Blue Wave & Blues Camp Rügen – Klingende Orte 15

Vielfach prämiertes Blues-Festival & Premium-Blues-Trainingslager Rügen

Wir haben uns schon wochenlang auf unsere zwei Wochen auf der Trauminsel Rügen gefreut. Worauf genau, auf südfranzösisches Mittelmeer-Flair im Regenbogen-Camp, das Entspannen und Ruhen in unserem abgelegenen gemütlichen achteckigen Holzhaus am Waldrand unter Kiefern, zwei mehrfach prämierte Blues-Veranstaltungen in Binz und Göhren, auf die Menschen die uns begegnen, bekannte oder unbekannte. Wer den Beitrag Klingende Orte 8 vom letzten Jahr kennt, der weiß genau was ich meine, deshalb muss ich dazu nicht weit ausholen. Hier ist ein besonderer Ort der seit mindestens 25 Jahren auch die unbändige Kraft und Seele des Blues in sich trägt. Ich hoffe das es beim Blues Fest Jeinsen, von dort werde ich 2023 ebenfalls berichten, ebenso ist. Aber ich hatte dieses Jahr auch schon das Vergnügen im Rockhouse Salzburg eine fantastische Blues-Messe erleben zu dürfen, nachzulesen am Ende des Beitrags bei Klingende Orte 6 und an vielen anderen Stellen.

Barigazzi Band: Toby Glaser

Barigazzi Band: Fabio Bianchi

Barigazzi Band: Stef Barigazzi

Vor über dreißig Jahren ist die innerdeutsche Grenze gefallen, dieses Jahr feiert das Blue Wave Festival hier im Ostseebad Binz bereits das unfassbare 25-jährige Jubiläum. Und wie !! Meine Interpretation für Blue ist Blues und blaues Meer, für Wave ist es Wellenspektrum, also Klang, Musik und Ostseewellen. Wunderbar präsentiert durch ein, verbindend durch viele Frauen und Männern, bei der Parade vom Start Schmachter See zum Ziel Seebrückenkopf getragenes 50 Meter langes, blaues Tuch, das die Blauen Wellen darstellt. Schon am Donnerstag gibt es Blues-Futter für aus ganz Deutschland angereiste Besucher. Das Stefano Barigazzi Quartett eröffnet mit dem ersten Club-Konzert. Sie sind quasi auch die Frühaufsteher des Festivals, stehen bereits schon wieder zur Mittagszeit am Seebrückenkopf, umringt von einer Menge interessierter Besucher. Der Veranstalter schreibt: „Die internationale Blues-Szene in Binz zu Gast. An vielen Ecken und Plätzen wird gezupft, gedrummt, geswingt und gesungen, dass New Orleans blass vor Neid wird.“ Ich hoffe der Veranstalter war mal am Golf von Mexiko, hat ein Festival dort erlebt. Wir haben am Gestade des Mississippi mal so ein Fest mitgefeiert und darf euch berichten das es in Binz noch viel besser war. Man kann den grauen Old-Man-River nicht annähernd mit der leuchtblauen Ostsee im Sommer vergleichen. Das Programm war aber, wie hier im Ostseebad Binz, auch flächendeckend zeitlich und örtlich in der Innenstadt verteilt, überall wurde gefeiert, musiziert, getanzt und es gab sogar auch eine Parade mit Marching-Band inklusive Tänzerinnen Beat’n Blow aus Berlin. Auch das French Quarter ist wie die mondäne Kulisse der Binzer Promenade einmalig. Aber Blue Wave Binz kann in jeder Hinsicht mit New Orleans mithalten. Und wenn ich später im Text berichte wer uns aus der Blues-Szene hier in Binz bespielt hat, da könnte es schon einige blutleere blasse Gesichter in der Wiege des Blues, vor allen den Südstaaten des nordamerikanischen Kontinents, geben. Das Konzept ist ähnlich und nahe an den Wurzeln des Blues. Diese Musik war immer Begegnung und Miteinander von Menschen. Mit so einem Konzept von Straßen-Parade, spontanen Auftritten, Konzerte auf kleinsten Bühnen mitten unter dem Volk, Club-Auftritte, steht die Nähe unter Menschen an allererster Stelle. Jeder Künstler war über ein kurzes Gespräch glücklich, alle haben sich immer sofort zu Bandfotos zusammengefunden. Gerade, das ist was wir im Moment brauchen, ich habe hier bei Blues-Binz wieder die Sehnsucht nach Frieden und Freiheit gespürt. Aber wir müssen etwas mehr dafür tun, das gibt es nicht als simpel-leichten Freibrief. Also nehmt euch vor das wir uns wieder zum Blues irgendwo treffen.

