Chet Baker

Klar kannte ich den Namen Chet Baker, allerdings hatte mich das riesige Archiv des Jazz-Trompeters immer etwas abgeschreckt und weil bei dem alten Jazz klingt doch immer alles genau gleich… räusper… richtig, das ist in etwa die doofste Ausrede aller Zeiten die sich irgendein hörfauler Faulpelz ausgedacht haben muss!

Was mich hellhörig machte, der eigentliche Anstoss mich um das Vermächtnis von Chet Baker zu kümmern, waren die Anspielungen in der französischen TV-Serie Call My Agent! in deren Mittelpunkt eine ziemlich chaotische Pariser Schauspielagentur steht. Arlette (die dienstälteste Agentin) spricht da manchmal von einer vergangenen Beziehung mit einem gewissen Chet, offenbar war der Musiker gewesen. Die immer leicht knurrig wirkende Arlette wird von der Schauspielerin Liliane Rovère (geb. Cukier, der Namenswechsel erfolgte nach der Heirat mit dem Jazz-Kontrabassisten Gilbert “Bibi” Rovère) verkörpert und bei der Durchsicht ihres Lebenslaufes wurde mir dann schnell alles klar, die Anspielung ist nicht aus der Luft gegriffen sondern autobiografisch. Mit zwanzig war die Französin nach New York gezogen und hatte dort den Trompeter Chet Baker kennengelernt, von 1954 bis 1957 waren sie und der legendäre Bohemien ein Paar. Zurück in Frankreich besuchte sie eine Schauspielschule und tauchte seit Mitte Siebziger in unzähligen Film- und TV-Produktionen auf, darunter eben auch in den bislang produzierten 24 Folgen von Call My Agent! (französischer Originaltitel: Dix Pour Cent).

Der Einstieg ins Baker-Universum ist nicht gerade einfach, ich denke es ist hauptsächlich die eingangs erwähnte unglaubliche Menge an Tondokumenten die es erschwert ein passendes Steigeisen zu finden. Ausserdem funktioniert Chets vokale Seite rein gar nicht bei mir, selbst wenn seine Gesangs-Alben heutzutage noch riesige Verbreitung finden, für mich sind diese Songsammlungen purer Kaugummi, zäh, grau, zerdehnt, irgendwie „todlangweilig“. Naja, vermutlich bin ich ganz einfach noch nicht reif dafür.

Nachfolgend ein paar ausgesuchte Baker-Tipps
von einem Jazz-Quereinsteiger:

 

Chet Baker & Crew (LP, 1956, World Pacific Records)
Die LP wurde im Konzertlokal Forum Theater Los Angeles ohne Publikum aufgenommen, die Akustik ist perfekt, es kein Unterschied zu Studioaufnahmen auszumachen. Bestechend wie Chet und seine Begleiter agieren (Chet, Bassist Jimmy Bond und Drummer Peter Littmann waren eben erst zurück von einer Europa-Tour), da sitzt jeder Ton, so beschwingt wie es klingt hatte die Truppe enorm Spass an diesem Auftritt. Die CD-Version Chet Baker And Crew – The Forum Theatre Recordings (2018, Jazz Images) wurde auf einer zweiten CD um New Yorker Aufnahmen von 1959 ergänzt, insofern ein Etikettenschwindel da die zusätzlichen Recordings in New York entstanden. Aber so ist das nun mal bei Chet, irgendwie ist seine ganze Discography verwirrend da oft zeitversetzt und nicht linear veröffentlicht wurde, bei der unübersichtlichen Menge an in Lizenz veröffentlichten Tonträgern (und Projekten bei denen Chet Baker mitwirkte) hilft noch nicht mal eine Professur in Jazz-Geschichte weiter. Trotzdem sind diese Sessions ein echter „Hinhörer“ (inkl. die 59er-Aufnahmen) bei denen es mir schwerfällt einen Anspieltipp zu geben, hier empfehle ich “en bloc” zu geniessen.

 

Playboys – The Chet Baker & Art Pepper Sextett (LP, 1957, World Pacific Records)
Eine rasante, grandiose Achterbahnfahrt auf die sich hier Chet und sein Saxofon spielender Freund Art Pepper begeben. Die Band swingt ohne Ermüdungserscheinungen und fährt den roten Teppich aus für die beiden Kumpels die sich in halsbrecherische Unisono-Läufe stürzen. Selbstverständlich gibt es auch Freiräume, auf dem Opener “For Minors Only” stellen sich alle Session-Teilnehmer mit einem kurzen Solo vor, kompakt und ohne auszuufern, ein Kennenlern-Date in vier Minuten. Playboys ist eine LP ohne Durchhänger, vermutlich waren die zwei Junkies 1956 gerade “drogenfrei”, zumindest während der Aufnahmen im Studio Radio Recorders in Los Angeles, auf Heroin hätten sie sich die komplexen Arrangements wohl kaum merken können. Das Albumcover richtet sich von marketingtechnischer Seite her betrachtet weniger an “Minors” sondern eher an “Adults”, ein typisches Beispiel dafür, welches Gewicht in den als prüde verschrienen 50ern das Argument “Sex Sells” hatte.

Die mir vorliegende CD-Ausgabe von State Of Art von 2018 wurde ergänzt um eine weitere Session in veränderter Besetzung die auf den 26. Juli ’56 datiert wird, ein paar Tage nach den Aufnahmen mit der Crew am gleichen Ort, die Aufnahmen aus dem Forum Theater Los Angeles waren wahrscheinlich ein Testlauf für das gemeinsame Playboys-Projekt. Das im Lokal aufgebaute “mobile Tonstudio” erfreute sich offenbar grosser Beliebtheit, naja, wenn man schon mal aufgebaut hat braucht man nur noch ausreichend Bandmaterial.

