Klaus Dinger Post-Neu!

Klaus Dinger Post-Neu!

 

Nach dem Split zwischen Michael Rother und Klaus Dinger gingen beide, wenn auch zuerst nicht neue, aber immerhin getrennte Wege. Das nächste Projekt von Letzterem nannte sich La Düsseldorf und dann brach da das komplette Chaos aus. Da wurde auch unter “Die Engel des Herrn”, “Klaus Dinger + Rheinita Bella Düsseldorf” und “La! Neu!” firmiert. Dazu kamen auch noch Veröffentlichungen unter “Japandorf”. Das konnte man sich über Zufälle und Beharrlichkeit etwas zusammenbasteln, aber wirklich Wertvolles war da selten dabei. “Japandorf” kann man getrost in die Kiste “vergessen und bei Gelegenheit entsorgen” deponieren, “Die Engel des Herrn”, ich glaube dafür wurde spezifisch der Ausdruck redundant erfunden und “La! Neu!” hatte vermutlich mehr mit den Problemen von Herrn Dinger zu tun, als mit einem künstlerischen Statement. Blieb noch “Klaus Dinger + Rheinita Bella Düsseldorf”, welches sich ebenfalls in einer Wertstofftonne gut machen würde.

 

Aber zuerst kam ja La Düsseldorf in den Vertrieb. 1976 war das und Nova das neue Plattenlabel bei dem Klaus Dinger und Band Unterschlupf gefunden hatte. Ich habe keine Ahnung mehr was meine Erwartungshaltung gewesen ist, als ich von der Band erfuhr, allerdings kann ich mich noch sehr wohl erinnern, dass ich etwas sehr überrascht war, tönte doch die “Same” wie eine Art Neu! 2.0, gar nicht so weit weg von den guten Zeiten seiner vorherigen Band. Allerdings etwas einfacher gehalten, aber der Gesamteindruck, doch das war unverkennbar Neu!. Was ja auch nicht weiter verwunderlich war, für mich hatte, wie bereits angesprochen, Klaus Dinger schon gegen Ende der Lebensdauer von Neu! versucht künstlerisch das Ruder an sich zu reissen. Leider hatte er nicht unbedingt das Talent und die Wirkung, dies auf einer hohen Stufe auch durchziehen zu können.

 

Die neue LP wirkte wie eine aufgesetzte Kopie von der Neu! “Same”, aber im “gut und billig Segment”. Man soll mich bitte nicht falsch verstehen, für mich war das o.k., tatsächlich fand ich die LP erstaunlich gut gelungen, aber Innovation und/oder Avantgarde war gestern. Wenn man sich allerdings die Bandbesetzung ansieht, dann war auch klar woher der Wind wehte. Das war die Endbesetzung von Neu! “`75” minus Michael Rother. Thomas Dinger und Hans Lampe waren dabei. Wobei ich bis heute den Verdacht nicht losgeworden bin, dass Thomas Dinger einfach einen Job haben musste und da passend in der Band seines Bruders unterkam.

 

Das Album besteht aus 4 Tracks zwischen 4:28 und 13:17 und ist zwar nicht die Erfindung des Rads neu interpretiert, aber peinlich ist das definitiv auch nicht (da kamen später noch ganz andere Nummern in den Verkauf). Dass sich Klaus Dinger auch später fast nie von Neu! lösen konnte lässt darauf schliessen, dass er tatsächlich nicht ein Künstler mit Visionen war und eher immer wieder auf dem Grundstein des ihm Bekannten aufbaute und nicht wirklich variierte. Respektiv, irgendwann hätte ihm jemand sagen sollen, dass sich die Welt weitergedreht hatte und es an der Zeit wäre wieder innovativ zu werden. Aber leider hatte er es zu seinen Lebzeiten nicht mehr geschafft.

 

Düsseldorf

Schon so etwas wie ein Kulttrack. Auch wenn man nach dem Durchgang der ersten Seite dieses Albums den Kopf in die Schüssel steckt, wenn irgendwo noch “Düsseldorf” erwähnt wird. Ist aber wirklich toll gemacht, ohne Anspruch an kommende Generationen,. Für Mitte der 1970er-Jahre, nach dem langsamen Abschmieren der Krautrockszene, da war halt ein Generationenwechsel angesagt, man kann nicht immer alles auf der Intensivstation am Leben halten, war aber trotzdem quasi ein letztes Aufmucken der Gründergeneration der Krautrockära.

 

La Düsseldorf

Obwohl das Album relativ eintönig durchläuft und nicht unbedingt vor Einfällen strotzt, passt das irgendwie schon. Hier gibt’s einfach nochmal eine Art Lokalpropaganda (Düsseldorf) mit auf den Weg. Man stelle sich eine LP vor bei der unablässig “Hamburg-Fuhlsbüttel” gesungen wird. Nein, eher nicht. Aber das hat tatsächlich irgendwie in der Zeit gepasst. Man kommt allerdings als Zuhörer nicht von diesem Neu! 2.0 Vibe weg.

