Jeff Buckley – Tim Buckley – Tragische Rocker 12

Zwei Lebensgeschichten, zwei herausragende Solisten, Sohn & Vater: Teil 2

Ich habe ja schon einige sehr tragische Geschichten hier im Rockzirkus erzählt, aber bisher keine die sich über zwei Generationen hinzieht. Zwei gekoppelte, facettenreiche, interessante Lebensgeschichten von zwei herausragenden Solo-Künstlern. Dazu auch noch Vater und Sohn. Chronologisch habe ich mit dem Papa begonnen, tragisch geht es mit dem Sohn weiter.

Jeff Buckley: Promo_2

Jeff Buckley: Promo_3

Jeffrey Scott Buckley – Der 1974 achtjährige Jeff Buckley hat seinen berühmten Vater nur ein einziges Mal eine Woche gesehen, denn am 29. Juni 1975 circa 09:40 Uhr starb Tim Buckley in der Notaufnahme des Santa Monica Hospitals an Konsum von unverschnittenem Heroin. Tim und die Pianistin Mary Guibert, sie kannten sich von einer kalifornischen High-School, waren nur weniger als ein Jahr ein verheiratetes Paar. Schon vor VÖ von Tims selbstbetitelten Debüts (12-1966) waren sie wieder getrennt und Jeff am 17. November auf dieser Welt. Der als Scottie Moorhead bekannte wurde in der Familie von seinem Stiefvater Ron Moorhead mit seinem Halbbruder Corey Moorhead im kalifornischen Orange County auf. Nachdem er im Schrank seiner Oma eine Gitarre gefunden hatte, brachte er sich das Gitarre-Spielen selbst bei und studierte später am Musicians Institute in Hollywood. Er komponiert und textet, spielt Musik mit Freunden. Als Tribut für seinen verstorbenen Vater interpretierte er im April 1991 drei von dessen Liedern, unter anderem »I Never Asked To Be Your Mountain« und »Once I Was«, beim Gedenkkonzert in der Saint Ann’s Church, Brooklyn (New York City). Damit hatte er erste größere öffentliche Aufmerksamkeit. Aus diesem Auftritt resultierten kurze Zusammenarbeiten mit Gary Lucas (Gods And Monsters, The Magic Band), die später zur Liedersammlung der Beiden »Songs To No One 1991-1992« (VÖ: 2002) führte. Darauf zu hören schon zwei frühe Versionen der Lieder »Mojo Pin« und »Grace«. Weiterhin kam er auch mit der New Yorker Künstlerin Rebecca Moore und der Fluxus-Bewegung in Kontakt. Er begann in verschiedenen Bars und Cafés im East Village aufzutreten, darunter auch in dem kleinen irischen Lokal Sin-é. Dort trug er oft Solo eigene Kompositionen sowie zahlreiche Coverversionen vor. Die EP »Live At Sin-é« (1993, Columbia) erschien, posthum 2003 auch als »Legacy Edition« Doppeldecker mit DVD.

Jeff Buckley: Grace (1994)

Sketches For My Sweetheart TD

JB: Grace Around The World

Grace & More – Sein einziges zu Lebzeiten veröffentlichtes Studio-Album »Grace« erscheint 1994 als Single-CD bei Columbia Records. Die Band bestand aus Michael Tighe (Gitarre), Mick Grøndahl (Bass) und Matt Johnson (Schlagzeug) und natürlich Weggefährte Gary Lucas als Gast-Gitarrist und Komponist (siehe auch Duo-Album Songs To No One 1991-1992). Und man kann ohne Übertreibung sagen, das dieses Album, Jeff wollte es auf/über den Level von »Led Zeppelin II« stellen, ein Werk für die Ewigkeit ist. Besonders die »Legacy Edition« von 2004, mit einer vollgepackten Bonus CD und einer DVD mit »The Making Of Grace« Video, vier Grace-Videos, posthum Video »Forget Her« und Jeff Buckley Discography. Wer dieses Werk irgendwo zu einem bezahlbaren Preis findet, blind zugreifen !! Da das eigene Material nicht ausreichte, wurden noch drei Coverversionen für das Album aufgenommen. Das durch Nina Simone schon besungene »Lilac Wine«, Benjamin Brittens »Corpus Christi Carol« und das bereits oft vorher in den Bars und Cafés im East Village gespielte und inzwischen bekannteste Stück Buckleys, »Hallelujah« von Reibeisenstimme Leonard Cohen. Das Album Grace verkaufte sich bis heute wie geschnittenes Brot, wurde weltweit überhäuft mit Preisen. Bereits noch vor seinem frühen Tod erhielt Buckley 1995 mit dem Grand Prix Du Disque eine französische Auszeichnung, die vor ihm beispielsweise Édith Piaf, Jacques Brel, Yves Montand, Bruce Springsteen, Leonard Cohen und Bob Dylan erhalten hatten. Hört euch die EP »Live From The Bataclan« an, noch zu bekommen in der 5-EP-Box »The Grace EPs« (2002), wie das Publikum reagiert, das ist kein Applaus, das ist Ektase. 1995 und 1996 tourte Buckley & Band ausgiebig durch alle fünf Kontinente. Aus dieser Zeit wurden später viele Mitschnitte veröffentlicht: beispielsweise »Mystery White Boy: Live ’95 – ’96« (Weltweit), »Live à L’Olympia« (Paris, sein bestes Auftritt, laut Jeff) und viele mehr. Die Band war extrem eingespielt, entwickelten die Kompositionen weiter: »Eternal Life« (mit Kick Out The Jams), »Mojo Pin« (mit Chocolate), »Hallelujah« (mit I Know It’s Over von Morrissey), »Kanga-Roo« (mit minutenlangen Improvisationen).

