The Astronauts

Nachfolgender Text stammt aus dem ehemaligen Rockzirkus-Forum, war Teil meiner grossen Ventures-Kiste (mit ihren integrierten unzähligen Rezensionen zu instrumental agierenden Acts) 2012 gestartet ernteten diese Beiträge bis zur Einstellung des Forums die meisten Klicks. Die intensive Beschäftigung  mit instrumentaler Rockmusik veränderte mein musikalisches Weltbild von Grund auf…

Irgendwie sind The Astronauts eines der grossen Missverständnisse der US-musikhistorischen Geschichte: The Astronauts aus Boulder/Colorado seien eine Surfband, aber wer sich ein wenig auskennt, wird die Parallelen zu den Ventures natürlich auf Anhieb erkennen, einmal Etikett, immer Etikett.

Als The Astronauts 1963 mit Demo-Aufnahmen bewaffnet einen Trip nach Los Angeles wagten um sich bei den dort ansässigen Record Companies zu bewerben, wurden sie bei RCA gefragt ob sie auch „Surf“ drauf hätten. Klar, kein Problem, sie kriegten einen Vertrag und mussten sich danach erst mal schlau machen was der Typ mit „Surfsound“ eigentlich gemeint hatte.

Eigentlich waren The Astronauts (vormals als Stormtroopers unterwegs, der ursprüngliche Name wurde aber gekippt da die Gefahr bestand ein „falsches“ Publikum anzuziehen) viel mehr im Rock’n’Roll und Rhythm & Blues zuhause, mit solchem Sound bekochten sie normalerweise ländliche Tanzveranstaltungen und High-School-Events. RCA hatte allerdings das Konzept und die Songs zum Debutalbum bereits zusammengestellt bevor sie als The Astronauts gedraftet wurden, die Band war eigentlich bloss ein Mittel zum Zweck für RCA um sich ein Stück des boomenden Surfkuchens zu sichern.

Anfangs ging die Strategie auch auf: Das von Lee Hazlewood geschriebene Instrumental „Baja“ wurde zum Hit, allerdings blieb das der einzige merkenswerte Chart-Erfolg im der Karriere der jugendlichen Abenteurer. Die dazugehörige, teils instrumental gehaltene LP Surfin‘ With The Astronauts ist ein zeittypisches Szene-Tondokument, der Nachwuchsband aus dem Inland wurden mehrheitlich die üblichen Songs auf den Speisezettel gesetzt, dass sie sich mit Vocals auskannten, bewiesen sie mit dem Wilson-Cover „Surfin‘ USA“.  Mit „Kuk“ schaffte es gerade mal eine einzige von Bob Demmon, Dennis Lindsey, Rich Fifield (alle Gitarre), Stormy Patterson (Bass) und Jim Gallagher (Drums) verfasste Nummer auf’s Debut. Was sich auf Surfin’ With The Astronauts schon klar bemerkbar machte war dieser „blubbernde“ mit dem Reverb der Fender-Amps erzeugte Sound, ein klassisches Markenzeichen des Surfsounds, auch der frühen Astronauts, sprich eine Technik die sie im Laufe der Zeit zusammen mit Gallagher’s manchmal unkonventionell hämmerndem Drumming noch perfektionieren sollten. Das Highlight auf LP No. 1 ist für mich allerdings eine Gesangsnummer, „Let’s Play House“ eine glühende R&B-Rakete und ein klarer Hinweis auf die Ecke in der sich die Truppe eigentlich am wohlsten fühlte.

    

Und genau da wurde nachgehakt: Der Live-LP Everything Is A-OK! (1964 in Denver aufgenommen) beleuchtet die Astronauts von einer ganz anderen Seite, hier werden sie als stampfende, auf R&R basierende Bluesrockband präsentiert, die einheitlichen Gold-Sackos auf dem Cover eigentlich fast ein Hohn. Schwarz, ist das, tiefschwarz und beseelt. „Money“ und „What’d I Say“ von Ray Charles werden dem Drummer zum Frass vorgeworfen, eine einzige Wohltat wie sich Jim Gallagher in den beiden Tracks mit seinem Trommelarsenal herumprügelt.

Competition Coupe, die zweite LP von ’64, beackerte dann (vermutlich auch wieder auf Geheiss der Plattenfirma) die Hot-Rod-Szene. Diesmal durften mit „Our Car Club“ und „650 Scrambler“ gleich zwei Eigenbauten mit an Bord.

