Alma Cogan

Ein Name der oft unerwähnt bleibt wenn es um die Aufarbeitung britischer Musikgeschichte geht, dabei besass Alma Cogan eine der atemberaubendsten Stimmen die jemals auf Tonband festgehalten wurde. Die aus London stammende Sängerin mit Jahrgang 1932 hatte vor allem in den 50ern grossen Erfolg im Vereinigten Königreich, ihr Repertoire – oft im Swing-, Musical-, Jazz-, Easy-Listening-Bereich angesiedelt, viele dieser Lider könnte als „Schlager“ bezeichnen – traf den Nerv der Zeit.

Alma schaffte im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern den Sprung in die Sixties, ihre Stimme wurde kratziger und schmutziger, sie riss sich problemlos diesen neuartigen und frisch klingenden Sound unter die Nägel, Beat und Rhythm’n’Blues also oder damals noch undefinierte Backgrounds, man höre sich nur mal die wildgewordene Orgel auf „Goodbye Joe“ (1962) an. Geheimtipp des Schreiberlings: „All Alone“ von 1961 und „Tell Him“ von 1963.

  
Der vom Charles Blackwell Orchestra begleitete groovy Stomper „Tennessee-Waltz“ mit herrlich schrottiger E-Gitarre (… dem „gurgelnden“ Klang nach zu urteilen könnte die sogar von Jimmy Page eingespielt worden sein, der Titel erscheint zwar nicht in Page’s offizieller Session-Liste, ich könnte aber schwören, dass…) geriet 1964 zum Hit, selbst auf dem Kontinent, ihre deutsche Version ist wunderbarer Mid-Sixties-Schlager-Trash der Extraklasse! Übrigens nicht die einzige Spur die Alma in Deutschland hinterliess, 1965/66 veröffentlichte sie mehrere Singles in der für sie ungewohnten Sprache, noch nicht mal von Japanisch liess sie sich abschrecken, aus „Tell Him“ wurde im Land der aufgehenden Sonne „Itte Kudes“ und selbst einen italienischen Testlauf absolvierte sie. Damals war das übrigens nichts ungewöhnliches, weltweit sangen Sänger und Sängerinnen ihre Songs oft in der jeweiligen Landessprache ein um näher an den entsprechenden Markt zu gelangen, musikalische Diversität könnte man das nennen, ein krasser Gegensatz zum Einheitsbrei der die Charts des 21. Jahrhunderts bevölkert.

  
Bei einem Auftritt in Ready Steady Go wurde Alma Cogan von John Lennon anmoderiert, nicht aussergewöhnlich, Alma, die Beatles und Brian Epstein waren befreundet. Der Schlager-Star aus dem letzten Jahrzehnt hatte sich also definitiv ein Beat-Girl verwandelt obwohl sie da schon 30 war, altersmässig also sozusagen eine Szene-Oma, gemäss Lennon war sie „old-school showbiz“. Der überdimensionierte Reifenrock bei dem Auftritt war noch ein Relikt aus vergangenen Tagen, aber Alma liebte diese gigantischen Kleidungsstücke die manchmal wegen ihren Dimensionen an Fallschirme erinnerten.

Die Nähe zu den Beatles veranlasste sie zu Fab-Four-Coverversionen, einige der umwerfendsten Interpretationen von Lennon/McCartney-Songs aller Zeiten: „I Feel Fine“ swingt südamerikanisch, „Eight Days A Week“ wurde mit opulentem, altertümlichem Music-Hall-Vorlauf intoniert ehe der Swing mit dem Taktstock durchbrennt, mit Orchesterunterstützung bezwang Alma selbst „Yesterday“. „Ticket To Ride“ dagegen bekam einen hämmernden Boogie-Piano-Untersatz  verpasst, für mich in Kombination mit Alma’s Stimme die vielleicht schönste Variation dieses Titels.

    
Alma Cogan’s
Schaffen aus den 50ern ist mittlerweile recht gut dokumentiert, leider wurden die weitaus spannenderen Sixties bislang immer eher etwas vernachlässigt. Es wäre wünschenswert wenn die ausgezeichnete, leider längst vergriffene 4-CD-Aufarbeitung „The Girl With A Laugh In Her Voice“ (2001, EMI) nochmals aufgelegt werden könnte, diese grandiose Sängerin hätte sich das redlich verdient! 

Anfang 1966 wurde Krebs bei Alma Cogan diagnostiziert.
Am 26. Oktober desselben Jahres starb sie an der Krankheit.

mellow

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