Christie

Offenbar war das nichts für progressive Gemüter, die beiden Hits «Yellow River» und «San Bernardino» wurden 1970 meistens in der leicht verdauliche Kirmes-Tanzmusik-Ecke parkiert, dass die dafür verantwortliche Band Christie aber auch eine hervorragende LP im Angebot hatte ging damals unter.

Das eingängige «Yellow River» hatte der britische Bassist, Sänger und Songwriter Jeff Christie bereits 1968 geschrieben, er konnte den Song 1969 bei den angesagten Tremeloes unterbringen. Sie nahmen den Titel zwar auf, das Management der Band entschied sich dann allerdings doch gegen eine Veröffentlichung, der Song passte gerade nicht ins Konzept. Der für Decca und CBS tätige Produzent Mike Smith (Dave Berry, Tremeloes, Love Affair, The Marmalade, Georgie Fame etc.) sah hingegen enorm viel Potential in «Yellow River», er produzierte den Gesang nochmals mit Jeff Christie und legte den entstandenen Leadgesang auf die vorgefertigte Tremeloes-Tonspur. Das Resultat klang äusserst vielversprechend, Jeff Christie gründete daraufhin mit dem Gitarristen Vic Elmes und dem Drummer Michael Blakley (Bruder des Tremeloes-Gitarristen Alan Blakley) eine eigene Band.

Das als Single veröffentlichte «Yellow River» ging ab wie eine Rakete und eroberte die europäischen Charts im Sturm, die 45er «San Bernadino» konnte den Erfolg Ende 1970 zwar nicht mehr ganz wiederholen, landete aber trotzdem in der Schweizer Hitparade auf Platz 1.

Wie eingangs erwähnt erhielt die LP Christie – Featuring San Bernadino and Yellow River längst nicht die Aufmerksamkeit die sie verdient gehabt hätte, trotz der beiden Chartbreaker und weiterer Songjuwelen die sie an Bord hatte. Für meine Ohren sind die fast ausschliesslich von Jeff Christie verfassten Songs allesamt Punktlandungen, jukeboxfreundliche, 3minütige, ballastfreie Ohrwürmer die sich auf Anhieb im Gehörgang verbarrikadieren. Die Popmusik wurde selbstverständlich nicht komplett neu erfunden, Christie liess sich aber sicher inspirieren, so zum Beispiel von den Beatles, von Rock’n Roll, Boogie, Hardrock aber sicher auch von einem Ausnahmekomponisten wie Fats Domino, «I’ve Got A Feeling» könnte jedenfalls genauso gut der Küche des amerikanischen Tastenkünstlers entsprungen sein. In der Summe und in der Umsetzung von Christie klang das alles äusserst frisch, nicht nur wegen der rauen Stimme des Bandleaders, sondern auch wegen der stimmigen, meist spartanisch gehaltenen Arrangements die häufig auf den melodiösen Bassläufen des Chefs aufbauten und als einzigen Zusatz noch ein hämmerndes Boogie-Piano erlaubten. Eine solche Dichte an hochkarätigem Material mit Unterhaltungspotential für jedermann/frau fand man zu der Zeit fast nur bei CCR, eine weitere Band die während ihrer Blütezeit nicht wirklich ernst genommen wurde (trotz einem Antikriegssong wie «Fortunate Son»). Christie – Featuring San Bernadino and Yellow River ist ein rundum gelungenes Album und besteht den Stresstest auch ohne die beiden prominenten Aushängeschilder, sämtliche Songs, inklusive «Inside Looking Out» mit seinem betörenden beatlesken Refrain, «Coming Home Tonight» oder «Until The Dawn» (der entschleunigende Abschluss der LP) sind absolut wasserdicht und weisen keine Schwachstellen auf.

