Jan Hirte – Back To The Blues Roots 9

Aufbruch aus Berlin in die internationale Blues-Szene

Ich hatte 2023 nicht nur das Vergnügen an vier Premium-Veranstaltungen Bereich Blues teilnehmen zu dürfen, sondern viele Musik-Redaktionen haben den zugespielten Blues-Ball aufgenommen und unterstützen meine diesjährige Kampagne mit sehr schönen Beiträgen. Hier im Rockzirkus brauchte ich die Redaktion nicht groß zu bitten, denn die beiden Vordenker dieses digitalen Magazins sind mit Blues aufgewachsen. In der Serie Back To The Blues Roots habe ich kürzlich schon die schwedischen Skybenders, die großartige US-Dame mit Stimme und Mundharmonika Kellie Rucker und den Saitenzauberer Richie Arndt aus dem westfälischen Hille vorgestellt. Diesmal berichte ich euch über den umtriebigen Berliner Blues-Rocker Jan Hirte. Der sollte dem eingefleischten Blues-Fan inzwischen kein unbekannter Protagonist mehr sein. Seine 30-jährige Karriere hat er mit einer kürzlich erschienenen sagenhaften Werkschau »30 Years« auf zwei Silberlingen dokumentiert. Hier gibt der sympathische Gitarrist und musikalische Leiter vieler Bands und Projekte eine Übersicht fast aller Stationen mit dazugehörigen Songs, sowie in der tadellosen Dokumentation als 12-seitiges Büchlein viele Anekdoten zum Besten. 33 Lieder von 1993 bis 2023 aus insgesamt 24 Alben (es gibt sogar noch drei weitere) sind hier vorbildlich zusammengestellt. Ich kann diese Retrospektive »30 Years« sehr empfehlen, da hier die große Bandbreite des Blues in ihren vielen Facetten erstklassig präsentiert wird. Eine Schatzkiste voller Blues-Perlen !!

First Class Blues Band: First Class Blues (1993)

First Class Blues Band: Proudly Presents Mr Frank Biner (1994)

First Class Blues Band: Live! (1995)

Namenloser Blues und mehr – Der 1965 geborene Jan Hirte ist ein waschechter Berliner, hat sein schulisches und musikalisches Leben sowie sein Studium, aber auch alle seine Bands und Projekte in Berlin formiert und von dort am Leben gehalten. Er hat neben dem professionellen Gitarrenspiel auch viele andere Jobs gemacht, aber der Blues hat ihn seit 1974, als sein Unterricht in klassischer Gitarre begann, nie wieder verlassen. Ab 1997 ist er dann hauptberuflich Musiker und das von Beginn äußerst erfolgreich. Aus den Teilnehmern eines Slide-Gitarren-Workshop bei Hans Blues & Boogie Brunckhorst formieren sich Blue Bayou Band und 1981 die Band Nameless Blues, bestehend aus Jan Hirte (Gitarre), Sven Hoffmann (Harmonika) und Bernd Seifert (Gitarre, Gesang), schnell sind Auftritte in Berlin unausweichlich. Das Trio arbeitet ab 1983 mit der Bostoner Blues & Jazz Sängerin Gina Taglieri zusammen. Später nach verschiedenen Besetzungswechseln sowie Touren durch Deutschland, Frankreich, Schweiz arbeitet die Band 1988 mit US-Schlagzeuger Phil Berry und der niederländischen Sängerin Angélique Verdel. Der Bekanntheitsgrad steigt, das führt in der Folge zu Sessions und Auftritten mit Luther Allison, ein väterlicher Freund, den Jan sehr verehrt. Nächste Station: Die Band Rhythm Knights mit der Schweizer Sängerin Lana Koev formiert sich 1990.

Boogie Radio: Music To Watch Girls By (1999)

Tommy Schneller Extravaganza: Blues For The Ladies (2000)

Wedding: Brot Der Woche (2013)

