The Three Degrees

Was wie der Name eines Reinigungsmittel-Konzerns klingt war es definitiv nicht, Gamble & Huff, alias Kenneth Gamble und sein Produktions- und Songwriter-Partner Leon A. Huff liefen in den Seventies mit ihrem Philadephia Soul dem Urgestein Motown definitiv den Rang ab, zumindest für ein paar Jahre. Auf ihrem Label Philadelphia International Records versammelten sie Soul-Stars wie Harold Melvin & The Blue Notes, Teddy Pendergrass, Lou Rawls, The O’Jays, Billy Paul und vor allem natürlich die eigene Hausband, MFSB (Mother Father Sister Brother) die mit „Love Is The Message“ und „TSOP – The Sound Of Philadelphia“ die eigentlichen Hymnen für den sogenannten Philly-Sound lieferte, letzterer Titel wurde zusätzlich die Erkennungsmelodie der legendären TV-Musik-Show Soul Train, beide Songs wurden veredelt durch den Gesang der Three Degrees. Das Label war ausserdem das Sprungbrett für The Trammps und bot The Jacksons 1976 einen Asylplatz an nachdem die singenden Brüder Motown verlassen hatten.

Eine wirklich glanzvolle Verpflichtung von Gamble & Huff war das Vokaltrio The Three Degrees das zwar seit den frühen Sixties beim Label Roulette Platten veröffentlichte, den Durchbruch aber nie schaffte da immer andere Girl-Groups wie beispielsweise The Supremes vor der Sonne standen. Trotzdem hatten (die mehrfach umbesetzten) Three Degrees nach 10 Jahren mehrere mittelprächtige Hits für Roulette auf der Habenseite und mit „Everybody Gets To Go To The Moon“ (von Jimmy Webb) wurde 1971 sogar einer ihrer Titel im Kino-Blockbuster The French Connection verwendet.

Die aus Philadelphia stammenden Sängerinnen Fayette Pinkney, Sheila Ferguson und Valerie Holiday machten mit ihrer ersten LP für ihr neues Label dann eine Punktlandung in einer der damals wohl heissesten Musikszenen der Welt, der laidbacke Soul und Funk den Gamble & Huff ihren neuesten Schützlingen zur Verfügung stellte ist auch Jahrzehnte später noch umwerfend, ein Verfalldatum scheint es nicht zu geben.

Nur schon die erste Single-Auskopplung hat es in sich, das von Gamble & Huff verfasste „Dirty Ol’ Man“ hat bis heute nichts von seiner Brisanz und Schärfe verloren, das Autorenteam das sich oft sozialpolitischen Themen annahm wetterte hier gegen sexuelle Übergriffe, die Thematik wird aktuell durch die Bewegung Me Too weitergetragen. Gamble & Huff konnten sich solche Offenheit natürlich nur leisten weil sie die Chefs ihrer eigenen Plattenfirma waren, in anderen Konzernen der Unterhaltungsindustrie wären sie damals vermutlich auf der Stelle vor die Tür gesetzt und als Nestbeschmutzer beschimpft worden. Im Nachhinein ist diesbezüglich die erotische Präsentation der drei Ladys auf dem Plattencover etwas verwirrend, das eine predigen und auf der andern Seite setzt man doch auf die Karte „Sex Sells“? Offenbar eine Gratwanderung die das eine trotz dem anderen nicht ausschloss, die in durchsichtige Seide eingewickelten The Three Degrees von 1973 wirken im Gegensatz zu heutzutage angesagten Rapperinnen wie Nicki Minaj oder Megan Thee Stallion allerdings beinahe wie Klosterschülerinnen. Popstar Billie Eilish hingegen hüllt sich in XXXL-Klamotten, ihr Statement „mein Körper gehört mir und geht niemanden was an“ ist schon recht stark.

