Renato Zero

Gut, glamouröse Rockmusik (Glamrock) ist nicht jede(r)frau/mann’s Sache, italienische Popmusik ebenfalls nicht, was aber der 1950 geborene Römer Renato Zero (gebürtig Renato Fiacchini) im Laufe seiner Karriere abgeliefert hat ist ganz schön beeindruckend möchte ich mal behaupten.

Mitte 60er hing er gerne im angesagten Tanz- und Konzerttempel Piper Club* ab, vermutlich keimte dort der Wunsch auf Popstar zu werden, auf alle Fälle kehrte er später zurück an die Wiege des Erfolges und stand als gefeierter Künstler ganz oben auf der Bühne. 1967 erschien bei RCA Italiana die (heutzutage gesuchte) Single «Non Basta, Sai», die Kurzrille präsentierte gleichzeitig das erste Mal den gewählten Künstlernamen Zero, es war der erste von unzähligen nachfolgenden Tonträgern.

Im Piper Club lernte Renato auch Loredana Bertè und deren Schwester Mia Martini kennen. Die drei verstanden sich, 1969 schwangen sie gemeinsam in TV-Produktionen des staatlichen TV-Senders RAI das Tanzbein. Im gleichen Jahr erhielt der Tänzer eine kleine Rolle im opulenten Streifen Fellinis Satyricon, danach beteiligte er sich an der italienischen Ausgabe von Hair und der ausgezeichneten Rockoper Orfeo 9 (1973, von Tito Schipa Jr.) bei der er sowohl als Sänger als auch als Schauspieler in Erscheinung trat. Renato Zero war auf den Geschmack gekommen, vermutlich auch beeinflusst von Paradiesvögeln wie David Bowie, Marc Bolan, Alice Cooper, Michel Polnareff und Roxy Music fasste er jetzt definitiv eine Gesangskarriere wie seine Freundinnen Mia und Loredana ins Auge.

Mit No! Mamma, No! erschien 1973 die erste Langspielplatte, ein bunter akustischer Pseudo-Live-Strauss, durchgehend mit schillernden Popsongs besetzt, extrem nah an T. Rex und David Bowie vorbeigeschossen, aber trotzdem mit der eigenen Duftmarke bestäubt, umwerfend. Allzu instrumental verschwurbelt und kopflastig liess es Renato Zero auch auf seinen nachfolgenden Tonträgern nie werden, das Gebiet überliess er kampflos den unzähligen italienischen Vertretern des Progressiven Rocks, er suchte und fand stattdessen seinen eigenen Pfad zwischen Pop, Rock (selbst Supertramp coverte er) und Canzone, manchmal schräg, manchmal leicht kitschig, aber immer engagiert, nicht nur musikalisch sondern auch textlich. Renato Zero schrieb zwar eigene Songs, liess sich immer wieder gerne auf Kollaborationen ein, unter anderem auch mit dem Texter Mogol alias Giulio Rapetti, er ist vor allem für die Zusammenarbeit mit Lucio Battisti bekannt. Nach den Alben Invenzioni (1974), Trapezio (1976) und Zerofobia (1977) lancierte der Künstler 1978 mit der LP Zerolandia das gleichnamige eigene Label.


Der androgyn wirkende und elfenhaft auftretende Zero schaffte problemlos den Sprung in die 80er, die No-1-Doppelalben Tregua (1980) und Artide Antartide (1981) sind wirklich beeindruckend. Auf letzterem findet sich mit dem der verstorbenen Sängerin, Tänzerin und TV-Moderatorin Stefania Rotolo (1950-1981) gewidmeten «Ciao Stefania» eine berührende Ballade, das damals gedrehte Video dazu entstand im Piper Club. Das Lied erinnert mich immer wieder an eine liebe, im letzten Jahr leider viel zu früh verstorbene italienische Freundin mit dem gleichen Vornamen: «All’infinito, il tuo slancio replicherai, e il tuo stile ardito», ja, ciao Steffi, wir vermissen dich.

