Florian Schneider-Esleben (und Kraftwerk 1, 2 und Ralf und Florian)

Florian Schneider-Esleben (und Kraftwerk 1, 2 und Ralf und Florian)

 

Lange habe ichs vor mir hergeschoben, den Beitrag zu Florian Schneider-Eslebens Tod vom 21. April 2020 fertig zu stellen. Nicht, weil mir nichts eingefallen wäre, die Schwierigkeit lag eher darin einen Nachruf zu schreiben und gleichzeitig die ersten 3 Alben der Band zu würdigen. Eigentlich hätte ich hier zwei separate Beiträge machen müssen, aber … here we go.

 

Florian Schneider-Esleben war einer der Gründer von Kraftwerk und bis ins Jahr 2009 Teil dieser Institution und das selbstverständlich mit allen Höhen und Tiefen (Verleugnung resp. aktives Desinteresse der ersten drei Alben von Kraftwerk, deren abrutschen mit (und von) Autobahn weg in den Mainstream und deren Sololauf mit dem sie deutsche Gerichte über Jahre beschäftigt hielten mit ihrem Kleinkram, den sie für gesetzlich durchdrückbar hielten). Aber um das soll es hier nicht gehen.

 

Ungefähr ab 1970 lief bei einem Süddeutschen Radiosender ein Mal in der Woche eine Krautrocksendung (wobei ich nicht weiss, ob der Begriff damals schon gebraucht wurde und ich selbst Kraftwerk nie im Leben zu Krautrock rechnen würde) und das war immer am Mittwoch Nachmittag um 1330 hrs, jeweils eine halbe Stunde. Damals habe ich alles für diese halbe Stunde liegen lassen und wenn ich mit Schulkameraden am Nachmittag abgemacht hatte, dann war klar, ich tauche erst nach 14 Uhr auf. Um es kurz zu machen, diese Sendung war hauptverantwortlich dafür, dass mir bis zum Erscheinen von „Autobahn“ nur Musik aus Deutschland ins Haus kam (ohne Schlager und so ein Kokolores).

 

Ich glaubs heute selbst kaum mehr, aber im Alter von 13/14 Jahren war ich völlig beeindruckt von Karlheinz Stockhausen und dessen Musik. Den kannte ich vermutlich via dem ersten Radioprogramm DRS (oder wie der damals hiess). Und dann sind Kraftwerk in der Sendung aufgetaucht und haben dem Karlheinz aber gezeigt wo der Bartli den Most holt. Man kann sich das heute kaum mehr vorstellen, aber die erste LP war so was von Avant-Garde (auch im weiteren Umfeld der elektronischen Musik und Neo-Klassik), dass man sich fragen muss, wo sind Radioprogramme geblieben, die Abseits des Mainstream senden (und das von so genannten Staatssendern).

 

Rückblickend waren diese drei LPs wohl etwas, was einfach kommen musste. Wobei die „Same aka 1“ (1970) tatsächlich leicht eingängiger und etwas besser zu konsumieren war. Hat möglicherweise mehr mit der Instrumentierung als mit den musikalischen Ideen zu tun. 1972 folgte dann „2“ und wenn schon das erste Album einen richtigen Pflock eingeschlagen hatte, was war denn die Folgeveröfentlichung? Ganz einfach, nicht von dieser Welt. Teilweise blieb der Anspruch eines Karlheinz Stockhausen bestehen aber andererseits wurde die Arbeit von Kraftwerk auf eine höhere Stufe gestellt und die elektronischen Gäule wurden losgelassen. 1972 und ein Track wie „Strom“? Soll mir keiner kommen und sagen dass das courant normal gewesen sei. Abgesehen von ein paar Klangtüftlern die damals niemand kannte (und die auch heute noch ziemlich in der vierten Reihe stehen, aber deswegen trotzdem geniale Musik geschrieben haben) war das wie Perry Rhodan im 25. Jahrhundert. Ich war jedenfalls fasziniert und mit diesen beiden LPs hatte ich Kraftwerk für immer in meiner Hall of Fame platziert. Und dann war da noch „Ralf & Florian“, eine LP die 1973 etwas unterging. Nicht, dass die LPs 1 & 2 grosse Renner gewesen wären, aber die dritte Veröffentlichung sank dann schon wie der proverbiale Stein im Wasser.

 

Für mich hätte das so weiter gehen können, aber 1974 erschien „Autobahn“ und fertig wars mit der Idylle. Gekauft habe ich mir die LP ungehört und war aus irgendeinem Grund nicht sehr überrascht, dass das Gebotene ziemlich in Richtung MOR ging, zumindest an den bisherigen Massstäben der Band gemessen. Für mich wars das dann auch mit Tonträgern der Combo, ausgenommen in späteren Jahren den einen oder anderen Kauf in einem Brockenhaus (für lau). Ich habe eine starke Meinung zu Kraftwerk post „Autobahn“, aber dass lass ich jetzt mal so stehen.