Jeff Buckley: Live Südbahnhof FFM_1 (1995)

Jeff Buckley: Live Südbahnhof FFM_2 (1995)

My Sweetheart The Drunk – Dennoch hatte Jeff auch noch Zeit für eigene Studio-Arbeit. Auch auf Album »Gone Again« (1996) von Patti Smith singt er auf »Beneath The Southern Cross«. Bei einer Phantom-Tour 1997 probiert Buckley getarnt neues Material für das kommende Studio-Album »My Sweetheart The Drunk« aus. Bei Gone Again arbeitete er bereits mit Produzenten Tom Verlain (Television) zusammen, aber er war mit dem Ergebnis unzufrieden, beabsichtigte einen anderen Macher für das Projekt zu gewinnen. In dieser Zeit mietete er ein Haus in Memphis (Tennessee), um neues Demo-Material zu erarbeiten. Am 29. Mai abends (wieder der 29er eines Monats), kurz vor Eintreffen der Band (neuer Schlagzeuger Parker Kindred), fährt er mit seinem Freund Keith spontan zum im nördlichen Stadtgebiet liegenden Wolf River, geht dort in einem Yachthafen unter den Klängen von »Whole Lotta Love« von Led Zeppelin voll bekleidet und laut mitsingend wie schon mehrmals vorher circa 15 Minuten schwimmen. Keith hielt aber Sichtkontakt. Mitten im Fluss gerät er in starke Bugwellen vorbeifahrender Schiffe und durch von Schiffen erzeugten Unterstrom unter Wasser. Die schwere Kleidung tut ihr übriges. Der hell strahlende Stern am Rock-Himmel stirbt mit 30-einhalb Jahren gesund und unnötig, wird erst fünf Tage später gefunden. Er stirbt genauso jung und tragisch wie sein Vater Tim Buckley, immerhin wird er aber zwei Jahre älter. Das bereits erarbeitete Material für das zweite Werk wurde schließlich von der Tims Ex-Frau und Jeffs Mutter als Vermächtnisverwalter Mary Guibert, unter dem Namen »Sketches For My Sweetheart The Drunk« als Doppel-Album auf den Markt gebracht. Auch viele spätere Werke entstehen unter der Kontrolle von Mary. Eine Verfilmung seines Lebens ist als »Everybody Here Wants You« mit Schauspieler Reeve Carney für 2021 geplant (Regie: Orian Williams). SchoTTenTipp: »Grace Legacy« (2004, DCD+DVD), »Live In Chicago & Mystery White Boy« (2003, DVD+CD), »Dream Brother: The Lives Of Tim And Jeff Buckley« (2000: Fourth Estate Ltd, Buch).

Jeff Buckley: Live Acoustic Set Chicago (1995)

Jeff Buckley: Live BBC Late Show (1995)
Dream Brother: The Lives Of Tim And Jeff Buckley (2000)

Works In Progress – Das sehr aufschlussreiche 400-seitige Buch »Dream Brother: The Lives Of Tim And Jeff Buckley« vom amerikanischen Autor David Browne, das deshalb natürlich in Englisch aber auch in Französisch und Italienisch erschienen ist, gibt weitere tiefere Einblicke in die beiden Lebensgeschichten. Leider sind Tim & Jeff an der Masse der deutschsprachigen Folk-Rock-Fans vorbeigegangen. Vielleicht gibt es zum Buch später mal einen eigenen Beitrag. Ich werde dazu aber weiter berichten. Mary Guibert hat eine unruhige Jugend erlebt, wurde als junge Mutter mit Jeff allein gelassen, tragischer ist aber das sie danach den Raben-Vater Tim und den Sohn Jeff durch echte Tragödien verloren hat !! Für mich sind Tim Buckley ebenso wie sein Sohn Jeff Buckley ganz große Stars der 70- und 90iger, beide sind vielleicht im deutschsprachigen Raum nicht so bekannt, aber ebensolche gewichtige Legenden wie der Landsmann Randy California (Teil 18) oder die Brüder Alex & Leslie Harvey (Teil 16 und 17). Wie immer bleibt es in dieser Serie sehr tragisch !!

Jeff Buckley: The Grace EPs

Songs To No One 1991-1992

Buch: 25 Years Of Grace (2019)

Weiterlesen RZ: Tragische Rocker – Klingende Grüsse, egal wo ihr seid, Der SchoTTe

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