Lulu

Den Werdegang der aus Glasgow stammenden Schottin Marie McDonald McLaughlin Laurie ist schon fast filmreif: Rothaariges 15jähriges Teen-Girl wird 1964 von der grassierenden Beat-Welle ganz unten am Grund mitgerissen und Ende des Jahrzehnts irgendwo in atemberaubender Höhe in der Popstar-Stratosphäre wieder ausgekippt, der Stoff aus dem Märchen gewoben werden.

Am Anfang war die jugendliche Sängerin das Aushängeschild der Band The Gleneagles, mit dem ersten Plattenvertrag bei Decca ausgestattet nannten sie sich dann Lulu & The Luvvers. Gleich die erste Single „Shout“, eine explosive Coverversion des Titels der Isley Brothers (Lulu hatte den Song das erste Mal in der Version eines schottischen Musikers namens Alex Harvey gehört) wurde zum alles überstrahlenden Hit. 1965 folgte die LP Something To Shout About, die Luvvers durften sich da aber offenbar nur partiell beteiligen, auf dem Frontcover prangte der Name LULU, die sie begleitenden Jungs wurden nur auf der Rückseite der Hülle abgebildet.


Auch im Aufnahmestudio waren die Luvvers offenbar nur zweite Wahl, der Grossteil der Recordings wurde von Studioprofis erledigt, unter anderem die beiden legendären Gitarristen Jimmy Page (The Yardbirds, Led Zeppelin) und Big Jim Sullivan (1941-2012) der 1960 die beiden Rock’n’Roller Eddie Cochran und Gene Vincent auf ihrer UK-Tour begleitet hatte. Die Leistung des jungen Page ist unglaublich, beispielsweise auf dem von ihm als ausführendem Produzenten und Recording Engineer betreuten R&B-Stampfer „I’ll Come Running Over“ mit dieser herrlich gurgelnden Stromgitarre und dem quietschenden Paukenpedal. Lulu meinte im Nachhinein sie seien völlig ausgeflippt als sie den fertigen Song mit ihrer darüber liegenden Kratzstimme im Studio hörten, es sei allen auf Anhieb klar gewesen, dass Page mit dieser Produktion eine aussergewöhnliche Duftmarke gesetzt hatte. Die Plattenfirma hingegen verpasste es den Titel als Kurzrille zu veräffentlichen, meiner Meinung nach wäre das mit entsprechender Werbung ein No-1-Hit geworden. Man findet im Repertoire von Lulu und ihrer Band aber noch weitere, gleichwertige und mindestens so  gute Tracks, Klassiker wie „Can I Get A Witness“ etwa oder „Night Time Is The Right Time“.

Lulu & The Luvvers traten mit den Animals, Moody Blues und Marianne Faithfull in Paris auf gingen 1966 mit den Hollies auf Konzert-Tournee hinter den eisernen Vorhang nach Polen. Die Musik die für Decca entstand ist auch Jahrzehnte später noch unglaublich präsent und dynamisch, das gilt selbst für das balladeske Material das Lulu 1964/65 einspielte. Wie auch bei den Small Faces finde ich bei Lulu & The Luvvers die Eckdaten über die ich für mich persönlich das Genre Rock definiere: Kreischende Leadstimme mit schier undefinierbaren Zwischentönen die mit unglaublich harten R&B-Teppichen hinterlegt wurden, roh, kantig, ungehobelt, oder mit anderen Worten umschrieben: Wie der Beat über Nacht zu Rock mutierte.

Kommerziell konnte „Shout“ nicht mehr übertroffen werden, viele der nachfolgenden Singles (auch die zwei deutsch gesungenen 45er mit Bruhn/Loose-Titeln) blieben in den Plattenläden liegen, wurden nur noch kleinere Hits. Bei Decca wusste man nicht wirklich wie man Lulu vermarkten sollte, ob sie scharfen Coverversionen von US-Soul-Hits den Mod-Bereich abdecken sollte oder ob sie vielleicht mit sanfteren Titeln eine Konkurrenz für Cilla Black oder Petula Clark könnte. Das Management um Mark London sah Lulu auf alle Fälle zukünftig als Solo-Artistin, sie hatte so oder so schon die meisten TV-Termine ohne ihre Band wahrgenommen. The Luvvers lösten sich 1966 auf, ihr Gitarrist Jim Dewar (1942-2002) wechselte zum Bass, er sollte später bei Stone The Crows und an der Seite von Robin Trower wieder auftauchen.

Fazit der Decca-Jahre: Die ungeschminkte Wahrheit!
Falls es rote Wangen gegeben haben sollte, dann war das bestimmt auf zu hohen Blutdruck infolge heftigen Tanzens zurückzuführen.

