Mylon LeFevre

Mir passiert das immer wieder, also wenn ich mich auf musikalischen Müllhalden herumtreibe: Ich stochere im Dreck und ziehe das verrückteste Zeug das man sich nicht vorstellen kann aus den musikalischen Ablagerungen. So wirklich suchen tu’ ich das eigentlich nicht, die Situation ergibt sich einfach, meist bin ich einer Querverbindung gefolgt, manchmal direkt, manchmal auf Umwegen, aber dann halte ich plötzlich so ein verrücktes Stück Vinyl in den Händen das mich ganz einfach umwirft und mich sprachlos macht weil der Kiefer runtergeklappt ist und sich nicht mehr in die Originalposition bewegen lässt.

Am Anfang dieser Funde hier stand eigentlich Mylon LeFevre, der US-Sänger und Songwriter der 1973 mit dem Briten Alvin Lee die LP On The Road To Freedom veröffentlicht hat. Eine feine Scheibe, die Fans von Alvin’s Band Ten Years After waren allerdings weniger begeistert, die vielschichtige Platte war doch recht weit entfernt vom gewohnten Bluesrock des damals schnellsten Gitarristen der Welt. Bei mir lief sie anfangs auch unter «ferner liefen», ich lernte sie erst mit zunehmenden musikalischen Kenntnissen schätzen, sprich als mir klar wurde, dass Soul, Southern, Blues und Country alle irgendwie miteinander verwandt sind. Von Mylon zog ich Ende Seventies Weak At The Knees (1977) aus einer Kiste mit US-Importware, obwohl die Platte damals trotz den an die Doobie Brothers erinnernden Songs in meinen Ohren nicht der wirkliche Überflieger war, landete «Girl From The North Country» (von Bob Dylan) doch regelmässig auf meinen Mixtapes. Ich habe mich nie von der Langspielplatte getrennt und im Nachhinein beurteilt war es richtig sie zu behalten, ich bekenne ich mich zu der Scheibe. Dort drauf finden sich übrigens musikalische Hinweise («Old Ship Of Zion») aus welcher Ecke Mylon kommt (das wurde mir aber erst später klar), der 1944 in Gulfport, Mississippi geborene Musiker entstammte einer christlichen Gospel-Family.

In den Sixties trennte sich Mylon von der musikalischen Familienunternehmung The LeFevres und ging solo, sein Song «Without Him» (naja, ich denke hier passt am ehesten die Bezeichnung «Schmalz») wurde 1967 von Elvis Presley gecovert und verschaffte Mylon ein finanzielles Polster. 1970 mutierte Mylon LeFevre schliesslich vom lobpreisenden, jubilierenden Gospelsänger zum eigentlichen Rocker mit langen Haaren und dementsprechendem Outfit, eine Metamorphose die für gläubige Zirkel natürlich inakzeptabel war.

Das von Allen Toussaint produzierte, exzellente Album Mylon (1970, Cotillon) ist nichtsdestotrotz grossartig, ist ein umwerfendes, leider vergessenes der Juwel der Southern-Musikgeschichte. Clydie King, Merry Clayton und Venetta Fields sangen Background, sie tauchten etwas später als The Blackberries bei Humble Pie wieder auf. Der Grossteil der Songs stammte von Mylon und seinen Mitstreitern und selbst für «Old Gospel Ship» gaben sie sich als Komponisten aus was natürlich nicht wirklich stimmte, denn das vermutlich auf einem Traditional basierende Arrangement wurde von A.P. Carter (Carter Family) bereits in den 1930ern geschrieben. Alexis Korner notierte bei seiner 73er-Version «Traditional, Arr. by Korner and Peter Thorup». Ich hatte die Nummer als Kontrast zu den Bluesstandards ebenfalls jahrelang im Reisegepäck meiner Band, ich taxierte das «Kirchenschiff» immer als Traditional. Unsere (auf der Korner-Aufnahme basierende) Version war ein leicht funky angehauchtes Vehikel (mit integriertem Schlagzeugsolo) das oft auch als Basis für längere Jams herhalten durfte, eine Art Bilderrahmen für wechselnde Inhalte. Tom der Drummer hasste mich manchmal dafür, dass ich am Ende seines Solo-Trips meinen Einstieg hinauszögerte und stattdessen eine Zusatzrunde von ihm verlangte. Nun, die Liveaufführungen von «Gospel Ship» waren immer extrem lustig, weniger für den schweissgebadeten Trommler vielleicht, dafür umso mehr für Publikum und Musiker. «I’m gonna take a trip, on that good old gospel ship…», ja, das ist Gospel pur, Abdankungs- oder Himmelfahrtsmusik kann durchaus auch fröhlich daher kommen.

Das Mylon-Album war der Startschuss für Mylon’s Holy Smoke Doo Dah Band (verwirrend, anfänglich hiess die Band einfach Mylon) mit der er 1971 auch das zweite Album Holy Smoke einspielte. Die LP erschien bei Columbia und wurde von Felix Pappalardi produziert der seine Schützlinge auch gleich seinen Mountain-Song «Silver Paper» interpretieren liess.

