David Byron & Gary Thain – Tragische Rocker 4

Wieder drei tragische Geschichten die Rock-Musik seit fast 100 Jahren schreibt !!

Wer will die noch immer in den weltweiten Gewässern kreuzende Rock-Fregatte Uriah Heep stoppen?? Sie wurde nach dem Bau als Spice und dem Stapellauf, eben als Uriah Heep (benannt nach einem bösen Buben aus dem Klassiker David Copperfield von Charles Dickens), seit Mitte 1969 mehrere Dutzend Mal versucht zu versenken. Es waren aber auch Desertationen, Meutereien, Aussetzen, Stranden, Schiffbrüche und Trockendock dabei. Aber Captain Mick Box hat in alter britischen Tradition wie Lord Nelson seine Mannschaft immer wieder neuformiert, motiviert und auf Linie gehalten. Auch zu der Zeit als der aufstrebende Steuermann Ken Hensley (auf seiner Finca in Spanien am 04-11-2020 unerwartet verstorben) versuchte das Ruder an sich zu reißen, war Micky schlau genug und hat den jungen wilden sich die Hörner abstoßen lassen. Über die Kapitäne und Steuermänner wird oft berichtet über die Maate, Quartiermeister oder Segelmacher recht selten, obwohl sie bis heute maßgeblich für Disziplin an Bord und somit für das Gelingen einer Seereise verantwortlich sind. Noch Anfang dieses turbulenten Jahres 2020 luden die drei Urgesteine Nazareth, Uriah Heep und Wishbone Ash (Moderation: Andy Scott von den Pop-Rockern The Sweet) mehrmals zum Classic-Rock-Gipfel Music & Stories ein. In der Dortmunder Warsteiner Music Hall war am 30. Januar 2020 dann erst mal der Abschluss. Immerhin waren die Kapitäne Mick Box und Andy Powell (Wishbone Ash) mit an Bord.

UH: Demons And Wizards (72)

UH: Live January 1973

UH: Live At Shepperton ’74 (86)

Diesmal geht es in der Reihe Tragische Rocker im Kern um die beiden brillanten aber tragischen Musiker David Garrick aka Byron und Gary Thain der britischen Rock-Legende Uriah Heep. Zu welchem Genre diese Gruppe zugeordnet wird scheint eigentlich nur die schreibende Zunft zu interessieren. Mick Box, Gitarrist seit 1969 bis heute meint dazu, wir machen klassische Rock-Musik, stimmt wohl. Die Heeps machten in der legendären Ur-Besetzung 1973 auch in Dortmund, Westfalenhalle 1 Station. Ich stand mittig rechts relativ nah vor der Bühne und hatte deshalb viel Interaktion mit dem schlanken, smarten Gary Thain, der oft Sichtkontakt mit seinem Publikum suchte. Kurze Zeit später die Nachricht vom Tod des Neuseeländers, ich war schockiert, denn ich hatte ihn ja erst gefühlt kurz vorher voller Lebensfreude gesehen. Ein Wiedersehen gab es mit den Mick-Box-Heeps und später Ken Hensley als Gast der Hamburg Blues Band jeweils beim Burg Herzberg Festival sowie dem Auftritt von Hensley mit seiner 2006 formierten, dreiköpfigen Band Live Fire, aktuell (2018) in der Besetzung Roberto Tiranti (Bass, Gesang), Tor Arne Fossheim (Schlagzeug), Ken Ingwersen (Gitarre). Beim Art-Rock-Festival 2018 wecken sie wieder die Erinnerungen an viele schöne Abende mit Freunden. Der langjährige Schlagzeuger Lee Kerslake ist nun auch am 19-09-2020 verstorben. Ken Hensley hatte mit Lee schon in den Jahren 1968 bis 1970 in den Bands The Gods, Head Machine und Toe Fat zusammengearbeitet. Gemeinsam mit dem Bassisten Gary Thain bildete Lee in den Jahren des Aufstiegs das musikalische Rückgrat der Band, und er war von Ende 1971 bis 2007 der Schlagzeuger auf allen wichtigen Uriah-Heep-Alben.

