Rockets

Für meinen italienischen Drucker-Kumpel pappte/gestaltete ich ab 1978 jeweils Plakate und Flyer für dessen Wanderdisco, das war damals in der Region ein total angesagtes Szene-Ding, während der Blütezeit füllten die Discospezis jeden Saal, jede Halle.

Musikalisch lebte ich allerdings in einer komplett anderen Welt, Rock und Punk waren mein Ding, für die ganze Tanzszene hatte ich nur ein müdes Lächeln übrig, allerdings muss ich sagen, dass mir die involvierten DJ’s das Tor zu Soul und Funk öffneten, es eröffnete sich mir eine ganz neue musikalische Welt in der Artisten wie James Brown, die Ohio Players oder Funkadelic das sagen hatten. Ich hatte also die Ehre mit dem „Boss“ arbeiten zu dürfen und erhielt so Einblick in diese ganze verrückte Management-Welt. 1981 hatte sich der Anführer der Disco in den Kopf gesetzt Konzertorganisator zu werden und die in Frankreich und Italien gross angesagten Rockets in die Schweiz zu bringen. Er buchte das Volkshaus in Zürich, ich bastelte wieder mal Plakate (und Tickets die er dann druckte und auf einer uralten Buchdruckmaschine stanzte und nummerierte, alles am Feierabend natürlich) und fehlte bei dem Gig. Im Nachhinein betrachtet ein Fehler, während ich mich mit dem eigenen Rocktrio abmühte, ging der Rockets-Gig ohne mich über die Bühne…

Die Rockets (manchmal mit Les oder The vorne dran, oder in Variationen als Rocket Men, Rocketers, Roketz etc.) wurden 1972 in Paris von Drummer Alain Groetzinger gegründet. Passend zu ihrem von Keyboardwänden gepägten Spacerock präsentierten sich die Franzosen als glatzköpfige, mit Silberfarbe imprägnierte Ausserirdische, mit solch entfremdender Tarnung liess sich ausserdem auf einfache Weise auch relativ einfach verbergen, dass es häufig zu Besetzungswechseln kam. Fiktive Raumanzüge/Kostüme gehörten natürlich genauso zu den Rockets wie die futuristischen Bühnenaufbauten und die neuesten Lichteffekte, alles irgendwie Science Fiction eben.

Die Musik der Rockets ist im Nachhinein (neutral und weltoffen) betrachtet, erstaunlich vielfältig: Da wurden immer die neuesten Technik-Trends eingeflochten, Vocoder, die allerneuesten Synthies, die Drums oftmals entfremdet, viel näher bei synthetischen Kraftwerk-Grooves als bei klassischem Rock/Pop-Getrommel. Aber wie gesagt, die Rockets waren extrem experimentierfreudig, sowas wie das progressive „Prophecy“ hätte beispielsweise problemlos auf ein Yes-Album gepasst. Gitarre und Bass gab es aber auch (live wesentlich dominanter als im Studio), vor allem die teils groovy funky Bässe treten im Saitenbereich immer wieder massgebend und unwiderstehlich treibend in Erscheinung.  Das Songmaterial wirkt bis heute absolut zeitlos, schlängelt sich gekonnt durch verschiedene Genres. Das Rockets-Cover „On The Road Again“ (Canned Heat) habe ich damals nicht begriffen,  das war anno domini für mich so etwas wie Gotteslästerung, heute würde ich jemandem der sich für die Rockets interessiert unbedingt die achteinhalbminütige Extended-Version ans Herz legen. Ja, zugegeben, ich ärgere mich jeweils fast wenn ich die Single an meiner Jukebox aufrufe und die ist nach schlappen viereinhalb Minuten schon durch, sie wird deshalb meistens gleich ein zweites Mal gedrückt.

Ein Freund von Best-Of-CD’s bin ich nicht wirklich, allzu oft wirken Songs die aus ihrem ursprünglichen Rahmen gerissen werden seltsam deplatziert in ihrer neuen, im Nachhinein geschaffenen Umgebung. Bei den Rockets würde natürlich auch eine Compilation reichen, wenn aber die Möglichkeit besteht eine 7-CD-Box zu erwerben… tja, dann werde auch ich schwach: The Story beinhaltet Mini-Replicas der Rockets-Originalalben bis 1982 und hier stösst man denn auch auf die Live-LP von 1980, aufgezeichnet übrigens von Dierks Mobile Studios. Was man aufgrund der äusseren Rockets-Erscheinung nicht vermuten würde, stellt sich als ziemlich harte Rockscheibe heraus, inklusive Groetzinger-Drumsolo und archaisch/psychedelischer Gitarrenorgie von Alain Maratrat bei „Guitar Visions“, irgendwo im Bereich zwischen Jimi Hendrix und Metal-Schnellfingerflitzerei. „On The Road Again“ kratzt an der 11-Minuten-Grenze und mündet in ein feines Finale.

Eine faszinierende Band deren musikalische Freidenker-Ideologie wird mir immer klarer wird:
Es ist ein gewagter Hochseilakt zwischen diversen Stilen, umfasst sowohl Elemente aus Spacerock, Pop, Electronica, Glam, Funk als auch Disco. Und so wie der instrumentale Gassenhauer „Apache“ (findet man auf der LP Rockets, 1976, gab es aber auch als 7”) an die Wand geschreddert wird ist das ganz einfach nur herrlich, Puristen werden bei so einer Freveltat allerdings aufheulen, für sie wird der hochheiligen Vergangenheit garantiert zu wenig Respekt gezollt. Oder das mehrsprachige „Future Woman“, die Live-Version zusätzlich mit exzellentem Talkbox-Solo, das ist für mich faszinierende Crossover-Ware.

LONG LIVE… SPACEROCK!
mellow

 

Nachtrag:
Ich schloss meine Lehre ab und wurde trotz aller Anstrengungen kein Rockstar.
Die Blütezeit der Wanderdiscos ging irgendwann auch zu Ende und Giusi wandte sich (meist erfolgreich) anderen wirtschaftlichen Projekten zu, ein typischer Unternehmer eben.
Die Rockets feierten in unterschiedlichen Besetzungen immer wieder mal Comebacks und füllten italienische und französische Konzerttempel, mittlerweile allerdings ohne Originalmitglieder. Und eine einheitliche Silber-Glatze tut sich heutzutage auch niemand mehr an.

 

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