Merlin – England – Samurai Of Prog

Seltene-Rock-Musik-Perle: Eine Geschichte in vielen Akten – Vermächtnis

Aus der Prog-Ursuppe entstanden – Die recht unbekannte progressive Rock-Band England war in Mitte/späten 70er in England aktiv, wo sonst auch bei diesem Bandnamen. Sie sind jedoch auch unter den Fachkundigen bekannt für ihr ausgezeichnetes Album »Garden Shed«, das damals bei Arista Records erschienen ist. Diese Formation wurde 1975 von Schlagzeuger Mark Ibbotson initiiert, stabilisierte sich nach einer Reihe von Besetzungswechseln in der Gründer-Besetzung mit Bassist Martin Henderson, Gitarrist Jamie Moses, Keyboarder Robert Webb und eben Ibbottson in der Trommelburg. Saitenkünstler Jamie Moses (war kurz mit Bob’s Schwester Deborah Webb verheiratet) und Bob „Scully“ Webb hatten zuvor schon kurz bei der Band Madrigal (nur Single-VÖ 1971/72) und später bei dem nachfolgenden Projekt Merlin zusammengearbeitet. Dort waren sie mitverantwortlich für das einzige ebenfalls beachtenswerte, selbstbetitelte Album »Merlin« (1974). Nach diesem Album wechseln sie dann doch 1975 zu England. Genau aus dieser sehr frühen Zeit (Trio: Moses, Webb, Ibbottson) wurde erst 2006 ein bis zu diesem Zeitpunkt noch nie veröffentlichter 25-minütiger Studio-Mitschnitt (Marquee Studio London, Tontechnik: Phil Harding), als Eigenvertrieb-CD-Single namens »The Imperial Hotel« (PROG 001), bei den damals mitgeschnittenen Kawasaki-Auftritten der Reunion-Japan-Tour (Infos dazu weiter unten im Text) von England verschenkt. »The Imperial Hotel« sind damit die frühesten bekannten und archivierten Aufnahmen dieser Kult-Band. Eine auch immer wieder gerne in verschiedenen Varianten erzählte Anekdote ist das Mark Ibbottson ein Mellotron Mark II besaß. Für das Instrument der Begierde jedes damaligen Keyboarders interessierte sich natürlich Tastenmann Bob Webb brennend und sagte sinngemäß dazu später angesprochen: „Es eröffnet viele Möglichkeiten.“ Um das Mark abgeschwatzte Instrument transportabel zu machen, zerlegte Robert Webb das Instrument in zwei Hälften und brachte das linke Manual und die rechten Bänder, die bei einem Mark II Modell die wichtigen Teile enthielten, in einem neuen kompakteren Gehäuse unter. Damit hatten sie die Möglichkeit ihren Kompositionen auch Live fast originalgetreu zu präsentieren. Nach einigen Auftritten im heimischen Hazlitt Theatre in Maidstone (Kent) stieg dann Jamie Moses schon frühzeitig wieder aus und wurde durch den Gitarristen Frank Holland ersetzt.

Garden Shed (1977)

The Last Of The Jubblies (1997)

Box Of Circles (2017)

Garden Shed – Im März 1976, unmittelbar nach einem Bewerbungsauftritt, der dann zu einem Vertrag mit Arista Records führte, verließ auch Schlagzeuger und Band-Initiator Mark Ibbotson überraschend die Truppe und wurde durch Multi-Instrumentalist Jode Leigh, vormals bei Time, ersetzt. Die Band England verbrachte nun den größten Teil des Jahres 1976 damit, kontinuierlich zu proben und weiteres Material für Arista aufzunehmen. Dabei entstand auch der frühe Demo-Titel »Three Piece Suite« (Olympic Studio Recording, 1976), der überraschend erstmals 2005 auf einer britischen Neuauflage des Klassikers zu hören war. Ein echtes Meisterstück ist aber die Ausgabe von Green Tree Records (2015: GTR 153) als »Garden Shed (Golden Edition)«. Hier gibt es zu den sechs Titeln der Originalaufnahme von 1977, zusätzliche acht Bonus-Titel. Die rare Single-B-Seite »Nanagram«, das frühe Demo »Three Piece Suite«, vier Titel der 2006-Truppe und zwei Stücke im Dunstkreis Unruh-Pörsti-Bernard (Samurai Of Prog) zusammen mit Robert Webb. Er und Maggie Alexander, die kennen sich seit 2002, sind zu dieser Phase die beiden treibenden Kräfte des Projekt Golden Edition. Die Single »Paraffinalea« (B-Seite: »Nanagram«) wurde bereits im Februar 1977 veröffentlicht, wurde damals dann auch auf dem Album »Garden Shed« mitveröffentlicht. Die britische Presse beurteilte diese Single positiv und sagte, die Band sei „zu Großem bestimmt.“ Es folgte das wunderbare Album »Garden Shed« (1977), aber zu diesem Zeitpunkt war auch schon Punk und New Wave bereits sehr populär und die progressive Musik hatte historisch einen schweren Stand bei den Konsumenten. In Verbindung mit einem allgemeinen Mangel an Interesse auch seitens des Labels Arista Records, bedeutete das die Förderung der Band ebenfalls auf Sparflamme lief. Damit war ein größerer kommerzieller Erfolg in weiter Ferne gerückt. Yes In Toyland, wie der Melody Maker schrieb, hatte leider genau den Tiefpunkt der ersten Prog-Welle getroffen. Die Band hatte tatsächlich 1977 ihren eigenen Stil in diesem Metier gefunden, aber nutzte leider nichts. Die von vielen Fachleuten ständig gebetsmühlenartig zitierten Vergleiche mit den übergroßen Vorgängern des Prog-Rock sind hier nicht falsch, aber werden dem mutigen positionieren der Band in diesem Genre nicht gerecht. Die Band musste nun sparen, trennte sich zuerst von ihrem Management, zog in ein Musikgeschäft in Hastings ein. Aber die finanzielle Situation verbesserte sich nicht und die Gruppe löste sich schon nach jeweils einer Single und Album leider im Herbst 1978 zum ersten Mal auf.