 

Comin‘ On With The Chet Baker Quartet (LP, 1967, Prestige)
Einen Grossteil der Sixties verbrachte Chet in Europa, aber auch in der alten Welt standen ihm irgendwie nonstop die Drogen im Weg: Aus Deutschland wurde er wegen Drogenbesitz ausgewiesen, in Italien verbrachte er eineinhalb Jahre im Knast weil er um an Stoff zu gelangen Rezepte gefälscht hatte. Trotz unablässigem Drogentrip blieb der Trompeter immer aktiv, auch als der Jazz im Laufe der 60er gegenüber den angesagten populären Musiksparten seinen Stellenwert einbüsste. Die LP Comin‘ On With The Chet Baker Quartet wurde 1965 aufgenommen, aber erst 1967 vom Label Prestige veröffentlicht und war offenbar Teil einer ganzen Serie von Langspielplatten: Smokin‘ With, Groovin‘ With, beides Scheiben von 1966, sowie Boppin‘ With (1967) und Cool Burnin‘ With The Chet Baker Quintet (ebenfalls ’67 erschienen), sozusagen der Versuch einer Jazz-Renaissance. Zu dieser Zeit kümmerte sich der Produzent Richard Carpenter um Chet Baker, die Qualität ist durchgehend konstant, was aber auch nicht weiter verwunderlich ist da in Eaglewood Cliff, New Jersey bei Rudy van Gelder aufgenommen wurde. Das Album-Cover von Comin‘ On With The Chet Baker Quartet kokettiert mit der Beat-Generation, die Musik hingegen ist purer Jazz.

 

The Mariachi Brass Featuring Chet Baker (4 LP’s, 1966, World Pacific Records)
Bei der Company World-Pacific (ebenfalls Heimathafen der Jazz Crusaders) sagte man sich offenbar der Typ der das halbe Jahrzehnt im Knast und mit dem Konsum von Drogen verbracht hatte, könnte bitteschön auch wieder mal was tun für seine monatlichen Gehaltschecks. Die Arrangeure Jack Nitzsche und George Tipton nahmen sich Chet Baker an und integrierten ihn als Solist (Flugelhorn) in das an Herb Alperts Tijuana Brass angelehnte Studioprojekt The Mariachi Brass! Easy Listening, respektive die US-amerikanische Auslegung von Latin-Music war 1966 neben Beat, Folkrock und Soul noch immer eine der lukrativsten musikalischen Baustellen, es schien also lohnenswert in diesem Bereich wieder mal ein paar Tage Studiozeit zu investieren. Insgesamt erschienen 1966 4 LP’s von The Mariachi Brass!: A Taste Of Tequila erzielte recht gute Verkaufszahlen, das schnell nachgeschobene Hats Off konnte das rein kommerziell betrachtet bereits nicht mehr toppen. Die Longplayer, Double Shot und In The Mood enthielten offenbar weiteres Material aus den in Los Angeles aufgezeichneten Mariachi-Sessions in die auch die Gitarristen Al Casey und Tommy Tedesco sowie weitere Musiker aus dem Umfeld der Wrecking Crew involviert waren. Für Jazz-Puritaner ist das natürlich alles nur warme Luft, Loungecore-Liebhaber hingegen flippen aus wenn sie einen dermassen coolen Rocker wie “You Babe” auf die Ohren kriegen. Chet improvisierte auf diesen Aufnahmen, er hatte ein Gehör für Melodien und brauchte sich nicht (im Gegensatz zu der Arbeitsweise im Imperium von Herb Alpert) an geschriebene Noten zu halten.

 

Bud Shank featuring Chet Baker (1965-1968)
Eine weitere Kollaboration in die Chet verstrickt war, hier an der Seite seines Kumpels, dem Bandleader, Saxophonisten und Flötisten Bud Shank, auch dieses Projekt war irgendwo im Graubereich zwischen leichtgewichtigem Sunshine Pop und Jazz angesiedelt. Herausragend vor allem die LP California Dreamin’ (1966) mit dem gleichnamigen Überhit der kalifornischen Mamas & Papas, das Flötensolo im M&P-Original übrigens von Bud Shank himself. Die auf diesem Album veröffentlichte göttliche Version glänzt aber auch instrumental, Chet am Sopraninstrument Flügelhorn, Bud bediente Sax und Querflöte, leider ist dieser geniale Trip nur zweieinhalb Minuten lang. “Norwegian Wood” von derselben Langrille steht der kalifornischen Träumerei in nichts nach, besticht mit akustischer 12-String und betörendem Scat-Chor. Die LP Michelle (1966) versammelte eher ruhige Momente, Magical Mistery Tour von 1968 war dagegen die fulminante Krönung auf der man ein umwerfendes “I Am The Walrus” vorfindet.

Ende der 1970er dislozierte Chet Baker nach Europa. Am 13. Mai 1988 stürzte er unter dem Einfluss von Heroin und Kokain aus dem Fenster seines Zimmers im Hotel Prins Hendrik in Amsterdam und fand dabei den Tod, Chet Baker wurde 59 Jahre alt.

Das Archiv von Chet Baker ist riesig. Viel Material schlummert noch in dunklen Ecken, die frühen Siebziger wurden bislang nur ansatzweise oder gar nicht aufbereitet, die LP Blood Chet And Tears von 1970 wartet beispielsweise noch immer auf eine Neuauflage. Sich in diesem ausufernden Kosmos zurecht zu finden ist alles andere als einfach und meine hier beschriebene Annäherung ans Klang-Universum von Chet Baker natürlich nur ein Weg von vielen, vielleicht aber trotzdem hilfreich für den ein und anderen Jazz-Einsteiger.


LOVE-THAT-JAZZ-THING!
mellow

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