Cochise (D)

Wann genau ich über die in Dortmund gegründete Band Cochise gestossen bin, kann ich im Nachhinein nicht mehr ganz genau sagen, vermutlich um 1980 herum. Der Name des legendären  Apachen-Anführers war Anti-Establishment-Programm und passte nach dem auf Karl May basierenden überstandenen Winnetou-Kitsch der 6oer perfekt in die späten 70er / frühen 80er in denen Punk, Revolte und Widerstand gegen dies und das angesagt war. Die Besetzung von Wounded Knee durch militante Aktivisten von American Indian Movement lag auch noch nicht all zu lange zurück (1973), die Welt nahm damals erstaunt zur Kenntnis, dass Hollywood mit John Wayne und Co. offenbar jahrzehntelang Lügen über die ursprünglichen Bewohner Nordamerikas verbreitet hatte. Die deutschen Cochise hatten übrigens nichts mit ihren englischen Namensvettern zu tun, einzig dass sie immer wieder verwechselt werden, aber schliesslich war das ja auch noch die Zeit vor dem allwissenden Internet, da konnte sowas schon mal passieren.

Was kann schöner sein auf Erden,
Als Bundeswehrsoldat zu werden,
Was kann denn schöner sein?

Ich kann dir sagen was schöner ist,
Als der ganze Militaristenmist,
100’001 Sache, die ich viel lieber mache…

(Text und Musik: Holtmann)

 

Ihre erste LP stand bei mir hoch im Kurs und die Anti-Militaristen-Hymne „Was kann schöner sein…!“ war auch für mich hochaktuell da ich ja für diensttauglich befunden worden war und 1982 die Rekrutenschule besuchen sollte. Ein befreundeter Rocksänger machte es wie der Kerl im Song von Günther Holtmann: Er feierte eine Woche durch, verzichtete einerseits auf Schlaf und schmiss andererseits jede verfügbare Droge ein die zu kriegen war. Schlussendlich sah er aus wie Gevatter Tod und erschienen in diesem verwahrlosten Zustand vor der Musterungsbehörde. Sein Mut zahlte sich aus, die Armee hatte keine Lust physische und psychische Wracks aufzupäppeln, es klappte und er wurde freigestellt, zugleich erhielt er durch seine Grosstat einen gewissen Heldenstatus in unserer regionalen Musikszene in den Highlands. Sein jüngerer, Gitarre spielender Bruder zog die gleiche Show ein Jahr später durch und wurde ebenfalls für dienstuntauglich erklärt. Auf ihre musikalische Karriere hatte das alles keinen Einfluss, sie feierten einige Erfolge mit ihren gemeinsamen Bands und der singende Militärdienstverweigerer spielte Anfang 90er sogar mal eine CD mit unserer alpenländischen Vorzeige-Heavy-Metal-Kapelle ein, die ziemlich bekannte Truppe nannte sich Krokus

Von Cochise beschaffte ich mir alles was ich kriegen konnte, bis und mit der LP Die Erde war nicht immer so von 1984, die Live-Scheibe von ’85 erstand ich erst später als CD. Irgendwie hatten diese hippiesken Vertreter der linken Szene (das war lange vor den Grünen, es gab da verschiedene Bewegungen, von Hausbesetzern und Umweltschützern bis zu Anti-AKW-Aktivisten etc. – ich selber wurde damals aus Protest gegen Massentierhaltung zum Vegetarier) bei mir auf Anhieb einen Stein im Brett, nun, ich hatte mich regelrecht verliebt in ihren Sound. Cochise klangen nicht nur ausserordentlich frisch und zeitgemäss, sie hatten Musik für die Füsse und den Kopf im Angebot, sprich auch die Texte waren hörens- und lesenswert, längst nicht so witzig wie bei Lindenberg, dafür aber auch nicht so kopflastig wie bei anderen Polit-Rockern wie Lokomotive Kreuzberg, Ton Steine Scherben oder Ihre Kinder die ich damals ebenfalls erforschte. Cochise musizierten extrem locker, sie experimentierten mit Folk- und Progressive-Rock, teilweise aber auch mit Westcoastsound à la Doobie Brothers, mit Ska und Reggae, aber auch Punk und New Wave versuchte man zu integrieren.