Art-Rock-Festival_2018: Ken Hensley

Art-Rock-Festival_2018: Live Fire

Die schönen und glücklichen Jahre hatte der 1947 in Epping (Nordöstlich von London) geborene britische Musiker David Byron (eigentlich Garrick) mit seinem Freund Mick Box bei Hogwash, Spice und Uriah Heep von 1967 bis zu seinem Ausscheiden 1976. Damit ist klar wer die Macher bei Uriah Heep Mark 1 und 2 waren. Der Multi-Instrumentalist Ken Hensley steigt früh zu, Bassist Paul Newton und Schlagzeuger Alex Napier sind dann schnell wieder ausgestiegen. Mit Lee Kerslake und Gary Thain wird es dann facettenreicher, melodiöser und stabiler. David´s klarer, melodischer Gesangsstil prägte den Band-Sound in dieser wichtigen Phase maßgeblich. Bereits 1975 veröffentlichte er sein erstes Solo-Album Take No Prisoners, jedoch war das Werk kommerziell nicht erfolgreich. Wie bei vielen Bands dieser Zeit, die in kürzester Zeit Übergroß und Mega-Erfolgreich wurden, das war bei diesem sehr berühmten Quintett so, mit Gerry Bron hatten sie sogar eigentlich ein sechstes Mitglied im Boot (um bei der Metapher zu bleiben), nahmen die Spannungen Zwischenmenschlich immer weiter zu. Auch die Arbeitsweise mit oft zwei Alben pro Jahr und dazwischen ständiges weltweites Touren tat sein Übriges. Die damaligen internen Spannungen werden in jedem Buch oder Bericht anders dargestellt, die Wahrheit kennen vermutlich im hohen Maß nur die Protagonisten selbst. David, Gary, Lee, können wir nicht mehr befragen, bleiben Mick und Ken, die scheinen im Alter ja nun ihren Frieden miteinander gefunden zu haben. David Byron gründete nach seinem unfreiwilligen Ausstieg 1977 zusammen mit Gitarristen Clem Clempson (Colosseum, Humble Pie, und weitere), und Schlagzeuger Geoff Britton (Wings) die kurzfristige Blues-Rock-Band Rough Diamond, ein selbstbetiteltes Album, eine kurze US-Tour. Im Anschluss trennten die vier Kollegen sich auch diesmal wieder von Byron, holten sich Garry Bell für das Gesangsmikrofon und nannten sich dann Champion (aber auch nur kurz und 1978 ein Album Champipon). David´s nächstes Solo-Werk Baby Faced Killer war dann musikalisch etwas kommerzieller ausgerichtet, aber 1978 ebenso kein Verkaufsschlager. Neues Spiel, neues Glück, zusammen mit Youngster Robin George an Gitarren wird nun The Byron Band aus der Taufe gehoben, die Single Every Inch Of The Way (1980) und das Album On The Rocks (1981) bleiben leider auch unbeachtet. Bei der Premiere im Londoner Marquee Club erlitt Byron dann einen Zusammenbruch. Fazit: Nach dem Rausschmiss 1976 bei seinen alten Kumpels, hatte er leider kein Glück, keinen echten Erfolg mehr. Er betäubte seine ständigen Misserfolge in immer mehr Drogen und Alkohol, stirbt dann an den voraussehbaren Folgen am 28. Februar 1985 in Reading (Südwestlich von London). Er hatte viele Kollegen die ihm geholfen haben und auch weiterhelfen wollten, aber der unsolide Lebenswandel hatte ihm bereits schon Zuviel Lebenskraft geraubt, sehr schade. Aber seine wunderbaren Gesangskünste können auf zwei Dutzend guter Alben (Band & Solo) genossen werden.

