Westfalenhallen Dortmund – Klingende Orte 7

Treffen der Oldtimer! oder Wir sind doch jung geblieben?

Pink Floyd: The Wall Tour, Westfallenhalle 1, Februar 1981

Eigentlich ist es überhaupt nicht mein Ansatz etwas über eine Band zu schreiben, auch wenn es mir immer wieder in den vielen Fingern juckt, oder zu kommentieren, über die praktisch fast alle Musik-Magazine (und nicht nur die) weltweit Tag für Tag jedes auch noch so kleine Mosaikstückchen, noch einmal in noch kleinere homöopathischen Teilchen zerlegen und diese dann auch noch seitenlang analysieren und kommentieren. Wer sich jetzt an ein bekanntes deutsches Musikmagazin erinnert, ja das ist auch oft Thema dort, aber eben berechtigt, da sie das federführende deutsche Sprachrohr für Pink Floyd sind. Und die werden, informiert aus gut unterrichteter Quelle, natürlich auch berichten. Nicht falsch verstehen, ich bin wie Fotografen-Legende Carl van der Walle ein großer Fan dieser legendären britischen Truppe. Meine Freunde in Schule und Technik-Lehre haben Beatles oder CCR gehört, ich als Alien eben Grobschnitt, die vielen britischen 70er Prog-Helden und leidenschaftlich Pink Floyd. Und ich habe es geliebt, bin nächtelang eingetaucht in meinen Klang-Kosmos, habe mit meinem Vater Jupp in meinem Zimmer auf dem Boden gelegen und »Atom Heart Mother« und »Echoes« gehört. Vielleicht war ich auch deshalb nach dem großartigen Konzerterlebnis im westfälischen UFO, der berühmten großen Westfalenhalle Dortmund, mit der Hagener Band Green und ihrem sensationellen Projekt Symphonic Floyd, wieder etwas melancholisch. Vermutlich wie viele andere, die bei diesem Spektakel der Premium-Klasse dabei waren. Carl und ich haben uns zufällig bei diesem denkwürdigen Auftritt am 07. Mai 2022 getroffen und uns wie junge Teenager über die Zeit damals unterhalten. Carl sagte mir überaus Stolz: „Ich habe Pink Floyd 1970 in Hamburg mit diesem sperrigen Stück Musik »Atom Heart Mother« leibhaftig erlebt.“ Stimmt, aber damals hieß es noch »The Amazing Pudding« und wurde meist ohne Orchester und Chor aufgeführt. Da kann ich nicht mithalten, aber ich war Februar 1981 mit dabei, beim 8-tägigen Wall-Spektakel. Beides ein Privileg, das weltweit nur wenigen Fans vergönnt war. Ich beneide ihn natürlich für diese früheren Erlebnisse, und auch das er bereits 1968 seine ersten musikalischen Live-Kontakte mit dieser außergewöhnlichen Band aus England hatte. Carl ist einfach ein wunderbarer Mensch und Legende, wohnt in der gleichen Stadt wie ich, liebt die gleiche Musik wie ich. Okay, wir sind altersgemäß auch nicht so weit auseinander. Aber zurück zum Kernthema, dem Multi-Media-Projekt Symphonic Floyd, das eine Herzensangelegenheit von der ebenso Rock-Legende Milla Kapolke ist.

Pink Floyd: The Wall Tour, Dortmund 1981_1

Pink Floyd: The Wall Tour, Dortmund 1981_2

Ich kenne mich im Pink-Floyd-Kosmos relativ gut aus und weiß natürlich das diese Ausnahmenband dieses sperrige Stück mit skurrilen Namen »Atom Heart Mother« nur ein halbes Dutzendmal mit Chor und Orchester aufgeführt hat. Das war damals in England 1970, teilweise mit den Original-Protagonisten, als dieses Album unter Schwerstarbeit, Konflikten und Zweifeln im Studio, unter sozusagen starken Geburtswehen entstand. Aber so ein Programm wie es mir erneut im Mai 2022 geboten wurde, ist einmalig weltweit, ein über 3-stündiges Programm, ein Hit-Feuerwerk der Extraklasse, kein Pardon vor Laufzeit oder Aufwand. Das hat weder irgendeine Cover-Band noch Pink Floyd selbst so perfekt hinbekommen, auch nicht 1980/81 (»The Wall«) auch nicht 1994 (»Pulse«). Aber das hat Milla Kapolke (Gesang, Bass) mit seinem Projekt Symphonic Floyd mittels Unterstützung alter Mitstreiter aus der Hagener Szene um Green, Grobschnitt, Extrabreit wie Andi „Bubi“ Hönig (Gitarren), Rolf Möller (Schlagzeug), Deva Tattva (Keyboards), Michi Rolke (Gitarren, Saxofon, Keyboards), sowie dem Philarmonischen Orchester Hagen sowie deren Philharmonischen Chor unter Leitung von Steffen Müller-Gabriel, geschafft. Zu den weiteren vielen Helfern komme ich später noch im Text.

