NDM: Crystal Palace – Still There

☺ Horchlöffel hochgestellt, die deutschen Rocker sind stark im kommen ☺

Eine üppige Vorgeschichte für dieses Quartett aus Berlin zu erzählen, das ist sicher nicht mehr notwendig, denn Crystal Palace hat sich inzwischen seit 2010 durch fünf ausgezeichnete Alben an die Spitze der rockigen Musik aus deutschen Landen hochgearbeitet. Und die Betonung liegt klar auf akribische, leidenschaftliche Arbeit. Sie sind auch überregional und europaweit ein Aushängeschild, auch auf den großen Nordseeinseln und gehen nun mit »Still There« noch einen kreativen Schritt weiter. Meines Erachtens genau zum richtigen Zeitpunkt. Denn für so ein Projekt braucht man eine stabile, routinierte Mannschaft. Und die haben sie mit Yenz (Gesang, Bass), Frank Köhler (Tastengeräte), Nils Conrad (Gitarren), Tom Ronney (Schlagzeug), genannt in Reihenfolge des Eintritts in die lange Kristall-Palast-Karriere. Mit dem bärenstarken und exzellent produzierten Live-Album »Scattered Over Europe« hat man Anfang 2021 also sicher nicht zu dick aufgetragen, sondern stellvertretend noch einmal ein deutliches Signal auch hier im deutschsprachigen Raum gesetzt. Wir können es hier bei den Teutonen auch, nämlich nach einer Durststrecke nun wieder mit international überzeugenden Alben unserer lokalen Musik-Szene, wieder mächtig aufhorchen lassen. Genau, da hat das Publikum in vielen Ländern die Horchlöffel hochgestellt.

Crystal Palace: Nils Conrad

Crystal Palace: Tom Ronney

Crystal Palace: Frank Köhler
Crystal Palace: Jens Uwe Strutz

Die Hintergrund-Geschichte zum Konzept des Albums geht zurück auf ein sehr tragisches Erlebnis das am 08. März 2014 nachmittags im Südosten der Hauptstadt Berlin am Müggelturm seinen Anfang nahm und die Jens Uwe Strutz alias Yenz selbst dort miterlebt hat. Genau zu diesem Zeitpunkt schreibt vermutlich eine junge Engländerin an die Betonwand des Treppenhaus-Flur: „08. März 16:00 Uhr noch lebend“, eine Etage höher, stehen die Worte „Still There“. Er sieht diese besondere Nachricht, aber beachtet sie nicht weiter. Von dem doppelten Suizid am Berliner Müggelturm erfährt Yenz dann einige Tage später aus der Berliner Tagespresse. Die Spuren dieser Tragödie verwischen sich dann wie so oft in der stetig laufenden Zeit. Aber das war für das Quartett der Stoff und die Anregung für das Konzeptwerk »Still There«. Und da ich inzwischen Yenz etwas besser kenne, bin ich sicher, dass er diesen Hinweis auf kargen Beton nicht grundlos lesen und eine Geschichte daraus entwickeln sollte. Die Band hat mich früh auf diese Reise des Albums mitgenommen, umso mehr freue ich mich jetzt darüber meine Sicht darlegen zu können. Einer meiner wiederkehrenden Kernaussagen ist, es gibt keine Zufälle. Crystal Palace hat die wenigen bekannten authentischen Fakten in eine geschlossene musikalische Geschichte verwoben und diese auf die bandtypische Art in ausdruckstarken Kompositionen gekleidet. Es ist tatsächlich textlich und musikalisch ein geschlossenes Werk geworden, auf das die vier Recken sehr stolz sein können. Ich muss euch bei diesem Berliner Quartett nichts mehr über die Qualität der Texte, Instrumentierung, Gesang, Technik erzählen, die ist über jeden Zweifel erhaben, selbst die beiden Promo-Videos als Appetithappen sind Klasse. Aber diesmal sind sie noch einen Schritt weitergegangen. Und das in jeder Hinsicht. Bei jungen Leuten hätte ich gesagt, sie sind erwachsener geworden. Aber bei vier so erfahrenen Musikern spreche ich von kollektivem Zusammenwachsen.