Die Longplayer folgten Schlag auf Schlag, Astronauts Orbit Kampus (1964) war ebenfalls wieder eine Live-Platte, diesmal ganz im Zeichen des Rock’n’Rolls, ein krachendes Statement, wüst, roh, ganz im Geiste von Chuck Berry. Und auch hier staune ich wieder über die Fähigkeiten des Drummers, unglaublich der Speedbeat den Gallagher vorlegte. Den ultimativen Überkracher auf diesem Überfliegeralbum habe ich in „Greenback Dollar“ (Kingston Trio) gefunden, da müssen sämtliche Garagentore im Umkreis von 30 Meilen aus ihren Verankerungen gefallen sein als die unbekümmerten Astronauten diese Nummer in den Saal schmetterten! Ein göttliches Stück Dreck: Kann denn Punkrock Sünde sein? Nein, niemals, das führt man sich am Besten in der Endloschlaufe zu sich…

    

Als dann diese berüchtigte Band aus Liverpool die Staaten im Handstreich einnahm, schrillten bei der Plattenfirma wieder sämtliche Alarmglocken. Ob das die Astronauts auch drauf hatten? Aber sicher, und die Astronauten wurden auch immer sicherer, schusterten nun eigene Songs im Spannungsfeld der drei grossen BBB… (Beatles / Byrds / Beach Boys / Berry). Hmmmh… naja… ein paar B’s zuviel… trotzdem… B-Einflüsse sind nicht zu verleugnen auf dem Album Go…Go…Go!, der ersten von drei LP‘s anno 1965.

Die nächste Langrille For You From Us (man beachte das Wortspiel, bei den Liverpoolern hiess das „From Me To You“) haute in die gleiche Kerbe, die British Invasion hinterliess überall ihren Eindruck, unter diesem Einfluss veränderte sich auch die amerikanische Pop-Kultur. Neben Beat konzentrierten sich The Astronauts auch wieder auf den Blues (inklusive massiver Bluesharp-Einsätze), da änderten auch die geschickt von RCA arrangierten Auftritte in Surffilmen nichts daran, die Band war am Puls des Geschehens, kämpfte an diversen Fronten und brauchte sich vor den neuen aufkeimenden „weissen“ Bluesbands nicht zu verstecken.

    

Down The Line eine weitere Bestätigung des hohen Niveaus auf dem sich die Band mittlerweile bewegte. Nur schon ihre Version von „Memphis Tennessee“ mit diesem bestechenden Basslauf macht das Album zu einem Highlight!

Ab 1966 ging die Chose dann schleichend den Bach runter: Stormy Patterson und Gallagher wurden in die Armee eingezogen (Gallagher wurde ersetzt durch Mark Bretz), Bob Demmon wechselte zum Bass, es folgte eine weitere dreimonatige Japan-Tour. Stürmische Zeiten, die umbesetzten Astronauten nannten sich danach irgendwann The Sunshineward.

1967 erschien mit Travelin‘ Men eine letzte LP, in der Astronauts-Discography so ziemlich das Schlusslicht, Produzent Leon Russel sass wohl auf seinen Ohren, ein unwürdiger Abschluss, die LP ist ein unzusammenhängender Flickenteppich, offensichtlich eine Vertragserfüllung.

    

Einzig Rich Fifield blieb am Ball, er tauchte bei den Westcoastbands Horses (dort wurde er kurz vor den Aufnahmen zur einzigen LP ersetzt) und Hardwater (die ein vorzügliches Album veröffentlichten) wieder auf.

Dieser Bericht zu The Astronauts ist recht ausufernd geraten, aber auf der Suche nach den Roots sind mir alle Mittel recht: The Astronauts sind ein ausgezeichnetes Studienobjekt in Sachen amerikanischer Rock, ein Spiegel der damaligen Zeit, und ausserdem gibt es hervorragenden groovy Sounds zu entdecken!

Das Label Collectables hat sämtliche Astronauts-Alben in einer 4-CD-Box zusammengefasst, es gibt sie aber auch einzeln als Twofer. Eine ausgezeichnete Astronauts-Ergänzung ist auch Rarities von Bear Family, da gibt es zuhauf Singles, Outtakes, Obskures, unter anderem das pulsierende Instrumental „Firewater“.

LONG LIVE INSTRUMENTAL-ROCK!
mellow

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