Emil Mangelsdorff – Deutsche Legende 7

Zum langen erfolgreichen Leben von Jazz-Urgestein Emil Mangelsdorff

„Gemeinsam mit der deutschen Jazz-Szene trauere ich um einen ihrer profiliertesten und renommiertesten Solisten“, erklärte die grüne Spitzen-Politikern Claudia Roth, die von 1975 bis 1985 selbst in der Musik- und Theater-Szene tätig war. „Schon früh entdeckte er gemeinsam mit seinem Bruder Albert die Liebe für den Jazz, in einer Zeit in der jeder der damals Jazz hörte oder gar selbst spielte, schwerste Strafen riskierte.“ Das ist nur eine von vielen prominenten Stimmen, die mit starken Worten die Lebensleistung von Emil Mangelsdorff würdigen.

Jazz-Legende Emil Mangelsdorff (F: Archiv TECH)

Emil Mangelsdorff Q: Blues Forever Session_1 (CD_2007)

Emil in Hanau 25-11-2015 (Frank C. Müller)

Ruhelos & Ausgezeichnet – Beim ihm passt das Attribut Urgestein begrifflich wie bei kaum einem anderen deutschen Musiker, besonders bei einer Lebensgeschichte von sagenhaften fast 97 Jahren. In den schwierigen, unruhigen Jahren nach dem ersten Weltkrieg in der Main-Metropole am 11. April 1925 geboren, galt seine Liebe lebenslang bis zu seinem letzten Atemzug am 21. Januar 2022 der Musik, speziell alle Spielarten des Jazz. Akkordeon, Klarinetten, Flöten, Saxophone verschiedener Art waren seine lebenslangen Werkzeuge, die in seinen Händen mehr waren als nur Instrumente. Sie wurden zu einer Art musikalischen Stimme, mit der Emil zu anderen Mitmenschen sprach. Das können nur sehr wenige, und von denen, die es tatsächlich schaffen, gibt es nur eine Handvoll weltweit, die es mit dieser Intensität und Wärme reproduzierbar hinbekommen. Emil schaffte es ganz mühelos und immer wieder. Ich erspare mir wie immer die Vergleiche zu anderen Künstlern, nicht aber das nennen einiger Auszeichnungen: Johanna-Kirchner-Medaille Stadt Frankfurt, Goethe-Plaketten Stadt und Land, Wilhelm-Leuschner-Medaille, Träger hessischer Jazz-Preis, Ritter des Jazz und Ehren-Professor. Aber eins ist sicher, der in diesem Fall sehr würdige Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse Emil Mangelsdorff war ein gefühlvoller Groß-Meister seines Fachgebiets, ebenso ein echter Mitmensch, den wir nicht vergessen werden und sollten.

Emil Mangelsdorff Quartet: Blues Forever Session_2 (CD_2007)

Emil Mangelsdorff Quartet: Blues Forever Session_3 (CD_2007)

Ein sehr steiniger Weg – Er war Anfang der 1940er gründendes Mitglied der illegalen Frankfurter Swing-Band Hotclub Combo (später bis 1948 Hotclub Sextett), spielte damals illegale, unerwünschte, „entartete“ Musik. Auch wenn Titel wie »St. Louis Blues« oder »Tiger Rag« als »Ludwig-Serenade« und »Löwenjagd Im Taunus« getarnt waren, wurde er deswegen von den braunen NS-Schergen verfolgt, schikaniert, verhaftet, interniert und sogar noch 1944 in diesem sinnlosen zweiten Weltkrieg an die Ostfront geschickt. Das hat aber seiner Leidenschaft nicht geschadet, im Gegenteil. Er hatte sofort nach langer Kriegsgefangenschaft und Rückkehr in die hessische Heimat, einem auch durch ihn entstehenden Jazz-Hotspot Frankfurt am Main, ab 1949 wieder Jazz-Musik mit verschiedenen Bands der lokalen Szene gemacht. Natürlich auch immer wieder mit seinem jüngeren Bruder, dem Posaunisten Albert (1928 bis 2005) und vielen sehr bekannten Kollegen der deutschen und internationalen Szene. Durch den sehr frühen Verlust seiner Simone (geborene Rieling, Opern-Sopran, 1931-1973), zog er sich zeitweise zurück. Jedoch gewann er nach diesem schweren Schicksalsschlag dann durch gute Freunde und Kollegen wieder Kraft für neue Glanztaten. Und das dann über Jahrzehnte, vor allem im eigenen Emil Mangelsdorff Quartett und unaufgeregt, als musizierender Kollege, im von ihm mitgegründeten Jazz-Ensemble des Hessischen Rundfunks. Sein loderndes Jazz-Feuer war erfreulicherweise erneut nicht zum verlöschen gebracht worden.