David Byron: Promo

Rough Diamond: Debüt (1977)

Man Of Yesterday: Anthology

Wer nun denkt das schon die Geschichte von David sehr tragisch ist, wird mit folgendem eines Besseren belehrt. Die kurze aber steile Bass-Karriere von Gary Mervin Thain beginnt 1962 vierzehnjährig in Christchurch, Neuseeland zuerst mit der Beat-Band The Strangers seines Gitarren-Bruders Arthur. Hier auch schon mal der Hinweis auf das englischsprachige Vorwort von Graeme Ching (Sänger und Rhythmusgitarre) im Buch von Sonja Wagner. 1966 spielt er kurz bei den Secrets, dann wieder mit einigen Kollegen von The Strangers bei Me And The Others. Mit dieser Truppe geht es sodann nach Europa, auch nach Deutschland. Dort wird nun auch mit neuer musikalischer Ausrichtung New Nadir gegründet. Deren einzige Aufnahmen von 1968 werden erst 2009 mit verschiedenen Titeln von Me And The Others als Split-CD Uncovered veröffentlicht. In München lernt er die Minderjährige Österreicherin Sonja Wagner kennen und lieben. Er muss aus beruflichen Gründen nach London gehen, nimmt zum Lebensunterhalt verschiedene Jobs an, arbeitet dort 1969 im Studio schon am Debüt Fiends And Angels von Martha Veléz mit und schließt sich dann für etwas mehr wie zwei Jahre bis zur Auflösung der Keef Hartley Band an. Sein rhythmisch-funkiges Bass-Spiel ist auf immerhin sechs Alben dieser erfolgreichen Band zu hören, er spielt zusammen mit Miller Anderson und Keef Hartley sogar beim Woodstock Festival auf. Was ein steiler Aufstieg in London. In München hat er Gisela mit einem gemeinsamen Kind und Freundin Sonja zurückgelassen, holt sie aber nach England. Das Glück wird aber wieder durch eine zweite Frau getrübt, Maureen muss er heiraten, weil er sonst als Neuseeländer ausreisen muss. Nach dem Album 72nd Brave, auch mit seinem Song You Say You’re Together Now, löst Keef 1972 seine erfolgreiche Band auf um wieder mit John Mayall auf Tour zu gehen. Die Heeps suchen gerade einen neuen, erfahrenen Mann am Bass, er braucht einen und bekommt ein Angebot. Er steht schon am 01. Februar 1972 mit auf der Bühne, löst damit Mark Clarke (Colosseum, Mountain, Rainbow) ab. Schon vier Monate später entsteht Demons And Wizards, einer der Meilensteine von Uriah Heep und des Classic-Rock überhaupt.

Gary Thain: Promo

New Nadir, Me And The Others

Keef Hartley B: Halfbreed (1969)