Green & SF: Milla Kapolke

Green & SF: Rolf Möller

Green & SF: Michi Rolke

Ich habe schon im Mai 2019 mit offenen Mund in der geschichtsträchtigen Westfalenhalle Eins gesessen und durfte dieses über 200-minütige Multi-Media-Spektakel schon einmal miterleben. Und nicht nur ich war damals bereits restlos begeistert. Vorher war ich am selben Tag bei der Pink Floyd Wander-Ausstellung »Their Mortal Remains« gewesen und war entsprechend eingestimmt, war kurz davor schon etwas von einem Musik-Kollegen eingeweiht worden, hatte schon exklusives Video-Material von den gefeierten Konzerten in Hagen gesehen und mich über viele Beiträge intensiv vorinformiert. Und ich habe mich natürlich darauf gefreut diese Interaktion von fast einhundert Leuten bei der Komposition »Atom Heart Mother« leibhaftig miterleben zu dürfen. Und es war damals gigantisch, ebenso wie diesmal. Deshalb habe ich mich noch unbändig gefreut als der Wiederholungstermin für 2020 feststand. Dann kamen diese unsägliche Pandemie und seine lange erzwungene Pause. Aber ich schweife ab, greife zu weit zurück, denn am Samstag den 07. Mai 2022 war es dann endlich wieder soweit.

Their Mortal Remains: Dortmund Mai 2019_1

Their Mortal Remains: Dortmund Mai 2019_2

Und nach dieser langen 3-jährigen Zwangspause war ich gespannt, ob dieses Programm wieder zündet. Ja hat es, und wie. Wir sind alle älter geworden, aber den insgesamt klassischen 29 Titeln hat man das nicht angemerkt. Die Band war wieder in der gleichen Besetzung angetreten, bei den beiden Chören und dem Orchester kann das nur ein Insider beantworten. Die Halle ist mittig geteilt, die große Bühne stufig aufgebaut, vorne die Band, mittig das Orchester, hinten die beiden Chöre. Man hat von allen Seiten freie Sicht auf das Szenario. Im Hintergrund eine riesige halbrunde Projektionsfläche mit beweglichen Lichtbändern am ihrem Rand. Dort laufen Animationen und Kurzfilme, alles eigene Produktionen, erstklassig eingepasst in den Ablauf des Programms. Das Orchester betritt von allen Seiten die Bühne, die Band Green, etwas unpünktlicher wie Milla sofort in der ersten Ansage bemerkt, ebenfalls. Es geht mit dem Klassiker »Shine On You Crazy Diamond (Part I-V)« sofort in die Vollen, dann weiter mit bekannten Doppel-Bass-Intro von »One Of These Days«. Milla schaut ins Rund und sucht Kontakt zum Publikum. Seine Gedanken sind nachzuvollziehen, drei lange Jahre Pause, erreichen wir die fast 5.000 Fans nach dieser langen Zeit ?? Spätestens nach dem Art-Rock-Block »Fat Old Sun«, »Wot´s Uh The Deal«, »If«, »Astronomy Domine« sind alle Musiker oben auf der Bühne warmgespielt. Der Applaus wird stärker und länger, noch deutlicher bei dem anschließenden »High Hopes« vom letzten regulären Studio-Album »The Division Bell«. Es läuft, das Eis ist gebrochen, ich sehe es in den Gesichtern der Band. Und so geht es weiter mit vielen wunderbaren Perlen dieser britischen Rock-Legende Pink Floyd. Als letzter Titel des ersten Teils kommt zu »Another Brick In The Wall« der vielköpfige Kinder-Chor auf die Bühne. Und diesmal ist er noch besser abgemischt, Dompteur Milla Kapolke agiert zusammen mit seinen jungen Chor, dirigiert souverän diese Meute während er selbst die Tieftöne spielt. Gänsehaut in diesen wunderbaren Generationsübergreifenden Momenten. Booaahh und Vorhang, da kommt eine 20-minütige Pause passend zum durchschnaufen und sortieren. Milla sagt aber schon mal was als nächstes kommt, vermutlich auch damit kein Bummler das symphonisch geprägte Kernstück des Abends verpasst oder stört.