EM Swingin Oil Drops: Like A Drop Of Oil (1966)

Jutta Hipp Quintet: Cool Dogs & Two Oranges (1980)

Emil Mangelsdorff Quartett: 10 Jahre Interaction Jazz (1985)

Swing-Ding oder Bebop – Zuletzt ist er am 01. November 2021 in seiner eigenen, seit Mitte der 90er bestehenden, inzwischen überregionalen bekannten, legendären, Konzertreihe wie üblich am ersten Montag des Monats im Frankfurter Holzhausen-Schlösschen (idyllisch gelegen in einem innerstädtischen Park) aufgetreten. Und das trotz Gehhilfen und im Sitzen, immer noch recht vital im Kreise seiner Freunde, diesseits und jenseits der Bühne. An seiner Seite Thilo Wagner, erfahrener Weggefährte und Piano-Begleiter seit 30 Jahren, ein sehr beachteter Musiker der feinen deutschen Jazz-Szene. Er spielte bei der Trauerfeier für Emil »Lover Man« von Ram Ramirez. Dank regelmäßigen, mehrstündigen Übens ging Emil bei seinem letzten Frankfurter Heimspiel auch diesmal nicht die nötige Puste aus. Emil Mangelsdorff hat auch immer nach neuen Ausdrucksformen, Wegen und Formaten gesucht, beispielsweise zum angrenzenden Blues und Fusion. Experimenteller, bei Projekten wie »Jazz & Lyrik«, war er unterwegs mit dem Schauspieler und Hochschulprofessor Edgar M. Böhlke (Projekte: Die Himmelsstürmer, Wounded Knee). Emil Mangelsdorff war auch ständiger Förderer und Unterstützer der Jugend und des musikalischen Nachwuchses. Er sah sich selbst als überzeugter Demokrat, besuchte immer wieder Schulklassen (oft auch gemeinsam mit seinem alten Weggefährten Fritz Rau) um dort den jungen Generationen von seinen eigenen, schmerzhaften Erlebnissen mit Diktatur, Nazi-Kult, Vernichtung, Zerstörung, menschlichen Tragödien aus seinen Erinnerungen heraus zu berichten. Aber es ging auch andersherum. Als musizierender Begleiter und Duo-Partner des von mir ebenfalls sehr verehrten Musik-Maniac Fritz Rau. Auf verschiedenen literarischen Reisen und damit verbundenen Besuchen zu den Menschen im deutschsprachigen Raum, erzählte Musiker Emil damals erlebtes und Veranstalter-Legende Fritz las Texte die diese Zeiten betrafen, alles im Format »Jazz Im Dritten Reich – Swing Tanzen Verboten«.

Promo: Jazz im Dritten Reich

Fritz Rau & Emil (Archiv TECH)

Fritz Rau: 50 Jahre Backstage
Emil Mangelsdorff Quartet: Blues Forever Session_4 (CD_2007)

