John Holt

1979 hatte der Sänger Errol Dunkley einen Hit mit „OK Fred“ gelandet, das war ein Reggaesong der damals überall aufgelegt wurde, Radiostationen liebten die Gutelaune-Nummer mit dem unwiderstehlichen Groove. Ende 1980 eroberten Blondie mit „The Tide Is High“ nicht nur Platz 1 der Billboard-Charts in den Vereinigten Staaten, sie belegten diese Position neben weiteren weltweiten Spitzenplätzen auch in England.

Der gemeinsame Nenner der beiden Songs ist John Holt, ein heutzutage fast vergessener jamaikanischer Sänger und Verfasser der oben gelisteten Hits. „The Tide Is High“ veröffentlichte Holt 1967 mit dem Gesangstrio The Paragons, „OK Fred“ wurde erstmals auf seinem gleichnamigen 71er-Soloalbum (was für ein trashiges Cover, der ultimative geschmackliche und gestalterische Wahnsinn, aber eben, damals war bekanntlich alles erlaubt) veröffentlicht.

Nachdem sich The Paragons Ende 60er ein erstes Mal aufgelöst hatten, startete der 1947 in Kingston/Jamaika geborene John Kenneth Holt eine Solokarriere und machte sich schnell einen Namen mit seinen diversen Produktionen für verschiedene Labels („Stick By Me“ war ’72 die am besten verkaufte Single in Jamaika). Das britische Label Trojan lockte ihn um 1972 herum nach England wo sein bis dahin relativ konventioneller Reggaestil mit massivem Orchestereinsatz aufgepeppt wurde. Okay, man könnte jetzt sagen der Sound wurde in Weichspüler getaucht, bei genauerem Hinhören entpuppen sich aber viele dieser Aufnahmen als wahre Glanzlichter. Die LP The Further You Look (1973) beispielsweise ist schlicht grandios, glänzt mit grossartigem vorantreibendem Chaka-Chaka-Liedgut das in schillernde Easy-Listening-String-und-Brass-Tücher eingewickelt und danach über den groovenden Unterbau gezogen wurde, zusätzlich wurden die Songs mit betörenden Backing Vocals von Doris Troy, Madeline Bell, Liza Strike und Ruby James veredelt, Tracks wie „I’m A Rover“ oder „I Wanna Dance“ sind Killerware, opulent und speziell vielleicht, aber hervorragend umgesetzt.


Mit 1000 Volts Of Holt, ebenfalls von 1973, folgte darauf im gleichen Soundgewand ein Album mit Coverversionen aktueller Popsongs, herrlich wie „Help Me Make It Through The Night“ von Kris Kristofferson oder „I’d Love You To Want Me“ von Lobo im Reggae-Look in ganz neuem Licht erstrahlen.

Von der etwas kitschig ausgefallenen Plattenhülle von Dusty Roads (1974) sollte man sich nicht abschrecken lassen, die LP setzte wieder vermehrt auf Holt-Kompositionen und ist eine weitere Stil-Gratwanderung die zwar keine Hits generierte, dafür klasse Loungecore-Zeug à la „These Old Memories“ im Reggaetarnnetz präsentierte. Das nächste Trojan-Album war 2000 Volts Of Holt (1976), eine Mixtur aus Holt-Originalen und Covers, die Basictracks waren in Kingston entstanden, die Veredelung fand einmal mehr in London statt. Das Album wurde von Holts „Doctor Love“ angeführt, enthielt mit „I Will“ einen McCartney-Titel vom White Album der Beatles und mit „Keep On Moving“ einen Song von Rita Marley.

Danach endete offenbar die Zusammenarbeit mit Trojan, weitere Veröffentlichungen aus dem trojanischen Haus waren in erster Linie Zusammenstellungen, enthielten manchmal auch unveröffentlichtes Archivmaterial, die Sachlage ist ziemlich unübersichtlich.

Die Trojan-Recordings würde ich als Einstieg ins Œuvre von John Holt empfehlen, sie sind hervorragend produziert, strotzen vor Energie und Melodie und werfen für einmal ein leicht anderes Bild auf das Genre Reggae. Die oben genannten vier Alben wurden von Trojan 2016 auf der DoCD 4000 Volts Of Holt (The Classic Albums Collection) zusammengefasst.

John Holt blieb weiterhin aktiv und veröffentlichte eine Unmenge Tonträger bei unzähligen Labels, manchmal war er auch bei Reunions der Paragons mit von der Partie. Der von mir beschwärmte Easy-Listening-Reggae den Holt bei Trojan einspielte, wurde in den 80ern abgelöst durch relativ beliebig klingende Produktionen zwischen Reggae, Rocksteady, Roots und Dub die manchmal sogar wieder Hits wie etwa „Police In Helicopter“ (behandelt die Jagd der jamaikanischen Behörden nach Marihuana) abwarfen. Insgesamt ist die 80er-Phase von John Holt zwar äusserst produktiv, aus musikalischer Warte betrachtet aber unstet und teilweise anstrengend

John Holt mutierte langsam zum Rastafari, dank der Tantiemen von „Tide Is High“ und „OK Fred“ hatte er aber für sich und seine Grossfamilie mit 12 Kindern und 25 Grosskindern mittlerweile ausgesorgt, er konnte es gemütlich angehen.

Bei Jet Star Records fand er nochmals zu einer gewissen Konstanz zurück, die Alben New Horizon (1998) und Born Free (2001, mit einer Reggae-Version von „If I Were A Carpenter“) standen trotz starker Elektronik- und Keyboard-Präsenz wieder eher auf einer klassischen Reggae-Basis. Die Live-Produktion John Holt With The Philharmonic Concert Orchestra & Special Guest Freddie McGregor – In Symphony (2001, CD/DVD) war durch die Mitwirkung des Orchesters schlussendlich eine Rückkehr zum eher romantischen Holt-Reggae vergangener Tage.

John Holt starb am 19. Oktober 2014 in London im Alter von 67 Jahren an den Folgen von Darmkrebs. Seine Abdankung wurde musikalisch umrahmt von Lloyd Parks And The We The People Band, U-Roy, Ken Boothe, The Silvertones, Mitgliedern seiner Familie und weiteren Musikern aus der Reggae-Szene.

LONG LIVE REGGAE MUSIC!
mellow

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