Westfalenhallen-Debüt_2019_1

Westfalenhallen-Debüt_2019_2

Westfalenhallen-Debüt_2019_3

Nach der Pause geht es sofort mit »Atom Heart Mother« los. Und was kaum einer für möglich gehalten hat, es wird wieder wahr. Eine über 20-minütige musikalische Schlacht mit Rock-Band, Symphonie-Orchester, Blech-Bläser-Sektion, großem Chor, alles in wechselnden bunten Lichtkaskaden getaucht, animierte Filme im Hintergrund und erstklassig klanglich gemischt. Alles lebendig gespielt, keine Einspielungen von der Konserve, alles punkt- und notengenau vorgetragen. Hier Einzelne herauszustellen ist unwürdig, es war eine kollektive Glanzleistung. Manch einer der dabei war, wird vielleicht erst viel später begreifen was da passiert ist. Und wer sich dann von diesem Stück Musikgeschichte und den langanhaltenden Applaus erholt hatte, wird gleich durch Millas Ansage, jetzt geht es mit 45 Minuten Rock-Non-Stopp weiter, wieder ins hier und jetzt zurückgeholt. Das 9-teilige Mammut-Werk »The Dark Side Of The Moon« steht an und wird ebenso aufwendig über 45 Minuten auf die Bühne gezaubert. Ich habe diese Musikstücke inzwischen in zwei Dutzend verschiedenen Versionen Live erlebt, auch von David Gilmour und Roger Waters, aber hier wird ein Gesamtpaket geliefert was mit Orchester meines Erachtens einmalig ist, kompositorisch werden sogar viele eigene Akzente gesetzt. Und es darf auch nicht unerwähnt bleiben, das viele Helfer, beispielsweise bei »Money« oder das ausdruckstarke Vokal-Solo von Lea Bergen bei »Great Gig In The Sky«, auch die meist im Hintergrund arbeitenden Mudita & Manu Kapolke, damit genau dazu beigetragen haben, dass es so ein grandioses Abbild dieses Meilensteins der Rockgeschichte wurde.

The Great Gig In The Sky

Green & SF: Andi „Bubi“ Hönig

Green & SF: Manu Kapolke

Trotz inzwischen fast 2,5 Stunden Bühnenarbeit von allen Beteiligten, ist echt keinerlei Müdigkeit zu bemerken. Im Gegenteil, der lang anhaltende tosende Applaus stachelt alle Musiker dazu an, noch mal einen draufzusetzen. Mit dem passenden »GREEN Is The Colour« geht es erst einmal ruhiger los, dann die Albumtitelgebende Komposition »Wish You Were Here« sowie mit dem Dreier »Is There Anybody Out There?«, »Comfortably Numb« und »Outside The Wall« drei Lieder vom Konzept-Meilenstein »The Wall« von 1979. Christa hält es nun nicht mehr auf ihrem Stuhl aus, springt wie ein Derwisch vorne zur Bühne, tanzt zur Zugabe. Das komplette Hallen-Publikum feiert mit eingeschalteten Handy-Leuchten ebenso diese Momente. Mich erinnert das an viele unvergessliche Erlebnisse die mit den Feuerzeugen in der Hand hier im UFO zelebriert wurden. Alle Beteiligten kommen am Ende zusammen, es wird sich zufrieden umarmt, man klopft sich erleichtert auf die Schultern, strahlt, winkt, verbeugt sich vor den im Hallenlicht applaudierten Menschen, aber auch gegenseitig von den Chören über das Orchester bis hin zur Band. Ist das nun alles gewesen. Nein, auch noch einmal eine donnernde Explosion und ein dichter, goldener Konfetti-Regen fällt von der Decke auf die Besucher. Es war wieder, nach 2019 mit dem Westfalenhallen-Debüt, ein Konzert der Superlative, auf die sich das lange Warten absolut gelohnt hat. Hoffen wir, das diese Großveranstaltung, die tadellos durchgeführt wurde, der nächste Startschuss für viele weitere Spektakel in diesem ehrwürdigen Haus am Ruhrschnellweg ist. DANKE Green & Symphonic Floyd für euren Mut, Geduld, Durchhaltevermögen, hier ist die Hymne »GREEN Is The Colour« als Slogan durchaus angebracht. Wiederholung laut Milla nicht ausgeschlossen!!

Green & SF: Money

Green & SF: Any Colour You Like

Green & SF: Eclipse

TITEL-LISTE: 1. Ouvertüre —☺ 2. Shine On You Crazy Diamond (Part I-V) ☺— 3. One Of These Days —☺ 4. Fat Old Sun — 5. Wot´s Uh The Deal —☺ 6. If — 7. Astronomy Domine ☺— 8. High Hopes —☺ 9. Fearless —☺ 10. Hey You —☺ 11. The Show Must Go On ☺— 12. In The Flesh —☺ 13. Run Like Hell —☺ 14. The Happiest Days Of Our Lives – Another Brick In The Wall ☺☺— PAUSE:  —15. Atom Heart Mother ☺☺— 16. Dark Side Of The Moon (Speak To Me, Breathe In The Air, On The Run, Time, Great Gig In The Sky, Money, Us And Them, Any Colour You Like, Brain Damage/Eclipse) ☺☺— ZUGABE: —17. Green Is The Colour ☺— 18. Wish You Were Here —☺ 19. Is There Anybody Out There? ☺— 20. Comfortably Numb ☺— 21. Outside The Wall (Titel-Liste von Milla Kapolke) ☺☺ BILDER: Pink Floyd 1981, Green & Symphonic Floyd 2019 und 2022 sowie Their Mortal Remains 2019: Der SchoTTe

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