Marion Wade

Jessie Gordon 2

Kellie Rucker 1

Kostenlos, bis auf die abendlichen Club-Auftritte für Besucher ohne Kurkarte, ist aber das Blue Wave Festival in Binz. Und wer denkt wer nichts oder wenig zahlt bekommt auch nichts Ordentliches, der hat sich leider völlig verkalkuliert. Hier wird das Beste der internationalen Blues-Elite eingeladen, auch ungewöhnliche Formationen. Dieses Jahr zum 25-mal, mit natürlich vielen deutschen Künstlern, aber auch Stefano Ronchi sowie Stefano Barigazzi & Band (Italien), Roger C. Wade & The Houserockers (UK), Lucky Troubles (Polen), Jessie Gordon und Pugsley Buzzard (Australien), Ulf Sandström (Schweden), Kellie Rucker (USA), und eine international besetzte Mademyday Session Band am Sonntag. Für mich war durchgängig sehr hohes Niveau zu sehen und hören. Trotz starkem Wind, die geplante Feuer-Show am Freitagabend musste trotz guter Vorbereitung deswegen leider abgesagt werden, haben alle beteiligten Künstler bärenstark abgeliefert. Beim Blue Wave Jubiläum gibt es aber auch besonderes zu berichten. Einmal mehr haben mich 2023 die Damen wieder besonders beeindruckt, hier im zeitlichen Ablauf genannt. Die unermüdliche Blues-Lady Marion Wade an den bluesigen Klaviaturen etlicher Keyboards und auch mit Gesang, der sonnenscheue Paradiesvogel Jessie Gordon aus Perth mit brachialer Bühnenpräsenz und druckvollem Vokaleinsatz, US-Grande-Dame Kellie Rucker mit gefühlvoll Blues-Harp und Gesang, hier in Binz im fantastischen Akustik-Duo mit Tour-Kollege Richie Arndt. Und am Sonntag zum Abschluss der Rügener Blues-Festspiele die Band Virginia & Skybenders aus dem Süden Schwedens, mit einem fulminanten spontanen Auftritt auf der Hauptbühne vor dem historischen Kurhaus an der Strandpromenade direkt am Strand von Binz. Auch hier möchte ich zwei junge Damen im Zentrum des Geschehens besonders erwähnen, Maisan Gustafsson (Saxofon, Violine, Gesang) und Virginia Pihlblad (Frontgesang), die im Zentrum beschützt von ihren vier schwedischen Wikingern, leidenschaftliche Lebensfreude und Spiellaune präsentiert haben, die mitreißend war. Und auch Nachwuchs-Blueserin Siglinde sagte auf der Freilicht-Bühne im Regenbogen-Camp stolz mit schwäbischen Akzent und mit einer kollegialen Geste Richtung Band so treffend, „meine Männer !!“

Richie Arndt

Skybenders: Virginia Pihlblad 1

Skybenders: Maisan Gustafsson

Es gibt einige Fach-Magazine, auch für den Bereich Blues sowie deren prägende Instrumente, aber leider findet sich über Blue Wave Binz, Blues Camp Göhren und Blues Fest Jeinsen, also drei mehrtägige großartige, schwergewichtige Veranstaltungen der Blues-Szene kaum Berichterstattung. Und wenn, wenig bis nichts. Selbst das Marketing für diese wunderbaren, leidenschaftlichen Künstler hier vor Ort an der urlauberstarken Bäderküste Rügens von Göhren bis Binz ist eher lahm und konservativ. In idyllischen Baabe fand im kleinen Kurpark eine Kinder-Veranstaltung statt, da war genauso viel Publikum wie vor der Hauptbühne in Binz. Das stachelt mich besonders dazu an, gerade deshalb über diese wunderbaren Klingenden Orte zu berichten. Ich werde in diesem Juni fantastische 16 Festivaltage Netto mit Blues im Premiumbereich erlebt haben. Wenn ich das Blues-Summit von AAA Culture im Rockhouse Salzburg dazu nehme sogar zwei Tage mehr. Die Bandbreite ging in dieser Zeit von Blues Master-Class-Duo Kellie Rucker und Richie Arndt über vielköpfige Marching-Band Beat’n Blow bis Blues-Big-Band City Blues Connection. Dazwischen Trio bis Septett, Profis und Freizeit-Künstler jeden Alters und Spielstärke, erfreulich viele Frauen zentral in der ersten Reihe; Sousafone, Ukulelen, Slide-Gitarren, elektrische Violine, Kontrabass, historische Hammond und immer die pure Leidenschaft für den Blues. Welches Genre bildet so eine Bandbreite ab und das auch noch Akustisch, Elektrisch und Vokallistisch Live.