Das Buch Gary Thain: Meister Der Tiefen Töne (2009: Novum Verlag) von eben Sonja Wagner gibt tiefe (auch sehr persönliche) Einblicke in das Privatleben von dem jungen Pärchen ab der Zeit von New Nadir in München. Die Kritik an diesem Biografischen Roman, das er sehr naiv geschrieben ist und die Geschichte leider beim wichtigen Einstieg Thain´s bei den Heeps endet, ist zwar berechtigt, macht aber auch gerade den Charme dieses Werkes und ehrlichen Portraits aus. Was wäre es denn für eine Geschichte geworden, hätte es ein professioneller Vielschreiber verfasst oder überarbeitet. Meines Erachtens ist die Art wie die 500-seitige Geschichte geschrieben ist, ein deutliches Indiz auf Authensität. Dazu kommt das Vorwort von Graeme Ching, dem Sänger und Rhythmusgitarrist seiner ersten Neuseeländischen Band The Strangers. In den Erzählungen von Sonja wird sehr deutlich das Gary schon 1968 in München mit Alkohol und Drogen kämpfte. Diese Dämonen ist er trotz seiner Virtuosität, Musikalität und des Erfolgs mit Keef Hartley Band und Uriah Heep nicht mehr losgeworden. Am 15. September 1974 erlitt Thain einen schweren elektrischen Stromschlag bei einem Live-Auftritt in Dallas, Lone Star State Texas, USA. Diese Unfälle kennen wir aus dieser Zeit der 70iger auch von anderen Tragischen Rockern, wie beispielsweise berichtet bei Keith Relf, Leslie Harvey (Beitrag bereits in Arbeit) und vielen weiteren. Bedingt dadurch hatte er danach verstärkt physisch und psychisch starke gesundheitliche Einschränkungen, die durch seine langjährige Hingabe zu Drogen und Alkohol nicht gelindert wurden, sehr im Gegenteil. Im Januar 1975 war unfreiwilligen Schluss bei Uriah Heep, schon am 08. Dezember mysteriös der Wechsel vom Leben in den Klub 27. Auch hier gibt es eine Menge Spekulationen, an denen ich mich nicht beteiligen möchte. Eine Anekdote am Rande, Sonja und Gary waren eng befreundet mit dem Gitarristen Nick Drake (wie berichtet, verstorben 25-11-1974, siehe Tragische Rocker 1) und bildeten ein sehr freundschaftliches fast gleichalteriges Trio, welches sich regelmäßig trifft, musiziert und sogar gemeinsam auftritt. Zufall oder doch etwas mehr. Die Heilkundige Sonja Wagner lebt nun irgendwo ländlich in Niederösterreich, hat aber mit ihren „Memoiren“ etwas mehr Licht in das Dunkel dieses tragischen Rockers und besonderen Bass-Spielers gebracht.

Auch die Karriere von Schlagzeuger Lee Kerslake hatte einige Höhen und Tiefen. In diesem Kontext einige negative Highlights. 10-1979: Lee bekommt ein Angebot von Crazy Ozzy, steigt bei Uriah Heep aus und nach den zwei ersten Alben von Osbourne 04-1982 bei ihm wieder aus und wieder bei den Heeps ein. Wie sagt man so schön, rein bei dem Irren, raus aus den Wirren. Bis zu seinem Tod streitet er sich mit Ozzy wegen seiner anteiligen Rechte. Die großzügige Übergabe von zwei Platin-Schallplatten kurz vor seinem Tod mit 73 Lenzen ist nur eine freundliche Geste, kein Ausgleich für so eine überhebliche Ignoranz. 2003 war Lee kurzzeitig am Allstar-Projekt Living Loud beteiligt (auch ein Album), im Frühjahr 2007 war dann endgültig Schluss bei seiner Stammband. Offizielle Verlautbarung war: Rückzug wegen anhaltenden gesundheitlichen Problemen. Das merkte man Kerslake auch bei den Auftritten an, die Belastung bei so einer ständig tourenden Live-Band ist auch enorm.

Gary Thain: Meister Der Tiefen Töne (2009)

SchoTTenBook: Das deutschsprachige Taschenbuch Uriah Heep: 10 Jahre Rockmusik von Markus Ott und Ken Hensley ist leider nur noch gebraucht im Antiquariat zu bekommen. Es lohnt sich aber, auch wenn es verständlich stark aus der Sicht vom Steuermann Hensley geschrieben ist. Dennoch gibt es einen guten Einblick in die 10 prägenden Jahre von Uriah Heep. Auch seine englischsprachige Biografie Blood On The Highway: The Ken Hensley Story (When too many dreams come true) von 2007, es gibt auch ein gleichnamige CD und DVD, diesmal im Tandem mit Autor Matthias Penzel, ist sehr lesenswert. Das dritte Lese-Werk Gary Thain: Meister Der Tiefen Töne von Sonja Wagner habe ich ja schon im Text bei Gary Thain vorgestellt. Mick Box wird immer mal wieder auch für deutsche Musik-Magazine interviewt und er plaudert immer sehr offen und respektvoll über die Zeiten in den 70igern. Ich habe leider 2020 die Chance in meiner Heimatstadt Dortmund verpasst. Aber so fit wie der Micky ist, wird meine Stunde noch kommen.

Weiterlesen RZ: Tragische Rocker – Klingende Grüsse, Der SchoTTe

 

 

 

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