Crystal Palace: Art-Rock-Festival 1

Crystal Palace: Art-Rock-Festival 2

Und ich frage mich auch, welcher progressive Rock-Musiker oder Band im Großraum Berlin hätte diese Geschichte so erzählen können. Ja ich kenne da Jemanden, der war aber am 08. März 16:00 Uhr nicht am Müggelturm südwestlich von Köpenick, es war eben Yenz. Aus der von ihm in die Band getragene Tragödie, entwickelten die Vier zusammen eine fiktive skurril-schöne Geschichte und die wird mit 12 Liedern und fast 80 Minuten in der eigenen Art von Crystal Palace wunderbar erzählt. Eine Geschichte wie sie so auch hätte passiert sein können, oder sogar schon mal so gelaufen ist, irgendwo. Und es ist ein kollektives Werk von allen vier Musikern, das schließt auch die Lyrik, Design, Grafik, Promo und Gäste ein, auch das passt zu diesem Konzept.

CP: Still There (22-05-2022)

Das Album beginnt mit der Einleitung »126 Steps«, genau diese 126 Stufen auf den Müggelturm die auch Yenz überwunden hat, eigentlich fast das Ende der Geschichte. Untermalt von getragenen Keyboardklängen spricht der verfremdete Yenz, mal ehrlich wer hätte es sonst machen sollen, die beschwörenden einleitenden Worte. Mit »Leaving This Land« und »A Plan« beginnt die musikalische Reise und fiktive Geschichte, nimmt sofort ordentlich Fahrt auf. Und schon hier spielt die Berliner Truppe in fast 20-minütiger starker anspruchsvoller Rockmusik ihre Stärken aus, schöne Melodien, ausdruckstarke und perfekte Soli, passgenaues Zuspiel zwischen den Instrumenten, mehrstimmiger Gesang, wunderbare Texte vorgetragen von der angenehmen Frontstimme Yenz und gestützt von den Kollegen. Schon hier erinnern mich einige Passagen an verschiedene hochkarätige Geschichtenerzähler der 70/80er. Eine deutsche Band erzählt über eine Reise von England nach Berlin, alles in gutem Englisch und untermalt mit wunderbarer Musik. Das gab es früher auch gelegentlich mal, aber das Konzept wirkt hier frisch, modern und zeitgemäß. Denn es wird die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die mit ihren Dämonen des Lebens kämpft. Und das tun auch im Moment sehr viele hier lebende Europäer, aber anderswo in der Welt noch mal verstärkter, real jeden Tag. Mit »Winters End« geht es ruhiger weiter. Bis hierher muss ich Frank Köhler ein großes Kompliment machen. Seine Instrumentierung begleitet sehr gefühlvoll den Fortgang dieser Reise. Und schon im Intro von »Dear Mother« spürt man verstärkt durch das betonte Gitarrenspiel von Nils Conrad die Konflikte die häufig zwischen Mütter und Töchter entstehen. Und diese Tochter hat tatsächlich eine Stimme, Roxy Köhler übernimmt sehr professionell diesen Teil als singende Stimme und auch im gesprochenen Dialog mit ihrer Mutter. Die Geschichte wird in jeder Hinsicht virtuos weitererzählt, mal lebensfroh wie in »Orange Popsicle« oder etwas bedrückender wie bei »Shadows« und »These Stairs«. Mit »The Unquiet Window« und »Still There« das große Finale. Oder eben nicht, denn aus dem Gesamtwerk einen Titel herauszustellen ist nicht einfach, da die gesamten 80 Minuten tatsächlich überaus kurzweilig sind, weil durchgängig auf allen Tonspuren hohes Niveau, immer wieder überraschende Elemente, wechselnde brillante Soloteile, tolle instrumentale Duelle. Für mich war schon nach dreimaligen durchhören des Albums überraschend, wie präzise die gesamte Musik immer zum Stimmungsbild der Protagonistin passt, man wird dadurch regelrecht in diese Geschichte hineinsogen. Und das bis zum letzten Ton der Gitarre zum Fade-Out. Nicht überraschend ist das blinde Zusammenspiel der vier musikalischen Freunde, es ist eben immer ein Vergnügen dieses Quartett in Aktion zu erleben. Leute, wir sprechen von einer deutschen Band, die ein großartiges Stück Musik auf internationalen Level am 22. Mai 2022 auf die Reise zu euch schickt. Und ich sage es hier deutlich, ich bin Stolz über so eine Band heute berichten zu dürfen.

Crystal Palace: Art-Rock-Festival 3

Crystal Palace: Art-Rock-Festival 4

Eigentlich meint man jetzt, es ist fast alles zu Crystal Palace und im weiteren Rahmen zu »Still There« gesagt, aber weit gefehlt. Ich hoffe ich habe euch ordentlich Appetit gemacht auf die fiktive Geschichte und auf ein musikalisches zeitgemäßes Opus, dass man so perfekt und in sich geschlossen selten in die Hände bekommt. Ich habe euch noch viele Lücken zum Entdecken, nachdenken und interpretieren gelassen. Geht zusammen mit den vier symphytischen Jungs aus Berlin selbst auf eure eigene individuelle Reise. Macht eure eigenen Erfahrungen, ihr werdet es trotz einer augenscheinlich traurigen Story dennoch genießen. Ich wünsche euch viel Spaß beim Konsumieren dieses besonderen Werks.