Merlin: Merlin (1974)

England: London Story (1984)

The Imperial Hotel (1975/2006)

Jet Records Phase – Aber so einfach wollten die neuen treibenden Kräfte von England nicht aufgeben. Eine zusammen getrommelte Truppe um Mark Ibbotson und Frank Holland, aber ohne Robert Webb, ging 1983-84 ins Studio um die Singles »Victoriana« (B: »Hearts Made Of Glass«) und »London Story« (B: »Under The Pier«) für Jet Records aufzunehmen. Das war zu dieser Zeit auch das Label von Größen wie ELO von 1976-83, Ozzy Osbourne und Black Sabbath von 1980-82 sowie eine Handvoll anderer unbekannterer Künstler und Bands. Über diese Inkarnation der Gruppe ist leider nur sehr wenig bekannt, abgesehen von dem, was man von den Singles selbst ablesen kann. Martin Henderson wurde später Tour-Bassist für den am 10. Januar 2023 überraschend verstorbenen Jeff Beck, während Jamie Moses später vor allem vielbeschäftigter Tour-Gitarrist für die Inkarnation Queen + Paul Rodgers sowie Sir Tom Jones (aber auch Arbeiten für Pretenders, Gary Barlow, Chaka Khan, Amy Winehouse, Bob Geldof, Paul Young, Tony Hadley, Mike & The Mechanics, Bono, Beyonce, Eurythmics, etc.) wurde. Mark Ibbotson wurde 1985 Manager der The Pretty Things, holte seinen Freund Frank Holland auch als Gitarrist zu dieser Band-Legende. Diese Positionen hatten sie bis zum überraschenden Tod von Frontstimme Phil May am 15. Mai 2020 und der folgerichtigen Auflösung der The Pretty Things inne.

Zwanzig Jahre später… – …oder auch die letzten Jubilare. Auch wenn »The Last Of The Jubblies« (1997), das zweite reguläre Album von England, mit wieder sechs Titel und 40 Minuten Laufzeit, ebenso gute Musik wie 20 Jahre zuvor bietet, kam es leider zu noch ungünstigerem Zeitpunkt. Das Material stammt aus der Zeit des Bestehens der Band (1977-78), die Titel klingen im Vergleich zum Debüt alle noch etwas unfertig, aber dadurch auch unpoliert und authentisch. Nur noch die älteren Fans interessierten sich für diese Musik und Band. Das Trio Jode Leigh, Frank Holland und Robert Webb sind diesmal die Kern-Mannschaft. Auch hier liefert Green Tree Records (2017: GTR 159) mit zwei Bonus-Titel das Meisterstück als »The Last Of The Jubblies (Silver Edition)«. Auch diesmal werden leider nur kurze und diffuse Spuren in der Prog-Rock-Szene hinterlassen.