 

Silver Cloud

Es ist schon auffällig wie ab Neu “’75” das Schlagzeug enorm in den Vordergrund gemischt wird und eine rockigere Rolle übernimmt. Die ersten drei Tracks sind zwar nicht unbedingt aus dem gleichen Kessel gezogen, aber ein stilistische Verwandschaft ohne allzu grosse Unterschiede lässt sich schon feststellen, ohne dass man den drei Stücken (oder dem Komponisten) damit Unrecht antut. Natürlich ist das gewollt und es gibt viele Beispiele in der Musikgeschichte in dem ein Riff zu Tode geritten wurde. Da habe ich schon Schlimmeres gehört.

 

Time

Wahrscheinlich hat Klaus Dinger hier gemerkt, dass er nicht noch einen vierten Track anhängen kann, der auf den vorherigen drei basiert. Und ist voll in seine eigene Falle gelaufen. Ein Versatz aus bereits bestehenden Elementen mit einem weiteren Satz aus bestehenden Elementen ergibt bei Klaus Dinger einen neuen Song. Ich kann mir nachgerade die Stellen im Oeuvre zusammenkratzen, wo er sich hier bedient hat. Na gut, auch das ist nicht wirklich schlecht, nur hätte man sich etwas mehr Neues (pun intended) gewünscht.

 

Per Saldo ist das keine miese Platte und auf einer Skala von 1 bis 10 liegt die locker bei einer 7 oder 8 (für mich), allerdings setzte ich schon immer hohe Ansprüche an Klaus Dinger und Michael Rother und ich stell da ja keinen Vergleich zwischen zwei Platten von irgendeinem Schlagerheini an. Selbstverständlich war das noch nicht das Ende von La Düsseldorf, danach kamen noch die Alben

 

Viva (1978)

Individuellos (1980)

Mon Amour (2006)

Japandorf (2013)

 

Wobei die letzten beiden wohl eher Klaus Dingers geistige und finanzielle Situation ausnutzten (bei Mon Amour) und schlicht Leichenfledderei waren (bei Japandorf). Wer sich für diese weiteren Alben interessiert, der kann gerne auf YT reinhören, das ist alles als volles Album erhältlich. Wer einen Tonträger physisch haben will, der möge sich doch die “Same” kaufen, aber auch die “Viva” und die “Individuellos” haben durchaus ihre Höhepunkte (nur will ich hier nicht den Rockzirkusblog mit noch mehr Neu! und Artverwandtem blockieren).

 

Die anderen, von Klaus Dinger initiierten Kapellen kann man getrost vergessen und sich dafür eine CD von Beatrice Egli kaufen (ca. ein Euro im 2nd Hand Laden). Aber man sollte noch nicht das Letzte von Klaus Dinger gehört haben. Mehr dazu im 6. Teil der Saga.

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3 Kommentare

  1. In dieser trostlosen Pandemie habe ich in letzter Zeit wenige Beiträge gelesen, bei dem ich so viel Spaß hatte und so viel gelacht habe, danke Canvay !! Wenn das einer der krautigen Elektronik-Jünger liest wird der nicht so viel Freude haben. Aber, du hast es tatsächlich über die gesamte Strecke der Karriere Neu! und La Düsseldorf auf den Punkt gebracht. Sehe ich ähnlich. Nur weil tausende von Scheißhausfliegen und so weiter, ist eine Musik nicht überragend oder lecker. Es gibt von den Düsseldorfern noch Neu! 4 (1995: Captain Trip Records) oder auch als Reissue Neu! ’86 (2010: Grönland Records) sowie Neu! ’72 Live! In Düsseldorf (1996: Captain Trip Records). Das ist aber so Zeug in der Japandorf-Phase entstanden und nur für die Jünger. Canvey, nicht kaufen, nicht anhören, denk an deinen Blutdruck !! Ich freue mich auf den nächsten kurzweiligen Beitrag der Dinger/Rother Story. Bleibt Heiter & Gesund, Rhythmische Grüsse, Der SchoTTe

  2. Ja. Schöne Serie. Aber zur “Viva” kommt kein Extra? Schmoll. Selbst wennde die veräppelst, wär’ es unterhaltsam. Ich mag die immernoch am meisten.

  3. @Bludgeon

    Nein, kein Extra zu “Viva” und auch nicht zu “Individuellos”, obwohl das sehr wohl möglich gewesen wäre. Wird auch beim fünften Teil (Michael Rother) so sein, ich gehe nur auf “Flammende Herzen” genauer ein, der Rest ist Staffage. Damit will ich ja nur zeigen wohin die Reise der beiden Protagonisten ging. Und noch wichtiger, remo4 hat mir einen 4-Teiler zugestanden und das werden jetzt schon 6 Teile sein. Wenn er das merkt, dann ist aber Schicht im Schacht. 😉

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