Nun, The Three Degrees überzeugten nicht nur optisch sondern auch musikalisch, das LP-Debut ist durchwegs eine opulente Soul-Pop-Scheibe die ins Ohr geht, sie enthält grossartige, oft durch Strings, Percussion und treibenden Elektropiano-Klängen angetriebene Gesangsmelodien, die Soundbeds verzichten nie auf die unbeirrt vorwärts strömenden Rhythmen die Gamble & Huff und ihr Produzententeam den singenden Ladys verordnet hatten. Irgendwie wundert es mich auch nicht, dass ein Promi wie Prince Charles zur Fangemeinde der Three Degrees gehörte, sowas wie das überwältigende „When Will I See You Again“ (in England ein No-1-Hit) ist wirklich sagenhaft luftiger Soft-Soul, allgemein kompatibler Heart & Soul für die Endlosschleife, mit so etwas kann man selbst „Und-ewig-grüsst-das-Murmeltier“-Episoden ohne bleibende Schäden aussitzen. Die LP The Three Degrees wurde vermutlich auch von den beiden Schweden Benny Andersson und Björn Ulvaeus bis ins kleinste Detail studiert, ich behaupte jetzt mal, dass sich einige Titel der Erfolgsunternehmung ABBA hier ihre Inspiration abgeholt haben. Als Ergänzung zum Longplayer von 1973 eignet sich übrigens auch das 75er-Album The Three Degrees Live (In London), hier gibt es den MFSB-Sound in Kombination mit den Three Degrees ohne Auffangnetz „live on stage“.


The Three Degrees
(LP, 1973, Philadelphia International Records / CD, 2010, Big Break Records)
A1) Dirty Ol’ Man
A2) Can’t You See What You’re Doing To Me
A3) A Woman Needs A Good Man
A4) When Will I See You Again

B1) I Didn’t Know
B2) I Like Being A Woman
B3) If And When
B4) Year Of Decision

Bonustracks BBR-CD:
TSOP (The Sound Of Philadelphia)
Love Is The Message
Dirty Ol’ Man (“A Tom Moulton Mix”)

 

Ich habe jetzt vorgängig nichts von Disco erwähnt weil es das Genre mit seinen pumpenden Beats in dieser Form anno 1973 eigentlich noch gar nicht gab, trotzdem kann man bei intensiverem Hinhören Elemente erkennen die im späteren Discosound wieder auftauchen. Auch The Three Degrees kamen später nicht am angesagten Discosound vorbei, für New Dimensions (1978, mittlerweile waren The Three Degrees nach einem Zwischenstopp bei Epic ins Haus Ariola umgezogen) amtete kein Geringerer als Giorgio Moroder als Strippenzieher (wie immer unterstützt von seinem eingespielten Produzententeam mit Keith Forsey, Pete Bellotte und Harold Faltermeyer), die pulsierenden, dynamischen Beats dieser Jahre kann man dann also problemlos dem damals weltweit angesagten Discosound zuschlagen, mein Anspieltipp ist hier das kompromisslos pumpende „Jump The Gun“.


Normalerweise empfehle ich eigentlich eher selten Compilations, im Falle der Three Degrees erhält man allerdings mit fast jeder Zusammenstellung einen recht guten Überblick, da kann man sich danach vielleicht eher entscheiden ob man tiefer forschen möchte und sich auf die Suche nach den raren Japan-Platten machen will (die Three Degrees waren „Big In Japan“, die LP’s Live In Japan und A Toast Of Love erschienen nur in Fernost) oder ob man auch so etwas wie den Soundtrack Diamonds (1976) von Roy Budd braucht, auf die Gefahr hin, dass man sich im gigantischen Soundimperium des britischen Jazzpianisten und Filmmusikspezialisten verirrt. Die DoCD When Will I See You Again – The Three Degrees – The Best Of (2017) umfasst die Schaffensphase von 1973 bis 1979, also die Jahre mit Gamble & Huff und Giorgio Moroder. Die Karriere bis 1973 mit den Roulette-Aufnahmen deckt der DoCD-Sampler Maybe von Big Break Records ab.

Ab 1980 liess der Erfolg der Three Degrees nach, das Gesangsensemble hatte den Zenit überschritten. Der harte Kern der Three Degrees besteht heutzutage aus Valerie Holiday und Helen Scott die bereits einmal von 1963 bis 1966 und dann wieder ab 1976 zu den Three Degrees gehörte. 2016 produzierte das britische Label SoulMusic Records (ein Sublabel von Cherry Red Records) die Comeback-CD Strategy (Our Tribute To Philadelphia) mit Neueinspielungen von Titeln wie The Trammps‘ „Disco Inferno“, die Dritte im Bunde war hier Freddie Pool die in den 90ern an einer Wiederbelebung der Supremes beteiligt war.

