es Drumsounds von Mitte 80er die man sich drei oder vier Jahrzehnte später noch zu Gemüte führen kann? Kaum, ich ertrage mittlerweile auch die meisten 80er-Aufnahmen von einem wie Steve Winwood nicht mehr.

Second Cup von 1982 – sozusagen der zweite Streich – geriet hingegen  zum Schlag ins Wasser (oder in die Kaffeetasse?), dem Produzenten Tony Valor gelang es jedenfalls nicht die drei Ladies akustisch gleichermassen prickelnd zu präsentieren wie das sein Vorgänger Clarence Johnson gemacht hatte, an der Gesangsleistung von Coffee lag es meiner Meinung nach nicht.

Second Cup war vermutlich die letzte Platte von Coffee, die drei Sängerinnen blieben danach noch bis in die 90er mit Liveauftritten präsent, danach verliert sich ihre Spur.

Wer mal zu etwas anderem als Chic, Labelle, Pointer Sisters, Hot Chocolate, Gloria Gaynor, Donna Summer oder KC & The Sunshine Band abtanzen möchte, der bekommt hier eine Vollbedienung. Die Scheibe eignet sich übrigens auch hervorragend als Soundtrack beim Erledigen von Arbeiten im Haushalt, es funktioniert wirklich, ich habe das höchstpersönlich getestet. Gerade jetzt, wo man doch virusbedingt nicht ausser Hause sollte tut etwas Bewegung erst recht gut, deshalb gilt einmal mehr das Motto:

GET UP AND DANCE!
mellow

 

Coffee – Slippin‘ And Dippin‘ – NET WT. 16OZ (1LB) 453g
(1980, LP, De-Lite Records / CD, 2016, Big Break Records)
1. Slip And Dip
2. Mom And Dad 1980
3. I Wanna Be With You
4. Casanova
5. A Promise
6. Can You Get Tho This

Bonustracks BBR-Release:
7. Say It, It’s Good To You
8. Slip And Dip (Single Version)
9. Mom And Dad (Single Version)
10. I Wanna Be With You (Single Version)
11. Casanova (Single Version)

Slippin‘ And Dippin‘ und Second Cup wurden 2017 vom japanische Label Octave Lab zusammengefasst auf CD veröffentlicht.

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