The Kinks – Soap Opera (1975)

Dereinst, in ferner Zukunft wird Ray Davies garantiert in der Galerie der berühmtesten britischen Literaten erscheinen, er wird als einer der ganz grossen Dichterfürsten des ausgehenden 20. Jahrhunderts geführt werden, sein Name Seite an Seite mit denjenigen von Klassikern wie Shakespeare, Defoe, Dickens, Yeats, Blake, Thomas, Wilde, Byron und ein paar anderen…

Ray Davies ist aber schon zu Lebzeiten eine herausragende Figur, nicht nur im alten England, nein, weltweit ist das Qualitätslabel „Davies“ ein Begriff, denn dass er neben exzellent formulierten Texten auch noch verantwortlich ist für ebenso grandiose Musik, zementiert seinen Ruf als Genie der Popkultur. Wie bei vielen Kunstschaffenden wird die Qualität des Erschaffenen aber oft erst sehr viel später erkannt, aktuelle Werke werden zur Zeit ihres Erscheinens von den Kritikern regelrecht in der Luft zerfetzt, Werke, die vielleicht zuwenig mit der Mode gehen, vielleicht auch weil sie auf Anhieb nicht so leicht konsumierbar sind und deshalb einiges an Denkarbeit und Einfühlungsvermögen verlangen.

The KinksSoap Opera von 1975 ist eine Rockoper.

Uff… schwere Kost… „nein danke, ich habe schon gespeist“… jetzt geht ein Raunen durch die Reihe… zapp… bloss weg… Kultur ist schön und gut, gehört aber eingemauert in Museen und bei Rockkonzerten knipse ich sowieso das Hirn aus…

Soap Opera ist ein unverschämt gelungenes, zeitloses Meisterwerk das sich mit der soziologischen Seite des hochzivilierten Menschen (…oder Briten… oder 08/15-Büroangestellten…) des 20. Jahrhunderts auseinandersetzt. Satirisch, ironisch, böse, schwarzhumorig, kleinbürgerlich, eine Art WoodyAllen-Drama für die Ohren. Mit einem Ray Davies der seine unglaubliche Beobachtungsgabe und sein Talent fiktive Charaktere (hier Norman) zu modellieren perfekt mit Text und Musik umsetzen kann. Oje, der arme Norman, man leidet förmlich mit ihm mit, denn er ist eigentlich wie du und ich, lebt eingezwängt zwischen imaginären, von Staat und Gesellschaft vorgegebenen Leitplanken und Barrieren die undurchbrechbar zu sein scheinen.

Ray, sein Bruder Dave und die Band setzen das Melodrama gekonnt um, switchen zwischen Rock und Vaudeville hin und her und lassen den Trip teilweise zum Hörspiel werden, unter anderem hatte auch June Ritchie in der Rolle als „Norman’s Wife“ einen umwerfenden Auftritt. Die Songs  wurden zudem erstklassig vom Illustrator Joe Petagno in Bildsprache umgesetzt, alleine das Coverartwork hätte eigentlich schon einen Oscar verdient.

Soap Opera ist und bleibt für mich einer meiner favorisierten Longplayer aus dem Davies-Universum, daran gibt es nichts zu rütteln. Von der Gross- und Einzigartigkeit des Songwriters und Showman Ray Davies konnte ich mich bereits wenige Jahre nach Soap Opera selber bei den drei unvergesslichen Konzerten in Zürich (1978/1979/1980) überzeugen.

Der Harlekin hält dem Publikum Spiegel vor, die Menge lacht und brüllt und doch erkennt sich keiner wieder in den reflektierten Miniaturen.

Oder etwa doch?

LONG LIVE KINKY MUSIC!
mellow

 


The Kinks – Soap Opera (1975, LP, RCA / div. CD-Reissues, KONK)
1. Everybody’s A Star (Starmaker)
2. Ordinary People
3. Rush Hour Blues
4. Nine to Five
5. When Work is Over
6. Have Another Drink
7. Underneath the Neon Sign
8. Holiday Romance
9. You Make It All Worthwhile
10. Ducks on the Wall
11. Face In The Crowd
12. You Can’t Stop The Music

Bonustracks:
13. Everybody’s A Star (Starmaker)
14. Ordinary People (Live)
15. You Make It All Worthwhile (Live)
16. Underneath The Neon Sign (Live)

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