Der sympathische Barde wurde in Italien zum Superstar, der Erfolg liess erst im Laufe der 80er etwas nach. 1995 starb Mia Martini an einem Herzinfarkt. Ihre Schwester, die mit messerscharfer Stimme bewaffnete Rockröhre Loredana (sie war ‘89-‘92 mit der Tennislegende Björn Borg verheiratet und sorgte immer wieder für Skandale, so auch 1986 am San Remo Song Festival als sie hochschwanger in knallengem Lederoutfit auf der Bühne stand) und Renato pflegten ihre musikalische Verbundenheit weiterhin, immer wieder standen sie auch gemeinsam auf der Bühne.

Ab den 90ern zeigte die Erfolgskurve von Renato Zero stetig nach oben und spätestens im neuen Jahrtausend eroberten die Alben des Mannes mit den extravaganten Kopfbedeckungen wieder die Spitze der Charts, zuletzt grüsste Zero Il Folle (2019) von Platz Numero Uno. Der Verkleidungskünstler Renato mag vielleicht etwas älter und softer geworden sein, der in London gedrehte Promoclip «Ma più da soli» zeigt aber, dass er die Bodenhaftung noch lange nicht verloren hat.

Auch wenn der ein und andere die Ohren verschliesst wenn er italienische Wortlaute vernimmt, die Sprache ist enorm ausdrucksstark und eignet sich dank ihrer Melodik hervorragend um Lyrik, sprich Geschichten in Form von Liedern zu transportieren. Natürlich gibt es auch bei Renato Zero ein paar Ausfälle, aber wenn ein alter Rocker wie ich sich die Zeit nimmt einer Herz zerreissenden Ballade zu lauschen, dann steckt da garantiert mehr hinter der Fassade als man auf den ersten Blick vermuten könnte.

Empfehlen möchte ich vor allem die ersten sechs Alben bis und mit EroZero (1979) die von RCA-Nachlassverwalter Sony 2012/13 zusammengefasst in drei atemberaubend aufgemachten 2-CD-Limited-Editions in Buchform wiederveröffentlicht wurden. Ab Tregua wird es dann schwieriger dem Verlauf der originalen Scheiben zu folgen, nur schon der Archiv-Umfang lässt ein solches Unterfangen zum schwierigen Projekt werden. Geneigte Forscher werden bestimmt auch im jüngeren Tonträger-Segment fündig, sie können sich nach der Abarbeitung (man spricht mittlerweile fliessend und akzentfrei Italienisch) den erwähnten Schwestern Mia und Loredana zuwenden. Ja, wer weiss, eventuell bleibt man dann auch für immer hängen in Italien…


(Loredana Bertè / Renato Zero)

LONG LIVE ITALIAN POP MUSIC!
mellow

 

* Anfang Mai 1968 spielten Pink Floyd (bereits mit David Gilmour) und The Byrds (mit Gram Parsons) im Rahmen des mehrtägigen, in Rom stattfindenden First International Pop Festival im Piper Club, von beiden Auftritten existieren Bootlegs in guter Qualität. Die Bands mussten in den (innenarchitektonisch modernistisch gestalteten) Piper Club ausweichen weil im Pallazzo dello Sport nach einem pyrotechnischen «Feuerwerk» von The Move (und einer Tränengaspetarde von Seiten der Polizei) die Arena von den Behörden gesperrt wurde, es war das frühzeitige Ende dieser römischen Musikfestwoche.


(Piper Club, Rom)

Roy Wood und seine gefährliche Truppe wurden offenbar vorübergehend inhaftiert, der Grossteil der Konzerte mit The Nice, Donovan, Julie Driscoll, Brian Auger & The Trinity, The Association, Captain Beefheart, I Giganti und Samurai (mit Dave Lawson, später bei Greenslade) ging hingegen geordnet und friedlich über die Bühne. Jimi Hendrix war ursprünglich auch gebucht, allerdings schaffte er es nicht rechtzeitig vor Ort zu sein, er trat dann unabhängig vom Festival erst 20 Tage später in Rom auf. Die Konzertreihe hatte nicht den gewünschten Erfolg, die erwarteten Menschenmassen blieben entgegen der Prognosen aus, die überall in Europa ausser Kontrolle geratenen Studentenproteste gingen auch am Festival vorüber. Die Gazette Melody Maker betitelte den Event als «Pop-Flop Of ‘68», vermutlich hatte man mehr erwartet. Neben unzähligen Filmschnipseln der einzelnen Interpreten geistert auch die 18minütige damals entstandene Film-Berichterstattung der BBC durchs Web.

 

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