Nach Unstimmigkeiten stieg Blakley 1971 aus der Band aus, die Nachfolge trat Paul Fenton an und damit Jeff Christie zur Gitarre wechseln konnte, wurde zusätzlich der Bassist Lem Lubin (Unit 4+2, Satisfaction) engagiert. Der Longplayer For All Mankind stürzte 1971 aber förmlich ab, die gar nicht mal schlechte LP war vermutlich leicht überambitioniert, sprich teilweise etwas zu «progressiv», die Songs (wo waren bloss die genialen Melodien und Hooks abgeblieben?) deswegen auch weniger geeignet für den Einsatz in Diskotheken, der eigentlichen Basis des ehemaligen Christie-Erfolges, Jeff Christie und seine Truppe setzten sich damit jedenfalls zwischen die Stühle, ein gelungener Song wie «Man Of Many Faces» konnte das nicht alleine wieder ins Lot bringen.


Die nachfolgenden Singles mäanderten zwischen softem Pop und Hardrock, die grossartige Single «Iron Horse» (1971) etwa, «Fools Gold» (1972, mit E-Sitar, die holländische 45er mit der irren B-Seite «Born To Lose») oder der offenbar nur in Italien genutzte Killersong «Everything’s Gonna Be Alright» (1972, ebenfalls eine Single-B-Seite), ein mitreissender Titel der mit zündenden Powerpop-Ingredienzen ausgestattet ist. Eine gemeinsame Afrika-Tour mit den Equals (ca. 1972/73) endete im Disaster: Infolge Unruhen und Morddrohungen in Sambia strandeten Christie im benachbarten, international boykottierten Rhodesien in dem ebenfalls der Bürgerkrieg wütete. Aus zwei Wochen Afrika-Trip wurden drei Monate. Daheim in England wurde die Band derweil wegen nicht eingehaltener Konzerttermine verklagt, gemäss Jeff Christie ging alles rasend schnell den Bach runter, dazu kam, dass Paul Fenton bei der ambitionierten Artrockband Carmen anheuerte und damit weitere Personalrochaden einläutete.

Trotz aller Wirrungen machten Christie noch ab und zu Aufnahmen: Die 74er-Single «Navajo» (1974) war schwülstiger Schunkel-Pop und vermutlich der Versuch an den Erfolg von Redbone anzudocken, thematisch natürlich korrekt, die Umsetzung hingegen schwach. Die nachfolgende 45er «Alabama» bot durchschnittlichen Hardrock und das auf den spanischen Markt schielende «Guantanamera» markierte den künstlerischen Totalabsturz.

Jeff Christie hatte das Pulver definitiv verschossen, er reduzierte allmählich die Christie-Aktivitäten, zog 1976 den Band-Stecker, veröffentlichte um 1980 herum noch ein paar Solo-Singles, betätigte sich aber weiterhin als Songwriter und Nachlassverwalter von Christie.

Vic Elmes tauchte bei späteren Reinkarnationen der Tremeloes wieder auf und ist heutzutage manchmal mit seinem von Jeff Christie gebilligten Projekt Christie Again an Oldie-Veranstaltungen anzutreffen.

LONG LIVE ROCK!
mellow

 

Christie – Featuring San Bernadino and Yellow River
(1970, LP, CBS / 2005, CD, Repertoire Records)

A1) Yellow River
A2)  Gotta Be Free
A3) I’ve Got A Feeling
A4) New York City
A5) Inside Looking Out
A6) Put Your Money Down

B1) Down The Mississippi Line
B2) San Bernadino
B3) Country Boy
B4) Johnny One Time
B5) Coming Home Tonight
B6) Here I Am
B7) Until The Dawn

Bonus Tracks Repertoire-CD:
14. Everythings Gonna Be Alright
15. Freewheelin’ Man
16. Inside Looking Out (Single Version)
17. Iron Horse
18. Every Now And Then
19. Fools Gold
20. California Sunshine
21. Born To Lose

(Visited 53 times, 1 visits today)

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

zwanzig + 15 =