Anspieltipp: LULU – SHOUT! The Complete DECCA Recordings (CD, 2009, RPM)

Lulu wechselte 1966 von Decca zu Columbia, der Wechsel der Plattenfirma brachte schlussendlich auch eine weichere Stimme zum Vorschein, aus dem Schreihals wurde eine mehrheitlich softe Popsängerin, den messerscharfen Stimmbändern wurde jegliche Distortion entzogen. „To Sir With Love“ aus dem gleichnamigen Kinofilm mit Sidney Poitier bei dem Lulu auch ihr Leinwanddebut feierte, landete jenseits des Atlantiks auf Platz 1 der Charts , der Titel wurde 1967 die am besten verkaufte Single der USA.

In England startete Lulu ab 1965 bei der BBC eine weitere Karriere, anfangs noch als Moderatorin von TV-Musiksendungen, später mit eigener Show. Der Auftritt von The Jimi Hendrix Experience in der Live-Sendung Happening for Lulu im Januar 1969 geriet allerdings zum Debakel und führte dazu, dass Hendrix bei der BBC in Ungnade fiel. Der Meister des Extrem-Gitarrenspiels hatte wenig Lust auf eine Neuaufführung seines alten Hits und schon gar keine Lust darauf, dass Lulu (die mittlerweile längst zum Mainstream gehörte) wie abgesprochen am Ende von „Hey Joe“ mitsingen sollte, stattdessen brach er den Song bevor es sowqeit kam ab, nuschelte „We’d Like to stop playing this rubbish and dedicate a song to Cream, regardless of what kind of group they may be in, dedicate to Eric Clapton, Ginger Baker and Jack Bruce ins Mikro und tauchte mit seinen Begleitern Mitch Mitchell und Noel Redding ab in eine instrumentale Improvisation von „Sunshine Of Your Love“. Irgendwie verständlich, der Maestro wollte nicht mit Schunkelpop im Stil von „Boom Bang-a-Bang“ in Zusammenhang gebracht werden. Mit diesem Titel gewann Lulu 1969 übrigens den Eurovision Song Contest, punktgleich mit Beiträgen aus Spanien, den Niederlanden und Frankreich. Aus der einstigen ungeschliffenen tollen Rockröhre war innert weniger Jahre eine Traumprinzessin geworden die sich im selben Jahr einen Traumprinzen (Maurice Gibb) angelte.

Das von der Plattenfirma verordnete Image im Stil der angesagten Dusty Springfield funktionierte auch nicht so richtig, dem Album New Routes (1970) fehlte definitiv die Schärfe, der Longplayer wurde trotz Songs von den Bee Gees (wen wundert’s) und Beteiligung der Muscle-Shoals-Equipe und Duane Allman kaum beachtet.

Fazit zweite Hälfte 1960er: Es blieb leider nicht bei dezentem Wangenrouge, spätestens mit „Boom Bang-a-Bang“ versank Lulu in einer unangenehmen, Husten verursachenden Puderwolke.

1974 war Lulu wieder Gibb-frei, die Chance mit „The Man With The Golden Gun“ versemmelte sie allerdings, es blieb der einzige 007-Titelsong der Bond-Geschichte der keine Hitparaden knackte. Das von David Bowie und Mick Ronson gemeinsam produzierte „The Man Who Sold The World“ verschaffte Lulu immerhin wieder einmal einen Blick in die britischen Charts. In den Siebzigern heiratete sie wieder und wurde Mama eines Sohnes. Musikalisch blieb Lulu immer irgendwie aktiv, was sie aber ab ca. 1975 bis ins 21. Jahrhundert hinein ablieferte braucht man sich nicht anzuhören, Allerweltspop den eigentlich niemand braucht, darunter fällt auch das Duett „Inside Thing“ mit Paul McCartney.

Fazit 1970 bis ca. 2002: Die Schminke wurde leider viel zu dick aufgetragen, das synthetische (giftige?) Zeug verwandelte sich im Scheinwerferlicht oft in unappetitlichen Brei.

Danach ging es qualitätsmässig langsam aber sicher wieder aufwärts. Der letzte Tonträger den Lulu veröffentlichte ist das Album Making Life Rhyme (2015), nicht nur eine Rückkehr zu Decca sondern zugleich auch ein hörenswertes Alterswerk das die vielen Jahre der Richtungslosigkeit vergessen macht, hier stimmen die Parameter wieder, die Aufnahmen wirken ehrlich und vermitteln wieder den ungeschminkten Eindruck einer grossartigen Stimme.

Fazit: Jawohl, gut gemacht, es braucht nicht viel um als Frau auch im Alter attraktiv zu sein, dezentes Makeup und geschwungener Lidstrich genügt doch schon.

LOVE LULU!
mellow

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