Erstklassige Blues Band – Gründung der mehrstimmigen First Class Blues Band 1992, Christian Rannenberg (Piano), Kevin DuVernay (Bass), Thomas Feldmann (Harmonika, Saxofon), Tommie Harris (Schlagzeug) sowie natürlich Jan Hirte und Zusammenarbeit mit weiteren Stars der internationalen Blues-Szene. Gleich mit dem Debüt »First Class Blues« (1993) gibt es den Preis Der Deutschen Schallplattenkritik und das auch noch zum allerersten Mal für ein deutsches Blues-Album. Prominente Musiker hierbei sind beispielsweise US-Saxofon-Titan Big Jay McNeely (starb 91-jährig 2018) und Blues-Predigerin Karen Carroll. Auf den Touren war First Class BB auch noch mit Guitar Crusher, Aron Burton, Buddy Ace, Johnny Copeland, Ron Ringwood, Frank Biner auf den vorwiegend europäischen Bühnen. Diese genialen deutsch-amerikanischen Verbindungen erinnern mich stark an den US-Blueser Louisiana Red und Norbert Egger aus Bayern. Jan Hirte war in der internationalen Blues-Szene nun sehr präsent und in den 90er bei vielen Projekten und Bands involviert. Er ist nun nicht nur Band-Vordenker in mehreren Combos parallel, sondern auch noch als Produzent, Verleger, Manager, Tour-Planer, Gitarrenlehrer, Komponist aktiv. Er arbeitete in dieser Phase beispielsweise zusammen mit Tommy Schneller (Extravaganza), US-Liedermacher Frank Biner (2001 verstorben), Peter Behne (Boogie Radio Orchestra) Crimson Alley, Mad Dawgs, Kat Baloun & The Alleycats und unzähligen weiteren Kollegen verschiedener künstlerischer Bereiche. Auch das Album »Doggone Ugly« (2001) von Crimson Alley wird wieder für den Preis Der Deutschen Schallplattenkritik nominiert. Also immer dabei, der Blues, der für Jan Hirte wie die Luft zum Atmen ist, bis heute. Ich habe es selbst mehrfach erlebt, mit welcher Leidenschaft, Geduld und Freude er im Kreis von zwei Dutzend Schülern, dabei teils selbst versierte Gitarristen, agiert und leicht eine kollegiale Atmosphäre zum gemeinsamen Musizieren aufbaut. Man spürt, Jan Hirte hat selbst alle Stationen als Musiker durchlaufen, er weiß aus seiner Erfahrung was er zu machen hat und anderen nutzt. Alle seine Schüler sollten dankbar sein für die Fürsorge solch eines Blues-Titan.

Jan Hirte’s Blue Ribbon (2009)

Jan Hirte’s Blue Ribbon F. Nayeli

Blue Ribbon: Let It Roll (2014)

Das Blaue Band – Die 2000er sind stark geprägt von weiteren vielzähligen Zusammenarbeiten mit verschiedenen, auch internationalen Kollegen. Daraus entstehen viele Tonträger, teilweise für Preise nominiert sowie massenhaft Auftritte und Tourneen. Jan Hirte hat keine Langeweile, nein er lebt den Blues aus vollen Zügen. Auch hier, ich habe es selbst erlebt, mit welcher Leidenschaft und Freude er im Kreis seiner Kollegen agiert, welchen Stellenwert er hier verdient genießt. Den Beginn der Arbeit mit seiner ersten eigenen Band Blue Ribbon, damit auch mit dem Leipziger Matthias Falkenau (Messer Banzani, Wedding), vermerken wir für 2009, es entsteht das Album »Jan Hirte’s Blue Ribbon & Friends«. In dieser Zeit starten auch die Berlin Blues Sessions im Yorckschlösschen Berlin-Kreuzberg und seine Blues-Arbeit als Dozent im Blue Wave Camp in Göhren auf Rügen. Es folgen die Alben »Live At Yorckschlösschen: Singing The Blues« (2011) von Blue Ribbon Featuring Nayeli und »Brand New« (2013) von der First Class Blues Band. Ein Album zum 20-jährigen Jubiläum der Band, die zu der Zeit immer noch in gleicher originalen Quintett-Besetzung musizierte. Dafür wieder einmal eine Nominierung zum Preis Der Deutschen Schallplattenkritik. Im gleichen Jahr erscheint auch noch »Same Old Blues« vom Duo Wendt-Hirte und das interessante Album »Brot Der Woche« des Projekt Wedding. Mit dem Blue Ribbon Album »Let It Roll« (2014), diesmal ist die junge Sängerin und Straßenmusikerin Elen Wendt mit dabei, wird Jan Hirte dann zum Wiederholungstäter, denn hierfür gibt’s erneut Nominierung zum Preis Der Deutschen Schallplattenkritik. Die Geschichte Blue Ribbon wird weitergehen, da bin ich sehr sicher, wann ist noch nicht abzusehen. Klar ist dagegen das formieren des Quartett Ginger Blues, diesmal klassisch mit Kontra-Bass und ohne Schlagzeug.

