First Choice

Rochelle Fleming, Annette Guest und Wardell Piper hatten schon während ihrer Highschool-Zeit zusammengefunden. Entdeckt wurde die Girl Group die sich in den Clubs von Philadelphia durchschlug durch die Radio-Legende Georgie Woods, er empfahl die drei Ladies dem Produzenten Norman Harris. Piper verabschiedete sich bereits nach der ersten äusserst erfolgreichen Single Armed And Extremly Dangerous (US: R&B, No. 11 / UK: No. 9) und wurde durch Joyce Jones (1973-75) ersetzt. Auf sie folgte Ursula Herring (1975-79) die wiederum von Debbie Martin (1979-80) abgelöst wurde, Erfolg hatte schlussendlich jede der Besetzungen.


Ob das aus Philadelphia kommende Damentrio First Choice einer der Ausgangspunkte von Disco war? Eine schwierige Frage die sich kaum befriedigend beantworten lässt, die ersten zwei grossartigen LP‘s Armed And Extremly Dangerous (1973) und The Player (1974) zeigten in Grundzügen auf alle Fälle schon in diese Richtung, zwei Platten die übrigens auch in der Bewegung Northern Soul Anklang fanden. Die Musik von First Choice war anfänglich eine Mixtur aus Soul und Funk, meist untermauert mit dem für den Phillysound typischen und unablässig zischenden Hi-Hat, oft auch mit Brassgebläse und den berüchtigten Strings, eine unverzichtbare Komponente in diesem Genre, aber auch Wah-Wah-Gitarrensounds und treibende Percussion leisteten hier ihren Beitrag zum akustischen Gesamtbild. Ausfälle gab es keine und so richtig spannend wurde es wenn das 3-Minuten-Songformat verlassen wurde „Newsy Neighbors“ und „Love & Happiness“ vom brandheissen 73er-Debut gingen bereits über eine Länge von sechs, respektive sieben Minuten, genauso wie „Player“ der spannende Titeltrack des zweiten Albums. Gesanglich gab es natürlich auch nichts zu bemängeln, First Choice waren nun mal „erste Wahl“. Die beiden Langrillen für Philly Groove Records aber auch Deslusions (1977) und Hold Your Horses (1979) sind es durchaus wert etwas genauer hinzuhören.


Das Album So Let Us Entertain You erschien 1976 bei Warner Brothers und wurde vom legendären Tom Moulton – seines Zeichens Erfinder des „Remixes“ und Förderer/Initiant der 12“-Maxisingle – produziert. Sein Ziel war es, dass Tänzer die Tanzfläche nicht nach drei Minuten schon wieder verliessen, er begann deshalbmit Extended-Versionen zu experimentieren, er bearbeitete beispielsweise auch die Tracks von Gloria Gaynors Erfolgsscheibe Never Can Say Goodbye und legte 1975 auch Hand an die Bänder der Trammps-Platte Zing! Went The Strings Of My Heart. Auf So Let Us Entertain You wird der Dekadensprung in Richtung Disco klar hörbar, der Unterbau ist um einiges fetter geworden, Bass und Drums haben die Kontrolle übernommen. Die LP lässt aber mit ruhigeren Passagen auch Luft um Atem zu holen wie bei „Let Him Go“, First Choice liefern wie immer auch hier eine grossartige Vokal-Performance ab.

Einen grossen Hit warf So Let Us Entertain You nicht ab, der Kracher folgte 1977 mit der Singleauskopplung „Doctor Love“ (nicht identisch mit dem gleichnamigen Song von John Holt) vom Album Deslusions, eine Nummer die nicht nur in Discotheken ein Renner wurde sondern über die Jahre immer wieder „remixed“ wurde, selbstverständlich in XXL-Versionen, weil sonst machen solche Überarbeitungen für Remix-Spezialisten ja keinen Spass.