 

Eine Anmerkung: Die einzig bewusste Ausnahme war „Das Modell/The Model“ und zwar in einer Coverversion von Veronika Zemanova ( sie ist bekannt, ihr könnts ruhig zugeben, wir sind da unter uns). Die CD-Single ist bei Bizarre Music 2001 erschienen und nur noch auf dem Sekundärmarkt erhältlich und das erst noch zu ziemlich stolzen Preisen. Da passt nun wirklich alles, einerseits ist das einer der Popsongs mit denen Kraftwerk Kohle scheffelten und dem Begrif MOR eine neue Bedeutung gaben und andererseits ist dies von allen Seiten betrachtet einfach exzellent (Pun intended).

 

Naja, Kraftwerk hatte ich seit 1974 eben nur noch en passant verfolgt und meistens sind sie mir negativ aufgefallen, aber es sei ihnen gegönnt, dass sie Kohle ohne Ende schaufeln konnten und eines gebe ich gerne zu, selten hat eine deutsche Band global so viel Eindruck schinden und zur musikalischen Entwicklung des Pop-Genres beitragen können wie diese Düsseldorfer. Für mich war das Kapitel aber noch einige Zeit nicht abgeschlossen, hatten doch Michael Rother und Klaus Dinger (beide ex-Kraftwerk) nach deren frühem Abgang Neu! gegründet und nach dem Split kam Herrn Rothers Solokarriere und Herrn Dingers La Düsseldorf und so weiter, wobei letzterer immer eigenartiger agierte … aber das ist alles auch eine andere Geschichte.

 

Ob sich die Begeisterung für Kraftwerk in Deutschland in Grenzen hielt, kann ich nicht beurteilen (wie von Rüdiger Esch in seinem Nachruf zum Tode FSEs in der WOZ vom 14. Mai 2020 geschrieben), aber weltweit waren sie halt schon Wegbereiter für einen Stil der von der Masse getragen werden konnte. Ich gehe mit ihm allerdings einig, dass der grösste Erfolg der Band im englischsprachigen Ausland (U.K. und USA) erzielt wurde. Aus welchem Grund auch immer (wahrscheinlich völliges Un- und Missverständnis), ohne die weltweite Akzeptanz wäre die Band nicht fünf Jahrzehnte auf der Bühne gestanden. Dass da irgendwann mal tote Hose mit der musikalischen Weiterentwicklung war, geschenkt, auch andere Bands, z.B. Rolling Stones, können das Rad nicht jedes Jahr neu erfinden.

 

Die Bühnenshow der Band kenne ich nur aus dem TV und da muss sogar ich sagen „Chapeau“, das zumindest blieb meistens radikal und da muss man auch erst mal drauf kommen. Ich weiss nicht ob das eine „urban legend“ ist, aber anscheinend gaben die ja auch Konzerte ohne einen einzigen Musiker auf der Bühne und nur durch Dummies vertreten. Das Gesicht von Kraftwerk waren trotz, oder gerade wegen der vielen Line-up Wechsel (wobei den anderen einfach nur immer die Stelle als Mietmusiker zugeschrieben wurde), immer die Herren Schneider-Esleben und Hütter. Irgendwie wusste man, dass die zwei existieren und manche behaupteten, sie hätten sie auch schon gesehen, aber, ich gebe es zu, je länger die Band existierte, desto unsympathischer wurden mir die beiden Protagonisten. Aber die Gründe dafür sind für mich so lang wie „Krieg und Frieden“ von Tolstoi.

 

Florian Schneider-Esleben hatte vor über 10 Jahren das Handtuch bei Kraftwerk geworfen und er wird seine Gründe gehabt haben. Kraftwerk ohne die beiden siamesischen Zwillige waren nicht mal mehr Kraftwerk im Namen (wenn schon musikalisch schon lange nicht mehr), aber Ralf Hütter und Florian Schneider-Esleben haben in ihrem Leben etwas erreicht, dass sie sich vermutlich 1970 selber nicht vorstellen konnten. Die Nachricht vom Tod FSEs war mich mich wie ein Tagesauflug 50 Jahre in die Vergangenheit und ich bin manchmal wirklich für das Schicksal dankbar, welches mir in meinem Fall ermöglicht hat, Kraftwerk zu ihrer Hochzeit musikalisch zu schätzen.

