Thierry Borel 1961-2018

Thierry, Caroline, oder die Nachhaltigkeit eines simplen Gitarrenlicks.

Irgendwann liefen wir uns an der gemeinsam besuchten Schule über den Weg im Teenageralter. Wir verstanden uns auf Anhieb, waren irgendwie gleichgesinnte Geister denn wir litten ja an der gleichen Krankheit, an Rocksucht, das war dieser üble Virus der vor allem über Jungs herfiel. Thierry hatte immer exquisite LP’s in seinem Besitz: An TASTE’S ON THE BOARDS kann ich mich erinnern, aber auch an Longplayer von QUEEN, DEEP PURPLE, LED ZEPPELIN, QUATERMASS, NICE und EMERSON LAKE & PALMER, die hatte Thierry sogar mal live erlebt. STATUS QUO führte er auch im Sortiment, aber HELLO! (1973) und QUO (1974) waren seine „Ausreisser“, denn die Kumpels machten sich immer darüber lustig, dass ernsthafter Rock und Primitivgestampfe auf keinen Fall zusammengehe, nichtsdestotrotz hielt er der Truppe die Treue. Sein Dad dirigierte und komponierte selber Musik, klassische Sachen, bei ihm zuhause lagen deshalb immer Notenblätter herum, im Wohnzimmer, in der Küche, überall.

Meine ersten musikalischen Erfahrungen finden sich im Glamrock, ich war ein Fan von SLADE und mochte T. REX und SUZI QUATRO und als SWEET ernsthaft begannen Rock zu spielen, da hatten sogar die bei mir einen Stein im Brett, ihr Album SWEET FANNY ADAMS ist für mich bis heute ein Meilenstein. Daneben kämpfte ich mich durch die Plattenstapel meines älteren Bruders: HENDRIX, CREAM, KINKS, THE WHO, ROLLING STONES, GOLDEN EARRING, jede Menge Blues und Soul und dann fand sich da auch noch dieses seltsame Zeug aus Deutschland das man irgendwann Krautrock nannte.

1975/76 lagen unsere gemeinsamen Interessen also im Rock, Thierry spielte ausgezeichnet Gitarre, ich auch, naja, ich war nicht so ein Hirsch auf dem Instrument, hatte aber schon früh angefangen eigene Songs zu schreiben. Ich wechselte allerdings (zugegeben, natürlich weil ich immer bessere Gitarristen an meiner Seite hatte und Bassisten eh immer Mangelware waren) ein paar Jahre später an den Bass. Wir konnten uns stundenlang Musik anhören, zusammen Gitarre spielen und parallel dazu endlose Streitgespräche über musikalische Abgründe und Höhenflüge führen, das wurde zu sowas wie einem Hobby, vor allem als sich unsere akustischen Pole allmählich zu verschieben begannen. Das war 1976, Thierrys Favoriten AEROSMITH veröffentlichten ihr Album ROCKS, BOSTON ihre Debut-LP und gleichzeitig kaperten mich die RAMONES mit ihrer ersten Langrille. Unsere musikalische Basis driftete in rasender Schnelle auseinander, obwohl wir uns immer wieder zusammenrauften und nach einem Konsens suchten. Für mich tat sich mit Punk, New Wave, THE JAM, LURKERS, STRANGLERS, THE CLASH, B-52’s, GRUPPO SPORTIVO oder BLONDIE ein neues Universum auf (ohne dass ich „meine Rock-Klassiker“ wie  DUST, BUDGIE oder MAN aufgeben musste), Thierry hingegen mochte das neue Zeug überhaupt nicht, er blieb lieber bei seinem vertrauten Rock. Nebenbei fing ich damals an mich durch die Musikgeschichte zu pflügen, ich grub die 50er um, ich trieb unglaublich tiefe Schächte in die 60er, verirrte mich in der Vielfalt der 70er und häufte während Jahrzehnten mein heutiges Wissen und ein umfangreiches Tonträgerarchiv an.

