Miles Davis – Bags Groove
Eines der Alben im Jazzbereich, das nicht so ganz die Anerkennung bekommt, die es eigentlich verdient hätte. Aufgenommen in New York City an zwei Daten (Dezember 20, 1954 und Juni 29, 1954). Zwei Takes stammen von G. & I. Gershwin, zwei weitere von Milt Jackson und derer drei von Sonny Rollins, aber die Veröffentlichung läuft definitiv unter Miles Davis. Erstveröffentlichung war dann aber doch Jahre später 1957. Aufgenommen wurden dies Tracks allesamt von Rudy Van Gelder.
Wenn ich mich richtig an das angelesene Material von früher erinnere, dann war Miles Davis wohl so etwas wie der Bezugspunkt für all die hungrigen und aufstrebenden Jazzer in den USA. Viele dieser Musiker verdanken ihre spätere Karriere dem Mann an der Trompete. Ein John Coltrane kam z.B. in der damaligen Zeit bei der Band von Miles Dewey Davis II unter, sowie viele Andere, deren Start in ihre Karriere wohl nicht hätte besser laufen können. Was ich mich immer gefragt habe und trotz vielen Büchern, die ich über den Mann gelesen habe, woher hatte Miles Davis in der damaligen Zeit mit Mitte zwanzig die Verbindungen, das Geld und das Profil? Eine weitere Biographie (von Ian Carr) steht noch ungelesen im Regal und wartet auf ihren Einsatz.
Manchmal hat man (ich) echt das Gefühl, das Narrativ geht davon aus, dass Herr Davis so den einen oder anderen Musiker von der Strasse gerettet hat. Allerdings waren das, wie es häufig im Jazz mal so war und vielleicht heute noch ist, keine festen Engagements auf Jahre hinaus. Das war für eine Platte gedacht und wenn es hoch kam, musste das alles noch für eine anschliessende Tournee herhalten. Ausnahmen gab es zwar immer wieder (s. John Coltrane), aber im Grossen und Ganzen war das eine Drehtür, aber eine, mit der sich mancher Musiker über Wasser halten konnte.
Bei dieser 1954er-Aufnahme war natürlich die spätere Crème de la Crème des Jazz mit an Bord, es sollte aber noch ein paar Jahre dauern, bis aus diesen Musikern Künstler von eigenständigem Format wurden. Dies im Sinne von innovativ, mit Zukunftsvisionen und tatsächlich ist es ein Roll Call einer künftigen Elite. Nicht Alle auf der gleichen Schiene, aber Alle in ihrem Bestreben den Jazz aus dem Tanzschuppen herauszuführen und zu zeigen zu was dieses Genre fähig ist. Was natürlich schon die nächste Büchse der Pandorra aufmacht, ist Jazz mit dem Aufkommen von Free Jazz überhaupt noch Jazz?
Die Band (gemäss Scan, aber hier sicherheitshalber nochmal wiedergegeben)
Miles Davis – Trumpet
Sonny Rollins – Tenor Sax
Milt Jackson – Vibes (nur auf „Bags Groove Take 1 und 2“)
Thelonious Monk – Piano (nur auf „Bags Groove Take 1 und 2“)
Horace Silver – Piano (mit Ausnahme von „Bags Groove 1 und 2″)
Percy Heath – Bass
Kenny Clarke – Drums
Milt Jackson ist natürlich Bags. Und der Track ist eines seiner bekanntesten Stücke (von denen es nicht wenige gibt).
Die Musiker in anderen Bands (Auswahl):
Miles Davis
Benny Carter, Billy Eckstine, Charlie Parker, Coleman Hawkins, Coleman Hawkins, Gil Evans And His Orchestra, Lee Konitz Sextet plus eine ganze Latte an Bands unter seinem eigenen Namen.
Sonny Rollins
Bud Powell, Clifford Brown, J.J. Johnson’s Boppers, Max Roach Quintet, plus in vielen Miles Davis Bands und einer Unmenge an Gruppen unter seinem eigenen Namen. Seine Karriere abseits von Miles Davis war für die Jazzszene faszinierend und eklektisch. Nicht umsonst nennt sich eine seiner LPs völlig unironisch “ Saxophone Colossus“ (1957)
Milt Jackson
Benny Golson, Clark Terry, Coleman Hawkins, Dizzy Gillespie, Hank Mobley, Kenny Clarke und vor allem nicht zu vergessen, das Modern Jazz Quartet. Aber natürlich auch Veröffentlichungen unter seinem eigenen Namen.
