Gryphon

Von allen britischen, von traditioneller Folkmusik begeisterten Unternehmungen, ist Gryphon wohl diejenige, die sich am konsequentesten an das musikalische Arsenal zwischen Spätmittelalter und Renaissance hielt. Naja, oder an das was man viel später in der Moderne dafür hielt, die musikalischen Ursprünge liessen trotz der Erfindung der geschriebenen Musiknote immer Raum für Interpretationen. Unbestritten aber ist, dass das Niederschreiben von Noten eine Revolution auslöste und auch eine massive Entwicklung des Volksliedes bewirkte. Kompositionen wurden nun mehrstimmig, vielfältiger und immer komplexer, die dem ganzen zugrunde liegende Musiktheorie öffnete geneigten Freigeistern Tür und Tor. Aber wie so ein Kammerorchester im Jahr 1300 nun wirklich klang, darüber kann man im Nachhinein nur spekulieren, die Entwicklung der Instrumente war noch in vollem Gang und sollte sich über Jahrhunderte, bis in unsere aktuelle Zeit, hinziehen.

Die zu Beginn der Siebziger vom Multiinstrumentalisten Richard Harvey und dem Fagottisten Brian Gulland gegründeten Gryphon schufen sich ein eigenes, ziemlich eigenständiges musikalisches Universum. Wie viele Zeitgenossen (Fairport Convention, Magna Carta, Strawbs, Amazing Blondel, Steeleye Span, Horslips, Ougenweide) natürlich auch mit neumodischen elektrischen Gerätschaften.


Bei Gryphon stösst man dutzendfach auf grossartiges in der Frühphase recht mittelalterlich anmutendes Songmaterial, beginnend vom ersten Album Gryphon (1973) über Red Queen To Gryphon Three (1974) und Midnight Mushrumps (1974) bis zu Raindance (1975), dem finalen Album für das Label Transatlantic, eine eigentliche Progrockplatte mit Betonung auf Rock und dem Longtrack „(Ein Klein) Heldenleben“.


Ende 1974 spielten Gryphon auf einer US-Tour im Vorprogramm von Yes, die jahrelange Erfolgskurve des Progrock lief zur der Zeit langsam aber bereits stetig nach unten, spätestens ab dem Phänomen Punkrock (1976) musste sich die alten Helden neu erfinden. Manche schafften es ihre Kopflastigkeit über Bord zu werfen und sich von Grund auf neu zu erfinden (z.B. Genesis oder die bereits erwähnten Yes), andere sahen ihre Zeit gekommen um ganz aufzuhören. Gryphon wechselten nach Raindance für ihren „Schwanengesang“ Treason (1977) zum Label Harvest, für ihren mittlerweile recht verschachtelten Fagott-Rock fand sich allerdings keine Käuferschaft, die Band löste sich auf.

2009 hauchten Harvey und Gulland zusammen mit ihren ehemaligen Mitstreitern Dave Oberlé (Drums, Percussion) und dem Gitarristen Graeme Taylor ihrem Projekt Gryphon neues Leben ein. Es blieb dann aber doch nicht bei dem einmaligen Reunion-Konzert, 2014 folgte eine Tournee und 2018 mit Reinvention ein Studioalbum ganz im Geist der alten Tage.

Obwohl Red Queen To Gryphon Three einmal zu meiner Plattensammlung zählte ging die Band bei mir irgendwann „vergessen“. Kürzlich stolperte ich dann aber über die DoCD Raindances – The Transatlantic Recordings 1973 – 1975 (2016, 2xCD, Esoteric Recordings) und siehe da, die Truppe war mir auf Anhieb wieder präsent und vertraut, so als ob man einen alten Bekannten den man aus den Augen verloren hat plötzlich und ganz unverhofft wieder antrifft: „Hey, du schaust aber toll aus, hast dich kein bisschen verändert seit damals”.

LONG LIVE PROGRESSIVE FOLK MUSIC!
mellow

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