Als ich mit einer kuriosen Band – keine Ahnung mehr wie wir hiessen, es muss um 1977 herum gewesen sein,  das war die Truppe mit Bassistin Yvonne (und ihrer hübschen Schwester an der Orgel) die mit ihrem Truck Kies auf Baustellen lieferte und die später mit einer Single in Francois Mürners Radiosendung „Verbrechen auf Schallplatte“ landete – mal einen Auftritt hatte und Leadgitarrist Dee mit Lungenentzündung ausfiel, war Thierry zur Stelle: Wir probten ein paar Stunden die Songs und absolvierten den Festzelt-Gig. Das war eine Selbstverständlichkeit, trotz musikalischer Differenzen liess man einen Freund nicht sitzen.

In einem Punkt waren wir zwei uns aber immer einig, und zwar über die absolute Genialität, Logik und Wirkung des simplen Gitarrenlicks von STATUS QUO’S „Caroline“. Das charmante Riff war ein ständiger Begleiter bei unseren musikalischen Zusammenkünften, eine witzige, äusserst elegante und einfach zu spielende Angelegenheit, das Lick wurde zu einer verbindenden Klammer zwischen uns, eine Fingerübung die einen immer wieder daran erinnerte, ob man vielleicht nicht doch einen einfacheren Weg von A nach B finden könnte, ein absolutes Meisterstück der Einfachheit.

Thierry strebte in seinem Gitarrenspiel immer einen gewissen Perfektionismus an, er brauchte deshalb je länger je mehr immer schwierigere Fingerbrecher-Vorlagen als Herausforderung.
Ich selber begann meine Bassriffs im Laufe der Jahre unter dem Einfluss von Punk, Boogie- und Hardrock immer mehr zu vereinfachen, zupfte nicht mehr mit den Fingern (ausser bei meinen Bluesband-Exkursionen) sondern fusionierte dank hartem Plektrumanschlag mit Bassdrum und Snare des jeweiligen Drummers. Okay, ich versuchte es zumindest, das war immer abhängig von den jeweiligen Schlagzeugern.

Während der Lehre und später im Berufsleben sahen wir uns dann weniger. Man begegnete sich manchmal zufällig am Bahnhof oder bei Konzertbesuchen oder bei eigenen Auftritten. Musikalisch trafen wir uns erst wieder Ende 80er und Anfang der 90er, Thierry war seinem Classic Rock eh treu geblieben und ich hatte mich mangels Musik-Alternativen und aus Frust über den ganzen synthetischen 80er-Jahre-Soundbrei für eine Weile auch in diese Ecke zurückgezogen. Thierry sah damals mit seinen langen Haaren und ausstaffiert wie’n Indianer  so aus wie einer dieser angesagten Rockstars aus Hollywood, ich hingegen trug da schon fast „Platte“. Mitte der 00er-Jahre kamen wir uns erneut wieder näher, denn wir teilten uns Drummer Vögi, der sorgte gleichermassen bei Thierry’s LITTLE@LEY wie auch bei meiner Formation RIGHT NOW für die passenden Grooves.

Irgendwann vor ein paar Monaten hörte ich, es ginge Thierry Borel gesundheitlich nicht so gut,
die Kunde von seinem viel zu frühen und für mich überraschenden Tod verbreitete sich dann letzte Woche.

Es ist schrecklich einen guten Freund zu verlieren, trotzdem war es aber auch schön zu erleben, wie viele Bekannte und Gefährten den Weg gefunden haben zu deinem letzten grossen Auftritt am letzten Freitag lieber Thierry. Abdankungen mögen tieftraurige Angelegenheiten sein, ich hatte aber irgendwie das Gefühl du wärest voll und ganz mit dem Event zufrieden gewesen. Der Abschieds-Blues fuhr uns zwar allen heftig in die Knochen, trotzdem konnte man dann am späteren Nachmittag bei der Zusammenkunft der Trauergemeinde schon bald wieder lachende Menschen vernehmen unter den Bäumen. Und irgendwie glaubte ich von ganz weit weg das Gitarrenlick von „Caroline“ zu hören. Nun, vielleicht hab‘ ich mich ja auch getäuscht und es war nur der Wind.

Alles Leben ist endlich, aber auch wenn es zu Staub zerfallen ist,
geht es doch an anderer Stelle immer irgendwie weiter.

Ich behalte dich jedenfalls für immer im Herzen.
Goodbye Thierry.

Yo‘ MELLOW

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