Obwohl die Band in den 80ern eigentliche Stars der alternativen Szene waren (u.a. beteiligten sie sich  bei Rock gegen Rechts), wurden sie von der Presse mehr oder weniger totgeschwiegen, ihre LP’s verkauften sich dennoch recht gut. Songs wie der instrumentale Reggae-Oboen-Kracher „Rolltreppe Abwärts“ (von der Debut-LP Rauchzeichen, 1979), die eigentliche Cochise-Erkennungsmelodie die sie für ein Jugendtheater geschrieben hatten, das erwähnte „Was kann schöner sein…!“, „Die Indianer sind noch fern“ (Adaption von Neil Young), „Letzten Somma warn wa schwimmn“ (basierend auf dem „Swimming Song“ von Loudon Wainwright III) und „Jetzt oder nie – Anarchie“ von der zweiten LP Wir werden leben (1981) gehörten zum unverzichtbaren Repertoire meiner Mix-Tapes die im Bekanntenkreis regelmässig Fragen wie „We’sn das?“ verursachten.

Die Musik, die Songs, die Botschaften und das Feeling das Cochise transportierten passte für mich zu 100%, ich mochte Folk in all seinen Erscheinungsformen (meine Idole Fairport Convention erlebte ich ‘79 am Folkfestival Nyon, Loudon Wainwright III und Melanie spielten ebenfalls dort), ich stand trotzdem auf harten Rock und Punk und zudem hatten es mir aber auch neuere New-Wave-Stil-Mischformen angetan die Reggae und Ska einflochten. Die LP’s von Cochise entdeckte und erstand ich im Laufe der Jahre jeweils im legendären Plattenladen Musicbox in Winterthur und ich vermute bis heute, dass ich dort für diese Ware der einzige Käufer war, jedenfalls begegneten mir die Dortmunder Band nie in anderen Sammlungen. Nun, für mich war die Band ein sicherer Wert, damals musste alles her aus dem Hause Cochise, selbst die 83er Solo-Platte Der Puma zieht nach Norden vom Saitenvirtuosen Pit Budde wurde der Tonträgersammlung einverleibt.

Cochise durchlebten diverse Besetzungswechsel, die Konstanten während der 10 Jahre ihres Bestehens waren Pit Budde, Klara Bundi und Günther Holtmann. Eine spätere Cochise-Besetzung mit Dorle Ferber (Gesang/Violine) legte in einer Polit-Diskussionssendung (Auslandsshow) vor grotesker Kulisse – im Angesicht der Tabak qualmenden Feindbilder sozusagen – mit dem Song „Rauchzeichen“ und dem kritisch/zynischen „Der Staat ist doof und stinkt“ einen grandiosen Live-Auftritt auf’s Talk-Parkett.







(Printscreens: YouTube)

1988 zog die Band den Stecker, die Szene war nicht mehr dieselbe wie zu Anfang, nach über 1000 Konzerten war die Zeit für den Rückzug gekommen. Pit Budde ist noch immer aktiv und gräbt manchmal auch die alten Lieder wieder aus. Klara Brandi hat wie Pit Budde im Bereich Kinderlieder ihren Platz gefunden, Tochter Charlotte Brandi mischte in den letzten Jahren unter anderem mit ihrem Projekt Me And My Drummer die Independent-Szene auf.

Ich selber rückte anno 1982 ein in die Armee ein und gewann mit Verbandstasche und Schreibmaschine bewaffnet (ich war Spitalsoldat, Adm. Spez., sprich „Bürokrieger“) haarsträubende Manöver. Ehrlich, bei ein oder zwei Gelegenheiten (z.B. der spontanen Versorgung durchgefrorener, halbverhungerter Grenadiere während einem dieser gigantischen Kriegsspiele im Schweizer Mittelland, ich glaube die ziemlich kranke Übung hiess „Feuerwagen“, vor allem aber später beim Betrieb eines Ferienlagers für behinderte Menschen) fühlte ich mich wirklich gut, da beschlich mich das Gefühl ich hätte eine sinnvolle Aufgabe verrichtet im Dienste des Vaterlandes.

Die Musik und die Lieder von Cochise sind wie schon erwähnt zeitlos und viele der behandelten Themen sind – wenn auch unter anderen Voraussetzungen – Jahrzehnte später noch aktuell. „Letzten Somma warn wa schwimmn“ hat auch in Zeiten der Corona-Pandemie wieder eine gewisse Aktualität erhalten, weil Urlaub im Süden können sich 2020 wohl die meisten abschminken, stattdessen rückt vermutlich „Schwimmn im Baggersee“ in der Vordergrund der Ferienplanung.

Die ersten vier Studioalben und die Liveaufnahmen von 1984 wurden in Form von CD’s wiederveröffentlicht. Wie die Maus zum Adler wurde (Hörspiel) und Trails End (1988) mit Live-Recordings von der letzten Tournee sind mir nicht bekannt, sie wurden bislang nur als LP’s veröffentlicht. Die nachgereichte CD Rolltreppe Rückwärts – Rare & Live 1979-1986 von Sireena Records kenne ich ebenfalls nicht, gemäss Kritiken sei da die Tonqualität nicht sonderlich gut.