Dreißig Jahre später – Die Band wird weiterhin von der Kritik hoch gelobt. Leider kann man sich dafür nicht so viel kaufen. Robert Webb und Maggie Alexander lernten sich 2002 kennen und gründeten zusammen Garden Shed Music. Dort erschien noch einmal das Original-Material von England sowie spätere Solosachen von Robert Webb. Viele Musik-Magazine weltweit werden wieder mal kurz aufmerksam auf diese als tragisch bezeichnete britische Truppe, als die erste CD-Neuauflage von »Garden Shed« (2005) plus Mehrwert, als durchaus gelungen gelobt wurde. Auch dafür gibt es keinen Sonderpreis. Als einziger Bonus-Titel wurde die rare Single-B-Seite »Nanagram« beigefügt. Robert Webb und Martin Henderson reaktivierten dann die Band 2006 für eine kurze Tournee, einschließlich Auftritte im britischen Sheffield, Japan und beim Baja Prog Fest in Mexicali, Staatsgrenze Mexiko und Kalifornien. Für die Tour wurden die routinierten Steve Laffy (Schlagzeug), Alec Johnson (Gitarren, Freund von Jode Leigh) und Maggie Alexander (Keyboards) rekrutiert. In dieser Besetzung wurde auch »Live In Japan – Kikimimi« (heißt: mit den Ohren hören), Live am 08. und 09. Juli 2006 im berühmten japanischen Club Citta (Kapazität: 1.500 Besucher) in Kawasaki (Kanagawa Präfektur, Großraum Tokio) aufgenommen und dann von Strange Days Records (bekanntes japanisches Wiederveröffentlichungs-Label) veröffentlicht.

Vierzig Jahre später – In den Jubiläumsjahren 2015 (Gründung) und 2017 (Veröffentlichung Debüt) erscheinen bei Green Tree Records, wie bereits vorher kurz vorgestellt, die beiden ersten Alben als limitierte Silver- und Golden Editionen. Ebenso erscheint dort das fast 10 Jahre angekündigte Album »Box Of Circles« (2018). Die drei Titel »Carmina Burana«, »Fags, Booze & Lottery«, »Masters Of War« wurden bereits 2009 in Form einer EP beim MelloFest in London verkauft und erschienen dann noch einmal 2015 (wie bereits vorher erwähnt) auf der »Garden Shed (Golden Edition)«. Auf die Veröffentlichung von »Box Of Circles« hätte man sicher gut verzichten können, das beste bekommt man schon mit der »Garden Shed (Golden Edition)«. Wieder einmal reaktivierte Robert Webb (Keyboards) und Martin Henderson (Bass) die Jubiläumsband, diesmal mit dabei ist Alec Johnson (Gitarren) und Jode Leigh (Schlagzeug).

Live In Japan: Kikimimi (2007)

The Concerts In Japan (2022)

Samurai OP: Secrets O Disguise

Im März 2019 traten drei der ursprünglichen Mitglieder, Bob Webb (Keyboards), Martin Henderson (Bass) und Frank Holland (Gitarren), zusammen mit Jordan Brown, Russ Wilson, Andy Thompson und mehreren Mitgliedern der Prog-Band The Gift (Mike Morton, Dave Lloyd & Gabriele Baldocci) bei einem einmaligen Reunion-Gig beim Fusion Festival 2 in Stourport nähe Birmingham auf. Bei diesem Auftritt war auch eine kurze Gesangseinlage vom ursprünglich Schlagzeuger Jode Leigh zu hören. Und das letzte Kapitel wird mit der Doppel-CD »The Concerts In Japan« (GTR 184) aufgeschlagen, »Live In Japan – Kikimimi« plus noch einmal vier bisher nicht veröffentlichte Titel vom Auftritt 08. und 09. Juli 2006 im besagten berühmten japanischen Club Citta.

Fast Fünfzig Jahre später – Der Vermächtnisverwalter Robert Webb schreibt auf der offiziellen Webseite von England folgendes: „Die neueste Veröffentlichung von England ist das Doppel-CD-Digipak »The Concerts In Japan« (September 2022, New Music Berlin), mit Artwork von Ed Unitsky. Das Album ist seit August 2022 auch als digitaler Download erhältlich. Die Aufnahmen (von den Konzerten in Tokio im Jahr 2006) wurden digital mehrspurig mit über 40 Kanälen komplett überarbeitet, mit erstaunlichen Ergebnissen.“ Hier ist die lange tragische Geschichte der wechselhaften Reise der Band England von 1972 bis heute erst einmal grob geschrieben. Alle Beteiligten sind großartige Musiker, die in vielen anderen Bands ihre eigenen Geschichten geschrieben haben. So wie Frank Holland beispielsweise bei The Pretty Things oder Jamie Moses mit zwei Dutzend Bands inklusive Bob Geldof. Mal sehen was es zukünftig noch von der Truppe zu hören/sehen sein wird.

Jamie Moses, Bob Geldof 2009

Frank Holland: Pretty Things 1

Frank Holland: Pretty Things 2

Samurai Of Prog – Wie England heute klingen könnte, zeigen Samurai Of Prog, alias Steve Unruh (Violine, Flöten, Gitarren), Kimmo Pörsti (Schlaggeräte), Marco Bernard (Bass), zusammen mit Gästen und Robert Webb 2013 auf »Three Piece Suite« (Album: »Secrets Of Disguise«) sowie mit Webb und Martin Henderson auf dem 30-minütigen »The Imperial Hotel« (2014) auf dem gleichnamigen Album. Prog-Rock auf Weltklasse-Niveau.

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