Allen Toussaint sass dann im gleichen Jahr wieder bei LeFevres ziemlich unbekannt gebliebener LP Over The Influence hinter den Reglern, im Line Up fanden sich neben der Holy Smoke Doo Dah Band so illustre Namen wie Dr. John und Leslie West der bei einem Titel Slide-Gitarre spielte, bei «He’s Not Just A Soldier» gesellte sich eine weiterer christlicher Prediger zu Mylon ans Mikrophon, kein Geringerer als, Little Richard, der «King Of Rock’n’Roll».

Mylon waren:
Mylon LeFevre – Vocals, Acoustic Guitar
Barry Bailey – Guitar
Auburn Burrell – Guitar, Bass
Dean Daughtry – Piano, Organ
Ron Graybeal – Bass
Kim Venable – Drums

Seltsamerweise wurden alle diese schillernden und durchs Band gelungenen Alben bis heute noch nie restauriert, weshalb auch immer, vielleicht weil Mylon nicht an die Vergangenheit erinnert werden will oder dann weil sie schlicht zu gut versteckt sind in einer der hintersten Rumpelkammern der Rockgeschichte. Vermutlich aber möchte diese Schätze niemand heben wegen der Verbindungen zur christlichen Rockszene, who knows, es könnte ja das Image schädigen.

Wie dem auch sei, spannend sind auch die Projekte und Querverbindungen der Mylon-Musiker die ohne den Namensgeber zustande kamen: Der bekannteste dieser verbindenden Fäden führt über Barry Bailey und Dean Daughtry direkt in die Zentrale der 1971 aus der Taufe gehobenen Atlanta Rhythm Section. Das Gründungsmitglied Dean Daughtry ist der Band bis heute erhalten geblieben, Barry Bailey quittierte den Dienst bei ARS erst 2010 als ihm Multiple Sklerose das Gitarre spielen verunmöglichte.

Eine der ARS-Keimzellen war 1971 offenbar auch Supa’s Jamboree, Bailey und Daughtry unterstützten hier den Songwriter, Sänger und Gitarristen Richard Supa. Drummer bei diesem Projekt war übrigens Robert Nix, auch er wechselte dann bekanntlich übergangslos zur ARS. Die damals entstandene und von Paramount Records veröffentlichte LP Supa’s Jamboree verschwand leider in der Versenkung, dabei ist sie ein umwerfendes und mächtiges Statement des Southern Rock, so etwas wie eine verbindende Soundklammer zwischen ARS, Outlaws, Lynyrd Skynyrd, Black Oak Arkansas und (nicht geografisch dafür musikalisch) den Doobie Brothers die auch fast 50 Jahre später noch extrem frisch klingt, ein Killeralbum. Einen Vinyl-Rip dieses hervorragenden Longplayers findet man im Web, herzlichen Dank an den Archäologen der das möglich gemacht hat. Noch mehr ARS gibt es auf dem Supa-Album Homespun von 1972, es ist sozusagen die direkte Fortsetzung von Supa’s Jamboree.


Der New Yorker Richard Supa hatte 1969 mit der Ostküstenband Man (nicht zu verwechseln mit den walisischen MAN) eine ausgezeichnete LP veröffentlicht die zwar ein paar religiöse Hinweise mit an Bord hat, aber auch problemlos von nichtreligiösen Musikfreunden konsumiert werden kann. Supa’s Song «Chip Away (The Stone)» wurde von Humble Pie und Aerosmith gecovert, bei der Truppe von Steven Tyler vertrat er auch kurzzeitig auch mal deren Gitarristen Joe Perry. Im Lauf seiner Karriere schrieb Richard Supa unzählige Songs die von unterschiedlichsten Musikern interpretiert wurden, von The Rascals, Tom Jones, Ozzy Osborne, Richie Sambora, Johnny Winter, Status Quo bis Mika. Heutzutage ist er in Nashville Vorsteher einer Unternehmung die Menschen mit Alkohol- und Drogenproblemen mittels Musiktherapie aus ihrer Misere hilft.

Mylon LeFevre genoss das Leben in vollen Zügen, er verwirklichte sich als Sänger, Songwriter, Arrangeur und Produzent (oft im Bereich «Christliche Musik») und wagte dann den Sprung über den grossen Teich wo er beim Projekt mit Alvin Lee auf Szene-Grössen wie George Harrison, Jim Capaldi, Steve Winwood, Mick Fleetwood und Ron Wood traf. Er war nun ein eigentlicher Popstar der an der Seite von Eric Clapton und George Harrison abgelichtet wurde, allerdings trat Mylon auch in die ausgelegten Drogenfallen.

Um 1980 herum sprang Mylon dem Teufel nochmal von der Schippe, er lancierte danach geläutert mit Mylon & Broken Heart eine zweite Musikkarriere in christlichem Umfeld, auch ein Herzinfarkt im Jahr 1989 konnte ihn nicht stoppen. Heutzutage sind Mylon Le Fevre (jetzt mit Abstand zwischen e und F) und seine Frau Christi unter dem Namen On The Road To Freedom als modernes Wanderpredigerduo unterwegs. Auf der Website des Paars findet sich ein Webshop mit Themen bezogenen Büchern, Merchandise und Tonträgern. Die hier behandelte Musik sucht man dort allerdings vergeblich, auf der Site werden nur Mylons christliche Produktionen ab 1982 berücksichtigt… «Hallelujah» sag’ ich da bloss…

LONG LIVE ROCK!
mellow

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