LONG LIVE FUNKY MUSIC!
mellow

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4 Kommentare

  1. Andersson Ulvaeus… du schreibst es. Seufz. Als Phillysüchtling erwarb ich in den Nullern eine billige bestof und erschrak: Dirty Ol’Mann und When will I… waren zwar drauf, aber der Rest? Alles Andersson/Ulvaeus-Kompositionen/Produktionen… Entsetzlich! Exakt im emotionslosen Abba-Plärrsound vorgetragene Gülle. Und das von “meinen” Three Degrees! Ich war entsetzt!

    Aber nu steht ja hier dieser herrliche Überblick. Danke!
    Diese ersten beiden früh70er-Scheiben… Mal sehen… ob ich da was finde.

  2. The Three Degrees:
    Wie geschrieben, nach dem spannenden 73er-Album, “Dirty Ol’ Man” und den Hits mit MFSB ging es bei den Three Degrees schnell in Richtung Mainstream, Easy Listening und 3-Minuten-Wohlfühlpop im Stile des genannten Schwedenvierers. Was ihre eigentlichen Discojahre (’78/’79) angeht, da denke ich hat Giorgio Moroder noch bessere Sachen angerissen, “Jump The Gun” ist trotzdem ziemlich heisses Disco-Parkett.

    Phillysound:
    Die Phillysound-Welle rauschte irre schnell vorbei, plötzlich sprach man nicht mehr von Philly sondern von Funk und Disco. Nachhaltig war die Stilbezeichnung wahrscheinlich trotzdem, ich kenne Musiker die sprechen noch heute von Phillysound und meinen damit aber eigentlich Funk und Soul jeglicher Couleur. Der Auflösungsprozess von MFSB setzte bereits 1974 ein als der Komponist, Arrangeur und Vibraphonist Vincent Montana Jr. ausstieg und beim New Yorker Label Salsoul Records andockte. Diverse MFSB-Musiker folgten ihm, ab 1976 war die Disco-Big-Band The Salsoul Orchestra definitiv die exklusivere Adresse.

    mellow

  3. Es ging auch eine Gewinnmaximierungsgeschichte damit einher: Philly = echtes Großorchester; warmer Klang; Gipfel sind die Barry White Alben der Zeit.
    Disco = dezimiertes Bläsersett und Streicher aus den Keyboards; Plasticsound.
    Irgendwie eben typisch amerikanisch: Wozu Steinhaus, wenn Sperrholzhütte reicht.

  4. Absolut richtig @ Phillyologe, wenn sich durch diese neuen Keyboards schlussendlich ganze Orchester (respektive die damit einher gehenden Gehaltschecks) einsparen liessen, musste man das den Chefs der Plattenindustrie nicht zweimal sagen. Und ja, es stimmt, die Keys dieser Musik-Epoche (spätestens ab 1980) klangen oft synthetisch, wer es sich leisten konnte (z.B. Barry White) setzte aber auch in den 80ern noch auf richtiges Gebläse und richtige Streicher.

    Der Verlust der “Wärme” ist ein grundsätzliches Problem der 80er, quer durch alle Genres, durch die sich extrem schnell verändernde Instrumente-, Studio- und Aufnahmetechnik ist oft die Seele (respektive die analoge Seite) der Musik verloren gegangen. Am Samstagmorgen gab es beim Instrumentenhändler meines Vertrauens jeweils Einführungskurse in die aktuellsten Keyboards, da standen sie jeweils alle um die neuesten Synthesizer herum, versuchten Midi zu begreifen und Strings wie “echte Strings” klingen zu lassen. Im Schuppen im Hinterhof türmten sich dagegen bis unters Dach Hammondorgeln und Wurlitzer-Pianos die keiner mehr haben wollte.

    Das Salsoul Orchestra (das Latin in den Soul/Funk integrierte) schwamm gegen den Strom und setzte wie MFSB oder das Love Unlimited Orchestra auf “echte Instrumente” und umfasste zeitweise gegen 50 Musiker.

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