Vorbilder und Vorbild – Seine wichtigsten Vorbilder waren die Saxofonisten und Komponisten Charlie Parker (Bebop-Pionier) und Lee Konitz (der besuchte Emil sogar mal in Frankfurt). Der frühere Partner seines Bruders Albert Mangelsdorff wurde ebenso mit 93 Jahren steinalt. Mit Charles Mingus spielte und jammte er zusammen sogar auch mal in New York. Zeitverzögert hat dann die deutsche Avantgarde des Jazz über Jahrzehnte alle Strömungen der jazzigen Musik von jenseits des Atlantik mitgemacht, wandten sich dann später dem Cool Jazz zu, danach noch den ungezwungeneren Klang-Experimenten von beispielsweise Miles Davis, Gil Evans und Lennie Tristano. Emil’s Credo, alles müsse Geltung haben, war auch schon früh in den jazzigen 50igern ein bewahrendes Element in den verschiedenen Combos von Joe Klimm, Hans Koller, Joki Freund oder besonders von Cool-Jazz-Pianistin Jutta Hipp gewesen. Bis dann der Free Jazz die letzten traditionellen Ketten löste, war der swingenden Rhythmus seiner Band EM Swinging Oil Drops noch 1966 auf deren einzigen Album »Like A Drop Of Oil« (1966, CBS) seine Konstante. Mitspieler waren nicht nur damals hochkarätig, auch der Darmstädter Gitarrist Volker Kriegel (oft genannt als Vater des Jazz-Rock) war dabei, produziert und unterstützt wurde von dem Duo Horst Lippmann und Fritz Rau. Mit Letzteren verband ihn eine sehr enge Freundschaft, viele interessante Details dazu nachzulesen auch im biografischen Buch »50 Jahre Backstage«.

Um den Stellenwert dieses Jazz-Dino noch einmal zu belegen, hier zusätzlich zu den bereits vorher genannten Protagonisten, einige Namen die seinen Lebensweg schon früh gekreuzt haben und mit denen er in verschiedenen Formaten immer wieder musiziert hat: Klaus Doldinger, Peter Trunk, Manfred Schoof, Peter Herbolzheimer, Ralf Hübner, Jean-Luc Ponty, Eberhard Weber, Wolfgang Dauner, Attila Zoller, Ack Van Rooyen und Legionen von hochkarätigen, jazzigen Kollegen mehr. Emil Mangelsdorff hat die deutsche Jazzgeschichte über Jahrzehnte belebt, mitgestaltet und aktiv seine Leidenschaft über sein ganzes Leben mit Rat und Tat aktiv ausgelebt und präsentiert. Wenn er nicht schon die höchsten Auszeichnungen als vorbildlicher Mensch und Humanist hätte, ich wüsste an wen ich mich in der Hessischen Staatskanzlei Wiesbaden (das habe ich schon mal für den Musiker Mani Neumeier getan) wenden müsste. Und das ist ganz sicher !!

Im Holzhausen-Schlösschen (F: P+U Kammann)

Emil und Edgar M. Böhlke (F: Barbara Kemper)
Emil Mangelsdorff 1925-2022_1 (Archiv TECH)

Emil und SchoTTe – Ich hatte dank meiner Münchener Freunde Christine und Bogomir auch das große Glück diesen sehr angenehmen Menschen mit seinen legendären, roten Hosenträgern kurz zu begegnen und ihm für einige Stunden sehr nahe sein zu dürfen. Ich habe seine Hand auf meiner gespürt, habe ihm in die Augen geschaut, ihm genau zugehört. Weiterhin habe ich ihn Mitte der 90er als Zeitgenossen kurz bei einem seiner Auftritte im Format »Jazz & Lyrik« begleiten und zusehen/hören dürfen. Die Eintrittskarte habe ich bis heute, sie ist ein wichtiges Lesezeichen im Buch »50 Jahre Backstage« von Veranstalter-Legende Fritz Rau. Dass Christine ganz nah an Deiner Seite und ich nun aus der Ferne dein Lebenswerk und vor allem Dich als Legende der deutschen Musik-Kultur gemeinsam würdigen dürfen, war bei unserer gemeinsamen Begegnung damals noch nicht abzusehen. Wenn ich Dich, Emil, in einer anderen Dimension später wiedertreffe, wünsche ich mir, dass Du wieder so schön und mit einem für Dich typischen, zufriedenen Geschichtsausdruck für uns auf Deinem Saxophon aufspielst, wie damals in Freising. Vielleicht dein selbst komponiertes, längeres Lieblingsstück »Blues For Ever« oder wie Trauerredner, Weggefährte und Freund Uwe Kammann in seinem sehr schönen und emotionalen Nachruf im Feuilleton Frankfurt vorschlägt, die Ballade »Sophisticated Lady«. Ich freue mich schon auf deine Musik und eine große Verbeugung schon heute. Rhythmische Grüsse, Chris & SchoTTe

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