 

R.I.P. FSE

 

P.S.: Zu den Gründen, wieso mir die Band seit Jahrzehnten unsympathisch ist, gehört sicher, dass sie sich beinhart weigern die ersten 3 LPs neu aufzulegen. Was ihr da neu kaufen könnt sind ohne Ausnahme alles Fälschungen (Neudeutsch Counterfeits). Ich bin versucht zu sagen „selber schuld“, andererseits verarschen die mich, indem sie die alten Aufnahmen als nicht repräsentativ abtun und mir quasi erzählen, dass ich selber schuld bin, damals der Band auf den Leim gegangen zu sein und dafür Geld ausgegeben zu haben. Nimmt der Grösse und Wichtigkeit der Aufnahmen natürlichen keinen Millimeter weg, ganz egal was Kraftwerk selber dazu meint.

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2 Kommentare

  1. Irgendwann lief im Beat Club „Ruckzuck“ und dann musste die Platte sofort gekauft werden. Bei mir stand das Album lange Zeit und wurde erst in den 2000ern für viel Geld verkauft. „Ruckzuck“ muss man gehört haben, damals wegweisend für elektronische Musik. Nach dem ersten Album verabschiedete ich mich von Kraftwerk. Warum verdrängt Kraftwerk die Existenz der ersten Alben? Für mich nicht nachvollziehbar!

  2. Eine würdige Verbeugung – Ich mag das Wort Kokolores, benutze es selbst sehr häufig. Es erinnert mich an meine Jugend, in der ich auch genau diese Musik gehört und geliebt habe wie du Canvey. An beidem hat sich bis heute nichts geändert. Auch das Wort Krautrock mag ich. John Peel hat es sicher nicht negativ gemeint, denn er liebte die Crazy Germans sehr. Ich habe lange mit vielen Briten zusammengearbeitet und kann euch Bände schreiben über einige hochnäsigen Kolonialisten von der Insel. Es gibt aber überwiegend auch sehr viele, sehr nette und wunderbare Europäer von dem Südteil der Nordsee-Insel bis zum Hadrianswall, danach fängt beautiful Schottland an. Die Karriere von Kraftwerk bis heute ist vielschichtig zu sehen und dafür bräuchten wir einen eigenen Blog und viel Zeit das alles umfassend aufzuarbeiten. Fakt ist, wir können sehr stolz sein auf die Protagonisten der Düsseldorfer Szene (Sound Of Düsseldorf ist meine Bezeichnung), auch auf Ralf und Florian. Zwei kleine Anekdoten. 1. Ich habe bei einem Musik-Freund der die frühe skandinavische Musik liebt, mal den damaligen Ton-Techniker der Düsseldorfer kennen gelernt und der erzählte sehr interessant und plastisch von den vielen Anekdoten und Absurditäten während der Welt-Tournee. Ich komme auf dieses Thema später an anderer Stelle von Zeit zu Zeit zurück. 2. Ich durfte 2017 ergriffen und mit Rieseln über dem Rücken einem Konzert beiwohnen, das die drei Rentner Eberhard Kranemann (1970 bis 1971 Cello, Hawaiigitarre, Bass bei Kraftwerk, später auch noch bei Neu!), Harald Großkopf (Schlagmann bei zwei Dutzend deutschen Bands und Projekten) und Manfred Elektrolurch Neumeier (Mastermind Guru Guru) als Live-Trio-Special gegeben haben. Mein lieber Schwan, war das ein Feuerwerk, oder sollte ich Krautwerk sagen, so nennt Eberhard das Dach seiner aktuellen Projekte. Wer die erste Phase von Kraftwerk (von Tone Float/Organisation bis Ralf & Florian) liebt wie ich auch, der sollte mal bei einem der raren Erscheinungen vom Avantgarde-Künstler Eberhard Kranemann teilnehmen, die teilnehmenden Klangtüftler wechseln. Er hält die Visionen aus der Anfangszeit sehr avantgardistisch am Leben, und das nicht nur mit Musik, sondern in vielen Ausdrucksformen. Sei noch zu erwähnen das Rüdiger Esch nicht nur den Nachruf zum Tode Florian´s geschrieben hat, er ist auch noch fundierter Kenner der niederrheinischen Musik-Szene und Autor des sehr zu empfehlenden Buchs Electri_City: Elektronische Musik aus Düsseldorf [Suhrkamp]. Dort wird auch einiges zu Kraftwerk erzählt, viele Gerüchte aufgearbeitet und offene Fragen beantwortet. Es gibt begleitend auch zwei gleichnamige CD´s dazu (bei Grönemeyer´s Label Grönland erschienen). Klingende Grüsse, Der SchoTTe

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