Stefano Ronchi 1

Jan Hirte 2

Skybenders: Joakim Wahlander

Eine würdige Jubiläums-Veranstaltung bei bestem sommerlichen Wetter und mehr als ein Dutzend Formationen die alle professionell aufgetreten sind, in jeder Hinsicht !! Auch die Technik war exzellent und immer auf dem Niveau der aktiven Musiker. Einziger Schwachpunkt war die Quantität der Besucher, so ein Premium-Festival hätte sicher mehr Aufmerksamkeit und Publikum verdient gehabt. Man fragt sich wirklich, was soll man noch aufbieten um die Menschen, hier sogar kostenfrei, an die Bühnen zu bringen. Die großen Amis und Briten sind schon fast alle im Nirvana, auch die vielen, die in Europa lebten. Da höre ich aus dem Hintergrund, warum nicht Joe Bonamassa. Warum sollte man, wir hatten Stef Rosen, Richie Arndt oder die Jungs von Lucky Troubles, die spielen auf gleichem Niveau. Ich möchte dieses Thema hier nicht weiter vertiefen, aber ich werde da immer wieder meine Finger in die Wunde legen. Und meine diesjährige Blues-Cruise ist hier noch lange nicht zu Ende, sondern ist erst der zweite Akt einer Quadrofonie. Die Geschichte wird zuerst einmal weiter geschrieben mit einer Woche und ein Dutzend Workshops sowie jeden Abend mindestens vier Stunden Live-Musik auf der zentralen Freilichtbühne im Regenbogen Camp Göhren. Die ist der Loreley-Bühne in Sankt Goarshausen am Rhein nachempfunden, nur etwa Faktor zehn kleiner.

Ein großartiges einmaliges Format in der europäischen Blues-Szene. Diese vom sehr umtriebigen Schlagzeuger Micha Maass initiierte inzwischen 13. Ausgabe des Blues Camp hat ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Die Workshops an allen klassischen Blues-Instrumenten; von Blues-Harp bis zu Gitarren sogar mehrfach, sowie auch Gesang-Chor, Tanz, Komponieren, Mix-Master-Technik, Band-Orchester; sind von Montag bis Donnerstag in mehrstündigen vormittäglichen Sessions aufgeteilt. Dieses Jahr hatte ich sogar die Gelegenheit viele der gut gebuchten Seminare zu besuchen und in die Arbeit der Dozenten und Teilnehmer einzutauchen. Und bei allen von mir besuchten Stationen an verschiedenen Spielstätten innerhalb des kleinen Dorfes am Eingang des Regenbogen-Camps, war die Stimmung konzentriert, aber ebenso euphorisch. Ich habe die Anspannung in den Gesichtern der Teilnehmer gesehen, die Leidenschaft gespürt; aber immer auch die Zufriedenheit und Dankbarkeit gefühlt, hier im Blues-Camp von erfahrenen europäischen Blues-Titanen zu lernen und auf die Schulter geklopft zu bekommen. Und jeden Abend standen viele der Teilnehmer zusammen mit den Dozenten-Helden und Star-Gästen, die zum Teil bereits in Binz auf der Bühne standen: Ben, Dave, Dieter, doppelt Jan, doppelt Michael, Pugsley, Rosy, Stef, Tobias, gemeinsam auf der schönen Camp-Bühne, haben zusammen ohne Allüren den puren Blues zelebriert. So lebt man diese Musik, das macht dieses Genre aus !! Ich habe mit vielen Teilnehmern der Workshops gesprochen und nur Lob und Zufriedenheit signalisiert bekommen, selbst die an vier Abenden präsentierten Projekte hatten ebenfalls hohes Niveau und überraschten mich mehrmals sehr stark.

Der von Jan Mohr als Dozent geleitete Band-Workshop war bei der Präsentation für mich knapp der Workshop-Sieger. Mit einer fünfköpfigen Bläsertruppe die spielend und marschierend hinter der einen Seite der Bühne und kurz danach unter dem Jubel des Publikums auf der anderen wieder dröhnend auftauchte war eine Choreografie wie bei Profis. Auch der abschließende Titel »Road To Nowhere« von den Talking Heads, der in einem großen Chor auf und vor der Bühne mündete, erzeugte Gänsehaut bei mir. Es machte deutlich das die hier versammelten Menschen verstanden haben wo die Menschheit aktuell steht und dass auch klar verbal signalisierten. Ein schöner Abschluss an diesem Tag, für unseren Aufenthalt und für meinen Bericht.

Kellie Rucker 3

Stefano Ronchi 3

Skybenders: Virginia Pihlblad 2

Ich werde in der nächsten Zeit einzelne Künstler in der Serie Back To The Blues Roots etwas genauer vorstellen, und auch berichten was ich während der Festivals mit ihnen erlebt habe. Damit wird ein weiterer Teil der derzeitigen überschaubaren deutschen Blues Szene vorgestellt.

Ginger Blues: Jessie Gordon 1

Ginger Blues Matthias Falkenau

Ginger Blues: Dorian Gollis

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Pugsley Buzzard Wateringcan

Skybenders: Joakim Wahlander

Kellie Rucker 1
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