Heavy Metal oder was?
Der Beitrag ist mir schon einige Zeit im Kopf herumgegangen und Auslöser war eine Stammtischdiskussion über den Heavy Metal an und für sich und wer sich da mit Fug und Recht dem Genre angehörig fühlen darf. Die Diskussion war zwar zivilisiert aber etwas aus der Schiene. Meine Mitdiskutanten waren alles Musiker im Pop-/Rock-/Blues- und was weiss ich noch für Bereiche. Auf das Thema kamen wir, weil einer der Anwesenden mit einer nicht ganz steilen These rauskam, dass es ihm irgendwie auf den Wecker ginge wenn jedes Genre künstlich aufgebläht aber im Prinzip der Tag Rock genügen würde. Und ich dachte sofort, endlich, einer der mich versteht.
Bleibt mir vom Leib mit erfundenen Genres à la Postrock, Postblues, Postindependent oder sonst irgendwas. Auch Nichtgenres wie Shoegaze, Yachtrock und so weiter setze ich auf die Liste nicht existierender Musikstile. Das ist alles Pop oder Rock. Das ganze Unglück hat ja schon in den 70er-Jahren angefangen, als sich die hiesige (und auch internationale) Musikjournaille dachte, sie würden am Rad drehen und jeder Schreiberling an einem Gratisblatt erfand im stillen Kämmerlein ein neues Genre. Nur war es immer noch das Alte, aber dieses Mal unter einem anderen Namen.
Aber nicht nur das, es war die Zeit (bis heute) in der falsche Tags angeheftet wurden. Ich will nicht z.B. BAP unter Brass sehen (z.B. Discogs), das verbietet sich alleine schon, weil man sich auf dieser Basis auch nicht austauschen kann. Auch in der Retroszene passiert das, da wurde nach aufkommen des Punks 1976 jede Kapelle, vor allem auf der anderen Seite des Teichs, als Punkband hochgejazzt. Spielte keine Rolle ob sie Pop waren, jede noch so halbgare Idee wurde als Punk verbraten. Das ging so weit, dass ernsthaft die Beach Boys dazu gerechnet wurden (kann mich nicht mehr erinnern auf welcher Basis das geschah). Dann wurden locker Bands aus den 50ern zu diesem Genre zugerechnet, die aber tatsächlich das MOR-Publikum bedienten. Und ich rede ja nicht Mal von den offensichtlichen Differenzen zwischen Punk (USA) und Punk (Europa). Karten auf den Tisch, die amerikanische Variante war immer eine ziemliche Blaupause von was immer damals am Start war. Natürlich gab es damals schon Ausnahmen. Aber Blondie? Come on! Ich denke Blondie war eine gute Band, aber nicht mal zu New Wave zähle ich die, die waren so im Pop verankert, man tut denen schlicht Unrecht, wenn man sie in den Punkkübel leert. Dazu muss ich auch noch sagen, ich war vom Start weg vom Punk englischer Ausprägung fasziniert und andererseits halte ich die Ramones für eine exzellente Rockband. Rockband!!!
Aber die Diskussion ging ja übers Thema Heavy Metal und für mich sind gefühlt 90 % aller Schwermetallbands eben nicht das, sondern untalentierte Kapellen, die sich im Rockbusiness nicht hätten halten können und auf eine Nebenschiene ausgewichen sind um wenigstens 2 Minuten vom Claim to Fame abzugraben. Die Musik selbst, schön zu hören vor allem an den Vertretern des NWOBHM, hat meiner Meinung nach so gar nichts mit dem Genre zu tun. Zu flach sind die Aufnahmen, zu geschönt und ohne Dynamik und vor allem völlig ideenlos. Judas Priest, Saxon oder Def Leppard kommen mir da in den Sinn. Eine Sonderstellung nehmen die Hairbands ein, da weiss man was die Glocke geschlagen hat, da muss man sich die Tonträger erst gar nicht anhören.
Obwohl Lemmy die Konzerte von Motörhead immer als „We are Motörhead and we play Rock’n’Roll“ ankündigte, sind sie immer mal wieder dem Heavy Metal zugerechnet wurde. Total irreführend, die waren Rock ohne Abstriche und das war eben auch der Standpunkt eines der Teilnehmer am Stammtisch. Ich hätte fast unterschrieben, wenn der einen entsprechenden Zettel dabei gehabt hätte. Na gut, Rock’n’Roll, musste ich ja über die Jahre auch schon mal darüber nachdenken wie das gemeint ist und tatsächlich kann ich damit leben. Jede Band die einen gewissen Härtegrad aufweist in ihren Songs kann das mit Fug und Recht behaupten. Hier muss der Begriff Rock’n’Roll manchmal vom Genre getrennt gesehen werden.
So langsam gegen Ende der Diskussion kam einer der Teilnehmer auf die gloriose Idee (ohne einen Anflug von Ironie) Cream als Heavy Metal Band zu bezeichnen und zwar mit der Begründung sie wären sehr laut gewesen. Da war aber das Ende der „Expertenrunde“ auch schon in Sicht. Eine abenteuerlichere Begründung hatte ich nicht mal für den Punk je gelesen oder gehört. Man kann ein Stück aus der Klassik auch ohrenbetäubend laut spielen und niemand würde auf die Idee kommen Tschaikowsky’s „1812“ als Heavy Metal zu bezeichnen. Zumindest wäre es da noch einigermassen verfolgbar auf Grund des Themas.
Ich mach mir allerdings keine Illusionen, solange es Journalisten im Musikbereich gibt, werden „Genres“ erfunden was das Zeug hält und vierzehn Tage später weiss niemand mehr, was es eigentlich sein sollte. Nur soll mir in einer Diskussionsrunde, an der ich beteiligt bin, niemand erzählen, Celine Dion wäre Avantgarde.
P.S.: Natürlich kann jede/r, der/die in seiner/ihrer Datscha hockt und sich die Oberammergauer Holzbuam anhört, für sich selbst entscheiden, ob diese dem Free Jazz zuzurechnen sind. Kann ja jemand anderem egal sein. Aber sobald die Person in die freie Wildbahn kommt und predigen will, dann wird es prekär. Dann sollte man sich schon auf einige Termini im Voraus einigen können.
P.P.S.: Die Illustration zu diesem Beitrag habe ich auf einer lizenzfreien Website runtergeladen. Ich hatte da einige Schwierigkeiten hier eine visuelle Komponente einzubringen.