Sollte man spätestens jetzt auf den Discoalarmbutton drücken? Ganz ehrlich, ich weiss es nicht, Deslusions ist absolut hochkarätig, glänzt immer wieder mit tollen tanzbaren Grooves aber auch mit Crossover-Jazz-Funk wie bei „Love Having You Around“. Nach dem kurzen Gastspiel bei Warner erschienen die Platten von First Choice danach beim angesagten New Yorker Disco-Spezialisten Salsoul, respektive dem dazugehörigen Sublabel Gold Mind Records.

Das teilweise in den Münchner Musicland Studios entstandene Album Hold Your Horses (1979) ist ein weiteres Highlight im Repertoire von First Choice. Ja, das könnte glatt als Discosound durchgehen, schlussendlich ist er aber egal in welche Schublade man eine solche Scheibe steckt, es zählt alleine die Musik und die hat es in sich. Die fast sechs Minuten beim grandiosen, hypnotisch treibenden Titeltrack sind die unterste Grenze, im Zweifelsfall natürlich lieber länger, also her mit den Maxi-Versionen (die findet man neben der Zwei-Minuten-Vierzig-7“-Kurzversion von Hold Your Horses auf dem CD-Edition von BBR)! Auch bei diesem Album stosse ich auf keine Ausfälle, „Great Expectations“ pumpt grossartig vor sich hin, bei „Double Cross“ duellieren sich First Choice mit einem Funk-Bass. Klasse, grosse Klasse. Hinter dem Schlagzeug sass übrigens der Brite Keith Forsey (The Spectrum), einer der sich wie Tom Moulton einige Lorbeeren verdiente bei der Entwicklung der Discomusik.

Breakaway, das finale Album von 1980 hingegen kann man als eher uninspirierte Disco-Produktion durchwinken, ziemlich 08/15, ich würde sagen hier wurde zu sauber und perfekt produziert, es konzentrierte sich alles auf den Beat von Bass und Drums. Die grossen Arrangements, die Überraschungsmomente und einprägsame Melodien fehlten hier, der Sound von First Choice hatte den Zenit überschritten und wurde ziemlich austauschbar, genauso wie die Bewegung der massenkompatiblen Discomusik.

First Choice gingen nach Breakaway getrennte Wege, sie fanden aber 2014 in der Besetzung Rochelle Fleming, Wardell Piper, Ursula Herring und Anette Guest für ein Konzert nochmals zusammen und wurden seither (ohne Rochelle) immer wieder einmal auf einer Bühne gesehen.

First Choice sind heutzutage längst nicht mehr so bekannt wie zur Zeit ihrer Hochblüte von „Doctor Love“, trotzdem hatten sie ihren Anteil an der Entwicklung der Sparte Discomusik. Deutlich wird es vor allem in Betracht der Tatsache, dass die Songs von First Choice auch Jahrzehnte später noch gesampelt und von einer jüngeren Generation Remixes unterzogen werden.

Grundsätzlich stellt sich bei mir je länger je mehr die Stilfrage:
Wo ist die Grenze von Soul, Funk, R&B, Pop und Rock gegenüber Disco zu ziehen?
Existiert überhaupt eine musikalische Trennlinie oder ist das nur eine geschmackliche Einbildung?
Mein vor Jahrzehnten gezimmerter Zaun wird jedenfalls immer instabiler und durchlässiger, mit jedem weiteren Ausflug in die musikalische Vergangenheit verschieben sich die fest verankert geglaubten Pfosten. Es scheint Frage der Perspektive zu sein, ob man vorabgefasstes Gedankengut über Bord werfen kann und grundsätzlich bereit ist, die imaginäre Vorstellung seines persönlichen musikalischen Universums in die Kloschüssel zu werfen und die Spülung zu betätigen.

Hört ihr das Rauschen im Abflussrohr?
Ich hab‘s getan und fühle mich echt gut, habe jetzt den Kopf frei um…

GET-UP-AND-DANCE!

mellow

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