Thelonious Monk
Charlie Parker, Clark Terry Quartet, Dizzy Gillespie, Sonny Rollins Quartet, The Modern Jazz Giants, aber Thelonious Monk war wohl der proverbiale Solokünsler und als dieser ist er auch bekannt. Viele Erzählungen ranken sich um das Unverständnis dass das Publikum seiner Musik entgegenbrachte und wie er extrem unterstützt wurde von einer Förderin aus besseren New Yorker Kreisen.
Horace Silver
Art Blakey & The Jazz Messengers, Coleman Hawkins Quintet, Hank Mobley, Kenny Clarke Septet, Kenny Dorham Nonet, Lester Young, Lou Donaldson Quartet, aber auch viele eigene Aufnahmen als Leader.
Percy Heath
Art Farmer Quintet, Benny Golson, Bill Evans Quintet, Cannonball Adderley Quartet, Clark Terry Septet, Clifford Brown Sextet, Dizzy Gillespie Sextet, Elmo Hope Quintet, Lou Donaldson Quintet. Im Gegensatz zu den anderen Musiker hat Percy Heath relativ wenige Veröffentlichungen als Leader vorzuweisen, aber es gibt sie. Eigentlich ist er fast „nur“ als Sideman in Erscheinung getreten.
Kenny Clarke
Art Farmer Quintet, Billie Holiday, Charles Mingus, Charlie Parker And His Orchestra, Clark Terry Septet, Clarke-Boland Big Band, Coleman Hawkins, Dexter Gordon Quartet, Dizzy Gillespie, Dusko Gojkovic Quintet und natürlich auch das Modern Jazz Quartet. Kenny Clarke hat aber auch einige Veröffentlichungen als Leader vorzuweisen.
Von den ganzen Musikern dieser All-Star Besetzung ist nur noch Sonny Rollins (geboren 1930) am Leben. Geschichtlich (im Bereich des Jazz) ist dieses Album ein echtes Brett, aber bei weitem nicht das Einzige. Die Musik richtet sich allerdings an einen etwas eingeschränkten Kreis, sind die Stücke doch offensichtlich noch in der Tradition verhaftet und ich tue mich etwas schwer mit der Bezeichnung Hard Bop. Für mich ist diese Bezeichnung für den etwas moderneren Jazz reserviert. Die Musiker stehen mit Ihren Aufnahmen allesamt in meiner Sammlung, meistens sogar mehrfach.
Auf Milt Jackson bin ich vor Jahrzehnten mal auf einer CD des Modern Jazz Quartets aufmerksam geworden und wenn auch ein Vibraphone für mich nicht das innovativste Instrument überhaupt ist, der Milt Jackson weiss was er tut. Ich bin jedenfalls noch nie müde geworden dem Mann zuzuhören, sei es die erste CD, die ich mir gekauft hatte oder eine der LPs (und CDs) die danach folgten. Das Vibraphone ist natürlich ein etwas ruhiges Instrument, aber vielleicht gerade in der „Bescheidenheit“ sehr prominent im Gefüge der vorliegenden Stücke eingesetzt. Für mich hat das Angebot mehr mit den 40er-Jahren zu tun, statt mit Mauern einreissen. Man kann ja auch mal ein paar stehen lassen. Miles Davis spielt hier etwas zurückhaltend, dass hat er aber ja auch auf späteren Aufnahmen so gehalten. Manchmal ist halt weniger mehr und wenn es passt, dann passts. Die etwas altertümliche Präsentation ist auch dem Bass von Pearcy Heath zu verdanken, der völlig unaufgeregt seine Bassfiguren spielt. In diesem Sinne hat sich das Anforderungsprofil an einen Bassisten definitiv auch geändert.
Sonny Rollins und Horace Silver fügen sich, wie auch Thelonious Monk, unauffällig ins Geschehen ein, was ich nicht als negativ bewertet haben will. Sie spielen banddienlich ohne den Star raushängen zu wollen (den sie damals ja auch noch nicht wirklich waren). Nachdem diese Musiker in späteren Jahren den Bruch mit den 40ern vollzogen hatten, kamen ihre wahren Talente noch schärfer zur Geltung. „Bags Groove“ ist vielleicht, weil das Album auf einer wichtigen Schnittstelle der Zeit aufgenommen wurde, nicht in den Top irgendwas der Ranglisten zu finden und irgendwie hat es aber auf jeden Fall seine Berechtigung. Ich würde das Angebot nicht vom Tisch wischen, wurde hier trotz meiner leisen Vorbehalte gegenüber dem Tonträger im Jahre 1954 Geschichte geschrieben (und gespielt).









