The Flirtations

Wenn man sich die Promo-Streifen der Flirtations anschaut die 1969 in den Ruinen des walisischen Klosters Tintern Abbey in Wales entstanden sind, fragt man sich unweigerlich was denn hier falsch ist, denn die altehrwürdigen Mauerreste wollen auf den ersten Blick so gar nicht zu den drei farbigen Ladys passen die zu ihren schmissigen Soul-Fetzern «Nothing But A Heartache» und «What’s Good About Goodbye My Love» durch die historische Kulisse tanzen.


Und tatsächlich, die Schwestern Earnestine und Shirley Pearce sowie ihre Freundin Viola Billups stammten aus Übersee (South Carolina) wo sie in New York ihre Karriere lanciert und als Quartett unter dem Namen The Gypsies bereits 1965 erste Singles veröffentlicht hatten. Betty Pearce – die dritte involvierte Schwester – verliess die Gesangstruppe um 1966 herum, die Gypsies wurden zu The Flirtations.

1968 übersiedelte das Trio nach England, vermutlich war es vielversprechender in der Fremde die etwas ins Stocken geratene Karriere neu anzukurbeln als gegen tausende ähnlich gelagerte Gesangstruppen in der Heimat anzukämpfen. Die Entscheidung war schlussendlich richtig, The Flirtations erhielten einen Vertrag beim Decca-Sublabel Parrot, gingen aber zuerst einmal mit deren umjubeltem Zugpferd Tom Jones auf Europatournee.

Unter den Fittichen des schottischen Produzenten Johnny Harris und dem Liverpooler Songwriter-Team Wayne Bickerton und Tony Waddington entstanden 1968 erste Aufnahmen die auf Singles veröffentlicht aber zuerst einmal untergingen, darunter auch der Song «Nothing But A Heartache» der dann aber 1969 in Holland und danach in den Staaten doch noch zündete und den Flirtations einen Hit beidseits des Atlantiks bescherte und zwar einen nachhaltigen. «Nothing But A Heartache» wurde zu einem Evergreen des Northern Soul, für einmal hatte man in der einschlägigen Szene das Original tatsächlich direkt vor der Haustür. Die entstandenen Aufnahmen fasste Deram (ebenfalls eine Decca-Division) 1969 zu einer LP zusammen eine Scheibe die keine Wünsche offen lässt, sie beinhaltet durchgängig dynamisch rockenden Soul und hat vor allem Originalsongs an Bord, das heisst man bekommt hier nicht den ungezählten Aufguss satt bekannter Songs. Die LP landete unter dem Titel Nothing But A Heartache auf dem US-Markt, dem Rest der Welt wurde die Platte mit anderem Cover als Sounds Like The Flirtations angeboten, das internationale Layout wurde auch von RPM für das CD-Reissue verwendet.


Nach dem erwähnten Longplayer Nothing But A Heartache folgten weitere Single-Auskopplungen von denen keine den anfänglichen Erfolg wiederholen konnte. Viola Billups verabschiedete sich zugunsten einer Solokarriere (als Pearly Gates, ihre Singles «I’m Gonna Make It My Business» und «Burnin’ Love» produzierte Mike Vernon), sie wurde Angang 1972 zuerst durch die Texanerin Misty Browning, danach durch Loretta Noble ersetzt.


Von Decca wechselten The Flirtations zu Polydor wo sie ein ein paar Singles auf den Markt brachten, grosse Hits wurden aber weder «Take Me In Your Arms And Love Me» noch das dynamische, wieder von Wayne Bickerton produzierte «Love A Little Longer» mit der klasse rockenden B-Seite «Hold On To Me Babe». Obwohl das Plattengeschäft nicht mehr so toll lief für The Flirtations war die Girl-Group durchaus häufig zu hören und zu sehen, zumindest in Britannien, das Trio hatte sich mittlerweile einen festen Job in der BBC-TV-Show It’s Cliff Richard ergattert, sie begleiteten dort den ehemaligen Teenie-Star und seine Gäste, durften hin und wieder aber auch selber ins Rampenlicht treten.

Bei RCA erschien 1975 der zweite, von John Goodison produzierte Longplayer Love Makes The World Go Round der trotz hochkarätiger Mitwirkung von Songschreibern wie Roger Cook, Roger Greenaway, Herbie Flowers (die Blue Mink Connection) und Phil Wainman unterging, auf den Grund der Musikgeschichte versank und dort von Sand und Schlick überdeckt wurde, bis heute, die LP wurde bislang noch nie geborgen und für und für ein grösseres Publikum restauriert.

In den 1980ern gab es ab und zu wieder kleinere Flirtations-Lebenszeichen um die man sich aber nicht weiter kümmern muss, hier war der Soul komplett verloren gegangen, die Single «Earthquake» taxiere ich persönlich als unterdurchschnittliche Dance-Ware. Erst 1989 gab es mit «Back On My Feet Again» wieder einen zumutbaren neuen Track, die Pearce-Schwestern hatten sich wieder mit Viola Billups zusammengetan. Danach gab es wieder eine längere Sendepause, 2009 erschien mit «Roulette» eine verzichtbare Dance-Single, 2015 die offenbar nur in England veröffentlichte CD Girls mit Motown-Covers.

Das originale um Single-B-Seiten erweiterte Deram-Album wurde 2008 von RPM als Sounds Like The Flirtations auf CD gepresst, die Polydor– und RCA-Kurzrillen wurden (vermutlich aus rechtlichen Gründen) nicht berücksichtigt, aber auch so ist die Scheibe ein phantastischer Trip der einem den Northern Soul näher bringt.

LONG LIVE NORTHERN SOUL!
mellow

 

Nachtrag:
In den 1990ern existierte in den USA in der LGBT-Szene eine Formation gleichen Namens, allerdings war das eine eine A-Capella-Truppe die nichts mit dem Damen-Soul-Trio zu tun hatte.

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