Herb Alpert & The Tijuana Brass – Lost Treasures (2021)

In den frühen 1960ern galt die Trompete durchaus als sexy Instrument – Jazz ohne Trompeten beispielsweise ist fast undenkbar – dieser Status änderte sich dann allerdings recht schnell mit dem Siegeszug der E-Gitarre. Schlussendlich wurde das Blechinstrument dann oft gleichgesetzt mit Easy Listening, selbst wenn anerkannte Grössen wie Miles Davis oder Chuck Mangione an ihrem Standardinstrument festhielten und mit Fusion, Brass- und dem oft von Saxophon dominierten Jazzrock ganz neue Genres auftauchten in denen auch Trompeten ihren Platz fanden. Bemerkenswerterweise konnte sich die Trompete auch im Soul- und Funkbereich im Schutz der allgegenwärtigen Bläsersections recht lange behaupten, erst als die Keyboardtechnologie weitere Fortschritte machte, sah sich ein Heer Bläser gezwungen das Arbeitsamt aufzusuchen.

Vermutlich hängt der Stellenwert auch mit der jeweiligen Sicht der Musikszene zusammen, „Trompetenmusik“ verkaufte sich lange bis in die Seventies hinein millionenfach, auch wenn das die Verfechter reiner Gitarrenmusik nur ungern zugeben, Bandleader wie Bert Kaempfert, James Last oder eben auch Herb Alpert scheffelten Vermögen mit ihrem leicht verdaulichen, beschwingten und meist instrumentalen Sound.

Herb Alpert hob 1962 ab, der Trompeter, Bandleader, Entertainer und Geschäftsmann feierte mit „The Lonely Bull“ einen ersten grossen Hit. Der in Boyle Heats (East L.A.) geborene Herb Alpert (seine Eltern waren jüdische Immigranten aus Radomyshl, gehört heute zur Ukraine) begann schon mit 8 Jahren Trompete zu lernen, seine Militärdienstzeit in den Fifties brachte er ebenfalls als Trompeter hinter sich. Danach startete er seine Traumkarriere, bereits „The Lonely Bull“ erschien auf dem von ihm und dem Produzenten Jerry Moss gegründeten Label A&M Records (A&M steht für Alpert und Moss) mit einer Trompete im Logo. Die Firma wurde einer der grossen Schallplattenkonzerne der 1970er, die beiden Gründer verkauften dann anno 1989 ihr gemeinsames Baby für 500 Millionen Dollar an Polygram.





The Tijuana Brass (1967, Live at the BBC):
Herb Alpert – Trumpet, Vocals
Tonni Kalsh – Trumpet
Bob Edmondson – Trombone
Lou Pagani – Piano, Vibraphone
John Pisano – Electric 12-String Guitar
Pat Senatore – Bass
Nick Ceroli – Drums

Herb Alpert und seine Begleitband The Tijuana Brass integrierten vor allem Latin-Elemente in ihre Songs. Den in Mexiko verbreiteten Mariachi-Sound habe aber eigentlich verabscheut und nie gehört schreibt der Bandleader in seinen Liner-Notes zu Lost Treasures, viel mehr sollte der exotische Name der Tijuana Brass Gedanken an südliche Lebenslust assoziieren und Party- und Ferienstimmung aufkommen lassen, Acapulco war damals in Zeiten des aufkeimenden Tourismus für US-Amerikaner in etwa ein so erstrebenswertes Urlaubsziel wie es das für käsebleiche Mitteleuropäer der Mittelmeerraum war.

Für die CD Lost Treasures – Rare & Unreleased begab sich Herb Alpert in die Archive und förderte dabei erstaunliches Material ans Tageslicht. Manche Tracks seien nicht ganz fertig gewesen, er habe im Nachhinein aber meist nur noch die Trompetenspur ergänzt, und zwar seien die fehlenden Melodien mit exakt der Trompete eingespielt worden die er damals mehrheitlich für Aufnahmen verwendet habe. Der Grossteil der versammelten Songs sei zum Zeitpunkt der Entstehung ganz einfach verworfen worden weil sie überzählig waren oder nicht ins Konzept der jeweiligen LP gepasst hätten, später gingen sie dann vergessen im Archiv. Nach der Anhörung des Songs „(They Long To Be) Close To You“ habe ihm damals der involvierte Tontechniker Larry Levine übrigens gesagt er solle das mit dem Singen doch besser anderen überlassen, und ja, er habe ihm das geglaubt und fortan einen Bogen um Gesangsmikros gemacht. Fragt sich im Nachhinein weshalb der Techniker das sagte, Herb‘s Stimme ist nicht schlecht, er hätte es bestimmt auch als Sänger weit gebracht wenn man ihn nicht gleich zu Beginn entmutigt hätte.

Die 22 Tracks die der Maestro zusammengestellt und nun auf seinem aktuellen Label Herb Alpert Presents veröffentlicht hat, haben es in sich, verbreiten auf Anhieb gute Laune und heben sich wohltuend ab von den üblichen Greatest-Hits-Compilations. Das Songschreiben überliess Herb Alpert oft anderen, er hatte aber das Talent die richtigen Nummern aus der Lostrommel zu ziehen und sie für sich und seine Tijuana Brass auf passendes Mass zu schneidern.

Ich gebe es zu, die Lost Treasures haben mich gepackt, „Happy Hour“ höre ich am liebsten in der Endlosschlaufe, der groovende „Tennessee Waltz“ und die Trompeten-Version von „Popcorn“ verursachen Wallungen und verlangen ebenfalls immer wieder nach der Repeat-Taste. Ja, ich gestehe, ich steh‘ auf solchen Loungecore-Trash und Fahrstühle mit Teppichböden die dich gleich nach dem Betreten in allerhöchste Sphären katapultieren…

LANG-LEBE-LEICHTER-HÖRGENUSS!
mellow

 

Herb Alpert & The Tijuana Brass –
Lost Treasures  – Rare & Unreleased

(CD, 2021, Herb Alpert Presents)

01. Up Cherry Street
02. Lazy Day
03. Wailing Of The Willow
04. Fire And Rain
05. And I Love Her
06. I Can’t Go On Living, Baby, Without You
07. (They Long To Be) Close To You
08. Promises, Promises
09. Happy Hour
10. Julius And Me
11. I Might Frighten Her Way
12. Alone Again (Naturally)
13. Tennessee Waltz
14. Tradewinds
15. Raindrops Keep Falling On My Head
16. Flowers On The Wall
17. Popcorn
18. Chris
19. Killing Me Softly
20. I’ll Never Fall In Love Again
21. Speakeasy
22. Whistlestar

 

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