WAS KANN SCHÖNER SEIN ALS…
COCHISE!

mellow

 

Cochise (1979):
Klara Bundi – Gesang, Bass, Flöte, Sax
Pit Budde – Gitarre, Gesang
Günther Holtmann – Gitarre, Bass, Gesang
Peter Freiberg – Schlagzeug, Gesang
Michael Hager – Oboe
Philipp Nadolny – Technik

Später auch mit:
Dorle Ferber – Gesang, Geige
Martin Buschmann – Gesang, Keyboards, Sax
Walter Speckmann – Bass, Technik
Tom Kühn – Schlagzeug
Martin Hasselbach – Schlagzeug
Gert Rickmann-Wunderlich – Schlagzeug

(Visited 77 times, 1 visits today)

Ein Kommentar

  1. Lieber Mellow, großartiger Beitrag einer unterschätzten Band, die zwischen 1978 bis 1988 ein Teil meines täglichen Lebens war. Der SchoTTe und der Pit, beide Musik-Liebhaber, beide Fische-Sternzeichen (Indianisch: Puma), beide lebten mit kämpferischen, emanzipierten Amazonen zusammen (ich mit meiner emanzipierten, indianischen Braunbärin glücklich bis heute), aber beide gingen ab Anfang der 90iger unterschiedliche Lebenswege. So ist das im realen Leben. Ich bestätige hiermit: Pit liebte West-Coast von James Taylor über Jackson Brown bis John Cougar Mellencamp (den besonders, auch wegen Cougar, aber nicht nur). Alle Alben von Cochise sind auf CD erschienen (bis auf 1988: Heimliche Hits: Best Of), aber sind teilweise sehr schwer zu bekommen.

    Zum Thema: Den SchoTTen wundert es doch immer wieder neu, wie verzweigt die Musikwelt nun bis Mitte 2020 geworden ist. Sie ist inzwischen fast unübersehbar geworden. Umso mehr ist es nun wichtig das Bekannte (und teils schon wieder Unbekannte) aufzufrischen und zu erhalten. Wir arbeiten beim RockZirkus fleißig daran !! Wo ist die Verbindung zwischen den Polit-Rockern Cochise (gegründet von Puma Pit Budde, März-Geboren wie ich, Anfang 1979 in Region Dortmund) und den Kraut-Rockern Guru Guru (gegründet von Magic Mani 1968 in Region Odenwald). In der Gründungsphase von Cochise war die studierte Violinistin/Flötistin & Sängerin Dorle Ferber in Mannheim fern von Dortmund tragendes Mitglied der deutschen Hard-Rock-Band Zyma aus der Region Heidelberg/Mannheim, war mit beteiligt an deren beiden Alben Thoughts (1978) und Brave New World (1979). Danach arbeitete sie kurz mit Zeitenwende (Projekt Barbara & Ulrich Freise, vorher Elster Silberflug) zusammen, dort half sie beim Album Herren Der Nacht (1982) mit. Hans Rock´N´Roll Maschine Reffert aka Flute & Voice (dort musizierte sie auch mit) spielte bei der Mannheimer Band Zauberfinger, dort half Dorle auch bei zwei der drei Alben mit (1976: Slide, 1981: Schizzo-Rock). Und immer auch wieder bei Projekten von Hans. Auch bei verschiedenen Projekten von Mani Neumeier und Kraan-Friese und Kraan-Hattler war Dorle mit Instrumenten und/oder Gesang beteiligt. 1983 gab es in Dortmund einen Umbruch bei Cochise und da Dorle und die Indianer-Mannschaft sich kannten (über Label, Touren, Projekte, etc.) wuchsen diese beiden Stränge zu einem zusammen, der zum Teil bei Projekten bis heute besteht. Somit waren das Ruhrgebiet und das Rhein-Neckar-Dreieck verbunden, Cochise wie Guru Guru waren mit Dorle beziehungsweise Hans erfolgreich, beide besonders Live, denn beide Bands hatten eine spektakuläre Bühnen-Präsenz. Ich habe beide Bands mindestens ein Dutzend Mal Live gesehen, mit Pit, Klara & Dorle und mit Mani, Roland & Hans RRM. Nach dem unerwarteten Tod von Hans Reffert im Februar 2016 hat nun der virtuose Saiten-Hero Jan Lindqvist seinen Platz würdig übernommen. Mit Hans hat er auch bei Zauberfinger kurz zusammen musiziert und aufgenommen. Wieder eine Verknüpfung, aber ein ganz anderes Thema, für einen anderen Kommentar. Klingende Grüsse, Der SchoTTe

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

dreizehn + 17 =