Ginger Blues: Berlin Nights (17)

Unknowable Journey (2020)

Ginger Blues: The List (2023)

Ginger Blues Featuring Jessie Gordon – Der instrumentale Kern besteht aus dem erfahrenen deutschen Trio Jan Hirte (Gitarren) und Matthias Falkenau (Orgel, Piano) von Blue Ribbon sowie Multi-Instrumentalist Dorian Gollis (Kontrabass), alle drei steuern auch Gesang bei. Ukulele spielende Frontstimme ist der explosive Paradiesvogel Jessie Gordon aus Perth, Down-Under. In einem Gespräch sagte mir Jessie, dass sie sich in den vielen Wochen hier in Europa sehr wohlfühlt, auch mit Dorian, Jan und Matthias, aber ihr Lebensmittelpunkt im Moment West-Australien bleiben wird. Diese symbiotische Formation hat inzwischen zwei beachtenswerte Alben veröffentlicht, nach »Berlin Nights« (2017) zuletzt 2020 das von Gästen unterstützte »Unknowable Journey«. Dafür gab es erneut und absolut berechtigt den Preis Der Deutschen Schallplattenkritik. Auch Stef Rosen alias Stefano Ronchi alias Slide Wolf hat dafür einen Preis für seine Technik-Arbeit eingeheimst. Die mit Preisen überhäufte Jazz- und Bluessängerin Jessie begann schon als 16-jährige Teenagerin ihre Karriere und hat seitdem in allen vorstellbaren Konstellationen musiziert, vom Jazz Duo bis zur Big Band. Sie hat auf Festivals in ganz Australien gespielt und tourte bereits durch Singapur und ganz Europa. Neben den Blues-Urgesteinen Jan Hirte und Matthias Falkenau, wird die Alters-Balance in diesem Quartett durch den geborenen Bavarian Dorian Gollis ausgeglichen. Der sympathische studierte Bassist spielt fast alle Instrumente, hat schon Material für ein Album, das er Solo eingespielt hat, in der Schublade. Seine ständige Präsenz bei den Festivals in Binz und Göhren und resultierend daraus der enorme Zuspruch der vielen fachkundigen Gäste hat ihn bestärkt nun noch offensiver an seiner Karriere zu arbeiten. Das bedeutet für ihn komponieren, musizieren und aufnehmen. Dieses interessante Quartett spielt eine gelungene Mischung aus Blues, Country, Jazz und Swing, nutzt damit die Stärken aller vier Akteure gnadenlos aus. Beim einstündigen sonnigen Auftritt in Binz klappte mir regelrecht die Kinnlade runter, sie war geprägt durch erstklassigen Vortrag des Quartetts. Schade, das Ginger Blues wegen des aufkommenden starken Windes in die beengte Muschelbühne verbannt wurde, da konnten sich Jessie Gordon sowie Tasten-Derwisch Matthias Falkenau nur eingeschränkt austoben. Auch der spontane Auftritt ein paar Tage später im Regenbogen Camp Göhren war trotz schwächelnder Technik ein echter Genuss. Die vier Profis haben diese Probleme routiniert überspielt und atmosphärisch noch eine Schüppe draufgelegt. Die Gäste honorierten das mit lautstark-tossenden Applaus, reichlich Spenden wegen ungeplant und honorarlosen Auftritt in den umlaufenden Hut und ordentlich Konsum am Merchandise. So macht Blues auf beiden Seiten richtig Freude !! Kürzlich habe ich im Zuge der Blues-Kampagne erfahren das Ginger Blues neues Material eingespielt hat und das Ende des Jahres als »The List«, Text und Musik auch wieder von Dorian Gollis, veröffentlicht wird.

Blue Ribbon with Nayeli (2014)

Mad Dawgs: Live! (2011)

Jan Hirte: 30 Years (2023)

Auffallend ist über die 43-jährige Karriere von Jan Hirte, dass er auch immer gerne und mit sehr vielen Sängerinnen zusammengearbeitet hat. Der Blues-Man aus Deutschlands Hauptstadt sorgte mit seinen Formationen immer wieder für Gesprächsstoff in der Blues-Szene. Er ist seit 15 Jahren einer der fleißigsten, umtriebigsten, innovativsten, variabelsten und erfolgreichsten Blues-Musiker nicht nur in Berlin, sondern im gesamten deutschsprachigen Raum. Ich bin sehr gespannt was er uns noch für Überraschungen aus seinem Gitarrenkoffer zaubert. Ein Mosaiksteinchen mit Ginger Blues wissen wir schon. Ich werde in jedem Fall weiter berichten.

Weiterlesen RZ: Back To The Blues RootsKlingende Orte – Rhythmische Grüsse, Der SchoTTe

Fotostrecke – 1. Blue Wave Binz 2023, 2. Blues Camp 2023 und 3. Jeinsen Blues Festival 2023

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