Crystal Palace: Art-Rock-Festival 5

Ein kleiner Nachtrag – Ich habe jetzt auch das physikalische Album »Still There« auf einem meiner Abspielgeräte liegen und noch mehrmals alles genau durchgehört. Aber zuerst einmal, dieses wertige sechsseitige Digipack mit sehr schönen Artwork und dass ebenso feine 20-seitige Büchlein mit allen Texten nun  tatsächlich in den Händen zu halten, ist toll. Also, wenn ihr nun Appetit bekommen habt, dann schnell machen und bei Crystal Palace das Konzept-Album besorgen. Martin und der SchoTTe haben für ein anderes Format Yenz, Tom, Nils, Frank auch Kurz & Knapp ein paar persönliche Fragen gestellt. Nachfolgend die interessanten Antworten der vier Berliner Musiker.

  1. Woher die Idee & das Konzept ?? – Yenz: Die Idee entstand ja dadurch, dass ich an dem Tag, wo diese dramatischen Worte an die Wand des Müggelturms geschrieben wurden, genau dort war. Und die Person eventuell auch noch zu diesem Zeitpunkt dort war. Ich sprach mit den Jungs darüber und wir waren uns einig, dass wir es später einmal umsetzen werden. Dann saß ich mit meinem Freund und Co-Autor Guido Galler an der Story und den Lyrics. Frank: Das Konzept hat die gesamte Band erarbeitet. Jede brachte seine Parts ein. Nils: Die Übergänge zwischen den Songs haben zum Beispiel Tom und Frank produziert und wurden ein wichtiger Bestandteil dieses Konzeptalbums.
  2. Geplant das Album komplett zu spielen ?? – Tom: Das können wir momentan noch nicht sagen. Ein Konzeptalbum wird ja meistens auch visuell dargeboten. Wenn wir die Möglichkeiten hätten bei entsprechender Publikumsresonanz und Veranstalter, wäre es denkbar. Nils: Auch, wenn wir ja schon ein paar Jahre dabei sind, haben wir ja nicht das Standing, um so eine Produktion mit der dementsprechenden Tour, finanziell umzusetzen.
  3. Martin Schnella wieder mal der Master-Meister ?? – Frank: Martin hatte für uns noch nie gemastert. Still There ist das erste Mal. Martin hat natürlich tolle Referenzen. Er ist ein sehr professioneller Kollege und ein unheimlich sympathischer Mensch. Tom und Jens: Martin Schnella hatte für das Mastering sofort den Sound für uns gefunden. Er hört wunderbar zu und geht auf die Wünsche ein. Es ging sehr schnell. Er kennt solche Musik bestens und das half natürlich bei der Umsetzung. Wir mussten gar nix korrigieren. Eine Punktlandung und ein Arbeiten, was nicht immer selbstverständlich ist.
  4. Würdet ihr gerne mal ein eintägiges Mini-Festival spielen, mit wem ?? – Nils: Haken, Iron Maiden oder auch gerne Devin Townsend. Tom: Mit Leprous oder Pure Reason Revolution und Frost. Frank: Ich bin da sehr offen… Iron Maiden! Ja, wirklich! Und Steve Jones. Yenz: Ich bin da auch offen. Hauptsache es findet statt und wir kriegen die versprochenen Gagen…. Nun ja, klar würde ich gerne mal mit Steven Wilson einen Song spielen. Leprous sind grandios. Es gibt so viele tolle Bands.
  5. Wie zufrieden seid ihr mit dem Endergebnis ?? – Tom: Ich denke, dass es sowohl kompositorisch sowie auch von den Arrangements her, unser stärkstes Album ist. Nils: Es war eine Menge harter Arbeit. Aber wir haben im Vergleich zu allen Vorgängeralben, nochmal eine Schippe draufgepackt. Ja, zufrieden! Frank: Ich bin stolz darauf, dass sich dieses Album wieder von seinem Vorgänger unterscheidet. Das ist immer mein Wunsch und Ziel. Ich finde, es wurde erreicht. Yenz: Ich war selten so zufrieden, wie mit diesem Album. Von der Komposition her, der Atmosphäre. Eigentlich alles. Es war eine enorme Herausforderung.

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