Bob Dylan – Self Portrait (1970)

I’ve just listended to Dylan’s new album, and in particular Belle Isle, and I feel deeply moved that such a man is making music in my time. Dylan’s songs are now mainly love ballads, the writing of which is one of the most poetic art forms since the dawn of man. Belle Isle brought to my memory all the moments of tenderness I’ve ever felt for another human being, and that, within the superficial landscape of pop music, is a great thing indeed. Please, all the people who write bitterly of a lost star, remember that with maturity comes change, as surely as death follows life.

(Marc Bolan, 11. Juli 1970 in einem Leserbrief an Melody Maker)

 

Bob Dylan’s Doppelalbum Self Portrait ist für mich ein schillerndes Panoptikum eines faszinierenden Künstlers. Mit dieser Platte erschreckte er allerdings Schreiberlinge und Fans gleichermassen, es war der Bruch mit dem Startum, die Hinwendung zum Innern, der Versuch sich selber neue Farbschattierungen zu geben. Die angesäuerten Kritiker suchten vergeblich nach Botschaften ihres Messias, es gab sie nicht oder sie waren zu blind um sie entdecken, denn Self Portrait war eine einzige Liebeserklärung an Countrymusic, Gospel, Blues und Folk.

Erinnern wir uns: Beim Newport-Festival schockierte Bob Dylan die Traditionalisten indem er mit elektrischer Gitarre und Rockband auf die Bühne stieg, dann gab es den berühmt gewordenen “Judas-Ruf” in England, Dylan hatte als Ikone des Folks gefälligst nach dem Geschmack des Publikums und den elitären Anführern der Bewegung zu agieren. Bei Self Portrait setzte er die dunkle, berühmt gewordene Sonnenbrille aber ab und blickte geradeaus in die Augen seiner Gefolgschaft. Hey, schaut her, der Dylan hat auch eine andere Seite, kann gefühlvoll und ganz sanft sein, legt euch auf ‘ne Blumenwiese und schaut den Wolken zu wie sie vorüberziehen…

    

All The Tired Horses gleich zu Beginn mag sicher ein Schockmoment beinhalten, der Meister überlässt das Singen des minimalistischen Textes der holden Weiblichkeit, tritt erst mit Alberta #1 in Erscheinung. Die Freundschaft mit Johnny Cash hatte sicherlich auch bewirkt, sich verstärkt mit Countrymusic zu beschäftigen, das von Marc Bolan beschworene Belle Isle jedenfalls könnte genausogut aus der Cash-Werkstätte stammen. Hart/Rodgers Blue Moon mit der schnarrenden Viola ist in Bobs Interpretation wirklich gefühlsintensiv und Paul Simon’s The Boxer wird dank dem “Schattengesang” (die zweite Stimme) zu einer wahnsinnig schönen Coverversion. Irgendwie nimmt Bob hier Cash’s Alterswerk vorweg: Nimm einen Song, lass’ alles überflüssige Beiwerk weg und konzentrier dich zu 100% auf die Gefühlsebene.

Wer sich die Mühe macht im Gegensatz zu all den Kritikern Self Portrait einmal bewusst anzuhören, der wird auf eine wunderbare Schatzkiste stossen. Self Portrait lebt, man braucht bloss hinter die Leinwand zu spähen, denn dort lauern 24 faszinierende zeitgenössische kleine Kunstwerke. Und komm’ mir jetzt keiner damit Wigwam sei einfallsloser Easy-Listening-Mist, nein, es ist die Kunst des Weglassens die dafür genügend Freiraum für eigene Gedanken lässt, und selbst wenn Wigwam leicht kitschig sein sollte, dann ist das in meinen Lauschern zumindest Edelkitsch.

Marc Bolan hat wirklich eine herrliche Beschreibung für Dylan und sein Self Portrait gefunden: Remember that with maturity comes change, as surely as death follows life.

In diesem Sinne:
Hinsetzen und anhören.

mellow

 

Bob Dylan – Self Portrait (1970, DoLP, CBS / Columbia)

  1. All The Tired Horses
  2. Alberta #1
  3. I Forgot More Than You’ll Ever Know
  4. Days Of 49
  5. Early Mornin’ Rain
  6. In Search Of Little Sadie
  7. Let It Be Me
  8. Little Sadie
  9. Woogie Boogie
  10. Belle Isle
  11. Living The Blues
  12. Like A Rolling Stone
  13. Copper Kettle (The Pale Moonlight)
  14. Gotta Travel On
  15. Blue Moon
  16. The Boxer
  17. The Mighty Quinn (Quinn,The Eskimo)
  18. Take Me As I Am (Or Let Me Go)
  19. Take A Message To Mary
  20. It Hurts Me Too
  21. Minstrel Boy
  22. She Belongs To Me
  23. Wigwam
  24. Alberta #2

 

PS.
Im Zuge der Bootleg-Series erschien 2013 Another Self Portrait, sozusagen eine Alternative zum originalen Doppelalbum.

Selbstverständlich wurde die auch angehört und selbstverständlich wurde auch ein Vergleich gezogen: Nun, ich bleibe dabei, das Selbstportrait von 1970 ist für mich stimmungsvoller und farbiger, was aber auch daran liegt, dass ich die Platte über die Jahre eben mit genau dieser Titelabfolge und diesen Arrangements in meinem Kopf abgespeichert habe. Viele de Songs auf Another Self Portrait haben auch ihre Momente, für mich aber bleibt es eben doch nur eine dylan’sche Zusammenstellung der Epoche ‘69/‘70, allerdings eine auf hohem Niveau, es ist ein spannender Blick hinter die Kulisse.

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